Meine Bücherregale

Im Moment kursiert gerade eine Blogparade zum Thema „Meine Bücherregale“, etwa bei Hauptschulblues und Fontanefan. Mein Beitrag ist dieses schon ein paar Jahre altes Foto einiger Regale (Couch und Sessel stehen inzwischen anderswo):

meine_buecherregale

Das sind die Regale mit Belletristik, nach Herkunftsprachen des Originals sortiert – englischsprachig, deutschsprachig, spanischsprachig, sonstige Sprachen. Nur die Reclamhefte haben einen eigenen Bereich gekriegt. Anderswo gibt es noch Regalwände für Comics, für Taschenbuchserien phantastischer Literatur, und – lose nach Gruppen eingeteilt – für Anthologien und Sachbücher aller Art. Für die Schule habe ich gar nicht mehr so viel, drei Meter und fallend. Als Referendar fängt man ja erst mal mit Unmengen von Büchern an. Allerdings liegen bei mir auch am Nachttisch, Arbeitstisch und auf dem Fensterregal erstaunlich dauerhafte Nester von Büchern, mit denen ich gerade – oder jedenfalls bald – irgendwas arbeite.

„Meine Bücherregale“ sind gar nicht meine, sondern unsere. Nach wenigen Jahren doppelter Bücherführung haben Frau Rau und ich unsere Bücher zusammengelegt und Dopplungen entfernt. Seit einigen Jahren achten wir darauf, dass wir nicht viel mehr Bücher haben, als in die Regale passen, neue Regale kommen nicht mehr hinzu; zu diesem Zweck wird regelmäßig aussortiert. Ihr wisst doch, diese eine Farm, auf die in amerikanischen Fernsehserien immer die geliebten Haustiere der Familienkinder gebracht werden, um dort in Ruhe ihren Lebensabend zu fristen, so erzählt man es den Kindern jedenfalls… stellt sich heraus, auf dieser Farm wird auch viel gelesen.

Frau Rau ist sehr viel forscher als ich beim Aussortieren; ich vermute da Psychologisches, allerdings hat sie auch einen E-Reader. Ich lese Texte selber auch gerne digital. In den letzten zwei Wochen habe ich viel Vampir-Kurzprosa gelesen, alles am Rechner. („Carmilla“; das erste Kapitel von Varney, der Vampir; Polidoris „Der Vampyr“ und Byrons Fragment; E.T.A Hoffmann; dessen Vorlage aus Tausendundeiner Nacht.) Allerdings waren das zum Großteil deutsche Übersetzung, die ich auf Papier zum Teil gar nicht besitze, und außerdem habe ich sie alle korrekturgelesen, an neue Rechtschreibung angepasst und korrekte Anführungszeichen und Gedankenstriche gesetzt, damit ich sie an Schüler weitergeben kann. (Nächstes Jahr: W-Seminar zu Horror in Literatur, Film und Spiel.)
Und doch: Ich möchte Bücher lieber auf Papier lesen und – gegebenenfalls – auf Papier behalten. Viele Bücher, die ich auf dem E-Reader gelesen habe, haben mich nicht genug interessiert, so dass ich Papierausgaben gar nicht behalten hätte. Da ist mir das mit dem Reader schon recht. Mindestens zwei allerdings haben mir sehr gut gefallen. Aber sie stehen nicht im Regal, der Reader (ein alter Kindle touch) ist zu fummelig, man kann die beiden Bücher schlecht mit anderen teilen. Sie gehören ja auch Frau Rau und nicht mir, beziehungsweise: Sie gehören Amazon, aber Frau Rau darf sie auf ihrem Reader haben. Also: Neue Bücher möchte ich auf Papier, wenn sie mir gefallen, und digital, wenn nicht. Bei alten Büchern reicht mir oft eine digitale Ausgabe, sofern es sich um ein offenes, zukunftsfähiges Format handelt. Wenn ich schnell eine bestimmte Novelle von E.T.A. Hoffmann lesen möchte, dann natürlich digital; ich brauche auch keine Gesamtausgabe von E.T.A. Hoffmann zu Hause im Regal – das allerdings nur aus Platzgründen; ich würde gerne in einer riesigen Bibliothek leben.
Also: So viele Bücher im Regal wie möglich, aber wenn nicht mehr gehen, dann halt nicht. Mit ein paar tausend Bücher kann man auskommen, so quasi als Mitbewohner, den Rest muss man halt ab und zu besuchen gehen.

Ihr kennt doch alle dieses mnemotechnische Hilfsmittel, mit dem man sich ganz viel Sachen merken kann, indem man die Sachen in einem bekannten Raum verteilt, den man sich vorstellt? Ich merke mir, welche Bücher ich gelesen habe und was in ihnen steht, indem ich sie in einem bekannten Raum verteile, den ich mir nicht nur vorstelle.

Von Reisen ins Aus- oder Inland bringe ich eigentlich nie etwas zurück, keine Glaskugeln, keine Postkarten, keinen jemenitischen Dolch und keinen Schrumpfkopf. (Affe, nicht Mensch. Warum ich trotzdem gerade einen solchen Schrumpfkopf und einen jemenitischen Dolch auf dem Schreibtisch habe, ist vielleicht etwas für später.) Aber bei Reisen in die Gedankenwelt eines Autors freue ich mich über ein kleines Erinnerungs-Mitbringsel: Wie praktisch, dass Bücher ihre eigenen Reisesouvenirs sind.

Gedicht zum Thema:

My days among the Dead are passed;
Around me I behold,
Where’er these casual eyes are cast,
The mighty minds of old:
My never-failing friends are they,
With whom I converse day by day.

With them I take delight in weal
And seek relief in woe;
And while I understand and feel
How much to them I owe,
My cheeks have often been bedew’d
With tears of thoughtful gratitude.

My thoughts are with the dead; with them
I live in long-past years,
Their virtues love, their faults condemn,
Partake their hopes and fears,
And from their lessons seek and find
Instruction with an humble mind.

My hopes are with the dead: anon
My place with them will be,
And I with them shall travel on
Through all Futurity;
Yet leaving here a name, I trust,
That will not perish in the dust.

Robert Southey

Online habe ich das Gedicht unter dem Titel „The Scholar“ gefunden; ursprünglich trägt es wohl keinen Titel und so habe ich es auch kennen gelernt, deshalb bleibt das so. Nicht alle Interpreten haben übrigens erkannt, dass es dabei um Bücher geht. — Selber werde ich keinen Platz unter diesen Toten einnehmen, und ich bin auch skeptisch, was „all Futurity“ betrifft. Viele meiner Autoren sind sehr, sehr wenig bekannt, und der erste Vampirroman der Weltgeschichte – Ignaz Ferdinand Arnold, Der Vampir, 3 Bände, Schneeberg 1801, falls den einer von euch mal auf dem Dachboden findet – hat schon mal nicht überlebt. Southey war zum Zeitpunkt dessen Erscheinens 27 Jahre alt, aber gut, zeitgenössische Autoren, und gar Romaneschreiber, wird er nicht im Sinn gehabt haben.

5 Thoughts to “Meine Bücherregale

  1. Bei so vielen Bücherregalen werde ich ja direkt neidisch! Ich habe zwar auch zwei große (und noch ein paar andere Abstellflächen), aber chronischen Platzmangel.

  2. Die Bücherleserin, deren Kinder von Southey abstammen (sagt jedenfalls ihr Vater), hat das Gedicht natürlich besonders gefreut.

    Herzlich
    a

  3. Die Bücherregale sind ja auch nach und nach gewachsen, Maggy. Die letzte Erweiterung gab es 2003, und das muss reichen.

    So berühmt, Anne! Da bietet sich doch ein Southey-Gedichtvortrag zu jedem Geburtstag an.

  4. Bemerkenswerte – und Neid erregende! – Regalmengen …

    Seitdem ich (seit einigen Wochen) einen E-Book-Reader habe, habe ich für mich im übrigens dieselbe Verteilungsentscheidung getroffen: was ich vielleicht behalten möchte, kommt als Buch, schon der Haptik wegen, und geht ggf. via Bookmooch wieder, der Rest darf gerne auch ekeltronisch kommen.

  5. Einfach nur schön, ich bin so froh, dass es so etwas/so jemanden noch gibt.

    Das Gedicht von Southey kannte ich nicht. Wir werden mal mit den Azubis schauen, ob wir ein Buch finden, wo’s drin ist. Das ist gerade eine gute Bibliografier-Aufgabe.

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