Projekttage 2017

Filmvorführung

Zum Sinn und Unsinn dieser Projekttage habe ich einen anderen Blogeintrag angefangen, der aber noch nicht fertig ist. Vorab ein paar Bilder von den zwei Projekttagen in der letzten Schulwoche.

Die Tage waren eine Art Schwundstufe des Konzepts “Schule als Staat”, es gab eine eigene Währung, daher musste man erst in der Bank Euro in Schulgeld umtauschen:

Bank zum Umtausch

Dafür konnte man dann vor allem essen, hier werden Döner zubereitet:

Dönerzubereitung

Allerdings gab es auch Kultur. Einer der Höhepunkte war für mich das Kino einer 7. Klasse, mit vier selbst gedrehten Kurzfilmen, abwechselnd im Programm:

Filmvorführung

Mehrfach gab es Quizshows, jeweils eine Schülerin oder ein Schüler gegen Lehrer oder Lehrerin, vor Publikum. Ich schlug mich mäßig, woher soll ich denn wissen, wo die Donau überall fließt. Immerhin konnte ich eine Sportfrage beantworten. Fies waren die Fragen zur Schule, weil sich die Veranstalter die Schilder durchgelesen hatten (Höchstbelegungszahl für die Aula), und wer tut das schon?

Quizshow

Die verschiedenen Unternehmen durften nicht selber Werbung platzieren, sondern mussten sich an die Werbeagentur wenden:

Reklame von Werbeagentur

Bei Streifällen gab es ein Gericht, und Anwälte dann eben auch:

Reklameschild für Anwälte

Eine Klasse verkaufte und verteilte Rosen-Botschaften, mit Briefchen und Süßigkeit:

Rosenverkauf

Eine andere Gruppe machte sich die Essensprojekte zunutze, indem sie einen Lieferservice anbot, der vor allem von den Lehrern im Lehrerzimmer genutzt wurde:

Reklame LieferRasso

Auch für die Müllentsorgung gab es Spezialisten:

Hinweisschild Müllentsorger

Während all dessen fand die Latinumsprüfung für externe Kandidaten statt. So einer war ich auch mal, im Studium als ich für Englisch oder Deutsch oder beides das Latinum nachholen musste. Die Prüfer, hört man, freuten sich über vorbereitete und motivierte Teilnehmer:

Hinweisschild Latinumsprüfung

In der Lehrer-Lounge hatte ich mir während einer Nackenmassage die Nägel machen lassen:

Herr Rau mit lackierten Nägeln

Fazit: Schöne Projekte im Rahmen dessen, was so üblich und am Schuljahresende machbar ist. Natürlich keine Projektarbeit im ursprünglichen Sinn. Vor allem die Unterstufe strengte sich sehr an; die oberen Jahrgangsstufen waren als Organisationassistenten oder Gerichtsbarkeit eingeteilt. Insgesamt hat mir vor allem das gefallen, was Dienstleistung war (auch: Autoreinigung, Fahrradreinigung), über das Essen habe ich mich gefreut, und ein wenig davon braucht es auch, aber nicht zu viel.

Computer: Kurze Umfrage in der Unterstufe

Diagramm zu Computer-Affinität

Diagramm zu Computer-Affinität

In Zukunft möchte ich das am Anfang und am Ende jeden Jahres machen: Wie fit fühlen sich die Schülerinnen und Schüler im Umgang mit dem Computer; wie fit wollen sie sich eigentlich damit fühlen?

Rot sind die Jungen, schwarz die Mädchen, übrigens. Nicht alle SuS waren da; inbesondere zwei sehr computeraffine Schülerinnen fehlten. Wer’s nicht lesen kann: Die horizontale Achse gibt an, wie gut man mit dem Computer ist, die vertikale, wie viel einem überhaupt daran liegt. Es fällt auf, dass die Jungs im Quadranten recht oben sind, die Mädchen nicht. Kümmern müssen wir uns vor allem um die Mädchen im Quadranten links oben, die würden nämlich gerne mehr können.

Dass sich Jungen zumindest in Mathematik über- und Mädchen unterschätzen, da gibt es Studien; für Informatik mag das ähnlich gelten.

Bunter Tag Hilfsausdruck

Ein großer Stapel Rechnerkram

Erst eine zusätzliche Stunde in der siebten Klasse, Informatik, letzte Stunde. Zum Abschluss der Algorithmik setzte ich einen Großteil der Schülerinnen und Schüler vor Lightbot.. Das sanfte Gedudel der Hintergrundmusik vom Lehrerrechner erzeugte eine angenehme Atmosphäre.

Ein paar Schüler setzte ich vor meinen Surface-Minilaptop, damit die dort Human Resource Machine spielten:

Screenshot des Spiels

Das ist ein Spiel um ein kleines Männchen in einer großen Firma, das dort von einem Laufband Zeichen entgegennimmt, verarbeitet und das Ergebnis auf ein Ausgabeband legt. Die Befehle zum Steuern des Männchens erinnern sehr an Assembler-Befehle, mit denen ein Prozessor programmiert wird, und das Männchen selber ist eigentlich auch nur der Akkumulator, ein spezielles Register in einem Prozessor, also eine Stelle, wo sich der Computer etwas merkt, und zu der er etwas hinzuzählen kann, und so weiter. Ein schönes kleines Spiel.

Die Schüler spielten sich souverän durch die Level, nutzten sofort den Touchscreen (also ich nehme immer noch das Touchpad, aber ich bin auch alt). Wenn die Rückmeldung kam, dass der Level zwar gelöst sei, aber noch nicht in optimaler Laufzeit, ließ das die Schüler kalt – “Hauptsache es funktioniert”. Das mit der Optimierung kommt vielleicht später mal. Ich weiß nicht, wie ich in dem Alter war, heute muss ich erst einen Level perfektionieren, bevor ich zum nächsten gehe.

– Für die nächste Doppelstunde kam eine Praktikantin von der Uni, im Zusammenhang mit dem Seminar einer Kollegin, die dann auch für mich in der Stunde war. Kaffeepause. Dann Unterricht, und statt Mittagspause eine allerletzte mündliche Abiturprüfung. (Ja, wegen Erkrankung und Nachtermin und so kann sich das alles ganz schön nach hinten verschieben.)

– Und danach Klassenkonferenzen, in denen die Lehrer einer Klasse über die Zeugnisnoten abstimmen und Vorschläge für die Gesamt-Lehrerkonferenz vorzubereiten, was Vorrückungserlaubnis und so weiter betrifft.

– Ja, und danach fuhr ich noch zu Intel, wo ein paar Schüler eine Führung durch das Rechnerzentrum in München organisiert hatten, so richtig mit Serverschränken und Routern und Kabeln und viel, viel mehr Hardware, als ich je verstehen werde. Auf dem Campus traf ich zufällig einen meiner Brüder, der bei der Konkurrenz arbeitet. Aber hauptsächlich waren wir dort, um für die Schule eine Hardwarespende an ausgedientem Rechnermaterial abzuholen – letztlich war ich deshalb mit dabei, weil eine Schul-Unterschrift nötig war.

Ein großer Stapel Rechnerkram

Das war jetzt erst einmal doch eine Menge Hardware – eingerichtet wird damit ein, uh, “kleines Netzwerk” in einem Rechner-Versuchslabor, das hat also nichts mit dem regulären Computerraum. Aerb wir haben einen Werk- und Bastelraum an der Schule, auch mit 3‑D-Drucker, und der soll jetzt zum Computerbastelen dienen, und mal sehen, wie es dann weitergeht.

Nachtrag – so sieht der Werk- und Bastelraum übrigens aus:

Werkraum an Schule

Altruismus in Pokémon Go

Pokemon Go Eier 5 bkm

Manchmal verteile ich beim Spazierengehen eine Runde Pokémon-Beeren an fremde Pokémon. Und das kommt so:

Es gibt bei Pokémon Go an verschiedenen Orten Arenen, in die man eines seiner eigenen Pokémon setzen kann – vorausgesetzt, einer der sechs Plätze in der Arena ist noch frei und man hat nicht schon ein anderes Pokémon in dieser Arena, und vor allem: vorausgesetzt, die Arena gehört zum eigenen Team. Es gibt drei Teams: Blau (Yay!), Rot (Buh!) und Gelb. Notfalls muss man die von einem anderen Team besetzte Arena erst erobern, indem man alle Pokémon darin (mehrfach) besiegt und dadurch nach Hause schickt.

Seit ein paar Wochen gibt es neue Spielregeln. Jetzt ist es so: Je länger ein Pokémon in einer Arena sitzt, desto leichter kann man es besiegen, weil es mit der Zeit müde wird. Man kann es aber aufpäppeln, indem man ihm eine Pokémonbeere zuwirft. Das geht nur, wenn man selber in der Nähe der Arena steht. Allerdings muss man das nicht selber machen, jeder Spieler, der dem gleichen Team angehört, kann das tun.

Ich habe nicht viele Pokémon in Arenen sitzen, weil ich nicht sehr intensiv spiele. Zur Zeit hält sich aber eines meiner Pokémon schon überraschend lange in einer recht zentral gelegenen Arena, obwohl ich da nicht oft vorbeischaue. Ich kann mir das nur so erklären, dass Passanten regelmäßig Beeren an meines und die anderen Pokémon meines Teams verfüttern.

(Zum Vergleich: Wenn ich ein Pokémon in die Arena im Pausenhof meiner Schule setze, ist das nach ein paar Stunden herausgekickt und die Arena wieder im Besitz eines anderen Teams. Und das teilweise mitten während der Unterrichtszeit! Schulfremde Personen, bestimmt.)

Also mache ich das auch so. Wenn ich an einer Arena vorbeikomme, die zu meinem Team gehört, dann schaue ich nach, ob da Platz für eines von meinen ist, und außerdem schaue ich, ob ich den Pokémon dort eine Beere spendiere. Für mich als Spieler ist das unmittelbar erst einmal ein Nachteil. (Na gut, das ist ein wenig geschönt: Man hat immer genug Beeren übrig. Aber das Beerenspenden ist trotzdem Aufwand. Aber noch mehr na gut, man kriegt auch eine Medaille fürs fleißige Beerenspenden.)

So ähnlich funktioniert das auch mit dem iterierten Gefangenendilemma (recht alter Blogeintrag dazu), einem Musterfall aus der Spieltheorie: Zwei Spieler entscheiden sich unabhängig voneinander für oder gegen Kooperation; am meisten Vorteile hat man dabei, wenn man als einziger nicht kooperiert (selbstsüchtig agiert), am dümmsten ist es für alle, wenn keiner kooperiert. Bei Pokémon Go hoffe ich, dass Spieler aus meinem Team mein Pokémon füttern, obwohl es ihnen nicht unmittelbar etwas bringt; und ich füttere fremde Pokémon, auch wenn es mir nicht unmittelbar etwas bringt. Das Team, das besser auf diese Art kooperiert, hat einen evolutionären Vorteil.

Ich spiele nicht viele Spiele; vielleicht gibt es noch mehr, die Kooperation unter Fremden ohne unmittelbaren Austausch fördern? Dem Bettler in der Straße habe ich dann auch Geld gegeben, weil ich mich schäbig fühle, nur meine Pokémons zu unterstützen. (Würde ich das noch öfter tun, wenn ich Badges dafür kriegte, virtuelle Medaillen? Ab hier will ich nicht mehr weiter denken; wahrscheinlich ist es ja ohnehin nur Zufall, dass mit meinen Pokémon, und ohnehin ein sehr geringer Effekt. Dann ist das hier alles wohl Unsinn.)

Wilde Woche, weiterhin (und Thomas Pynchon, Lot 49)

Bogenschützen beim Schießen

Montag

Nachmittags Fachsitzung Englisch, Informationen zum LehrplanPLUS. Fazit: Für Englisch keine Änderungen, das Fach war eh schon kompetenzorientiert. Es gilt weiterhin der SBR (spezielle bayerische Referenzrahmen für Sprachen), der an den GER (gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen) angelehnt ist, aber zusätzliche Stufen kennt – hier der Blogeintrag zur Faustregel, anhand derer man sich merken kann, in welchen Jahrgangsstufen A1, A1+, A2, A2+ und so weiter erreicht sein sollen.

Englischunterricht scheint mir inzwischen weitgehend reduziert zu sein auf ein: Englisch verstehen und sprechen und lesen können. Vielleicht ist das auch okay. In meiner Studienzeit wurde in der Fachdidaktik thematisiert, warum am Gymnasium der Englischunterricht traditionell mehr war als ein einfacher Sprachkurs – ob das Standesdünkel war oder Bildungsanspruch, ist eine andere Frage. Deswegen Shakespeare, Elisabethanisches Weltbild, beides noch drin im Lehrplan, ja. Aber die Zeiten, als ich im Leistungskurs Zeit für den Great Vowel Shift hatte, sind vorbei.

Dienstag

Den ganzen Tag in Feucht bei Nürnberg gewesen als Begleiter unseres Schulteams zu den Bayerischen Schulmeisterschaften im Bogenschießen, so wie letztes Jahr.

Bogenschützen beim Schießen

Wunderschönes Wetter. Ansonsten siehe letztes Jahr.

Mittwoch

Nach dem Unterricht Treffen einer der Schulentwicklungsgruppen, mal sehen, ob dieses Schuljahr noch etwas geht, ansonsten nächstes Jahr. Danach wie jeden Mittwoch die Vorlesung Informatik; leider fährt die Straßenbahn zur Zeit nicht von meinem Wohnort aus durch, so dass ich doch lieber die – schnellere – U‑Bahn/Bus-Kombination nehme. Mir entgehen dabei halt die vielen Pokestops, die ich sonst bei der gemächlichen Straßenbahnfahrt mitnehmen kann. Thema der Vorlesung diesmal. Informatik udn Gender.

Donnerstag

Titelbild Thomas Pynchon: The Crying of Lot 49Abends Treffen der Leserunde bei Frau Rau und mir. Es gab kalten Wurst- und ebensolchen Zucchinisalat, beides ausgesprochen lecker, dazu Käseplatte. Das Buch, das wir diesmal gelesen hatten, war The Crying of Lot 49 von Thomas Pynchon. Leider war ich der einzige, der viel über das Buch reden wollte. Ich hatte es schon vor fünfundzwanzig Jahren im Regal stehen, zusammen mit Gravity’s Rainbow, und war bei beiden Büchern nie weit gekommen.

The Crying of Lot 49 erschien 1965 und ist ein waschechter postmoderner Roman; ich hatte nicht gewusst, dass das schon so früh losging mit der Postmoderne. The Shaodw wird zitiert auf den ersten Seiten, Perry Mason, Fu Manchu, Bonanza, “Road Runner in blank verse” heißt es zu irgendeinem Thema, und das ist ja die Postmoderne. Stilistisch und sprachlich konnte ich dem Buch wenig abgewinnen, ausgenommen vielleicht das eingebaute und großzügig zitierte (fiktive) elisabethanische Drama, alles in Blankvers. Inhaltlich ist das Buch schon eher mein Ding: Paranoia, Geheimgesellschaften, Weltverschwörungen; die Welt bricht um die – allerdings gar nicht so bürgerliche – Hauptperson zusammen. Das Buch ähnelt darin dem zuvor gelesenen Philip K. Dick, Time Out of Joint. Und das wiederum hatte Gemeinsamkeiten mit Gravity’s Rainbow, aber die sah vielleicht nur ich. Geschichte und Fiktion werden gemischt, reale Geheimgesellschaften treffen sich mit erfundenen. Und das ist interessant einmal wegen der vielen Verschwörungstheorien der letzten sechzehn Jahre – Kondensstreifen und Identitäre Bewegung und all die ganzen Spinner. Hintergrund des Pynchon-Buchs ist die Kommunistenhatz der 1950er Jahre, die von der Regierung angeordnete Fluoridisierung des Trinkwassers, die schon in Dr. Strangelove als Anlass für Verschwörungstheorien herhalten muss. Eine Auswirkung all dessen, vielleicht von Pynchon beeinflussst, vielleicht nicht, aber auffallend ähnlich, ist die berühmte Illuminatus!-Trilogie von Robert Shea und Robert Anton Wilson, 1975 erschienen. Ähnlich wie Pynchon, aber deutlicher, ist das eine Parodie auf all das.

Verwandte Blogeinträge dazu:

- Als ich bei Twitter etwas über Pynchon twitterte, wurde das gleich von einem Pynchon-Kanal geliked, der das Stichwort wohl abonniert hatte. Über den Kanal stieß ich zu einem Alternative Reality Game zu The Crying of Lot 49, das zur Zeit in Shoreham bei Brighton, meiner englischen Urlaubsgegend, gespielt wird.

Freitag

Seit 2009 bin ich regelmäßig Anfang Juli am Tag der Informatiklehrer und ‑lehrerinnen an der LMU München. Fünf Jahre lang als Mitorganisator, dieses Jahr nur mehr als Workshopleiter – ich stellte mein Storyworld-Projekt vor (Blogeintrag dazu).

Der Eröffnungsvortrag war von irgendwem über Calliope, einen gerade viel diskutierten Mikrocontroller, entwickelt für die Grundschule. Der “irgendwer” als Vortragender erzählte dann von seiner kleinen Tochter, einem großen Merkel-Fan, und da dachte ich mir: das kennst du doch irgendwer. Kurze Recherche bei Twitter: der Vortragende war niemand anderes als der Herr Holadiho, mir seit vielen Jahren über Blog und Twitter ein Begriff. Aber wer merkt sich denn schon, dass die Leute echte Namen haben, in diesem Fall “Stephan Noller”? Über Frau Rau, auf Twitter und in Blogs aktiver als ich, kriegte ich immer wieder mal etwas von @holadiho mit. Die Anekdote mit der Tochter, die Merkel so schätzt, war allerdings eine Fehlerinnerung: Eine andere Blog-/Twitter-/Re:publica-Bekannte von Frau Rau war es, deren kleiner Sohn so ein großer Merkel-Fan ist.

Calliope: Sah übrigens sehr, sehr fein aus.

Jetzt Feierabend. Am Wochenende Korrekturen.

Konzentriertes Arbeiten im Klassenzimmer

In einer Klasse musste ich neulich Aufsicht führen für eine Lehrkraft, die absehbar verhindert war und deshalb einen Arbeitsauftrag in Form eines umfangreichen Arbeitsblattes hinterlassen hatte. Theoretisch ist es so, dass man in solchen Fällen Aufträge hinterlassen soll; tatsächlich funktioniert das nur so mittel – die Kollegen, mich eingeschlossen, sind da nicht diszipliniert genug, und nicht alle Schülerinnen und Schüler sind es gewohnt, allein zu arbeiten.

Diese Klasse war es jedenfalls nicht gewohnt.

Also habe ich – erst einmal mit einer anderen Klasse, aus organisatorischen Gründen – etwas ausprobiert: Jede Schülerin, jeder Schüler musste sich etwas mitnehmen, um sich vierzig Minuten lang zu beschäftigen. Weitere Regeln: Kein Musikhören, Videoschauen, Computerspielen; kein Basteln, kein Stricken, keine Kreuzwort‑, Sudoku- oder Logikrätsel. Keine Mandalas ausmalen. Vokabeln lernen: Ja. Hausaufgaben: Auch möglich. Möglich: Zeitschriften, Zeitungen, Bücher lesen. Verboten: Mit Nachbarn kommunizieren.

Zwei Schüler hatten Laptops dabei (Unterrichtsstunde vorbereiten, Programmieren), zwei Handys (jeweils mit Buch zum Lesen). Die meisten anderen hatten Bücher (Romane). Zwei oder drei lernten Vokabeln/aus einem Schulbuch; einer las Zeitschriften (zwei andere waren bald von Zeitschriften zu Romanen gewechselt). Alle beschäftigten sich vierzig Minuten allein, wortlos. Als dann die Glocke läutete und ich die regelmäßige kurze Pause ankündigte (Toilettengang, Beine vertreten), fühlte ich mich, als müsste ich alle erst behutsam in die Schulwelt zurückholen, wie nach einer Meditationsrunde. Ich redete auch ganz leise. Die Schülerinnen und Schüler blieben ebenfalls ganz leise, egal ob sie aufstanden oder weiterlasen; danach sprachen wir kurz über die Erfahrung. (Tenor: Viel konzentrierter als in einer normalen Stunden; nur zwei waren ermüdet.) Auf Wunsch der Klasse wurde der Rest der Doppelstunde dann weiter so gemacht, nachdem ich meine Pläne für die nächste Woche vorgestellt hatte. Leider störte Musik von draußen am Ende etwas, jedenfalls mich.

Fazit: Zumindest diese Klasse kann 40 Minuten konzentriert arbeiten, wenn die Arbeit Lesen ist, und wenn sie sich die Arbeit selber aussuchen können.

Die Eskalationsstufe nächste Woche, in Absprache mit der Klasse: Wieder 40 Minuten konzentrierte intellektuelle Einzelarbeit; diesmal muss es aber fachbezogen sein – Englisch, Physik, Deutsch. Es muss aber kein Schulbuch sein. Ein englischer Roman, ein populäres Physikbuch reicht.

Die Woche danach, wenn das bunte Schuljahresendtreiben das noch zulässt: Es muss etwas mit dem Fach Deutsch zu tun haben. Reines Romanelesen zählt nicht, es muss irgendetwas Schriftliches entstehen. Aber wieder selbstgewählt.

Und wenn die Schülerinnen und Schüler das auch können, dann werden wir mal schauen, wie das mit Aufgaben geht, die nicht selbstgewählt sind.

Es gibt eine Unterstufenklasse, die ich einmal pro Woche mucksmäuschenstill arbeiten sehe, wenn ich mit dem Treppensteigen den Schultag beginne; die Klassenzimmertüre ist dabei immer offen. Geht also auch da.

Für Jan-Martin Klinge mit seinen Lerntheken sind so etwas alte Hüte. Und auch von der Grundschule höre ich häufig, wie selbstständig die Schüler dort sind, aber das halte ich nicht für einfach übertragbar.