Feature Creep? Englisch-Schulaufgabe im Wandel der Zeiten: 1979/1980

Beim Stöbern in meinen alten Schulunterlagen habe ich das hier gefunden:

Schulaufgabenangabe, eine Seite

Es handelt sich allem Anschein nach um eine Nachholschulaufgabe (Schulaufgabe: angekündigte große Leistungserhebung) im Fach Englisch, 6. Klasse. Ich vermute, dass sie für einen anderen Schüler oder eine andere Schülerin angelegt wurde, und der Rest der Klasse das Blatt als Übung erhalten hat. Denn erstens hätte ich dieses Blatt zurückgeben müssen, wenn es sich um eine echte benotete Prüfung gehandelt hätte, und zweitens sehen mir die Rotstiftanmerkungen zu sehr nach meiner eigenen Schrift aus; auch der dicke Filzstift wirkt nicht sehr lehrerhaft. (Andererseits sehe ich auch heute bei der Durchsicht von Kollegen-Schulaufgaben gelegentlich solche Filzstifte, und schaudere.)

Ich habe meinen Englischunterricht in guter Erinnerung. Englisch gelernt habe ich auch, obwohl ich nicht weiß, wie viel meine USA-Besuche und meine Lektüre amerikanischer Comics und später Bücher dazu beigetragen haben; mit den Comics fing ich richtig wahrscheinlich erst in der 7. Klasse an. In der 6. Klasse war meine Zeugnisnote zum Halbjahr: 3, zum Schuljahrsende: 2.

Will heißen: Schlecht war der Unterricht nicht. Pattern drill, keine Fotos in den Büchern, nur blaue und rote Farbe bei den Zeichnungen. Und die Schulaufgaben waren eine Seite lang.

Heute hat eine Schulaufgabe in der 6. Klasse vier Seiten.

In der Softwareentwicklung gibt es das Konzept feature creep: Das eigentlich funktionale Programm kriegt noch ein paar Fähigkeiten mehr, und noch ein paar, bis es unübersichtlich und unnötig umständlich und kompliziert wird. Ist da bei den Schulaufgaben etwas Ähnliches geschehen? Man bemüht sich, darin alles abzuprüfen, was die Schülerinnen und Schüler je gelernt haben könnten. Und ja, lobenswert, es ist gerne mal ein Hörverstehensübung dabei und Gelegenheit zu einer gelenkten, aber doch eigenständigen Textproduktion. Aber das viermal im Jahr, jeweils vier Seiten.

Ich würde gerne sagen, dass das eine schleichende Entwicklung ist, aber das sind bestimmt schon seit 20 Jahren vier Seiten. Wann ist denn das passiert? Und warum? Und ist das wirklich sinnvoll – könnte man nicht auch mal auf zwei Seiten prüfen? Einfach – weniger? Was in der Prüfung von damals sicher fehlt, ist mehr oder weniger frei gestalteter Text; der ist heute immer dabei. Das ist auch gut, aber da könnte man das simple past doch gleich mitprüfen statt separat noch einmal eine halbe Seite dazu.

– Darf ich die Schulaufgabe oben überhaupt veröffentlichen, obwohl der Urheber ein anderer Lehrer oder eine andere Lehrerin ist? Aber ja, entnehme ich dem Heft 3 von Schule & wir aus dem Jahr 2016:

Texte und Angaben von schulischen Leistungserhebungen gelten nach der Rechtsprechung nicht als Werke im Sinne des Urheberrechtsgesetzes (vgl §2 UrhG). Daher genießen sie auch keinen Schutz vor Vervielfältigung, Weitergabe oder öffentlicher Zugänglichmachung. Davon ausgenommen sind Angabentexte zentral gestellter schulischer Abschlussprüfungen wie etwa des Abiturs.

(Ich bin allerdings kein Jurist und kann nichts darüber sagen, wie sehr das auch für eine vor vierzig Jahren erstellte Schulaufgabe gilt.)

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5 Thoughts to “Feature Creep? Englisch-Schulaufgabe im Wandel der Zeiten: 1979/1980

  1. Den Begriff „feature creep“ kannte ich noch gar nicht. Wieder etwas gelernt.

    Danke.

  2. Feature Creep und das damit verbundene „Software Peter Principle“ sind ein echtes Problem.
    Interessant, diese Frage auf Klassenarbeiten o.Ä. angewendet zu sehen. Aber im Prinzip verstehe ich es. Pädagogik und ihre Methoden folgen ja auch neuen Erkenntnissen, und ich kann verstehen dass immer mehr davon umgesetzt werden sollen, was Die Anzahl und Diversität der Aufgabenstellungen erhöht. Mit allen damit verbundenen Nebeneffekten.

    Zum ersten mal begegnet ist mir Feature Creep in P&P Rollenspielsystemen (konkret in meinem Fall D&D), damals aufgrund der Tatsache dass neue Features oft ein wenig mächtiger waren als das ältere Material (neue Bücher damit wollte man ja verkaufen) oft auch als „Power Creep“ bezeichnet.

    Mit der Zeit wurde – vor allem für Neueinsteiger, die sich das ganze nicht nach und nach aneignen konnten – das System sehr komplex (zu komplex).
    Das gleiche gibt es auch bei Tabletop-Wargames wie Warhammer. Die derzeit aktuelle Edition (Age of Sigmar, second edition) hat 16 Seiten voll Grundregeln. Ihre Vorgängerversion hatte vier.
    Und das ist schon der Reboot nachdem im Vorgängerspiel „Warhammer Fantasy Battles“ das Grundregelwerk jenseits der 50 Seiten umfasst hat. Vier Seiten umfassten dort alleine schon die Regeln für den Einsatz von fliegenden Einheiten.

    In Software ist das gemeine, dass diese ja i.d.R. nicht zum Spaß geschrieben wird. Man hat zeitliche und monetäre Rahmenbedingungen zu erfüllen. Und so kommt es oft zu laaaange nebenher laufenden Forks oder Parallelprojekten (was hohen Aufwand erzeugt), und selten zu einem wirklich großen Schnitt, allein schon deswegen weil die Mindestvoraussetzungen an eine von Grund auf neu geschriebene Software einen hohen Aufwand bedeuten, bis die erste benutzbare Version dabei herauskommt. Ein Kunde kann nicht auf Support oder Features verzichten, weil die neue von Grund auf überarbeitete Software noch nicht so weit ist. Vor allem wenn die Konkurrenz die gleichen Features schon hat (oder bald haben wird).
    An der alten Software „weiterzuwurschteln“ ist kurzfristig billiger, auch wenn man sich damit einige Probleme einbrockt.

    Zudem ist es schwer, außenstehenden (oft dem Chef, nicht jeder hat das Glück dass sein Chef auch Programmierer ist) zu erklären, warum man nicht einfach noch ein paar Features in die alte Software dazupackt, also warum der Schnitt notwendig ist. So bläht sich die Software immer mehr auf, auch mit Features die ihrer ursprünglichen Funktion oder Struktur widersprechen usw.
    Das ganze wird unverständlich, instabil, langsam, und quasi nicht mehr zu debuggen.
    Ich vergleiche Feature Creep gerne mit einem Bauwerk aus Holzklötzen.
    Wenn man von vorne herein die Struktur entsprechend geplant hat, dann kann man eine schöne Pyramide aus 55 Steinen auf einem Tisch bauen. Wenn man aber schon einen Turm aus 30 gebaut hat, und dort jetzt die 25 daraufsetzen will, und daneben kein Platz ist denn man wollte ja nur einen Turm, dann wird das ganze schnell zu Jenga. Es wird immer wackliger, bis es irgendwann kollabiert.

    Gruß
    Aginor

  3. > Einfach – weniger?

    Viel gravierender als die inzwischen absurde Länge (viel davon sind ja Schreibzeilen) finde ich die Tatsache, dass einige Formate aus deiner Arbeit inzwischen nicht mehr zulässig sind.

    So darf man (wie bei VI.) keine einzelnen Sätze mehr übersetzen lassen. Dadurch fallen mal schnell all die hartnäckigen Interferenzfehler (z.B. Ich LEBE schon seit … in … / I HAVE BEEN LIVING …) unter den Tisch.

    Man darf auch nicht mehr wie bei IV mal schnell in ein paar „isolierten“ Sätzchen Grammatik (wie hier die Stellung von Adverbien) abprüfen. Das darf man (warum auch immer) nur noch in „kontextualisierten“ Aufgaben. Die sind fürchterlich mühsam zu erstellen, also prüfen viele Kollegen/innen Grammatikstoff halt einfach gar nicht mehr.

  4. Danke für die Ausführungen, Aginor. Ich habe DSA nur in der ersten Version gespielt, D&D und AD&D auch nur frühe Versionen, deshalb habe ich das bei Spielregeln nicht mitgekriegt – kann ich mir aber gut vorstellen.

    Vermutlich geht bei Spielen ebenso wie in der Didaktik (und Pädagogik) ebenso darum, das Produkt zu verbessern, wie darum, ein neues Produkt verkaufen zu können.

    Ja, Jochen, das mit dem Kontextualisieren halte ich auch für absurd. Ich habe jetzt seit sechs oder sieben Jahren zum ersten Mal wieder Englisch außerhalb der Oberstufe und bin sehr gespannt, was sich geändert hat und wie ich mich durchmogle. Die erfahreneren Kollegen und Kolleginnen bei uns halten zumeist auch nichts von diesen Regelungen.

    Das bei VI und vielleicht auch IV kann man sogar als zusammenhängenden Text sehen, wenn man will. Überhaupt, mir fällt wohl zu beliebigen drei Sätzen immer noch ein verbindender Kontext ein.

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