Ich unterstütze den Schulausflugs-Boykott in Niedersachsen

Ich glaube nicht mal, dass Boykott das richtige Wort ist. Viele Lehrer Niedersachsens sind unzufrieden mit dem dortigen Kultusministerium. Auslöser ist eine Stunde Mehrarbeit, aber es geht um mehr. Nun spielt die Meinung der Lehrer beim Kultusministerium keine große Rolle, das dürfte länderübergreifend so sein.

Jedenfalls haben einige Gymnasien in Niedersachsen – nicht alle – beschlossen, Klassenfahrten zu streichen. Das stößt „weiterhin auf heftige Kritik“ – des Verbandes NiedersachsenMetall und der Regierung (Neue Osnabrücker Zeitung).

Ich unterstütze diesen Verzicht auf Fahrten. Lehrer haben keine Möglichkeit, sich anders Gehör zu verschaffen. (Dabei sollte man gelegentlich auf die hören. Die wollen schließlich, dass Schüler etwas lernen, wollen ihnen etwas beibringen. Andere sind eher an Notenschnitten interessiert und weniger daran, was dahinter steckt.)

Diese Fahrten sind außerdem eine freiwillig Leistung der Lehrer und Schule. Und zumindest in Bayern zahlen Lehrer bei solchen Fahrten regelmäßig ein- bis dreihundert Euro aus eigener Tasche dazu, etwa bei Austauschen.

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19 Thoughts to “Ich unterstütze den Schulausflugs-Boykott in Niedersachsen

  1. Ehrlich gesagt ist das nicht nur wichtig in Hinblick auf Protest gegen Mehrarbeit, sondern auch um bei Schülern (und Eltern) das Bewusstsein zurückzuholen, dass Klassenfahrten eine Bereicherung des Schulalltags sind. Sie sind nur möglich, weil Lehrer dazu nicht nur oft einen finanziellen Eigenbetrag leisten, sondern das Ganze ja auch mit viel Aufwand organisieren. Gerade in der Oberstufe empfinden Schüler/ Eltern Exkursionen gerne mal als Zumutung – OBWOHL Unterricht ausfällt.

  2. Es ist bloß absehbar, dass diese Form des Protests gerade für Gymnasien hier in Niedersachsen mittelfristig nicht durchzuhalten sein wird – an anderen Schulformen werden schließlich Klassen- und Kursfahrten angeboten – für kleine Gymnasien mit Gesamtschulen und Oberschulen mit gymnasialem Zweig in der Nähe wird es dann schnell spannend. In bestimmten Bereichen wird der Schaden durch das Aussetzen von nur einem Jahr nicht mehr reparabel sein. Zudem kann diese Form des Protests eben nicht im Sinne der Schulleitungen sein.

  3. Was im Sinne der *Schulleitungen* ist, darf den meisten Leuten getrost egal sein.

    Das Argument, dass es schlecht für die *Schulen* ist, weil die dann geschlossen werden, greift eher. Wie realistisch das ist, kann ich von hier aus schlecht beurteilen; sehr überzeugt es mich nicht. Wenn das Überleben des Gymnasiums davon abhängt, dann ist diese Schulart eh abgeschrieben.

  4. Sind es nur die Gymnasiallehrer, die eine Stunde mehr arbeiten müssen?

    Ist es wirklich denkbar, dass Eltern in einem ländlichen Raum, wo ja vermutlich die Schulschrumpfung stattfindet, ihre Kinder weit über Land in eine andere Schule schicken, nur weil die nächstgelegene Schule im Moment keine Fahrten anbietet? Für viele Eltern sind die Fahrten ja auch eine finanzielle Belastung, die sie unter Umständen gerne los sind. Das sind natürlich nicht die, die laut schreien.

  5. Schließungen sind das Extrem. Abordnungen sind da meiner Meinung nach eher denkbar – insbesondere da Schulen ja massiv Stellen gewinnen durch die Arbeitszeiterhöhung (je 25 Lehrkräfte eine Stelle – dabei ist die Streichung der Altersermäßigung – das für mich gravierendere Problem – noch gar nicht eingerechnet).
    Das mit der Schulleitung ist diffizil: Eine Schule mit wenig echter Konkurrenz mag sich da mittelfristig anders verhalten können als im Wettbewerb stehende.
    Wenn es nicht im Sinne der Schulleitung ist (was vorkommen kann, aber nicht sein muss), kann diese versucht sein mit ihren Instrumenten gegenzusteuern. Ich habe begrenztes Vertrauen in die Widerstandfähigkeit von Kollegien außerhalb von gemeinsamen Versammlungen – möge mich die Realität eines Besseren belehren.

  6. Im Prinzip sind diese zusätzlichen Stunden eine faktische Gehaltskürzung. Und für uns Referendare bedeutet die Stundenerhöhung schlechtere Aussichten auf den Traumberuf, für den wir im Moment so extrem viel tun.
    Ich unterstütze diesen Boykott auch, auch wenn es oft schwierig ist, den Schülern nahe zu bringen, warum. (Wobei: Ich kann ihnen ehrlich erzählen, WIEVIEL ich arbeite, und dass das nicht nur für Referendare so ist. Und dann kann ich sie fragen, ob Lehrer jetzt plötzlich 4 Stunden mehr arbeiten sollen. Man muss sie dabei nur wirklich, wirklich ernst nehmen.)

  7. Ich tue es ungern und erstmal völlig wertneutral, aber ich muss eine Aussage mindestens ergänzen oder korrigieren, Thomas. Laut bayerischer Lehrerdienstordnung ist die Teilnahme an Fahrten nicht freiwillig, sondern gehört zu den dienstlichen Aufgaben. LDO Paragraf 4. wenn mich nicht alles täuscht erst vor ein paar Jahren ergänzt, vor allem auch in Zusammenhang mit der Diskussion um Mehrarbeit. Es gab entsprechend die Diskussion danach wie das mit der eigenbeteiligung an den Kosten zu vereinbaren ist und danach wurde, jedenfalls bei uns im Realschulbereich eine Regelung gefunden, die beides zusammenbringen soll. Letzteres hat dazu geführt, dass die Fahrten zumindestens eingeschränkt wurden.

  8. Stimmt, Thomas, das habe ich falsch beschrieben. Aber die Schule bietet diese Fahrten freiwillig an; sie ist nicht dazu verpflichtet. Und über das Fahrtenprogamm der Schule entscheidet die Lehrerkonferenz. (Zugegeben, nicht alle Ausflüge gehören zum Fahrtenprogramm.)
    Und selbst wenn die Schulleitungen gegen den Willen der Lehrer Fahrten anweisen würden, würde das unbezahlbar werden – weil die Lehrer die Fahrten dann (hoffentlich endlich!) nicht mehr mit ihrem privaten Geld subventionieren würden.

  9. Wir haben das auch lange an unserer Schule diskutiert, ob wir die Fahrten abschaffen. Vor Jahrzehnten wurden wohl schon einmal die Fahrten abgeschafft und das ließ sich nicht lange durchhalten. Einige Kollegen sind trotzdem gefahren, die anderen wollten dann nicht als die „Blöden“ da stehen und schon brach es ein. Und das ist dann schlimm, wenn man Dinge, die man ankündigt, nicht durchhält. Weiter ist sich die Frage zu stellen, wie lange machen wir das. Eigentlich müsste man die Abschaffung der Fahrten so lange aufrechterhalten bis das Ziel erreicht ist. Das wird es aber nicht, die Regierung wird nicht einlenken. Ist das durchzuhalten? Auch ist die Definition einer Klassenfahrt hier nicht eindeutig. Auf Treffen der Personalräte verschiedener Schulen zeigte sich, dass darüber eine sehr unterschiedliche Meinung vorherrscht. An unserer Schule haben wir im Grunde nur eine Klassenfahrt, zwei, wenn man die Kursfahrten hinzuzählt. Alle anderen Fahrten sind Projektfahrten (Naturerlebnistage in Klasse 6, Fahrten zum XLab etc.) oder gar Projekte, die von außerschulischen Organisationen gesponsort werden. Aus diesen Gründen haben wir uns gegen das Aussetzen (oder wie auch immer man es nennen will) entschieden, allerdings mit Bauchschmerzen und dem sehr unguten Gefühl der Hilflosigkeit, weil wir auch nicht wissen, was alternativ zu tun ist.

  10. @Maik Riecken:
    Der Fortbestand einer Schule kann nicht von Klassenfahrten abhängen.
    Dass die Konkurrenz unter den Schulen und Schularten knallhart ist – unbestritten.
    Aber es gibt noch mehr als Klassenfahrten:
    Ausbildungsreife (ja, auch für das Gymnasium)
    Umgang mit Heterogenität
    Unterrichtsentwicklung
    Projektmanagement (und das heißt nicht Aneinandereihung von Projekten)
    Strukturen innerhalb der Schule, vor allem die Kommunikation
    Schule als gemeinsames Projekt begreifen
    Schüler- und Lehrergesundheit
    u.v.m.

  11. Herrn Raus und mein Nachbar-Gymnasium hat die Schulfahrten auf ein Minimum reduziert. Beispielsweise gibt es dort seit Jahren weder von der Schule organisierte Berlin-Fahrten noch Studienfahrten für die Oberstufe. Im Pingpong-Spiel nehmen wir uns jeweils wechselseitig eine 5. Klasse ab. Man hat aber nicht den Eindruck als würde das umfangreiche Fahrtenprogramm unserer Schule einen wesentlichen Einfluss darauf haben. Aber das mag anderswo ja anders sein.

  12. …ich halte den Boykott für höchst problematisch.

    1. Vielen Eltern kommt das wegen der geringeren finanziellen Belastung sogar entgegen.
    2. Bereits gebuchte Fahrten lassen sich nicht einfach stornieren. Es geht also nur um das Buchen neuer Fahrten.
    3. Wie oben schon erwähnt, gab es das vor längerer Zeit schon einmal in Niedersachsen. Stimmt. Zu meiner Schulzeit. Das sah so aus: Die geplante Sylt-Fahrt wurde nicht gebucht. Als der Boykott beendet war, ging es stattdessen nach Esens, weil es hier noch kurzfristig Plätze gab. Mein Fazit als Schülerin: Es war ebenfalls an der Nordsee und die Klassenfahrt war super.

    Ich selbst bin gegen die Stundenerhöhung. Dabei geht es weniger um die eine Stunde, sondern vielmehr um die Mehrarbeit älterer Kollegen kurz vor dem Ruhestand. Als Gesamtschullehrerin weiß ich, was 24,5 Stunden bedeuten, arbeite selbst aber reduziert. Demonstriert habe ich teilweise. Ich habe auch einen kollektiven Brief an unseren Landtagsabgeordneten unterzeichnet. Aber ich merke immer mehr, dass es vermehrt Argumente und Parolen gibt, die ich inhaltlich nicht unterstützen kann, sodass meine Protestfreude nachgelassen hat, selbst wenn ich hinter den Zielen stehe.

  13. Ich kann die Situation in Niedersachsen nicht beurteilen. Der Boykott ist sicher in einem Fall problematisch: dann nämlich, wenn er von den Lehrern nicht eingehalten wird. Das betrifft die Fälle 2 und 3. Als problematisch sehe ich keinen der drei Fälle, allenfalls als Begründung einer erwarteten Wirkungslosigkeit.

    Zugegeben: Ich habe noch nie Lehrer gesehen, die gemeinsam etwas ausmachen und sich daran halten. Ich habe auch noch nie Lehrer gesehen, die irgendetwas gegen Wunsch und Willen des Kultusministeriums machen, erfolgreich oder auch nicht. (Der Philologenverband hängt noch der Illusion nach, man würde auf ihn hören.) Deswegen möchte ich das mal sehen.

  14. Ich glaube ja auch, dass etliche Eltern nicht unglücklich wären, würden diese Fahrten nicht stattfinden.
    Deshalb geht dieser Boykott für mich an der Realität vorbei.

    Und geht mir weg mit dem Philologenverband. Der gehört, zusammen mit den Veteranenvereinen des WK1, wegen hoffnungsloser geistigen Überalterung, verboten.

    Nur eine Frage noch: Was bringen die Fahrten? Bessere Schüler? Bessere Schulen?

  15. Sozial optimal verträgliche Gliederung des deutschen Schulwesens ab 2022 (dann gehe ich in Pension):

    Volksschulen: 70 %
    Sonderschulen: 3 %
    Gymnasien: 2 %
    Schulen in freier Trägerschaft: 25 %

    An Stelle von Schreiben: Spracheingabe (auch für Rechenaufgaben)
    An Stelle von Lesen: Audiodateien
    An Stelle von zwischenmenschlicher Kommunikation: Siri/Cortana
    An Stelle von eigenhändiger Unterschrift: Fingerabdrucksensor

    Was davon gibt es noch nicht?

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