Israel

Über die Weihnachtsferien war ich in Israel, in Tel Aviv. Das war eine schöne und bildende Erfahrung. Es fing schon mal damit an, dass man im München nicht von einem der üblichen Terminals abfliegt: für Flüge nach Israel muss man erst Mal zu Fuß unter einer Brücke durch und über den Parkplatz – so fühlt es sich jedenfalls an – und dann in ein eigenes Containergebäude. Macht es das für die anderen Passagiere leichter, falls die Sicherheitskontrollen irgendwann mal gründlicher werden (sie waren nicht anders als sonst) oder falls mal eine Bombe explodiert? Jedenfalls ist das wohl weltweit so: Wenn man nach Israel fliegt, fliegt man von einem separaten Terminal.

Auch die Einreise ging schnell und problemlos. Deutsche brauchen zwar technisch ein Visum, aber das kriegt man (in unserer Generation) automatisch bei der Einreise. Eigentlich kommt so ein Visum als Stempel in den Pass. Aber weil so ziemlich alle arabischen Ländern Ärger machen, wenn man ein israelisches Visum im Pass hat, kriegt man das auf Wunsch auch ein Extrablatt. So hieß es vorher; tatsächlich gibt es nicht mal mehr das, sondern man kriegt ein visitenkartengroßes Kärtchen, das man im Pass liegen lässt. Ich hätte nichts gegen ein israelisches Visum im Pass gehabt.

In Tel Aviv gelandet, war erst mal Schabbat. Tel Aviv ist sehr weltlich, aber Schabbat ist Schabbat: Weder Züge noch Busse fahren. Es war aber kein Problem, mit dem Taxi in die Innenstadt zu kommen.

Tel Aviv: Schöne Urlaubsstadt. Meer. Sonnenuntergänge. Zwanzig Grad im Winter. Frisch gepresster Granatapfelsaft. Leckeres Essen. So viel Bauhaus-Architektur, dass es für ein Unesco-Weltkulturerbe reicht.
Tel Aviv ist natürlich auf Touristen ausgerichtet, ich wurde meist gleich als Deutscher ausgemacht. Deutsche sind sehr willkommen dort. Fast alle Leute, mit denen wir zu tun hatten, sprachen sehr gut Englisch. Ausländische Filme und Serien im Fernsehen laufen, hebräisch untertitelt, in der Originalsprache.

Vergnügen hat mir das Lesen der hebräischen Schriftzeichen gemacht: Es gibt gar nicht so viele davon, gut zwanzig; das Aleph kennt man ja sowieso irgendwoher, und die anderen lernt man auch nach und nach – erst Lamed, Kof und Resch, dann Schin, und so weiter.
Wenn man sich etwas damit beschäftigt hat, fallen einem auch die Ähnlichkeiten mit dem lateinischen Alphabet auf, nicht nur bei den Bezeichnungen der Buchstaben, sondern auch in der Form, so exotisch die hebräischen Buchstaben auch zuerst anmuten. Kein Wunder: das hebräische und lateinische Alphabet, und das griechische, das kyrillische, selbst das arabische – alle gehen direkt oder mittelbar auf das phönizische Alphabet zurück. (Und das wiederum, andere Geschichte, auf die ägyptische Hieroglyphenschrift.)
Wenn man das ק (Kof) spiegelverkehrt betrachtet, wird unser Q daraus, das ר (Resch) sieht aus wie ein spiegelverkehrtes r, das פ (Pe) – am Wortende ף – erinnert an ein spiegelverkehrtes P.
Spiegelverkehrt, weil Hebräisch von rechts nach links geschrieben wird. – Übrigens haben das die alten Griechen auch nicht so eng gesehen, da wird in früher Zeit auch mal in die eine, mal in die andere Richtung geschrieben.

Mein Gehirn brauchte etwas, bis ich die hebräischen Schriftzeichen im Fenster des Café von innen, also spiegelverkehrt, also von links nach rechts, also, äh, richtigherum, oder wie, richtig einordnen konnte.

(Das Hebräische ist bekanntlich eine Konsonantenschrift, trotzdem wird sehr häufig das j für i/e? und das w für o/u geschrieben, aber nur in manchen Silben. Die Regeln habe ich nicht herausgekriegt, ebensowenig, wann das Aleph für ein a steht und wann nicht. In biblischen Texten oder Kinderbüchern werden die Vokale durch diakritische Zeichen angedeutet; ich habe auch englische Firmenschilder in lateinischer Schrift gesehen, ohne Vokalzeichen, stattdessen mit den entsprechenden aus dem Hebräischen entlehnten diakritischen Pünktchen. Ist aber wohl nicht verbreitet. — Sprechen oder verstehen kann ich Iwrit, so heißt das moderne Hebräisch, natürlich kein bisschen.)

Die Straßenschilder sind alle dreisprachig: Hebräisch, Arabisch, Englisch. Englische Schrift sieht man auch sonst viel auf Schildern, Plakaten, in der Werbung. Einmal wurde im Fernsehen eine Werbe-Textzeile Zeichen für Zeichen eingeblendet: Zuerst von rechts nach links für das Hebräische, beim englischen Einsprengsel dann von der Gegenrichtung aus. Kursive hebräische Schrift habe ich in beide Richtung gelehnt gesehen.

Ich fühlte mich nicht eigentlich klaustrophobisch in Israel, war mir aber sehr der Grenzen bewusst. Das Land ist nicht groß, so groß wie Hessen, oder achtmal Saarland. Im Westen liegt das Mittelmeer, in allen anderen Himmelsrichtungen ist das Land umgeben von Ländern, in die man von Israel aus nicht so einfach reisen kann. In Deutschland kann man stundenlang Auto oder Bahn fahren, im eigenen Land oder in die Nachbarstaaten. In Israel geht das nicht. Einmal fuhren wir mit dem Zug anderthalb Stunden nach Norden, da kam schon bald die Grenze zum Libanon, und dann mit dem Bus eine halbe Stunde nach Osten, da waren wir schon ein Drittel quer durch Israel durch. Wunderschöne Landschaft.

Das alte Jerusalem ist überraschend klein, ein Quadrat mit einem Kilometer Stadtmauer an jeder Seite. Es war gar nicht voll, die Weihnachtsferien sind eine gute Zeit, um dorthin zu fahren. (Pullover mitnehmen, in Jerusalem ist es deutlich kälter als im tiefer gelegenen Tel Aviv.) Selbst die Grabeskirche war, abseits der Grabstätte, nicht sehr überlaufen:

grabeskirche_jerusalem

(Diese Innenaufnahme sieht so nach außen aus. Die Grabeskirche ist ein kleines Labyrinth von Gebäuden und Gängen. Bisher war ich nur im Rollenspiel dort.)

In Rom hatte ich nicht das Gefühl, wie kurz zweitausend Jahre sind, hier schon. Weil der Ort kleiner ist? Weil ich mir das Jerusalem vor zweitausend Jahren besser vorstellen kann als das alte Rom, weil weniger passiert ist in Jerusalem als in Rom? Natürlich stehen nicht mehr die gleichen Stadtmauern wie früher. Und doch.

An der Klagemauer hatte ich eine eigene Kippa dabei, ansonsten nimmt man sich dort eine.

Die Gedenkstätte Yad Vashem war sehr bewegend. Reich-Ranicki auf Video gesehen.

— Lektüre: In Israel habe ich Altneuland von Theodor Herzl gelesen, einem Begründer des Zionimus, also des Gedankens, einen jüdischen Staat oder eine jüdische Gesellschaft zu gründen. Tel Aviv ist nach diesem Buch benannt.

Und The Innocents Abroad von Mark Twain habe ich wiedergelesen: Dieser umfangreiche und unterhaltsame Bericht begleitet die Reise von gut sechzig amerikanischen Honoratioren (und Mark Twain), die 1867 einen Dampfer charterten und damit eine Reise nach Europa und ins Heilige Land durchführten. Nordafrika, Frankreich (keine Seife, nirgends), Italien (genügend Nägel vom Heiligen Kreuz, um ein Fass damit zu füllen; drei verschiedene Schweißtücher der Veronika in drei verschiedenen Städten), Griechenland; Türkei und Krim, dann durch den Libanon nach Palästina. Zurück über Ägypten und Spanien. Bei den Beschreibungen der Grabeskirche habe ich alles wiedererkannt.

Illustrationen aus dem Buch:

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Jaffa. Heute der südliche Teil von Tel Aviv (das offiziell Tel Aviv-Yafo heißt). Hieß auch mal Joppe oder Joppa. Von hier flüchtete Jona aufs Meer, um dort von einem Wal verschluckt zu werden. Den Felsen der Andromeda sieht man noch, also da, wo sie angekettet war, bis Perseus sie vor dem Seeungeheuer rettete.

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Jerusalem. Sieht immer noch so ähnlich aus. Mehr Stadt drumrum, klar.

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Yup. Da stand ich auch. Die Grabeskirche.

In Tel Aviv im Kunstmuseum gewesen, auch Videoinstallationen gesehen. Die könnte man doch auch bei Youtube einstellen. Ist das dann keine Kunst mehr? Kunst definiert sich dadurch, dass sie im Museum steht; macht mal jemand bitte Kunst für Youtube? Andy Warhol hat mit der Reproduzierbarkeit ja nur gespielt; darf Kunst nicht reproduzierbar sein?
Sehr schön und witzig die Ausstellung „The Logical, the Ironic, and the Absurd“ von Ron Gilad (Zeitungsbericht). Das steht hier, damit ich mir den Namen merke. Unter anderem wurden die Museumswärter als Kunstwerke mit einbezogen. Mit so etwas kriegt man mich.

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Der Strand bei Sonnenuntergang.

Allgegenwärtig dort: Das Pok-Pok der, uh, Pokpok-Spieler?

 

An der Uferpromenade zum ersten Mal in meinem Leben echtes three-card monte gesehen. Ich habe mich aber nicht getraut, mich ausnehmen zu lassen. Mit Kügelchen heißt das auch Hütchenspiel, ist klassischer Trickbetrug, ursprünglich dergestalt, dass ein Komplize dem Hereinzulegenden suggeriert, er könne selber den Spieler betrügen. Keine Ahnung, ob das heute noch so gespielt wird.

One thought to “Israel”

  1. Da es sich bei Ivrit um eine semitische Sprache handelt, ist eine Analogie zum Arabischen wohl nicht völlig verkehrt. Ivrit geht dann wie Arabisch auf semitische Radikale zurück, die zumeist dreisilbig sind, die Veränderung der Vokalisierung ist Grundlage der Flexion. Im Arabischen gibt es hierzu das, was im Deutschen etwa „A“,“I“ und „U“ entspricht. Diese Vokale werden bei voll vokalisierten Texten mit den diakritischen Zeichen ausgedrückt, wenn es sich um Kurzvokale, und ausgeschrieben wenn es sich um Langvokale handelt. Das arabische k‘ t‘ b‘ (jede Silbe mit kurzen „a“ vokalisiert) entspricht vereinfacht ausgedrückt dem Infinitiv „schreiben“, k’tab (erste Silbe mit kurzen“i“, zweite Silbe mit langen „a“) bedeutet „Buch“. Dieses „a“ wird als volles Alif ausgeschrieben, sozusagen mit Großbuchstaben, wie er auch im Anlaut vorkommt, z.B. bei „Allah“. Lang- und Kurzvokale und die Veränderung ihres Lauts erfüllen in semitischen Sprachen also eine ähnliche Funktion wie die Ablautreihen im Deutschen. Im Arabischen kommt noch hinzu, dass Alif im Anlaut mittels diakritsicher Zeichen in ein anlautendes „I“ oder „U“ verwandelt werden kann. So ähnlich stelle ich mir das auch bei Neuhebräisch vor.

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