Wem gehört das Medium?

Ingo Bartling postete neulich ein Foto eines Klassenzimmers, in dem – obwohl Laptop und Beamer da waren – dann doch Tafel, Kreide und die olle Erdkundekarte an der Wand benutzt wurden.

Es ist tatsächlich so, dass manche Kollegen noch wenig wissen, welches schöne Material es digital gibt und wie man es nutzt. Manche können auch nicht sicher mit der Technik umgehen. Allerdings: Manchmal funktioniert die Technik auch einfach nicht.

So oder so fand ich bei Ingos Foto vor allem die Erdkundekarte an der Wand ganz attraktiv. Einladend. Wie kam das? Ich konnte mich nicht erinnern, dass mir die Karten in meiner Schulzeit irgendwie interessant erschienen. Aber bei meinen jährlichen Rollenspielen, da arbeiten wir viel mit Karten:

Zugegeben, wir spielen in den 1930er Jahren, da hätte ein Beamer – statt des papierenen Kartenmaterials – vielleicht eine anachronistische Note. Aber sowohl bei Fantasy-Abenteuern als auch bei Cyberpunk wäre mir Material aus Papier erst einmal lieber gewesen. Erst einmal: weil ich mir bei Cyberpunk schon auch digitale Medien vorstellen kann, also Webseiten. Ich hätte da aber gern, dass jeder Spieler sein eigenes Tablet hat. Und es muss viel Material geben, auch schöne Interviews, die man immer wieder anhören kann, im Prinzip ein Alternate Reality Game. Wenn ich aber nur die Wahl hätte zwischen einem Beamer und einer großen Erdkundeunterricht-Landkarte an der Wand, dann wäre mir die Landkarte weitaus lieber.

Warum? Einmal sicher, weil es Spaß macht, sich wie in alten Filmen vor die Karte zu stellen und eventuell sogar Stecknadeln reinzupieksen. Aber noch mehr, glaube ich, weil ich als Spieler – und vielleicht auch als Schüler – gerne die Kontrolle über mein Medium habe. Beim Beamerbild vom Rechner des Spielleiters – oder Lehrers – könnte ich mir nie sicher sein, dass die Landkarte, beispielsweise, immer zu meiner Verfügung steht. Der Lehrer – oder Spielleiter – kann sie ausschalten oder ein anderes Bild an die Wand werfen. Bei dem Kartenausschnitt auf dem Spieltisch oder der Landkarte an der Wand wäre das nicht so. Ich kann – während des Rollenspiels – jederzeit den Papierstapel auf dem Tisch durchwühlen, bis ich die Karte, den Brief, den Tagebuchausschnitt, das Foto gefunden habe, das ich haben wollte, um etwas nachzuprüfen. Die Erlaubnis des Spielleiters brauche ich dazu nicht.

Es läuft für mich wohl auf die Frage hinaus: Wer hat die Kontrolle über die verwendeten Medien? Medien, das sind, wenn ich mal Geräte und Formen mischen darf: Tafel, Rechner/Beamer, Landkarte. Poster an der Wand. Schulbuch, Atlas. Wohl auch Realien, also Mitbringsel. Filmaufnahmen, Audioaufnahmen, Tageslichtprojektor. Zählt das selbst geführte Schulheft dazu?
Kontrolle haben die Schüler üblicherweise und innerhalb gewisser Grenzen allenfalls über… hm, nicht viel. Also, wenn sie am Rechner (oder Tablet) sitzen, dann schon. Und Poster im Klassenzimmer oder das Periodensystem, die werden in der Regel nicht plötzlich abgedeckt; wenn Schüler dieses Material auch nicht kontrollieren, so können sie sich doch auf deren Vorhandensein verlassen. Alles andere steht üblicherweise unter der Herrschaft der Lehrkraft.

So sieht es auch der lern-/lehrtheoretische Ansatz, das Berliner Modell, das man im ersten Didaktikkurs serviert kriegt:

BerlinerModell
(Quelle: Oeclan@Wikipedia, CC-BY-SA 3.0 unported)

Medien sind Mittel – Mittel, die vor allem die Lehrkraft einsetzt. Wikipedia – in diesem Fall sicher nicht die zuverlässigste Quelle – versteht unter dem Begriff der Medien in diesem Modell:

Die Mittel, die Medien, die ich [anzunehmen: als Lehrkraft] brauche, wenn ich diesen Weg gehen will:
Habe ich diese Mittel/das Material, oder muss ich den Weg ändern, weil sie mir nicht zur Verfügung stehen? (Z. B.: Mir fehlt ein Dia-Projektor und ich wollte Bilder zeigen.)
Passen die Medien zu den Voraussetzungen der Teilnehmer, den Zielen, den Inhalten usw?

Ein anderer Ansatz wäre, statt Mittel „Werkzeuge“ in den Vordergrund zu stellen. Welche Werkzeuge stelle ich den Schülern zur Verfügung, welche kennen sie, um das angestrebte Ziel über die ausgewählten Inhalten zu erreichen? Oder gehört das im Berliner Modell dann einfach zu den Methoden? Die besondere Stellung der Medien in diesem Modell hat mich als Student irritiert, und auch heute sehe ich die Medien den Methoden eher untergeordnet als gleicherbechtigt neben ihnen.

Werkzeuge für Schüler: Dann müssten die Schüler darüber Kontrolle haben, und den Umgang damit geübt haben. Offiziell gehören Atlas, Taschenrechner, Formelsammlung und Wörterbuch dazu, und zumindest beim Wörterbuch ist es schwierig, den Schülern das als Werkzeug schmackhaft zu machen. Der Computer ist ein geeignetes Werkzeug für vieles, aber man könnte ebenso mit dem eigenen Heft, dem Schulbuch (wenn es sich denn dafür eignete), der Materialsammlung oder Postern im Klassenzimmer anfangen.

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