Meinst, sagst was bleds, triffst

By | 13.9.2017

Vor ein paar Monaten habe ich mal auf einen Tweet geantwortet mit einem anderen Tweet, thematisch passend, aber darum geht es nicht:

Und dazu ist Schule ja da: Schöne Erinnerungen zu schaffen!

Der Tweet ist auch geliked worden, nicht oft, aber doch ein paar Mal. Ich weiß nicht, ob allen klar war, dass ich das ironisch gemeint habe. Ich weiß auch nicht, ob ich wollte, dass meine Ironie erkannt wird. Jedenfalls glaube ich nicht, dass es die Aufgabe der Schule sein sollte, dafür zu sorgen, dass Schülerinnen und Schüler schöne Erinnerungen haben.

Ich glaube, dass Kinder und Jugendliche möglichst viele schöne Erinnerungen machen sollten. Ich glaube auch, dass es Aufgabe der Eltern ist, dafür zu sorgen, und der Gesellschaft, Möglichkeiten zu schaffen. In meiner Kindheit war das so. Ich habe viele schöne Erinnerungen, die meisten außerhalb der Schule. (Ich bin gerne zur Schule gegangen, aber darum geht es hier nicht.) Wenn es so ist, dass Jugendliche und Kinder heute außerhalb der Schule nicht ausreichend Gelegenheit zu solchen Erinnerungen haben, dann wird es in der Tat Aufgabe der Schule, dafür zu sorgen.

Das mit den schönen Erinnerungen höre ich nämlich öfter mal, wenn es um Exkursionen und Fahrten und Skilager geht. „Schule muss mehr sein als Unterricht“ ist da ein Slogan, dem ich gelegentlich ausgesetzt bin. Wie gesagt, mir selber hat Unterricht gereicht, für den Rest haben meine Eltern oder ich gesorgt.

Ich kenne Lehrkräfte, denen das mit den Erfahrungen wichtig ist, und wenn dafür der Lehrplan nicht erfüllt werden kann, heißt es: Na ja, da kann man doch flexibel sein. Ich bin dagegen ein großer Freund des Lehrplans: Was da drin steht, ist größtenteils wichtig, und spannende Erfahrungen macht man ohne die Schule.

Eine Diskussion darüber, was die Schülerinnen und Schüler wirklich zur Teilnahme an und Gestaltung unserer zukünftigen Gesellschaft befähigt, findet aber noch nicht statt. Da ist weder das mit den schönen Erfahrungen ein sinnvolles Argument noch der Lehrplan.

6 thoughts on “Meinst, sagst was bleds, triffst

  1. Hauptschulblues

    Hauptschulblues stimmt zu, dass der Lehrplan (möglichst) erfüllt werden muss.
    Nichtsdestotrotz ist auch Herzensbildung seit Humboldt in den Präambeln und Lehrplänen festgeschrieben. Und hier ist für viele Kinder und Jugendliche immer mehr die Schule zuständig. Herzensbildung – wenn sie gelingt, dann bleiben schöne Erinnerungen an Schule. H. hat sie heute noch.

  2. Fontanefan

    Familien können ganz Unterschiedliches nicht bieten. In der Nachkriegszeit waren es oft auch nur bescheidene Urlaubsreisen. Heute ist es oft ein Gemeinschaftserlebnis. Leider gar nicht so selten auch ein Mensch, der einen ermutigt und/oder einem Vorbild ist.
    Ulla Hahn berichtet von ihrem Grundschullehrer, der ihr sagte: „Du willst aufs Gymnasium und das passt auch zu dir.“
    Das war freilich mehr als nur ein schönes Erlebnis für Ulla Hahn. Auch Reich-Ranicki eine Lyrikerin weniger gehabt, für die er schwärmen konnte.

  3. Niva

    Ich lebe mit meinem portugiesischen Mann und meinen zwei Söhnen (9 und 13) seit vielen Jahren in Portugal und meine persönliche Erfahrung aus einem „ehemaligen Krisenland“ ist, dass in vielen Familien Mutter und Vater, Grossväter und Grossmütter Vollzeit arbeiten, viele auch am Wochenende und dass insgesamt wenig Zeit für schöne gemeinsame Erlebnisse bleibt. Die Schulen und Kindergärten haben sich weitgehend darauf eingestellt. Sankt Martin, Weihnachten und Ostern usw. werden dort gefeiert, weil den Eltern häufig die Zeit fehlt auch einfach nur gemeinsam einen Kuchen zu backen oder eine Stunde Fahrrad zu fahren.
    Ich denke den Familien (und allen anderen im übrigen auch) sollte wieder, zumindest ein gemeinsames Wochenende eingestanden werden, damit „Herzensbildung“ als erstes in der Familie stattfinden kann.
    Wenn das dann auch noch in der Schule der Fall ist, wären die heutige Kinder und Jugendliche zur Teilnahme an und Gestaltung unserer zukünftigen Gesellschaft bereit.
    Herzlichst aus Portugal, Niva

  4. Herr Rau Post author

    Vielen Dank für die anregenden Gedanken. Herzensbildung: Die ist mir auch ein Anliegen, Hauptschulblues. Das Wort fällt allerdings nie, wenn es um Fahrten und Exkursionen und Skilager geht, ist aber hoffentlich immer mitgemeint.

    Je konkreter das Streitgespräch wäre, Jan-Martin, desto weniger öffentlich könnte es sein. :-)

    Völlig einverstanden, Niva: Wenn es sonst keine schönen Erinnerungen gibt, muss die Schule sie schaffen. (Und: schön sein soll die Schulzeit so oder so, keine Frage.) Danke.

  5. kecks

    ich denke mal, das hängt von der schulform und der klientel ab… wenn die kinder größtenteils aus bildungsfernen familien stammen, in denen immer nur wieder die gleichen miesen alltagserfahrungen zu machen sind, weil die eltern andere probleme haben, als sich um die erfahrungen ihrer kinder zu sorgen/das fehlen derselben wahrzunehmen, dann ist die schule als öffentliche institution durchaus in der pflicht. im förderzentrum kann es wichtig sein, dass man einen ganzen tag lang einfach mal in einen anderen stadtteil fährt und dort die welt entdeckt. oder mal in den wald geht. oder schnecken über wochen beobachtet und wahrnimmt. oder mal was kocht. oder mal erfährt, dass man dissens aushalten und durch gespräche klären kann, statt wütend davonzustürmen oder gleich aggressiv nach vorn zu gehen. oder sonstwas, was diese kinder sonst eher nicht oder ganz sicher nicht erleben würden. erfahrungen sind ganz wichtig, und bildung ist doch nicht nur akademische bildung. steht doch sogar im lehrplan.

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