Julie Schumacher, Dear Committee Members

schumacher_dear_committee1. Der Angelsachse weiß, wie man Kommittee wirklich schreibt, nämlich mit zwei von allem. Nur der Deutsche bildet sich die Extrawurst mit dem singulären “m” ein, was mich maßlos verwirrt. Siehe neben committee auch: guerrilla, ditto, address.

2. In Romanen werden Geschichten erzählt. Im klassischen Briefromanen – Pamela, Werther – geschieht das in Form von Briefen, in denen der Schreiber der Briefe diese Geschichte erzählt, und zwar dem oder den Adressaten der Briefe. Das ist gar nicht so weit entfernt von einem regulären Ich-Erzähler mit geringer Erzähldistanz.
Allerdings gibt es auch Briefromane, in denen der oder die Schreiber der Briefe nicht bewusst eine Geschichte erzählen wollen. Aber es entsteht natürlich trotzdem eine Geschichte, indem man zwischen den Zeilen liest oder die Briefe der verschiedenen Absender zu einander in Beziehung setzt. Beispiele: e von Matt Beaumont, ein Roman in E‑Mails aus dem Jahr 2000 (was nur bei E‑Mails geht: das BCC-Feld als Mittel des Erzählens einsetzen) und “Der Fluch des Mhondoro Nkabele” von Eric Norden, eine skurille Geschichte um Science-Fiction-Autoren und ‑Herausgeber von 1980.
Natürlich gibt es noch viele Beispiel mehr, aber die beiden wollte ich schon lange mal unterbringen.

Auch in Dear Committee Members wird auf diese indirekte Weise eine Geschichte erzählt. Es gibt nur einen Sender aller Briefe, Jason Fitger (Lehrstuhl für kreatives Schreiben und Literatur), und was die Kommunikationssituation besonders interessant macht: es sind fast alles Briefe, auf die keine Antwort kommt und und auf die auch keine Antwort erwartet wird, Flaschenposten geradezu. Es sind LOR, letters of recommendation, Empfehlungsschreiben – für Absolventen, die einen Job wollen; für Studierende, die sich um ein Stipendium bewerben; für Kollegen, die sich auf eine andere Stelle bewerben.

Fitger hat diese Empfehlungsschreiben zur Kunstform erhoben. Weitschweifig, ironisch, manchmal sarkastisch (aber nicht zynisch), liebevoll, sorgfältig, und ohne sich in nennenswerter Weise an die Form zu halten, die von Empfehlungsschrieben verlangt wird. Fitger ist streitbar, streitlustig, etwas pedantisch (sind wir das nicht alle, oder sollten wir das nicht alle sein), verschroben. Während die Briefe zu Beginn nur als unterhaltsame Einzelstücke wirken, konstruiert man sich als Leser nach und und nach etwas von Fitgers Geschichte und der Geschichte einiger seiner Studenten und Kollegen. Sehr lustig, aber auch etwas traurig.

Während ich das Buch las, trudelte übrigens eine Mail mit der Bitte um ein solches Empfehlungsschreiben ein: Eine ehemalige Kollegin, die jetzt in England lebt, gibt mich immer wieder mal als Referenz an, so dass mich verschiedene Institutionen um solche Schreiben bitten. Das gibt es also alles wirklich.

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