Kingsman: The Secret Service (2014), Regie Matthew Vaughn, Drehbuch Jane Goldman und Matthew Vaughn nach dem Comic von Mark Millar und Dave Gibbons.
Es gibt da diese Faustregel: Wenn die geheimlichen Organisationen im Film Kürzel haben, die aus drei Buchstaben bestehen (FBI, CIA, KGB), dann handelt es sich um einen Agententhriller. Wenn es mehr Buchstaben sind, dann ist es einen Agentenkomödie. Men in Black ist nur scheinbar eine Ausnahme, da zwar auf dem Kinoposter groß „MiB“ steht, das im Film aber gar nicht groß auftaucht.
Wir haben zum Beispiel U.N.C.L.E., und bei James Bond gibt es gleich zwei, SPECTRE und SMERSH. Marvel hat SHIELD, die Fernseherserie UFO hatte S.H.A.D.O. Und Maxwell Smart kämpfte für CONTROL und gegen KAOS.
Ich glaube, die vielen Buchstaben sind tatsächlich als Parodie auf die wenigen Buchstaben entstanden. (Dabei gab es das russische SMERSH wirklich.)
Den Boom lösten wohl die James-Bond-Filme aus. Bald nach ihnen gab es die Fernsehserien The Man from U.N.C.L.E und Danger Man, das wiederum The Prisoner zeugte. Dean Martin drehte 1966 Leise flüstern die Pistolen, das ich in früher Kindheit mal gesehen habe. Ich kann mich nur noch an sein automatisiertes Liebesnest erinnern. Nie gesehen habe ich Get Smart (deutsch: Mini-Max, das mit dem Telefon im Schuh), nur mal in die Spielfilmversion von 1980 reingeschaut – nicht sehr gut: in The Nude Bomb entwickelt ein verrückter Wissenschaftler eine Bombe, die Kleidung zerstört. Da lobe ich mir doch das Meisterstück Casino Royale, eine nominell auf einem James-Bond-Roman basierende Bond-Parodie von 1967. Dort entwickelt der Schurke des Films eine Biowaffe, die alle Frauen schön macht und alle Männer über 1.38m tötet. Es spielen mit: Peter Sellers, Ursula Andess, David Niven, Orson Welles, Daliah Lavy, Woody Allen, Deborah Kerr, William Holden, Charles Boyer, John Huston, Jean-Paul Belmondo, Jacqueline Bisset. Und viele weitere. Die Reihe an Zitaten vermittelt einen Eindruck von dem Film. Ob er mir heute noch gefallen würde? Immerhin: Herb Alpert & the Tijuana Brass spielen das Titellied.
Vor diesem Hintergrund habe ich Kingsman: The Secret Service gesehen.
Exkurs: Gewalttäige Komödien
1986 fuhr die Kollegstufe meines Gymnasiums auf Kursfahrt, entweder nach Rom oder Korsika. Aus Gründen, die ich heute nicht mehr ganz weiß, hatte ich keine Lust, mitzufahren. Snobismus, wahrscheinlich. Also wurde ich in die 11. Jahrgangsstufe gesteckt, denn dem Unterricht fernbleiben durften wir nicht. Zusammen mit mir musste auch Markus in diese Klasse; auch Markus war nicht mit auf der Kursfahrt. Also saßen wir einen Vormittag nebeneinander und unterhielten uns. (Der Unterricht um uns herum kam ohne uns aus, und wir waren wohl leise genug, dass wir nicht störten.) Und wir unterhielten uns ausführlich. Markus war der einzige Mensch damals, der wahrscheinlich noch mehr alte Filme kannte als ich, also so 1930er bis 1960er Jahre. Ihn interessierten vor allem die finanziellen Aspekte des Filmschaffens, das war eine neue Perspektive für mich. Es war erleichternd, jemanden zu treffen (außer meinem Zwillingsbruder), der etwas anfangen konnte mit screwball comedy und film noir, der Hellzapoppin‘ kannte die verschiedenen Verfilmungen von His Girl Friday, und mit dem man diskutieren konnte, welche Jerry-Lewis-Filme erträglicher waren als die anderen. So kamen wir auch Ein Froschmann an der Angel, ein nicht weiter erwähnenswerter Jerry-Lewis-Film, anhand dessen mir Markus seine Theorie erklärte: eine gute Komödie (vielleicht: jenseits der schwarzen Komödie) kommt eigentlich ohne Tote aus. Mit Markus habe ich später noch viel erlebt.
Noch jemand da? Jetzt komme ich endlich zum Film, wenn auch eher vage und spoilerfrei
Kingsman kommt dezidiert nicht ohne Tote aus. Auf seine Art spielt er im selben Grenzbereich zwischen Gewalt und Komödie wie Pulp Fiction. Außerdem ist er eine Agentenkomödie, oder Actionkomödie. Wir haben Geheimorganisationen, verrückte Pläne zur, hm, sagen wir: Weltherrschaft. Der Oberschurke hat eine Assistentin mit schrägen Waffen (wie Jaws/Beißer oder Oddjob bei James Bond). Keine lustigen Fahrzeuge. Der skurille Oberschurke hat natürlich seine geheime Basis, in den Fels gehauen, und dieses Bild vom roten Linoleumboden und den künstlich aussehenden Felswänden an den Seiten – das kenne ich aus Raumschiff Enterprise, und James-Bond-Filmen, und selbst ein Korridor in Krieg der Sterne hat genau diesen dunkel-zinnoberroten Farbton.
Kingsman hat mir sehr gut gefallen. Diese weniger begeisterte Filmkritik hat mich schon vorbereitet auf einen nicht ganz runden Film, ebenso diese insgesamt positive Kritik. Kingsman ist der Film, der Mit Schirm, Charme und Melone (1998) eigentlich hätte sein wollen und der daran gescheitert ist. (Die Organisation hieß da BROLLY.) Colin Forth Firth ist perfekt, Samuel Jackson köstlich; Taron Egerton als jugendlicher Held ein wenig blass, und im Anzug verliert er für mich jegliche Individualität. Hätte auch ein nichtssagender de Caprio sein können.
Und das mit den Frauen, das kriegt der Film nicht hin. Letztlich sind sie doch hilflos, gerade mal Unterstützung im Hintergrund brauchbar, und das auch nur, nachdem der Mann ihnen Mut zugesprochen hat. Muss doch gar nicht sein.
Schlüsselszene für mich: Colin Forth versucht dem jungen Zögling anhand bekannter Filme (Nikita) klar zu machen, in welcher Situation er sich befindet. Junger Zögling kennt keinen einzigen davon. Passiert mir in der Schule ständig. (Ausgerechnet My Fair Lady, das kannte er. Meine Oberstufenschüler nicht, kam erst vor zwei Wochen darauf zu sprechen.)
Lautes lang anhaltendes Gelächter von Frau Rau und mir und, möglicherweise, sonst niemandem im Kino: Pomp and Circustance. So unerwartet, schlüssig, anarchisch-befriedigend und metaphorisch ergiebig.
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