Alles über: Lernziele

„Wann beherrscht man etwas?“, fragt Lehrzeit in einem Blogeintrag. Das habe ich mir auch schon überlegt, und der Blogeintrag ist eine Überlegung dazu.

Lernzieltaxonomien

Vor den Lernzielen war das Lehren wüst und leer. Man hat, stellt man sich vor, einfach drauflos unterrichtet. Das sollte sich Anfang der 1950er Jahre ändern. Da präsentierte Benjamin Bloom als Vorsitzender einer Kommission, die genau das zum Ziel hatte, eine Kategorisierung und Hierarchisierung von Lernzielen, die Bloomsche Lernzieltaxonomie. Ein erklärtes Ziel war, dass man sich dadurch besser über Unterricht kommunizieren könnte. Die Taxonomie sah kognitive, affektive und psychomotorische Lernziele vor; außerdem gab eine Hierarchisierung, nach der bestimmte Arten von Lernzielen auf anderen aufbauten. Die ganze Taxonomie sah am Anfang so aus:

Kognitive Ziele

  1. Wissen
  2. Verstehen
  3. Anwenden
  4. Analysieren
  5. Erzeugen
  6. Bewerten
Affektive Ziele

  1. Aufmerksamwerden, Beachten
  2. Reagieren
  3. Werten
  4. Entwickeln von Wertestrukturen/eines Wertesystems
  5. Verinnerlichen von Werten
Psychomotorische Ziele

  1. Imitieren (einer vorgeführten Handlung)
  2. Manipulieren (Ausführen nach Anweisung)
  3. Selbstkontrolliertes Ausführen (mit mehr Präzision)
  4. Strukturierung (Zerlegung in Einzelhandlungen)
  5. Automatisierung, Verlagerung ins Unterbewusstsein (Naturalisierung)

An dieser Taxonomie kommt man in keinem Lehramtsstudium vorbei. Es fällt allerdings auf, dass in der Praxis für die meisten Fächer dann doch nur die kognitiven Lernziele eine Rolle spielen – deren Taxonomie entstand auch vor den anderen: 1956 erschien Band 1 der Taxonomy of educational objectives: The classification of educational goals (zum kognitiven Bereich), 1965 Band 2 (zum affektiven Bereich). Band 3 erschien nicht. Bloom nannte das Handbuch „one of the most widely cited yet least read books in American education“ (zitiert nach Wikipedia) – ich müsste selber auch mal reinschauen…

An der Rangordnung innerhalb der Taxonomie wurde immer wieder herumgeschraubt, die aktuellste Fassung ist diese:

BloomsCognitiveDomain

Gerade die Frage, obb das Bewerten oder das Erzeugen das anspruchsvollere Lernziel ist und das jeweils andere als Grundlage nötig ist, wird unterschiedlich gesehen. Deshalb stehen sie jetzt auch nebeneinander.

Diese Taxonomie ist nicht die einzige, bekannt ist auch eine von Anderson/Krathwohl mit 4 Wissensdimensionen und 6 Stufen – alle kognitiv. Aber in der einen oder anderen Form ist Bloom immer noch sehr verbreitet. ein Beispiel dafür ist dieses Poster zur „Padagogy“:

padagogy_wheel

(Allan Carrington, Creative Commons Attribution 3.0 Unported)

Die Speichen entsprechen den (kognitiven) Domänen bei Bloom, wobei die untersten beiden Ebenen, Erinnern und Verstehen, zusammengefasst sind. Im zweiten Kreis von innen stehen den einzelnen Domänen zugeordnete „action verbs“ – passende Verben zu den jeweiligen Lernzielen. Für das Analysieren sind das zum Beispiel „compare, classify, demonstrate“. Diese action verbs entsprechen wohl dem, was hierzulande Operatoren heißt, dazu später mehr.

Und dann habe ich noch in einem Blogeintrag von Manfred Kaul den Hinweis auf die Canterbury QuestionBank gefunden. Das ist ein Pool von zur Zeit gut 650 Informatik-Aufgaben, den man als html, pdf, xml, oder doc herunterladen kann (lizenziert unter BY-NC-SA 3.0).
Ein Beispiel für eine Aufgabe:

Welche Datenstruktur, mit der man eine Menge implementieren könnte, hat die ungünstigste Laufzeit für eine Methode Menge.enthaelt?
A Binärer Suchbaum
B Verkettete Liste
C Sortiertes Array
D Hashtable

Die Aufgabe ist unter anderem verschlagwortet mit „Schwierigkeitsgrad 1 (niedrig)“ und „Bloom-3-Analysis“. (Hier lautet die Reihenfolge: 1-Knowledge, 2-Comprehension, 3-Analysis, 4-Application, 5-Synthesis, 6-Evaluation.) Hätte ich das auch unter Analyse getan oder doch nur unter Verständnis?

Vor- und Nachteile von Lernzielen

Mit einer Lernzieltaxonomie hat man ein einheitliches Format, um sich über Unterrrichtsstunden und Lehrmaterial auszutauschen. Und mit Lernzielen macht man sich als Lehrer vor einer Stunde Gedanken darüber, welches Ziel man mit der Stunde überhaupt erreichen will. (Oder mit der ganzen Sequenz, dann mehr so als Grobziel.) Wenn man nur verschwommene Vorstellungen hat, was am Ende der Stunde herauskommen soll (und dazu zählt: wir machen die Seite 17 und 18 im Buch), dann kommt leicht eine Stunde heraus, in der Schüler und Lehrer sich gegenseitig nichts tun, womit alle zufrieden sind – aber gelernt wird nichts Sinnvolles.
Wenn man sich als Lehrer dagegen vornimmt, dass die Schüler am Ende der Stunde ein konkretes Lernziel erreicht haben sollen, dann arbeitet man zielgerichteter. Das Erreichen des Lernziels kann man dann mit einer Lernzielkontrolle überprüfen. Das geht um so besser, je operationalisierter ein Lernziel ist.

(Operationalisierung: Das ist die möglichst genaue Beschreibung unter Angabe aller Bedingungen. „Der Schüler kann innerhalb von einer Minute drei Beispiele aufzählen.“ Dazu gehört eben auch ein geeigneter Operator: Ungeeignet sind etwa Lernziel-Operatoren wie „wissen, verstehen, vertrauen, wertschätzen, einsehen, begreifen“, weil sich die nicht überprüfen lassen. Geeignet sind „beschreiben, identifizieren, unterscheiden, aufzählen, begründen, anwenden, benennen.“)

Andererseits: Die Konzentration auf Lernziele kann dazu führen, dass man sich nur die heraussucht, die auch tatsächlich operationalisierbar sind. Damit fallen affektive Lernziele schon mal weg. Außerdem wird der Unterricht unflexibel, wenn man nicht gelernt hat, von den anvisierten Lernzielen abzuweichen. Und schließlich kann es auch gewinnbringend sein, wenn man nicht als Lehrer die Lernziele und ihre Reihenfolge vorgibt, sondern die Schüler erst einmal arbeiten lässt, bis sie selbst auf Probleme stoßen – manchmal ist die Reihenfolge der Lernziele ja nicht festgelegt.
Und dann tut auch noch die Kompetenzorientierung, als wäre sie etwas grundsätzlich anderes als Lernzielorientierung. Dabei geht es bei beidem letztlich um Messbarkeit.

Zurück zur Ausgangsfrage: Wann beherrscht man etwas?

Zugegeben, den Punkt habe ich inzwischen etwas aus den Augen verloren. Im psychomotorischen Bereich scheint mir das von der Naturalisierung ganz einleuchtend. Im affektiven Bereich ist Beherrschung vielleicht das falsche Wort (aber: Selbstbeherrschung). Im kognitiven Bereich… Marco schlägt als Kommentator vor „Ich kann es anderen beibringen/erklären“.

Das gefällt mir gut, und ich war auch selber schon auf den Operator „erklären“ gestoßen. (Blogeintrag dazu.) Oft meint man mit „erklären Sie“ dann doch nur: „Zeigen Sie, dass Sie wissen…“, und das ist natürlich etwas anderes, Bloom K4, schätze ich. Echtes Erklären taucht in der Schule kaum auf, jedenfalls nicht auf Schülerseite. Wo würde das bei Bloom stehen? War das damals noch nicht erfunden? Oder blieb das der Lehrkraft vorbehalten, war außerhalb des Geltungsbereichs der Taxonomie? Oder ist das Erklärenkönnen eine untergeordnete Sekundärfähigkeit?

(So, Ferien und Jahresende, Zeit fürs Aufräumen. Deshalb muss der Blogeintrag jetzt einfach raus, auch wenn er noch nicht fertig ist.)

12 Thoughts to “Alles über: Lernziele

  1. Ja, da fühlt man sich ins Referendariat zurück versetzt.

    Ein Kommentar als Stückwerk:

    In meiner Erinnerung stimmt die Feststellung, dass man eigentlich nur die kognitiven Lernziele beachtet hat – wohl aus verschiedenen Gründen:
    – Die Fachlehrpläne sahen nur solche Ziele vor (der untersten Ebene)
    – In einer Lehrprobenstunde waren nur solche Ziele erreichbar (und damit für die Kommission ersichtlich)
    – In Schulaufgaben kann ich auch nur die einen bewerten, wie du schreibst
    – Sie wirken, für mich, manchmal unheimlich: Entwicklung von Wertstrukturen (was kann da alles schiefgehen?)

    Und, vielleicht liegt das an meinen eigenen durchwachsenen Schüler-Erfahrungen in den Naturwissenschaften: Wo können affektive und psychomotorische Lernziele in Mathematik, Physik (da vielleicht noch, wird Jan-Martin Klinge sagen), Biologie usw. gesteckt/erreicht werden? Mein erlebter Unterricht sah da wenig vor. Einer der Gründe, warum ich mich über die ersten Kapitel von Deutschbüchern jeder Jahrgangsstufe hierzulande immer so aufrege – alle übergreifenden Bildungs- und Lernziele muss der Deutschunterricht leisten. Oder kennst du aus einem Mathebuch das Kapitel: „Wir lernen unsere Klasse mit mathematischen Aufgaben kennen?“ Andres Thema vielleicht.

    Das mit dem „Erklären“ schwingt mir etwas im Kopf nach. Es hat in meinem Unterricht einen festen Stellenwert im Rahmen der Analyse von Karikaturen im Geschichte- und Sozialkundeunterricht. Hier steht bei mir der Dreierschritt im Zentrum von Beschreiben, Erklären und Deuten. Oftmals fällt den Schülern vordergründig Deuten am leichtesten, obwohl ich im Dreierschritt schon eine Steigerung sehe. Diese Deutung aber durch eine Beschreibung oder Erklärung zu untermauern ist eher die Hürde.
    Erklären in diesem Fall aber bedeutet, das Gesehene in einen Wissenskontext einzubinden. Also nicht nur zu wissen was ist, sondern auch zu erkennen, warum etwas wie ist. Daher halte ich das für ein durchaus wichtiges Lernziel.

    Und bei dir nur im Nebensatz: Nein, mir hat auch noch keiner erklären können, was der grundlegende Unterschied zwischen Kompetenz und Lernziel ist.

    PS: Das Wheel da oben ist witzig. Vor allem die Gruppierung passender Apps drumherum.

  2. >Oder kennst du aus einem Mathebuch das Kapitel: “Wir lernen unsere Klasse mit mathematischen Aufgaben kennen?” Andres Thema vielleicht.

    Anderes Thema. Ich bin für die Beibehaltung eines Fächerkanons, aber jedes Fach sollte angeben müssen, was es in welcher Jahrgangsstufe für die anderen Fächer mitbringt. Das muss ja etwas sein, jedes Fach an allgemeinbildenden Schulen ist ja auch allgemeinbildend. Im Moment stehen zwar formal Querbezüge in den Lehrplänen, aber die interessieren die Lehrer herzlich wenig – zumindest an meiner Schulart und in, uh, den einschlägigen Fächern.

  3. @ Thomas Kuban:
    Ich finde, im folgenden Zitat wird der Unterschied sehr deutlich:
    „Trotzdem ist ein kompetenzorientierter Unterricht nicht einfach eine neue Version des lernzielorientierten Unterrichts, da sie sich in wesentlichen Punkten unterscheiden und ergänzen. Ein grundlegender Unterschied liegt in den Zielen des Unterrichts: Die Curriculumtheorie geht davon aus, dass die Schülerinnen und Schüler die nötigen Qualifikationen erwerben, um vorhersehbare Lebenssituationen zu bewältigen[115], in der kompetenzorientierten Didaktik hingegen erwerben sie Kompetenzen, um offene, nicht festgelegte Anforderungssituationen adäquat lösen zu können.[116]Ein weiterer Unterschied ist die Bedeutung der Lernwege: Während in Entwürfen der Curriculumtheorie neben den Lernzielen auch die Lernwege detailliert festgelegt werden sollten, ermöglicht der kompetenzorientierte Unterricht mehrere Wege zum Ziel, die die Lehrkraft gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern ja nach den konkreten Gegebenheiten vor Ort auswählen und gestalten kann.[117]“
    Quelle: http://lehrerfortbildung-bw.de/faecher/religion/gym/fb1/1_theorie/komp/3_wassind/2_ziele/
    Wenn ich so den Physikunterricht meiner Tochter in der 7. Klasse (GYM) anschaue, dann habe ich den Eindruck, dass dieser bei der ausschließlichen Vermittlung von Lernzielen stehen geblieben ist. Stures Auswendiglernen von Formeln (s=v*t in allen Variationen) mit dem Ziel der Bewältigung der folgenden Ex.
    Am Elternabend die Information: „Zu Beginn ist der Physikunterricht recht trocken, die spannenden Sachen hebe ich mir für das Jahresende auf!“ Von einem Anwendungsbezug zur Bewältigung oder kognitiven Durchdringung von Alltagsphänomenen keine Spur. Von der motivationalen Qualität des Unterrichts mal ganz zu schweigen….
    Mag sein, dass das dieser speziellen Lehrkraft geschuldet ist, aber ich habe immer mehr den Eindruck, dass dem Gymnasialunterricht, beziehungsweise der Gymnasialdidaktik, die Kompetenzorientierung recht gut tut…

  4. :), die Theorie kenne ich auch. Aber du stellst ja schon eines sicher fest: Es hängt wenig ab von den Etiketten, sondern eben von der „unteren Ebene“, also den Lehrern.
    Einerseits – Andererseits: selbst die Definition oben spricht zwei oder drei Umstände an, die so neu nicht sind und auch in der Lernzielorientierung (vielleicht habe ich sie schon in abgeschwächter Form gelernt) eine Rolle spielen, und zwar Methodenlernen (im Fach, aber eben auch darüber hinaus), individualisiertes Lernen und Lebensweltorientierung. Alle drei Dinge waren jedenfalls auch für die Arbeit an Geschichtsbüchern, so wie ich sie miterlebt habe in den vergangenen Jahren, wesentlich.
    Aber sicher: Was der Lehrer vor Ort macht, ist entscheidend. So war mein Beitrag zu verstehen: Kompetenzen zu vermitteln, also Handlungsfähigkeit, ist nicht allein durch das neue Etikett zu erreichen.

  5. Ich bin immer noch nicht zufrieden. Die von @Fabian Müller-Klug verlinkte Quelle ist eine politische, keine wissenschaftliche. Ich glaube auch nicht, dass so einfach stimmt:

    >Die Curriculumtheorie geht davon aus, dass die Schülerinnen und Schüler die nötigen Qualifikationen erwerben, um vorhersehbare Lebenssituationen zu bewältigen

    Die Quelle dafür [115] ist ebenfalls eine politische, keine wissenschaftliche. Ich halte dagegen mit Bruners nicht-spezifischem Transfer und der Zukunftsbedeutung bei Klafki – alte Hüte. Wir können ja ein Zitatespiel spielen. Stammt das aus einem curricularen Lehrplan oder einem kompetenzorientierten:

    (1) SuS lernen grundlegende Merkmale der attischen Demokratie kennen und entwickeln während der Beschäftigung damit ein Bewusstsein für den generellen Wert demokratischer Prinzipien.

    (2) SuS können: perspektivische Vermittlung von Wirklichkeit in den Medien und Mittel ihrer Umsetzung erkennen

    Aber sei’s drum, mein Hauptproblem ist, und das sieht man an den Beispielen oben, dass die Kompetenzorientierung aus der Mathematik und Physik kommt und da vielleicht Ihren Platz hat. Das kann ich nicht gut beurteilen, habe aber schon den Verdacht, dass das einfach heißt „mehr Textaufgaben“. Dass auf Sprachen zu übertragen, halte ich für falsch. Die sind eh schon kompetenzorientiert, und die Entwicklung hat nur dazu geführt, dass landeskundliche Inhalte aus den Lehrplänen fliegen.

  6. Danke, gefällt mir gut. Ich meinte, dass so schon mal wo gelesen zu haben, wenn ja, habe ich es mir aufbewahrt. Jetzt ist es jedenfalls in meinem Ordner gespeichert. Muss sich noch setzen, aber ich stimme der Ansicht wohl zu.

  7. > Oder kennst du aus einem Mathebuch das Kapitel: “Wir lernen unsere Klasse mit
    > mathematischen Aufgaben kennen?”

    Lach nicht, das gibt es wirklich. Nennt sich bei uns „Wir lernen uns kennen“ und beinhaltet Statistik (Diagramme lesen und zeichnen, Umfragen erstellen und durchführen,…). Das unterrichte ich eigentlich ganz gerne, weil eben nicht das Rechnen im Vordergrund steht, sondern das Darstellen und Kommunizieren.

  8. :D cool. Welcher Verlag?
    Hier gab es übrigens vor Jahren mal eine Fortbildung zu einer damals neuen Sache aus der Schweiz, bei dem deutsch und Mathe in 5 aus einem Buch unterrichtet wurden. So mit Interpretation von mathematischen Gleichungen…
    Habe seitdem nie wieder was davon gehört. :/ Aber das Sprachmathebuch steht noch irgendwo in der Fachschaft,

  9. Kein Verlag, sondern eigenes Material. Also aus diversen Verlagen zusammengesucht. Mittlerweile sind aber auch die Verlage drauf gekommen und bieten ihr erstes Kapitel unter diesem Titel in den neuen Büchern an.

    Das Mathe-Deutsch-Buch hab ich auch noch irgendwo im Regal stehen. Ich hatte es mir gekauft, weil ich von den Autoren die Lerntagebücher kenne und hoffte, dass das darin weiter ausgeführt wird. Von der Darstellung im Buch war ich dann nicht mehr so begeistert.

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