Flüchtlinge

Wie viele schaue und lese ich täglich Nachrichten und bin fassungslos.

Die Flüchtlinge

Man kann auch “Vertriebene” dazu sagen, auch wenn der bayerische Innenminister das nicht hören möchte. (Spiegel über Maybrit Illner, ganz unten; auch sonst scheint das eine gute Sendung gewesen zu sein.) Da gibt es nur eine Verhaltensweise: Empfangen, aufnehmen, willkommen heißen, helfen. Das sind traumatisierte Menschen, und überhaupt: Es sind Menschen. Menschenwürde. Mitmenschlichkeit. Humanität.

Die neue Völkerwanderung

Seit meiner Studienzeit heißt es, dass irgendwann die Menschen aus den armen Ländern die Nase voll haben und zu uns kommen werden. Ich habe keine Ahnung, ob das stimmt. Ich würde es allerdings verstehen. Mittel- und langfristig muss Europa überlegen, wie es damit umgehen will. Im Moment ignoriert man das. Nicht vergessen: Europa (und Deutschland) geht es deshalb so gut, weil es anderen schlecht geht. Ich glaube nicht, dass das Wohlergehen der Menschen ein Nullsummenspiel ist – aber unsere Firmen können ihren Mitarbeitern hohe Löhne zahlen, weil andere Firmen ihren Mitarbeitern geringe Löhne zahlen. Der Mitarbeiter hier glaubt natürlich, dass sein Lohn nur von seinem Einsatz und seinen Fähigkeiten bestimmt wird. SO oder so ist Deutschalnd in Zukunft auf Menschen aus anderen Ländern angewiesen.
(Die Flüchtlinge aus Syrien kommen übrigens, weil ihr Land und ihr Leben zerstört wird.)

Die Nazis und die bürgerliche Mitte

Ich hatte nur wenig Kontakt zu Neonazis. Als später Teenager, früher Zwanziger hatte ich eine Phase, in der ich mich mit ein paar Leuten regelmäßig in Hinterzimmern von Gaststätten zu treffen, Pfeife zu rauchen und gelehrt zu plaudern. Ich kann mich dunkel erinnern, dass da einmal einer dabei war, der ein schlecht kopiertes Flugblatt (aber damals waren alle Flugblätter schlecht kopiert) der einige Jahre danach verbotenen Wiking-Jugend dabei hatte. Da hörte ich zum ersten Mal davon, aber nur am Rande, es war auch kein Thema. Und dann war ein ehemaliger Schüler von mir fünf Jahre nach der Schule NPD-Kandidat; ich habe mir eben auf Abgeordnetenwatch das wenige durchgelesen, was da noch steht. In der Schule war das nie Thema, eher schwache Leistungen, aber unauffälliger Schüler.

Explizite Rassisten kenne ich etwas besser, ich hatte da einen Onkel in New York. (Ansonsten bin ich mit dem Begriff vorsichtig. In einer nach Rasse diskriminierenden Gesellschaft gibt es strukturellen Rassismus, zu dem jeder beiträgt.)

(Nachgetragener Link: I Was Raised As A Racist: 6 Weird Things I Learned)

Was ich kenne, ist bürgerliche Mitte. Darunter auch Leute, die gerne von “Asylmissbrauch” reden würden, aber sich das unter liberalen Lehrern nicht recht trauen. “Man wird ja noch sagen dürfen”-Leute. (Die Leute, die bodenlose Kommentare ins Internet schreiben, gehören wohl auch dazu, aber in meiner Umgebung sind außer den Bloggern kaum Menschen, die irgendwas ins Internet stellen.)

Es freut mich, dass es sehr viele Menschen gibt, die den Vertriebenen helfen. Immer wieder liest man darüber und sieht etwas in den Nachrichten. Und dann gibt es die Leute, die drangsalieren, brandstiften, protestieren, beleidigen. Die verstehe ich nicht. Wer zündet Häuser an? Wer greift Früchtlinge an? “Pack” hat Sigmar Gabriel sie genannt, kluger- oder unklugerweise. Diese Brandstiftung ist Terrorismus. Das Pack ist für mich nicht erreichbar. Die Mitte schon. Wie sehr unterstützen Politiker die Täter, wenn jede Aufforderung ihrerseits, Flüchtlinge zu unterstützen, sofort gefolgt wird vom Ruf nach schnellerer Abschiebung von Menschen, deren Anträge (auf Asyl, Bürgerkriegsflüchtling) nicht angenommen werden? Wie sehr die flüchtigen Bekannten, die sich Sorgen machen um Deutschlands Zukunft, aber eigentlich nur den eigenen Wohlstand meinen (der nicht bedroht ist), und eher aus Klassenbewusstsein nie auf eine Demonstration gegen Flüchtlinge gehen wprden?

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Fast ein Verbrechen: Eichhörnchen 2015

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Die Eichhörnchen sind zur Zeit sehr aktiv und jagen sich keckernd um die Bäume herum: die wilden Walnüsse am anderen Baum sind wohl gerade so weit.

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!

(Bert Brecht, An die Nachgeborenen)

(Morgen vielleicht Blogeintrag dazu.)

Mittlere Mathematik: Audioanalyse & Linktipp zu Fourier-Transformation

Wie es angefangen hat, weiß ich nicht mehr. Irgendwann in der Mitte wollte ich jedenfalls wissen, wie das mit dem automatischen Erkennen von Musikstücken geht – man spielt zehn oder zwanzig Sekunden eines Liedes vor, und das Handy meldet sich danach und sagt einem, von wem das Lied ist und wie es heißt.

Beim Googeln stieß ich auf diese phantastische Seite darüber, wie einer genau das in Java nachbaute. Einfach, nachvollziehbar, übersichtlich. Allerdings ist der Code nicht vollständig, das hängt auch mit Drohungen des Marktführers zusammen, das gegen Patente verstoßen werde. Nicht glaubwürdig, aber ich verstehe sehr gut, dass man da als kleiner Blogger vorsichtig ist.

Trotzdem habe ich den Code nach und nach vervollständigt und nachprogrammiert und dabei viel gelernt.

Schritt 1: Mikrofon anschließen und mit Java Ton vom Mikro aufnehmen

Funktioniert. Wie so eine Aufnahme aussieht, das kennt man aus dem Fernsehen:

audioanalyse1

Allerdings, wenn man mit der Lupe richtig nahe herangeht, sieht man, dass die Wellen, die man zu sehen meint, gar keine sind: Stattdessen sind einfach nur eine Menge von Punkten gespeichert, die in gleichmäßigem Abstand einer nach dem anderen eingezeichnet werden.

audioanalyse2

Das passiert nämlich beim Digitalisieren von Schallwellen. Es wird nämlich gar keine Schallwelle gespeichert, sondern in regelmäßigen Abständen gemessen, was gerade an Schall hereinkommt. Regelmäßige Abstände heißt: häufig misst man 44100 mal pro Sekunde. (Damit erwischt man Frequenzen von bis zu 22050 Hz.) Wie viel verschiedene Amplituden (also Lautstärken, die vertikale Position des eingetragenen Messpunkts) möglich sind, hängt von einem weiteren Wert ab. Reserviert man pro gespeichertem Punkt 1 Byte (8 bit), dann kann man zwischen 256 verschiedenen horizontalen Positionen wählen. Bei 2 Byte (16 bit) sind es schon 65536. Und wenn man richtig genau sein woll, nimmt man 4 Byte (32 bit) pro Punkt. Der Einfachkeit halber habe ich mit 8 bit pro Punkt gearbeitet, was sicher keine high-fidelity Aufnahme ermöglicht.

Gespeichert wird die Aufnahme also in einer langen Reihe von Bytes. Wenn man die Bytes als ganze Zahlen interpretiert, sieht ein Ausschnitt etwa so aus:

-50, ‑45, ‑37, ‑31, ‑26, ‑24, ‑25, ‑26, ‑26, ‑28, ‑26, ‑25, ‑22, ‑18, ‑11, ‑4, 5, 13, 20, 24, 29, 31, 33, 34, 32, 29, 23, 16, 7, 1, ‑4, ‑6, ‑8, ‑7, ‑8, ‑6, ‑5, ‑3, 1, 7, 12, 16, 16, 9, 0, ‑10, ‑20, ‑22, ‑19, ‑12, ‑1, 9, 16, 21, 22, 22, 21, 21, 19, 20, 19, 18, 18, 19, 20, 22, 22, 23, 20, 18, 14, 10, 3, ‑4, ‑11, ‑21, ‑31, ‑39, ‑49, ‑54, ‑59, ‑59, ‑59, ‑57, ‑51, ‑44, ‑32, ‑20, ‑5, 7, 18, 23, 22, 20, 15, 13, 13, 16, 24, 30, 36, 39, 41, 42, 43, 44, 45, 46, 45, 43, 39, 35, 29, 24, 17, 12, 4, ‑1, ‑7, ‑13, ‑19, ‑25, ‑32, ‑37, ‑43, ‑50, ‑55, ‑61, ‑64, ‑69, ‑71, ‑75, ‑74, ‑74, ‑69, ‑63, ‑55, ‑47, ‑42, ‑42, ‑43, ‑48, ‑52, ‑54, ‑52, ‑45, ‑37, ‑24, ‑14, ‑3, 5, 15, 21, 30, 35, 38, 40, 38, 33, 27, 19, 13, 4, ‑3, ‑11, ‑16, ‑22, ‑25, ‑30, ‑32, ‑35, ‑36, ‑38, ‑39, ‑40, ‑42, ‑46, ‑49, ‑55, ‑59, ‑63, ‑64, ‑63, ‑56, ‑48, ‑37, ‑26, ‑20, ‑14, ‑13, ‑12, ‑10, ‑8, ‑1, 5, 12, 17, 19, 21, 20, 22, 22, 24, 23, 23, 20, 20, 18, 18, 19, 19, 20, 19, 18, 16, 15, 12, 12, 10, 12, 15, 19, 24, 31, 36, 44, 48, 55, 60, 68, 75, 84, 91, 99, 101, 99, 94, 84, 76, 66, 61, 56, 50, 44, 34, 24, 11, 1, ‑10, ‑16, ‑24, ‑28, ‑32, ‑35, ‑36, ‑33, ‑30, ‑26, ‑22, ‑20, ‑17, ‑17, ‑14, ‑12, ‑9, ‑8, ‑5, ‑3, 0, 4, 11, 18, 28, 36, 42, 46, 49, 52, 57, 61, 66, 67, 68, 63, 58, 50, 46, 43, 43, 47, 49, 50, 46, 42, 36, 28, 23, 15, 7, ‑3, ‑16, ‑25, ‑34, ‑40, ‑41, ‑43, ‑44, ‑48, ‑55, ‑60, ‑65, ‑71, ‑74, ‑79, ‑84, ‑89, ‑94, ‑98

(Das sind 318 Punkte. Bei 44100 Punkten pro Sekunde macht das gut 0,007 Sekunden, bei 32000 Punkten pro Sekunde sind das knap 0,01 Sekunden.)

Wenn ich diese Zahlen in mein Tabellenkalkulationsprogramm eintrage und mir als Diagramm anzeigen lasse, sieht man, dass das tatsächlich irgendwie den im Audioprogramm dargestellten Werten entspricht:

audioanalyse3

(Tatsächlich exportiert mein Audioprogramm das 8‑bit-Wav-Format nur als “unsigned”, das heißt ohne Vorzeichen, also zu lesen als Zahlen von 0 bis 255. Für Java musste ich das umrechnen, da Java grundsätzlich mit “signed” Bytes arbeitet, die als Zahlen von ‑128 bis 127 zu lesen sind.)

Schritt 2: Umwandeln der gemessenen Zahlenwerte in Frequenzen

Man kann die Audioaufnahme beschreiben – und speichern – als einen Haufen Messpunkte, kontinuierlich aufeinanderfolgend in regelmäßigen Zeitabständen, so wie oben. Für manche Dinge ist diese Betrachtungsweise aber nicht so praktisch. Die folgende Aufnahme könnte man – statt auf Messpunkte zurückzugreifen – eleganter beschreiben als eine regelmäßige Schwingung.

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Und die folgende Aneinanderreihung von Messpunkten kann man prägnant unter einem anderen Gesichtspunkt beschreiben als: eine regelmäßige Schwingung und gleichzeitg eine von doppelter so großer Frequenz. (Ein Ton und die Oktave darüber.)

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Tatsächlich kann man jede beliebige Sammlung von Punkten als eine Überlagerung von Wellen darstellen. Selbst die komplizierte Sammlung von oben:

audioanalyse2

Tatsächlich lassen sich diese 318 Messpunkte auch darstellen als eine Überlagerung von (höchstens) 318 verschiedenen Schwingungen. Die Umwandlung von n Messpunkten in n Schwingungen, mit relativen Frequenzen von 1 bis n heißt Fourier-Transformation, und davon hört man gelegentlich Mathelehrer Anekdoten aus dem Studium erzählen.

Und weil ich wissen wollte, was es mit dieser Fourier-Transformation auf sich hat, bin ich auf diese Seite gestoßen: An Interactive Guide To The Fourier Transform.

Genial erklärt, jedenfalls für einen Laien wie mich. Hilfreich sind auch zwei hervorragende Werkzeuge zum Verständnis, eines erst im Anhang. Bei dem ersten kann man einfach eine Reihe von Messpunkten eingeben, egal welche, und das Programm spuckt die entsprechenden Schwingungen aus. (Und umgekehrt auch.) Die drei Punkte 1, 0, 2 trifft man mit der Kombinationen aus folgenden Wellen:

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Quellcode, basierend hierauf. MIT License. Blogeintrag dazu.

Um wirklich schön damit zu spielen, muss man den verlinkten Beitrag lesen.
Beim anderen Programm sieht man gut, was Kreise und Schwingungen und überlagerte Schwingungen miteinander zu tun haben.

Außerdem habe ich mir auf der Seite gleich noch den Sinus erklären lassen und die Eulersche Zahl. Erhellend!

3. Wie es bei dem ursprünglichen Projekt weiter geht

Die gespeicherten Bytes (die Messpunkte) werden umgewandelt in Schwingungen. Das geht so: Man nimmt einen Packen Bytes, zum Beispiel 2048. Diesen Packen wandelt man um in 2048 Schwingungen, eine mit Frequenz 1, eine mit Frequenz 2, eine mit Frequenz 3 und so weiter. Zu jeder Frequenz gehört eine Amplitude (wie laut, also die vertikale Komponente) und die Phase. Wenn man den verlinkten Blogeintrag gelesen hat, ist das kein Problem mit der Phase – das ist die Verschiebung der Welle nach rechts oder links, was wichtig dafür ist, welche Wellen sich mit welchen anderen aufheben oder hochschaukeln. Jede Schwingung wird gespeichert als komplexe Zahl (auch die kann man sich schön erklären lassen). Wo also vorher 2048 Bytes da waren, sind jetzt 2048 komplexe Zahlen, jede für eine eigene Frequenz.

Auf Basis dieser 2048 Frequenzen, jeweils mit mehr oder weniger großer Amplitude, wird dann quasi ein Fingerabdruck der Aufnahme gemacht, der dann später mit einer gespeicherten Kartei solcher Fingerabdrücke verglichen wird. Wie das geht: anderes Thema.

Was ein Beispiel ist

Eine der ersten Unterrichtsstunden, die ich als beginnender Referendar mitansah, war bei meinem Seminarlehrer für Deutsch. Es ging um das, was damals in der 8. Klasse “Begründete Stellungnahme” hieß und eine einfache Form des sachlichen argumentativen Schreibens war. Eine These, drei Argumente, die die These stützten, dazu Einleitung und Schluss. In dieser Stunde ging es konkret darum, wie man ein Argument aufbaut. (Die Dateien damit zählen zu den selbst erstellten Dateien auf meinem Rechner mit dem ältesten Änderungsdatum, März 1996.) Dazu gab es auf einem Arbeitsblatt eine Art vorgefertigte Stoffsammlung, und die Schülerinnen und Schüler mussten herausfinden, was sich als Behauptung eignet, was als Begründung, was als Beispiel.

Eine Folgestunde hielt dann ich in dieser Klasse und machte nach dem gleichen Prinzip weiter. Dazu gab es dieses Arbeitsblatt:

These: “Wir wollen eine Theatergruppe für die Mittelstufe” (Brief an den Schulleiter)

(Unvollständige) Stoffsammlung:

  • man lernt literarische Texte kennen
  • den Eltern würden die Aufführungen auch gefallen
  • Schüler würden lernen, schönes Deutsch zu sprechen
  • Schüler würden lernen, sicher und selbstbewusst aufzutreten
  • es würde uns Spaß machen
  • wir könnten zeigen, was in uns steckt
  • der Deutschunterricht wäre nicht mehr so langweilig
  • wir würden lernen, Verantwortung zu übernehmen
  • unser Selbstwertgefühl würde gesteigert
  • man lernt, mit der Technik umzugehen oder Flugblätter zu entwerfen
  • wer einmal ein Stück aufgeführt hat, vergisst es nicht so leicht wieder
  • Die Eltern wären stolz auf uns
  • Bereicherung des Schullebens

Ideen für:

Einleitung: Theatergruppe der Oberstufe, Aufführung am Donnerstag (28.3.96)

1. Argument: bringt viel für den Deutschunterricht

Überleitung: Doch schließlich lernen wir für das Leben, und nicht für die Schule. Wichtiger scheinen mir deshalb die vielfältigen Vorteile…

2. Argument: bringt viel für Entwicklung unserer Persönlichkeit

Überleitung: Davon haben nicht nur wir etwas, das wünschen sich auch unsere Eltern für uns. Eine Theatergruppe der Mittelstufe stellt eine Bereicherung des Schullebens dar. Unsere Eltern würden sich über die Aufführungen sehr freuen…

3. Argument: Bereicherung des Schullebens, Eltern freuen sich

Schluss: Ich hoffe, Sie von den vielfältigen Vorteilen einer Theatergruppe so dass…

(Redigiert insofern als ich: neue Rechtschreibung verwendet und Unterstreichungen durch andere Art der Hervorhebung ersetzt habe.)

Was mir in der Stoffsammlung ein wenig fehlt, sind noch konkretere Beispiele, die man einbauen kann. Froh bin ich allerdings, dass die Art Beispiel völlig fehlt, die ich immer und immer wieder lese und die von Kollegen auch munter propagiert wird: “Bei meinem Freund an der Nachbarschule gibt es auch eine Theatergruppe, und die sind sehr froh darüber.” Häufig auch als: “Mein Freund war auch mal bei einem Schüleraustausch und seitdem sind seine Noten in Englisch viel besser geworden.”

Ein Beispiel dient meiner Meinung nach in einem Argument dazu, einen Sachverhalt zu illustrieren, damit man besser versteht, was gemeint ist. Nicht ganz klar? Dann nenne ich ein Beispiel: Die Behauptung “bringt viel für den Deutschunterricht” könnte man begründen mit “man setzt sich mit einem Stück auseinander”, zum Beispiel “man überlegt sich genauer, was eine Person im Stück fühlt, wenn man überlegt, ob sie an einer Stelle laut oder leise reden soll.” Noch konkreter ist ein Beispiel, wenn der Name eines möglichen Stücks genannt wird.

Oft sehe ich aber andere Beispiele, die tatsächlich eher ein verkapptes argumentum ad auctoritatem (oder ad verecundiam) sind: Bei meinem Nachbarn hat das auch funktioniert. Meine große Schwester hatte auch Erfolg damit. Nein, nein, dreimal nein.

Hierokles und Philagrios, Philogelos

Warum musste ich “bin ja bald achtavierzg”-Jahre alt werden, bevor ich von diesem Buch erfahren habe? Hintergrund, aus Wikipedia und einem Nachwort zusammengeklaut: Im 4. Jahrhundert nach Chr., vielleichwahrscheinlich, erschien diese auf griechisch verfasste Witze-Sammlung. Sie ist in mehreren Versionen überliefert, keine davon vollständig, und enthält wohl auch älteres Material. Dass es solche Sammlungen gibt, weiß man aus anderen Quellen, aber diese ist die einzige, die überlebt hat. Über die Autoren (eher: Herausgeber, Sammler) weiß man wohl auch nichts, und der Zweck der Sammlung ist nicht ganz klar – vielleicht diente sie als Vorbereitung auf Feste von armen Gästen, von denen erwartet wurde, dass sie zur Unterhaltung beitrugen.

Manche der Witze sind unverständlich, andere nicht besonders witzig. Aber viele haben sich erstaunlich gut gehalten – und viele sind kaum verändert noch heute in ebensolchen Witzesammlungen und im Web zu finden. Es gibt keine Häschenwitze, aber sonst viele vertraute Kategorien: Witze über Studierte und das Äquivalent zu Ostfriesenwitzen.

Hier gibt es die Witze auf altgriechisch, dort eine Auswahl an englischen Übersetzungen. 2008 will man einen Witz als Ursprungsfassung des “Dead Parrot sketch” von Monty Python ausgemacht haben:

Kommt ein Mann zu einem anderen, der ihm einen Sklaven verkauft hat, und beklagt sich, dass der Sklave gestorben sei. Sagt der Verkäufer: “Also bei mir hat er das nie gemacht.” (18)

Mein Favorit ist der hier:

Ein Irrer träumte, er sei in einen Nagel getreten. Nach dem Aufwachen verband er sich den Fuß. Ein anderer Irrer, der das mitkriegte, sagte darauf: “Kein Wunder, dass die Leute denken, wir seien verrückt. Warum ziehst du denn keine Sandalen beim Schlafen an?” (15)

Im Original waren das Studierte, aber es passt viel besser angewendet auf die in meiner Kindheit einst populären Irrenwitze.

Jemand machte sich über einen Mann lustig und sagte, dass er mit dessen Frau schliefe. “Ich muss ja,” antwortete der Mann, aber wieso nimmst du das auf dich?” (263)

Und ein letzter:

Ein Wahrsager stellte ein Horoskop für einen kleinen Jungen auf. “Der wird mal ein Rechtsanwalt,” sagte er, “dann ein Beamter, dann ein Statthalter.” Aber als das Kind starb, beschwerte sich die Mutter beim Astrologen: “Er ist tot, der doch Rechtsanwalt, Beamter und Statthalter werden sollte.” “Bei der Seele des Toten,” antwortete der, “ich schwöre, wenn er nicht gestorben wäre, ware das genau so eingetroffen!” (202)

Die genannten Fasssungen sind meine eher freien Übersetzungen aus dem Englischen, da die deutsche Übersetzung, die ich tatsächlich gelesen habe, wohl noch geschützt sein wird. Insofern sollte man sich, wenn am genauen Wortlaut interessiert ist, eine Ausgabe besorgen – meine habe ich gebraucht für einen Euro gekriegt.

Ich vermute mal, dass Witze ähnlich wie Märchen nicht nur mündlich tradiert werden. Auf ein paar mündliche Generationen folgt wieder eine schriftliche Generation, die den Grundstein für weitere mündliche Weitergabe liefert. Trotzdem finde ich es erstaunlich, wie alt manche unserer Witze schon sind.

Ant-Man (2015)

Vorspann

ant-man_2015Ich weiß, ich höre mich an wie der eine, der mir mal auf einer Party den Unterschied zwischen Techno und Electronic Body Movement erklärt hat, oder wie Bob aus Bob’s Country Bunker, bei dem es großzügig beides gibt: Country und Western – aber auch bei Superheldenfilmen gibt es Unterschiede.

Sind die Filme düster und die Namen der Superhelden zusammengeschrieben (Superman, Batman), basiert der Film auf Comics des Verlags DC. Über die reden wir gar nicht, obwohl die sicher auch ihren Platz irgendwo haben mögen. Und dann gibt es die Filme, bei denen die Superhelden einen Bindestrich haben oder mit einem Leerzeichen geschrieben werden: Spider-Man, Ant-Man, Iron Man, Captain America, X‑Men. (Thor und Hulk fallen wegen Kürze heraus.) Diese Filme basieren auf Comics des Verlags Marvel. Das sind historisch die Guten, jedenfalls von den 1960ern bis vielleicht Ende der 1980er Jahre, danach verschwimmen die Unterschiede. Allerdings werden die Filme von drei verschiedenen Gruppen produziert, obwohl natürlich auf allen “Marvel” steht: Die Rechte für Spider-Man liegen bei Sony, und nach einem guten Anfang sind die letzten Filme enttäuschend. Die Rechte für X‑Men und Fantastic Four liegen bei Fox, und während die X‑Men-Filme ganz okay sind und man Fox dankbar dafür sein muss, dass sie die Superhelden-Welle damit losgetreten haben (und Sony dafür, ihren ersten Höhepunkt produziert zu haben), sind die Fantastic-Four-Filme durch die Bank …unbeliebt. (Hier eine Reihe Verrisse des aktuellen.)

Und dann gibt es die von Marvel (inzwischen zu Disney gehörend) selbst produzierten Filme: Das sind die guten Filme. Das fing 2008 an mit Iron Man (Blogeintrag) und hat noch nicht aufgehört. Der letzte Film aus diesem Haus ist nun eben Ant-Man.

Kurzfassung: Hat mir gut gefallen.

Das Eigentliche zum Film

Der Film ist eine Nummer kleiner als die letzten Riesenschlachten aus dem Haus Marvel, und das war überfällig. Ich möchte nicht nur bombastische Superheldenfilme, sondern Superheldenkomödien und Superheldenkrimis. Diesmal geht es letztlich um einen Einbruchdiebstahl bei einem Hi-Tech-Schurken. Vater, Tochter und Quasi-Adoptivsohn planen das ganze in einem zwar sehr gediegenen, aber trotzdem eher hausbackenen Wohnzimmer. Danach stößt ein Unterstützungsteam von drei Assistenten dazu, die nicht gerade den kompetentesten Eindruck machen: das sind übrigens sehr schöne Nebenfiguren. Dass sie sich dann als erstaunlich fähig erweisen: geschenkt, ebenso wie das schnelle Training des Helden, die fehlende – von mir auch nicht vermisste – Erklärung für die Technik der Kommunikation mit Ameisen. Auch sonst war mir nicht immer klar, warum etwas genau so und nicht anders gemacht werden musste, aber das ist halt bei Einbruchdiebstahlsfilmen so.

Pluspunkte:

  • Relativ viel Zeit wird auf das Training mit den Ameisen und dem schrumpfenden Kampfanzug verwendet, mehr als bei den anderen Filmen. Thor haut mit dem Hammer drauf, Captain America wirft ein Schild, Iron Man ist eine Panzerrakete, das bedarf wenig Erklärung. Aber was man für Tricks anwenden kann, wenn man die Größe ändern kann, das erfordert etwas mehr Erklärung, und die kriegen wir auch.
  • Im Zusammenhang damit macht auch zum ersten Mal 3D tatsächlich für mich Sinn. Es gibt oft etwas Ameisengroßes zentral im Bild vor reichlich Hintergrund. Da kommt das 3D gut.
  • Im Original ansehen: Da gibt es ein paar Schwerze mit lippensychronem Off-Erzähler, die in der Übersetzung nicht so gut funktionieren könnten.
  • Das Verhältnis von Held und Schurke ist ähnlich wie in Iron Man: Ein Erfinder erfindet eine Rüstung, gibt sie aber nicht her; sein Freund-Konkurrent stiehlt ihm Firma und baut seine eigene Rüstung. Aber hier ist das besser motiviert, und der Held ist zweigeteilt: Der Erfinder, Hank Pym (Michael Douglas) war in den späten 1980er Jahren aktiv, sein Nachfolger-Konkurrent-Ziehsohn baut die Erfindungen von damals nachb, und der andere Held ist Scott Lang (Paul Rudd), im Kostüm des alten.
  • Humor. Kennt man von Marvel. Der Regisseur Peyton Reed hat mir davor schon bei Down with Love gefallen. Klar kann man sich fragen, was aus dem Film geworden wäre, wenn Edgar Wright bei dem Projekt geblieben wäre – der von Shaun of the Dead und so weiter. Vielleicht noch etwas Besseres, ja.
  • The Quantum realm: Wenn man ganz arg schrumpft, kommt man in einen merkwürdigen Bereich. Es wird gemunkelt, dass Doctor Strange (mit Benedict Cumberbatch) darauf zurückgreifen wird. Das sah zwar nicht unbedingt nach den gezeichneten magischen Welten von Steve Ditko aus (der Doctor Strange gezeichnet hat), sondern eher nach einem Kosmos von Jacky Kirby – wo sich die Fantastischen Vier üblicherweise herumtreiben. Mal schauen, ob noch etwas daraus wird.

Minuspunkte:

  • Sollen wir tatsächlich einmal wegen einer toten Ameise eine Träne vergießen? Die Szene ist dankenswert sehr kurz, aber dann hätte man sie bitte gleich weglassen können – oder das Verhältnis Mensch-Ameise genauer untersuchen sollen.
  • Die Frauenrollen. Eher: Rolle. Es gibt von einem Gastauftritt abgesehen nur eine. Die (Evangeline Lilly) ist an sich eine sehr gute Figur. Aber auch sie muss am Schluss den Helden küssen. Das war mir nicht motiviert genug.

Historisches:

  • In den Comics ist der ursprüngliche Ant-Man Hank Pym. Ich kann verstehen, dass sie den nicht als Held genommen haben. Er hat lange keine besondere Identität – aber er war ja auch nicht als Superheld geboren: Januar 1962 erschien eine einzelne Geschichte in Tales to Astonish #27, das damals nichts mit Superhelden am Hut hatte, denn Marvel fing just da an damit, sie wiederzuerwecken. In dieser Geschichte ging es um einen Wissenschaftler, der ein Schrumpfserum an sich testet und mit Mühe und Not aus einem Ameisenhügel entkommt. Geschichten dieser Art, um letztlich austauschbare Wissenschaftler und die Folgen ihrer unbedachten Experimente gab es zuhauf. Aber diesmal war die Figur besonders beliebt und durfte ein paar Monate später noch einmal Abenteuer erleben, diesmal mit einem Kostüm: Ant-Man. (Man bemerke den Bindestrich.) Weil der immer noch eher blass war, bekam er bald eine Partnerin, die Wespe, mit mehr Persönlichkeit.
    Erst später entwickelte Ant-Man/Hank Pyn dann eine Persönlichkeit, oder sogar mehrere davon: Erst wurde er Giant-Man, dann Goliath, dann wurde er in einer psychotischen Phase zum schurkenhaften Yellowjacket.
    Sein Nachfolger, Scott Lang, brachte genug Hintergrund für einen Film mit: Ehemaliger Straftäter, alleinlebend, geliebte kleine Tochter.