Reisen

Die Reiseerinnerungen aus meiner Kindheit spielen in Italien und den USA. Italien, das war Strand, aber das ist schon so lange her, dass ich das vielleicht nur aus Erzählungen weiß. Strandboccia, Plastikstrandschuhe, erste Sonnenbrille. Sicher kann ich mich erst an Italien ein paar Jahre später erinnern: Da habe ich Rumpsteak (und das Wort dafür) kennen und schätzen gelernt, ich durfte nämlich schon früh selbst bestellen. Vor einem Karamellnachtisch wurde ich gewarnt, das könne eine bittere Note haben. Karamellsauce als solche kannte ich von zu Hause nicht. Mochte ich dann sehr gern. Und Forelle. Und einmal H‑Milch, mochte ich nicht.

Zwischendurch gab es auch ein paarmal Frankreich. Da habe ich mich nie so wohl gefühlt wie in Italien etwa, und das Essen war auch nie so gut. Freilich, die Umstände waren auch jeweils anders.

Auf einer Rheinreise übte ich Schwimmen. Im Hotelpool, nicht im Rhein. In Deutschland bestellte ich immer Apfelsaft als Getränk. Cola, Fanta, Spezi nur selten, das schmeckte mir nicht so.

Weit mehr als Italien prägten USA-Aufenthalte meine Erinnerungen. In die USA flog man damals von Luxemburg aus, und mit Island als Zwischenstation. Das Auto stand während der zwei Wochen in Luxemburg am Flughafen. Das war billiger so, muss aber immer noch viel Geld gekostet haben, so mit zwei bis drei Kindern. Ich bin meinen Eltern für diese Reisen sehr dankbar. (Und für die sündhaft teuren Computer, zu denen ich immer Zugang hatte, ebenso.)
Wochen vor einer Amerikareise holte ich den Karton mit den Prospekten der Vorjahre heraus. Landkarten von Disneyworld und Sea World, Informationsbroschüren über Feiertage, Währund (was ein nickel, dime, quarter ist, lernte ich da, two bits erst viel später).

Will alles heißen: Ich war das Fliegen und Reisen einigermaßen gewöhnt. Ich mochte es. Als Schüler interrailte ich für vier Wochen durch Großbritannien (gibt es diese Jugendherbergsstempel noch?), als Student flog ich nach England oder fuhr mit Bekannten oder Unbekannten im Auto. (Es gab da ein schwarzes Brett an der Uni.) Alles easy.

Irgendwann habe ich diese Leichtigkeit im Umgang mit Reisen verloren. Ich breche notorisch-neurotisch früh auf und male mir aus, was alles schiefgehen kann. Und zu Hause habe ich eine lange Liste mit schönen Dingen, die ich machen möchte, und die sich auf Reisen schwer erledigen lassen – Ukulelespielen, Sachen am Computer machen, Kochen. Ich bin nicht mehr so reisewild.

Aber Frau Rau hat gesagt, dass ich raus muss. Etwas erleben, und mich fremden Menschen aussetzen. Sie kann aus beruflichen Gründen in diesen Sommerferien keinen Urlaub nehmen, und ich kann mir vorstellen, dass sie auch mal die Wohnung für sich alleine und mal wieder selber kochen will (habe mich nur knapp zurückhalten können, ihr eine Liste zu machen, was sie wann machen könnte, und was alles eingefroren ist).

Kurz und gut, jetzt sitze ich also in Athen.

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Das mit den Buchstaben klappt schon gut. Am Anfang der Fahrt vom Flughafen in die Innenstadt konnte ich immer nur die ersten zwei Buchstaben auf den vorbeihuschenden Schildern identifizieren, am Ende waren es schon die ersten drei oder vier. Vielleicht ist das Auto auch langsamer gefahren. (Auf den Autokennzeichen habe ich bisher nur lateinische Buchstaben ausgemacht. Verzichten die Griechen auf allein griechische Zeichen, oder habe ich das nur übersehen?)

Street Food: Bisher mager, aber vielleicht war ich in der falschen Gegend. Obst, sehr viel frisch gegrillter Mais, viel gefüllte und ungefüllte Sesamkringel. Ich hoffe noch auf mehr Fleisch.

Die nächsten Tage, wenn ich dazu komme, mehr, auch dazu, wie es mich hierher verschlagen hat.

4 Antworten auf „Reisen“

  1. Ich wünsche dir eine schöne Zeit in Athen und ich freue mich auf deine Berichte, besonders, weil mir Athen bisher immer zu groß erschien und mit dem bösen Wort Smog verknüpft ist.

  2. Kein Smog, überschaubarer Verkehr, die touristische Innenstadt amt Sehenswürdigkeiten ist gar nicht so groß und zu Fuß begehbar. (Aber 4 1/2 Millionen insgesamt.) Wirkt ruhiger als Rom etwa.

  3. Interessanter biographischer Abriss.

    Meine Eltern sind nie verreist, ihre ersten eigenen Erfahrungen von Aufbruch im Krieg scheinen sie da nachhaltigst geprägt zu haben. Ohne Not verließ mein Vater seit seiner Zeit als Soldat an der Front und später im Kriegsgefangenenlager jedenfalls noch nicht mal die Stadtgrenzen, und die erste Reise meiner Mutter nach ihrer Flucht als Jugendliche endete tragisch-grotesk: Nach all den Jahrzehnten überredete meine Schwester sie zu einer Reise nach Mallorca, die sie, damals Mitte 60, wahnsinnig aufregend fand – und prompt bereute, denn während sie fort war, starb unerwartet mein Vater. Für sie ein Beweis, dass das Verlassen der Heimat nur Unglück bringt.

    Meine erste wirkliche Reise (von Klassenfahrten abgesehen) tat ich mit Anfang 30. Mein damaliger Partner reise gerne und ich begleitete ihn. Mich selbst zog es nie in die Ferne, und obwohl es wohl ein eher zweifelhaftes Licht auf die eigene Weltoffenheit wirft, gebe ich es zu: Ich bin ungern fort und ich habe tatsächlich Heimweh. Nicht nach Eisbein, deutscher Sprache & dem ewigen Regen, weiß Gott nicht, aber nach der eigenen Stube. Nicht die Angst vor der Fremde, eher die Angst, dass das, was ich zurücklasse, nicht mehr dasein könnte oder so verändert ist, dass ich es nicht mehr wiedererkenne…schwer zu erklären.
    Ich glaube, da spricht das Flüchtlingkind.

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