Klassen sind verschieden

Ich finde es ein Zeichen von Repekt und Anerkennung des Gegenübers, dass man zugibt, dass Klassen verschieden sind. Es gibt gesprächsbereite und verschlossene, lernwillige und lernunwillige. Kurz sagt man meist: gute Klassen und schlechte Klassen und meint damit die Leistung, die meistens mit dem Lernwillen korrelliert. (Nette Klassen heißen Klassen unabhängig von der Leistung.)

ALs Lehrer lernt man, sich auf die Klasse einzustellen, Methoden, Inhalte und Ziele anzupassen. Allerdings ist es eine Illusion, zu glauben, dass man damit die oben genannten Unterschiede ausgleichen kann. Eine lernwillige Klasse wird (bei weniger Aufwand) mehr lernen als eine lernunwillige (und das bei mehr Aufwand). Wer das leugnet, überschätzt die Rolle der Lehrkraft und leugnet die Individualität von Schülern. “Jedes Kind will lernen” lese ich ab und zu auf Twitter, und ab und zu ist da hoffentlich ein Individualist dabei, der wie bei Brian ruft: “Ich nicht.”

Ich merke das jedes Jahr, wenn ich Klassen parallel unterrichte. Da muss man trotzdem alles anders machen, und trotzdem kommt etwas anderes heraus. Das ist auch in Ordnung. Wenn ich eine Klasse im Folgejahr wieder unterrichte, merke ich ebenfalls, wie sehr sich manche Klassen positiv verändern, wenn nur zwei oder drei störende Schüler nicht mehr da sind. – Das heißt keinesfalls, dass man deshalb störende Schüler gleich aus der Klasse nehmen sollte. Aber all das sind Faktoren, die so viel mehr ausmachen als jeglicher methodischer Zirkus, zu denen ich aber die Diskussionen lese. Smartboards ja oder nein, BYOD, mehr Freiheit oder weniger, diese oder jene Methode – schon recht, aber die Unterschiede, die wirklich eine Rolle spielen, sind andere.

Ansonsten bin ich immer noch sehr müde, das legt sich hoffentlich bald. Immerhin habe ich jetzt alle Schüler und Schülerinnen gesehen, die ich dieses Jahr unterrichte. Kommunikation unter Lehrern läuft gut, reger Austausch (letzte Woche Personalausflug), Wandertag ist wohl auch klar. Die schönsten Schülervorschläge – Escape Room, Krimi-Dinner – gehen für Schülergruppen nicht, das Heldenverlies ist auf der anderen Seite von München und noch ungetestet; hat meine Klasse nicht genug interessiert.

3 Antworten auf „Klassen sind verschieden“

  1. SCNR:
    “Sie, wie jeder andre gesellschaftliche Fortschritt, wird ausführbar nicht durch die gewonnene Einsicht, daß das Dasein der Klassen der Gerechtigkeit, der Gleichheit etc. widerspricht, nicht durch den bloßen Willen, diese Klassen abzuschaffen, sondern durch gewisse neue ökonomische Bedingungen. Die Spaltung der Gesellschaft in eine ausbeutende und eine ausgebeutete, eine herrschende und eine unterdrückte Klasse war die notwendige Folge der früheren geringen Entwicklung der Produktion” (F. Engels, “Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft”)

    Ok, Spaß beiseite. Was ich spannend finde ist der Einfluss einzelner Schüler.
    Ich war damals ein paar Jahre lang (Unterstufe/Mittelstufe) in einer Klasse, die wohl unter den Begriff “lernunwillige” fiel, zumindest in manchen Fächern. Zumindest wurde uns das durch manche der Lehrkräfte so gesagt.
    Auf jeden Fall war es mein Eindruck, ich war damals einer der Lernwilligen, auch “Streber” genannt.

    Die Reaktion unserer Lehrerinnen und Lehrer damals war jeweils eine der folgenden Varianten:
    A. Unterricht de facto mit drei bis vier Schülern, der Rest wurde ignoriert soweit möglich
    B. Komplettstillstand, ein vergebliches Warten auf eine nicht vorhandene Klassendisziplin, währenddessen Appelle an selbige, wodurch die Zeit auch irgendwie rumging.
    C. Gegengewalt, also ordentlich Strafarbeiten und Nachsitzen für alle Störer, oder auch die ganze Klasse. Oft mit viel Geschrei verbunden und eher peinlich. Vergrätzte die restlichen Lernwilligen.

    Variante A war die einzige, bei der wenigstens ein paar Schüler gut wegkamen. Klar, es ist ein furchtbares Dilemma. Man will ja dass alle was lernen, aber gegen den Willen ist es schwer.

    Heutztage kommt (je nach Schule) dann auch noch dazu dass man zwischen den Lernunwilligen Schülern und denen die einfach nicht mitkommen, z.B. sprachlich, trennen muss. Stichwort Kinder mit Migrationshintergrund oder aus bildungsfernen Familien (auch ein furchtbares Wort).

    Da würde mich z.B. auch die Meinung von Hauptschulblues sehr interessieren, da gibt es ja sicher schulartbedingte Unterschiede.

    Bekommt man als Lehrer da eigentlich vom Ministerium oder so eine Art “Musterlösungskatalog” für solche Situationen, oder ist das jeder Lehrkraft persönlich überlassen, basierend auf der Lehre aus dem Studium oder Erfahrungen danach?

    Gruß
    Aginor

  2. @Musterlösungskatalog aus dem Ministerium ‘oder so’: ein überraschender Vorschlag, diesen Katalog würde ich mit Neugier sichten. Schlimmer als wenigstens unterhaltsam könnte der nicht ausfallen. Vielvielmehr aber wäre ich auf die Diskussion in Lehrerkreisen über dieses Angebot gespannt ;-)

  3. Anders als bei vielen Themen hat das Ministerium hierzu nicht nur nicht viel zu sagen, es sagt auch tatsächlich nichts. Das Gesetz gibt den rechtlichen Rahmen vor, das Kultusministerium beziehungsweise die Ebene darunter klärt noch ein paar Details. Alles andere bleibt den Lehrer und Schulen überlassen, und das ist sicher richtig so.

    Es hilft grundsätzlich, wenn es in Schulen Absrpachen gibt, an die sich alle Lehrer halten, sie also an einem Strang ziehen. Das betrifft vor allem die Hausordnung, also was man wo darf und was nicht und wie die Pausen zu regeln sind und so weiter.

    Anstrengende Klassen: Ich höre immer nur von Klassen, die überzeugt sind, dass sie selber ganz schlimm sind, auch wenn sie wirklich voll in Ordnung sind. So richtig böse Klassen habe ich ohnehin nicht erlebt. Ich würde Klassen jedenfalls nie sagen, dass sie anstrengend sind – die meisten Schüler wollen ja gar nicht anstrengend sein.

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