Stanley Donen

Am21.2.2019 starb Stanley Donen, einer der ganz großen Regisseure, dessen Name dabei doch wenig bekannt ist.

Singing in the Rain (1952) ist ein schöner und wichtiger Film, und natürlich ein Musical. Bekannt ist On the Town (1949) mit Gene Kelly, Frank Sinatra, Jules Munshin, Ann Miller, Vera-Ellen – an Originalschauplätzen, nämlich in New York, gedreht, was sehr ungewöhnlich war. Der Film ist überschätzt, das Musical von Leonard Bernstein an sich ist ganz hervorragend, aber nur wenige seiner Lieder haben es in den Film geschafft. Meine Lieblingsnummer “Some Other Time”, ist nicht dabei.

In On the Town verbringen drei befreundete, aber unterschiedliche Seeleute einen gemeinsamen Tag in New York auf der Suche nach Touristenattraktionen und Frauen. Nach einem Tag ist aber alles vorbei. Ähnlich, nur viel, viel besser ist Donens Meisterwerk It’s Always Fair Weather: Drei Soldaten verabreden, sich zehn Jahre nach dem Krieg wieder in ihrer Stammkneipe zu treffen, um dem Wirt zu zeigen, dass ihre Freundschaft ewig hält. Zehn Jahre danach halten sie sich mehr oder weniger spontan an diese Abmachung – und haben sich sehr verändert, halten einander für Deppen verschiedener Art und können gar nichts mehr miteinander anfangen. Der eine ist Geschäftsmann mit Magenleiden (Dan Dailey), der andere ein etwas schäbiger Boxmanager (Gene Kelly), der dritte ein Landei (Michael Kidd). Dazu Cyd Charisse. Und Gene Kelly mit einem schönen Lied auf Rollschuhen.

Die Filme Arabesque (Gregory Peck und Sophia Loren) und Charade (Audrey Hepburn und Cary Grant) habe ich als Jugendlicher immer verwechselt. Kunststück, beide sind von Donen. Arabesque mochte ich lieber, aber auch hier ist der andere der bekanntere Film.

Mit all diesen Filmen bin ich aufgewachsen. Dazu Eine Braut für Sieben Brüder. Die Rollschuhnummer kam ab und zu in Elmar Gunsch’ Kabinettstückchen. Damals kamen noch alte Filme im Fernsehen – dreißig, vierzig, fünfzig Jahre alte. Seufz. Vermutlich ist das heute nicht anders, nur dass die dreißig, vierzig, fünfzig Jahre alten Filme für mich halt immer noch neue Filme sind.

Wahrscheinlich hätte ich nichts über Donen geschrieben, wenn ich nicht auf dieses Fundstück hingewiesen worden wäre: Eine Traumsequenz-Szene aus Moonlighting (deutsch: Das Model und der Schnüffler) - laut DVD-Anhang schrieb Billy Joel das Lied dazu tatsächlich angesichts der Serie, und die Serie nahm das Lied dann an und baute eine Musicalnummer dazu, Regie Stanley Donen. Wer mal wieder einen jungen tanzenden Bruce Willis sehen will:

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Stöckchen springen

Schon vor zweieinhalb Jahren gefragt und eben daran erinnert worden. Vielleicht gibt es einen (Fantasy?-)Kontext zu den Fragen, aber versprechen kann ich das nicht. Hier verspätet meine Antworten.

  1. Servus, sprich: aus welcher Welt stammst Du und was zeichnet sie aus? Aus dieser hier. Aus einer Welt, die meine Eltern für mich geschaffen haben, aus einem Amalgamuniversum, das ich mir zusammengesucht habe. Aus der Welt der frühen 1980er Jahre. Es ist auf jeden Fall eine durch Medien vermittelte, also konstruierte Welt. Die unmittelbare Erfahrung war nie so das meine.
  2. Und wer und was bist Du? Die Summe meiner Erfahrungen und ausgelösten Änderungen in der Welt.
  3. Welches Element Deiner Heimatwelt hat Dich am meisten geprägt? Alte Filme mit Fred Astaire und Ginger Rogers, und die frühen Spider-Man-Comics.
  4. Wissen, Erkenntnis oder Mythos? Erkenntnis wird überschätzt, hat keine korrigierene Instanz, sondern nimmt den Erkennenden zu wichtig. Wissen und Mythos sind dagegen beides soziale Konstruktionen; zwischen beiden zu wählen fällt mir deutlich schwerer. Vermutlich Wissen, aber nur knapp.
  5. Was ist der schwierigste Handel, den du in Deinem Leben eingegangen bist? Gibt es eine Entscheidung, die Dich bis heute verfolgt? Eine solche Entscheidung gibt es nicht. Schwierige Handel: Auch da fällt mir keiner ein; ich glaube, ich habe es immer sehr leicht gehabt.
  6. Welche anderen Charaktere verbinden Dich mit der Welt? Wessen Tod würde Dich am meisten erschüttern? Familie. Der Tod von Prominenten, und alte Prominente ohnehin, erschüttert mich nicht, mahnt mich nur ans Vergehen der Zeit und das alles vergänglich ist.
  7. Erzähl mir einen Schwank aus Deiner Jugend! Stattdessen vier Blogeinträge dazu.
  8. Was ist Dein größter Erfolg? Oder: Gibt es etwas, worauf du wirklich stolz bist? Mir fällt nichts ein, auf das ich wirklich stolz bin. Dinge, auf die ich nicht stolz bin, das ja. Größter Erfolg: Auch das nicht. Wenig Ziele, wenig Probleme. Viel leises Vergnügen.
  9. Wovor hast Du am meisten Angst? Ich habe vor sehr vielem ein bisschen Angst. Wenn ich keine habe, suche ich mir etwas, vor dem ich Angst haben kann. Aber viel Angst ist es jeweils nicht. Insgesamt bin ich dann eher furchtlos.
  10. Nur zur Sicherheit: Lebst Du noch und bist dem Tod schon einmal spektakulär von der Schippe gesprungen? Falls nicht: Wie bist Du gestorben? Ja, ich lebe noch, spektakulär war noch nie etwas bei mir. Als Dreijähriger war ich mal im Notarztwagen, keine Luft, Verdacht auf (Pseudo?)krupp, dann aber doch nichts. Und hinter einem Bus bin ich mal vor ein überholendes Auto gerannt, das gab eine leichte Prellung.
  11. Blicke auf Dein Leben zurück und stell Dir vor, es gäbe jemanden, jenseits Deiner Welt, der alle Deine Handlungen bestimmt: Würdest Du sagen, diese Person mache einen guten Job? Was wäre Deine größte Kritik? Ziellosigkeit, falls mein Leben ein Kunstwerk sein sollte. Mein Leben als von jemand anderem bestimmt, also quasi als Computerspiel, wäre ein walking simulator. Anderseits verstehe ich den Reiz von als walking simulator verspotteten Computerspielen durchaus.

Seifen

Seit einiger Zeit haben wir in diesem Haushalt kein Duschgel mehr, sondern waschen uns mit Seife. Die Älteren erinnern sich: So war das früher! Da kam Zahnpasta in Tuben, deren Inhalt man taktisch geschickt ausquetschen musste, um an die zweite Hälfte des Inhalts zu gelangen. (Ein Motiv in launiger Partnerbeziehungscomedy waren Unvereinbarkeiten hinsichtlich des Quetschweise.) Und man wusch sich beim Duschen mit Seife. Erst nach meiner Kindheit tauchten Plastikflaschen mit Duschgel auf. So konnte Otto 1979 noch folgenden Sketch im Fernsehen bringen:

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Ein kurzer Test bei meiner 7. Klasse: Die findet das immer noch witzig, und niemand war verwirrt, warum der komische Mann hier Seife zur Reinigung verwendet statt Duschgel.

Shampoo kam jedoch auch in meiner Kindheit schon in Plastikflaschen. Oder? Ich kann mich jedenfalls nicht an Seife erinnern, aber das muss nichts heißen.

Zu Weihnachten schenkte uns die umweltbewusste Nichte Shampoo in Seifenform. Sieht aus wie Seife, tut man kurz an die Haare, schäumt und fühlt sich an wie Shampoo. Ohne Plastikflasche. Ich weiß noch nicht, wo die Nichte die Shampooseife herhatte, die abgebildete oben ist mit 10 Euro noch deutlich im Muss-man-sich-leisten-können-Bereich. (Hält aber auch lange.)

Nachtrag: Es gibt wohl Haarseife, bei der geraten wird, zwischendrin ab und zu zusätzlich eine saure Spülung vorzunehmen, und festes Shampoo, bei dem man das nicht braucht. Ich habe nur Erfahrung mit dem zweiten.

Datenschutz an der Schule

Sehr neugierig hat meine 7. Klasse ins schräg gegenüberliegende Klassenzimmer der Parallelklasse geschaut, wo der Mathematiklehrer die Notenverteilung der letzten Prüfung an die Tafel geschrieben hatte – die gleiche Prüfung, mit den gleichen Aufgaben, die auch meine Klasse abgelegt hatte. Weil man schon recht gerne die Noten mit der Parallelklasse vergleicht. Es haben nur die Operngläser gefehlt.

Isak Dinesen, Seven Gothic Tales

Diese Sammlung von sieben Geschichten war 1934 die erste Buchveröffentlichung von Isak Dinesen (Karen Blixen, in Deutschland auch Tania Blixen). Die Erstausgabe begann mit einem Vorwort von Dorothy Canfield und diesen Worten:

The person who has set his teeth into a kind of fruit new to him, is
usually as eager as he is unable to tell you how it tastes.

Ich möchte mich dem anschließen und fragen: “War es ein Bär oder ein Russe oder was?” Das ist eine Fragen, die Charles G. Finney seinem kurzen Roman The Circus of Dr Lao im Anhang “Offene Fragen, offene Widersprüche und Unklarheiten” anfügt. Die Frage, was ich da eigentlich gelesen habe, wird mich noch einige Zeit beschäftigen. Eines wurde mir schon im Lauf der ersten Geschichte klar und später immer deutlicher: Diesem Erzähltonfall, diesen erschaffenen Welten (und Geschichten erschaffen stets wackere neue Welten) war ich noch nicht begegnet.

Dabei kam mir der Ton gleichzeitig von Anfang an wundersam vertraut vor. Die erste Geschichte beginnt nicht nur im gemächlichen Novellentonfall des frühen 19. Jahrhunderts, sie bietet auch tatsächlich die ältere typische Form der Novellensammlung mit einer gefährlichen Situation als Rahmenhandlung und Binnenerzählungen der Figuren darin. Ich musste gleich an Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter denken. Auch wenn die Binnenerzählungen bei Dinesen naturgemäß kurz sind: Diesen Erzähltonfall kenne ich nur aus den Novellen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. – Poe wird gelegentlich zum Vergleich mit Dinesen angeführt, pah, schreibt ganz anders. Guy de Maupassant, ebenso. Prosper Merimée, Théophile Gautier: vielleicht, an die kann ich mich nur dunkel erinnern. Geistergeschichten von M.R. James oder Arthur Machen, Wells oder Kipling: Nein, mindestens der letztere erzeugt auch ganz eigene Welten, aber sie schreiben alle moderner, zeitgemäßer. (Le Fanu vielleicht?) Dinesens Geschichten wirken auf mich wie aus der Zeit gefallen, erinnern mich an Motive und Duktus bei Eichendorff und E.T.A. Hoffmann, also die deutsche Romantik hundert Jahre zuvor.

Das allerdings jeweils mit einem Schuss Borges darin. Aber gut, die deutsche Romantik kann auch ziemlich schräg sein: Hoffmann hat “Heimatochare”, eine Briefnovelle über zwei befreundete Naturkundler auf Hawaii, die sich wegen einer Inselschönheit in die Haare kriegen und einander wegen ihr töten. Erst spät stellt sich heraus, dass es um eine Laus geht, die zu einer unentdeckten Art gehört. Chamisso hat den Mann ohne Schatten, Ludwick Tieck das Paar, das die Treppe zu ihrer Dachwohnung verheizt (so wie Phileas Fogg den Zug), von Achim von Arnim werden in einer Geschichte “eine alte Hexe, ein Toter, der sich lebendig stellen musste, eine Schöne aus Tonerde und ein junger Mann, aus einer Wurzel geschnitten” in einer Kutsche versammelt, und von Karl Immermanns Münchhausen fange ich erst gar nicht an.

Blixen/Dinesen war Dänin. Ich weiß nichts über dänische Literatur, ich weiß nicht, welche Wurzeln Blixens Geschichten dort haben. Die auf Englisch geschriebenen Geschichten heißen “gothic tales”; sie enthalten meist übernatürliche Elemente, sind aber nie Geistergeschichten im klassischen Sinn. Schräg sind sie. Die sieben Geschichten hängen nicht zusammen. Aber sie verwirren, und so suchte ich auch zwischen den Geschichten nach Sinn und Zusammenhängen. In der einen taucht eine irritierende Spiegelszene auf, in der anderen gibt es eine ganz ähnliche Szene. Derselbe Spiegel am Ende? Überhaupt, Spiegel tauchen immer wieder auf. Und Don Giovanni, und Elsinore. Totenschädel spielen immer wieder eine kleine Rolle. Die eine Geschichte erwähnt Sklaverei, die nächste beginnt mit einem Sklaven; in der einen hört man von einem, der vor der Hochzeit flieht, in der nächsten gibt es das in anderer Form wieder; in einer wird von einem Affen erzählt, die nächste heißt gleich so. Die Hauptperson in einer Geschichte ist eine Nebenfigur in der folgenden.

Und immer wieder tauchen kleinere oder größere Heresien auf, hier gesammelt, weil ich sie interessant fand:

  • Vor dem Sündenfall war die Erde flach, und der Teufel war es, der die dritte Dimension hinzugefügt hat. Der Apfel war ja auch rund. (“The Deluge at Norderney”)
  • Nicht die Menschheit ist gefallen, sondern Gott: Die heutige Generation im Himmel ist nicht mehr das, was sie mal war; der Gott, der die Sterne, das Meer und die Wüste erschaffen hat, Homer und die Giraffe, der kann nicht derselbe sein, der heute “the King of Belgium, the Poetical School of Schwaben, and the moral ideas of our day” unterstützt. (“The Deluge at Norderney”)
  • Wir lieben das, was Nein zu uns sagt. Die Erde sagt Ja und das Meer sagt Nein, und deshalb lieben wir das Meer, und Gott Nein zu uns sagen zu hören, das ist gut. (“The Supper at Elsinore”)
  • Nachdem man sich nicht vorstellen kann, dass Gott eine Ewigkeit mit dem Kaiser von Österreich und der Schwiegermutter des (aktuellen) Erzählers verbringen will, sind Himmel und Hölle für fiktive Gestalten wie Don Giovanni oder Odysseus oder Don Quixote erschaffen worden – Ziel von Gottes Schöpfung sind die fiktiven Figuren der Literatur; die Menschen sind nur das Mittel zum Zweck. (“The Roads Round Pisa”)
  • Wer Gott liebt, muss Spaß verstehen. (“The Dreamers”)
  • Hat der heilige Petrus die Geschichte mit dem dreifachen Hahnenschrei herumerzählt, oder woher weiß man davon? (“The Poet”)
  • Religionen sind wie ein Schild “Hier Wäscherei”, das man im Fenster eines Ladens sieht, aber der Laden ist ein Trödelladen und verkauft Schilder und wäscht keine Wäsche. Aber das Schild ist Beweis dafür, dass zumindest irgendwer irgendwann an den Sinn des Wäschewaschens geglaubt hat und die Existenz einer Wäschemangel. (“The Poet”)

Zu den einzelnen Geschichten:

The Deluge at Norderney: An der Nordsee gibt es in den 1830er Jahren eine überraschende Sturmflut, vier Flüchtende verbringen eine Nacht im oberen Stock eines einsturzgefährdeten Bauernhauses: Ein alter Kardinal, ein junger Mann, eine feine alte Dame auf Urlaub, ihre Ziehtochter Calypso von Platen (auf der Flucht vor ihres Onkels August Gedichten; kein Scherz). Während unklar ist, ob sie gerettet werden, erzählen sie sich ihre Geschichten. Tatsächlich nimmt die Handlung dann auch einen unerwarteten Verlauf, der Boden des Lesers ist so unsicher wie die Situation der Figuren. Und: Ich musste viel nachschlagen und ein bisschen Französisch herauskramen; ein englisches Publikum hätte mit Norderney, August von Platen, der französischen Revolution vielleicht noch mehr Schwierigkeiten. (Mit: Totenschädel, Spiegel, Marionetten.)

The Old Chevalier: Die konventionellste Geschichte. Aber immer noch mit reichlich Leerstellen. (Mit: Totenschädel, Spiegel, Don Giovanni, Affe. Keine Marionetten, aber Puppen.)

The Monkey: Boris, ein junger Offizier, flieht vor einem Homosexuellen-Skandal zu seiner Tante, Äbtissin eines Klosters, die für ihn schnell eine Braut aussuchen soll. Die heißt Athena, wohnt mit ihrem Vater in Draculas Schloss, und will nicht heiraten. Und es gibt einen Affen. Erinnerte mich an Eichendorff, “Die Entführung”, nur sinistrer, und wenn Athena Boris ins Gesicht schlägt, schlägt sie ein paar Zähne aus. (Mit: Affe, Totenschädel, Spiegel, Don Giovanni, Marionetten.)

The Roads Round Pisa: Graf Augustus, ein junger melancholischer dänischer Adliger, hilft einer alte Dame, die mit ihrer Kutsche verunglückt ist (“The Old Lady’s Story”). In ihrem Auftrag reist er Richtung Pisa und übernachtet in einer Osteria, andere Gäste sind eine junge Frau, als Mann verkleidet (“The Young Lady’s Sorrows”) und ein örtlicher Prinz (“The Story of the Bravo”), dessen ein wenig kryptische Geschichte ein Duell mit einem jungen Mann provoziert, ohne dass recht klar wird, was da eigentlich genau vor sich geht. Auch die Marionettentheater-Aufführung hilft nicht viel, bevor es am Morgen zum Duell und so etwas wie einer Aufklärung kommt. Natürlich hängen sämtliche Binnengeschichten zusammen, und wer die Puzzlesteine richtig zusammenbaut, erfährt, was da eigentlich alles vor sich gegangen ist. Nun bin ich ein wirklich gründlicher Leser, aber auch ich habe erst zwei Tage nach der Lektüre und mit Hilfe eines Kommentars im Web das allerletzte Fragezechne schließen können, dann aber mit einem “Ahh… natürlich!” Man muss übrigens nicht hinter alles kommen wollen; das Rätsel in “The Old Chevalier” hat vermutlich keine greifbare Lösung, und auch das ist in Ordnung. Dinge geschehen, manchmal kann man sie sich erklären, manchmal nicht. (Mit: Elsinore/Dänemark, Spiegel, Don Giovanni, Goethe, Graf Augustus, Marionetten.)

The Supper at Elsinore: Zwei alte Damen treffen sich mit dem Geist ihres geliebten, toten Bruders, der einst kurz vor seiner bevorstehenden Hochzeit verschwunden war. Er erzählt – wieder Binnenerzählungen, aber nur knappe – von seinen Erlebnissen. (Mit: Spiegel, Totenschädel, Elsinore/Dänemark, Sklaverei, Flucht vor der Hochzeit, Schiff, Marionetten.)

The Dreamers: 1863 ist eine Dau im indischen Ozean auf dem Weg nach Sansibar, an Bord befinden sich drei Männer: Aus dem zweijährigen Exil zurück ist Said Ben Ahamed, “der Sohn von Tippo Tips Schwester, und selbst ein Favorit dieses großen Mannes.” Er fährt nach Hause, um Rache zu üben. Viele mächtige Männer in Sansibar würde eiligst ihren Besitz packen und fliehen, wenn sie von seiner Ankunft wüssten. Klingt spannend? Pech gehabt: Mehr erfahren wir nicht über ihn, die Rache, Tippo Tip, seine Schwester. “Von seiner Rache, als sie denn kam, haben andere Erzählungen berichtet.” Ich kenne keine, aber Wikipedia bietet einen Ansatz.

Dann ist da der Geschichtenerzähler Mira Jama, der erklärt, warum er keine Geschichten mehr erzählt: Er hat zu viel erlebt, so viel Böses ist ihm zugestoßen, so viele Geister hat er gesehen, dass er die Dinge zu gut kennt und keine Furcht mehr hat, und damit kann er nicht mehr erzählen. Nur im Traum, da kennt er noch Furcht und freut sich an ihr.

“Well, yes, alas,” said Lincoln, turning around on his side, “what is life, Mira, when you come to think upon it, but a most excellent, accurately set, infinitely complicated machine for turning fat playful puppies into old mangy blind dogs, and proud war horses into skinny nags, and succulent young boys, to whom the world holds great delights and terrors, into old weak men, with running eyes, who drink ground rhino-horn?”
“Oh, Lincoln Forsner,” said the noseless story-teller, “what is man, when you come to think upon him, but a minutely set, ingenious machine for turning, with infinite artfulness, the red wine of Shiraz into urine?”

Und es gibt Lincoln, einen jungen Europärer, der eigentlich eine junge Witwe heiraten soll, aber ausbüchst. Sein Vater schreibt ihm einen wunderbar passiv-aggressiven Brief: Er (der Vater) verzeiht ihm, weil er bei der Beschäftigung mit den Familienarchiven herausgefunden hat, dass es die Familie nur deshalb zu Reichtum und Ansehen gebracht hat, weil es in jeder Generation ein schwarzes Schaf gibt, sozusagen ein Opferlamm. All die Makel und Fehler, die sonst auf die ganze Familie verteilt würden, liegen bei diesem einen Auserwählten, und so gibt der Vater diesem Sohn seinen Segen – er soll so ungehorsam, schwach und sündhaft sein, wie er will, um der Familie das nötige abschreckende Beispiel zu sein. (Worauf der Vater selber die zurückgelassene Braut heiratet.)

In Rom trifft Lincoln Olalla, eine Kurtisane, große Liebesgeschichte, bis ein alter Jude auftaucht, von dem sie behauptet, sie habe ihm ihren Schatten verkauft. Dann ist sie plötzlich verschwunden. Auf der Suche nach Olalla trifft er einen alten und nicht sehr geschätzten Bekannten, Pilot:

If he ever found in himself any original taste at all, he made the most of it. Thus he would go on talking of his preference for one wine over another, as if he meant to impress such a precious finding deeply upon you. A philosopher, about whom I was taught in school and whom you would have liked, Mira, has said: “I think; consequently I am.” In this way did my friend Pilot repeat to himself and to the world: “I prefer Moselle to Rhenish wine; consequently I exist.”

Pilot erzählt seine eigene Geschichte, nämlich wie er in Luzern in eine Putzmacherin verliebt war und durch sie in Revolutionswirren geriet und den Bischof von St. Gallen erschoss. Die Geliebte verschwindet spurlos, ein alter Jude erscheint. (Lincoln horcht auf; seine eigene Geschichte kennen seine Gegenüber noch nicht.) – Der Begleiter dieses Bekannten, Baron Guildenstern, erzählt nun wiederum seine Geschichte: Unter alten geflüchteten Aristokraten weilend warb er einst um eine nicht ganz so alte Dame, zurückgezogen und brav, aber wohl mit Vergangenheit. Auch hier taucht ein alter Jude als Vertrauter auf. Der Baron, ein gefühlskalter serieller Verführer, nimmt an einem Wettbewerb teil: An einem Tag drei Meilen reiten, drei Flaschen des örtlichen Weins trinken und mit drei Frauen schlafen. (Reihenfolge egal.) Er schafft es auch ins Zimmer der zu Verführenden. Die dreht die Situation um:

‘Listen for one moment,’ she said. ‘Here we are all alone. There is no one in the house but we and my maid who brought you here, that pretty girl. Are you not afraid?

Sie spielt auf Don Giovanni an, wo die rächende Figur des Commandante den Verführer holt, deutet ein ähnliches Schicksal für den Baron an. Dann bezeichnet sie sich als „shining bubble“, dessen Zeit zu gehen gekommen ist: „The people, and her creator even, were becoming too fond of her. You give her her great tragic end. No other man in the world, I think, could have done that so well.“ Sie kündigt sozusagen die Schritte der Statue an, der Baron-Erzähler beschreibt beim Erzählen noch einmal diese Frau, insbesondere die Narbe an ihrem Hals – die Pilot als Narbe seiner revolutionären Putzmacherin erkennt, worauf wir aus der Geschichte geworfen werden. Auch Lincoln erkennt anhand der Narbe (sie ist in seiner Erzählung erwähnt) seine Olalla. Während sich alle mit offenen Mund anstarren, kommen Gäste in die Gastwirtschaft: Eine Frau – vielleicht die Frau? – und unabhängig von ihr ein alter Jude. Die Frau, angeblich eine angesehene Ratsherrengattin, verschwindet gleich wieder; die drei in einer Kutsche hinterher. Schneesturm. Es folgt nach einigen dramatischen Szenen die Geschichte des alten Juden.

Was später aus seinem Freund wurde, hat Lincoln einmal von einem deutschen Geistlichen am Kap der Guten Hoffnung erzählt bekommen. Oder er, Lincoln, habe sich das ausgedacht; er weiß es nicht mehr genau. War es ein Bär oder ein Russe oder was? (Mit: Don Giovanni, Sklaverei, Flucht vor der Hochzeit, Schiff.)

The Poet: Eine unglückliche Liebesgeschichte. Mathiesen, ein alter Däne, der gerne Dichter wäre, aber doch nur Mäzen ist, benutzt seine Verlobte (die wieder ihre ganz eigene Geschichte hat und in einer zauberhaften Szene nachts heimlich Ballett tanzt) und einen jungen Dichter, den er zu Großem berufen sieht, als Marionetten. Pflückte Mathiesen das gelbe Stiefmütterchen absichtlich? War der Vater der Braut Handelskapitän oder Theaterleiter? Ein Bär oder ein Russe? (Mit: Goethe, Spiegel, Graf Augustus, Elsinore/Dänemark. Keine Marionetten, aber Puppen. Haschisch – nicht wichtig, ist mir nur aufgefallen, weil mich die vorhergehende Geschichte an Lord Dunsany erinnert hatte. Kein Don Giovanni, aber ein schwarzer Opernmantel.)


Zum Wiederlesen: Alle. “The Monkey”, weil ich noch ein bisschen mehr verstehen möchte, “The Roads Round Pisa” und “The Dreamers”, weil ich verschachtelte Geschichten mag und noch ein bisschen mehr nachvollziehen möchte, und “The Poet”. Auf Deutsch übersetzt, aber nur antiquarisch erhältlich.