Aufsicht bei der Deutschklausur

Irgendwann höre ich noch mal auf, meine lieben Kollegen Lehrer hier im Blog zu verteidigen. Jedenfalls begab es sich (lange Geschichte), dass ich heute zu einer Aufsicht bei einer Deutschklausur kam. Und dann nochmal. So oder so habe ich einer Menge Schülern beim Aufsatzschreiben zugesehen. Es waren fast nur Schüler, die ich nicht kannte, und ich habe vor mich hin überlegt, wer wohl einen guten Aufsatz schreiben wird und wer nicht.

Mädchen, Jungs. Kurze Haare, lange Haare, Brille oder nicht. Zappelig oder ruhig. Füller oder Kugelschreiber. Aufrechte Haltung oder zerknautscht. Tippex auf dem Tisch oder Korrekturband. Viele Stifte oder wenig, bunt oder nicht. Turnschuhe oder nicht, brav oder wildlich, Piercings oder keine.

Aber keine Chance. Kein Instinkt hat mir gesagt, wer gut bei dem Aufsatz sein wird und wer nicht. Man sieht es wirklich nicht.

(Oder kann es doch so etwas geben? Bei der Riesenmaschine gibt es die sehr erfolgreiche automatische Literaturkritik, wo auch Laien mittels eines einfachen Kriterienkatalogs, der in diesem Blogeintrag verlinkt wird, den Gewinner des Bachmann-Preises voraussagen können. Allerdings geht es das um die Entscheidung der Jury, die ja doch hoffentlich etwas anderes ist als die Entscheidung der Lehrer… denke ich. Außerdem: den Text muss man dazu schon kennen.)

13 Thoughts to “Aufsicht bei der Deutschklausur

  1. hmm, stehe ich auf dem Schlauch? Ich kann keinen Zusammenhang zwischen dem ersten Satz und dem Rest erkennen.
    Außerdem: Hast du die Aufsätze dann auch angeschaut? Wäre doch auch interessant, ob sie zum ersten Eindruck passen, unabhängig von der Qualität. Schreibt der eine wildlich, die andere brav? Vielleicht ist auch der eine Aufsatz wildlich-kreativ gut, der andere brav-normgerecht gut.
    :-) Dirk

  2. Verzeihung, das muss verwirren und sollte eigentlich gar nicht. Es hat damit zu tun, wie es dazu kam, dass ich Aufsicht vertreten musste. Zweimal. Weils die einen verschlafen und die anderen keine Lust hatten. Ich ziehe eigentlich nie über Kollegen her in diesem Blog, nicht die an meiner Schule und nicht über andere, aber ich verkneife mir schon oft Aussagen über Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Arbeitsauffassung und anderes. Da blitzte dann etwas durch.

    Nein, die Aufsätze habe ich nicht angeschaut. Interessant wäre auch, wieviel man schon nach der ersten Seite sagen kann. Und wieviel Hinweise die Handschrift gibt.

  3. Ein Freund, ebenfalls Lehrer, erzählte von einem erfahrenen Kollegen, der ihm erzählte, er würde am ersten Tag, an dem er eine neue Klasse bekommt, neben die Namen in der Namensliste die Endjahresnoten in den Fächern schreiben. Die Liste dann für ein Jahr wegschließen und die Endnoten nach Vergabe mit der Ersteindrucksliste abgleichen: Trefferquote 1:1. Hm. Sagt das etwas über seine Menschenkenntnis oder über seine Borniertheit im Beruf aus?

  4. Insbesondere der Einfluss der Optik des Aufsatzes würde mich ja mal interessieren. Wenn alle Schüler ihre Klassenarbeiten am Computer eintippen würden, wäre da ja „Waffengleichheit“ hergestellt und ich wäre sehr gespannt, ob sich die Ergebnisse nicht doch unterscheiden würden.

  5. >Sagt das etwas über seine Menschenkenntnis oder über seine Borniertheit im Beruf aus?

    Am ersten Tag gleich… das müsste schon sehr gute Menschenkenntnis sein. Aber das müsste man testen; er könnte ja mal den ersten Tag in einer fremden Klasse verbringen.

    Ich habe schon Schulaufgaben am Rechner schreiben lassen. Keine großen Unterschiede bei der Benotung oder den Ergebnissen. Nicht mal bei der Rechtschreibung, aber man könnte das Benutzern der automatischen Prüfung mehr üben. Andererseits übt man auch Rechtschreibung, und das fruchtet unterschiedlich viel.

  6. Lieber Herr Rau, ich möchte Sie korrigieren, was die Automatische Literaturkritik angeht. Sie sind nicht der Einzige, der glaubt, die ALK solle den Bachmannpreisträger vorhersagen. Das haben wir nie behauptet und soll auch nicht so sein. Es wird ein eigener Preis vergeben, der Literatur fördern soll, die so ist, wie wir sie gerne lesen möchten.

  7. Was ist die Ursache für „falsche“ Noten?

    Lehrergeständnisse: Warum ich nach Sympathie benote
    http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/noten-an-schule-lehrerin-gesteht-ungerechte-vergabe-nach-sympathie-a-970430.html

    oder

    Jungs als Bildungsverlierer: Wenn du denkst, du bist schlecht, dann bist du auch schlecht
    http://www.spiegel.de/schulspiegel/bildungsforscher-ueber-jungen-vorurteile-bewirken-schlechtere-leistung-a-930380.html

    Werde ich also schlechter benotet, weil ich nicht sympathisch bin oder leiste ich weniger, weil ich denke, dass ich schlechter benotet werde? Oder beides? Eine Doppelbenachteiligung also?
    Und sind Jungs unsympathischer als Mädchen?
    Müssen wir folglich eine Notenverbesserungszulage für Jungs fordern?

  8. Das im Spiegel habe ich auch gelesen und mich sehr geärgert. Da ist jemand, der aus ideologischen Gründen – lobenswerten oder nicht – gegen Noten ist (zumindest in Unter- und Mittelstufe), und der zugibt, Noten teilweise nach Sympathie zu vergeben. Da sehe hoffentlich nicht nur ich einen Zusammenhang. Wenn man meint, dass Noten gar nicht oder nach anderen als absoluten Kriterien gegeben werden sollen (relative Leistungssteigerung), dann tut man sich natürlich leicht damit, sich nicht an diese Kriterien zu halten.

    Notengeben ist das unangenehmste am Lehrerberuf. Aber dafür werden wir auch bezahlt. Wer das nicht mitmacht, drückt sich. Noten abzuschaffen darf man gerne fordern, hat viel für sich, aber außerhalb des Klassenzimmers und nicht durch Sabotage.

    Ganz nachvollziehen kann ich die Geschichte im Spiegel eh nicht. Die Lehrerin hat den Aufsatz ihres Kindes geschrieben und das Kind ihn abschreiben lassen, worauf der benotet wurde. Wo kann man denn solche Hausaufgaben benoten? Gibt es in anderen Bundesländern noch Hausaufsätze?

  9. „am ersten Tag , an dem er eine neue Klasse bekommt, würde er neben die Namen in der Namensliste die Endjahresnoten schreiben. Trefferquote 1:1“
    Sympathie oder Erfahrung oder self-fulfilling prophecy?
    Bei mindestens 2 von 8 Kommentatorinnen bekannt.
    You get what you want. Gibt es dann doch öfter als man selbst denkt.

  10. >Gibt es dann doch öfter als man selbst denkt.

    Mag sein, aber die Kommentare halte ich für keine belastbare Aussage. Ein Freund von D. hat einen Kollegen, der sagt, dass… dann kann ich auch gleich die Kommentare unter dem Spiegelbeitrag als Belege heranziehen.

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