Rollenspielen 2019 (mit merkwürdigen Hotelcodes)

Wie in den letzten Jahren (siehe Eintrag von 2018) war in der Herbstferienwoche beim Rollenspielen. Zu Beginn der Kampagne waren die Spieler so um die vierzig, jetzt sind sie schon fünfzig oder deutlich darüber. Aber Schlafsack und Couch wie die Jungen; lediglich die Chipsfutterei ist weniger geworden in letzter Zeit, und wir spielen nur noch zwei Tage (drei Nächte) statt drei. Ein wenig ist mir peinlich, dass ich spätestens um zehn Uhr für eine Stunde, sagen wir mal, eher ein wenig einnicke; diesmal ging es einen Tick besser als sonst.

Die Geschichte war spannend: Ausnahmsweise ging es nicht weiter um monsterhafte Weltbedrohungen oder die Nazis – beide plagen uns seit 1933, inzwischen haben wir 1941. Diesmal war es eine kleinere Geschichte, ausnahmsweise ein gekauftes Szenario, aber großzügig mit eigenem Material ergänzt.

Aus persönlichen Gründen verschlug es uns in den Harz, im Spätwinter, alles eingeschneit, in den kleinen Kur- und Urlaubsort Schierke. (Wikipedia: “die letzte Ortschaft unterhalb des Brockengipfels.”) Die Anreise aus Berlin gestaltete sich umständlicher als gedacht. Der Spielleiter überreichte uns das Kursbuch der Reichsbahn von 1939, und wir mussten uns die Verbindungen selber heraussuchen. Mit dem Bedienen solcher Kursbücher kannte ich mich vor zwanzig oder dreißig Jahren noch gut aus, inzwischen war ich arg eingerostet. Da nähert sich das Rollenspiel dann doch dem Escape-Room. – Tatsächlich gab es im Winter auch wirklich nur eine einzige Verbindung am Tag, die uns spätabends nach Schierke brachte.

Wir übernachteten im Haus Waldesruh:

Dem kleingedruckten Bändchen Meyers Reisebücher: Harz von 1928 (in einer Druckfassung von 1934) entnahmen wir, dass “nur christliche Gäste” willkommen waren, aber das war dann doch kein Problem.

Ich wäre ursprünglich lieber im mondänen Hotel Fürst zu Stolberg untergekommen. Der originale Vorkriegsprospekt informierte uns: Moderne Heizanlagen! Annähernd alle Zimmer mit warmem und kalten Wasser! Doppeltüren! (Ich weiß nicht, was daran erwähnenswert ist.) Ski wird noch nicht viel gefahren, ein bisschen Langlauf gibt es, Bobbahnen, und für die Kraftfahrzeuge stehen verschließbare Autogaragen und eine Reparaturgrube zur Verfügung.

Interessant fand ich diesen “Code für Bestellungen”, immer noch für das Hotel Fürst zu Stolberg. Mehr Erklärung als hier gibt es im Prospekt nicht:

War das üblich, so dass man davon ausgehen konnte, dass die Gäste mit diesem System vertraut waren? “Alba” heißt: 1 Zimmer mit 1 Bett, “Dirich” heißt: 4 Zimmer mit insgesamt 8 Betten, “Belab” sind zwei Einzelzimmer. War das, um das Telegramm kurz zu halten und damit Geld zu sparen? Man telegraphierte also nur “Ciroc Serv” und Datum und Namen?

Ich habe nicht herausgefunden, was aus dem Haus Waldesruh wurde, es gibt dort heute noch Unterkünfte dieses Namens, die aber nicht dasselbe Haus sind. Das Hotel Fürst zu Stolberg gibt es nicht mehr. Von 1946 bis 1994 hieß es “Hotel Heinrich Heine”, von 1995–2016 stand es leer und verfiel und wurde abgerissen. Die Einzelheiten gibt es bei Wikipedia.

Keine Hakenkreuze in den vielen Werbebroschüren aus der Zeit, die der Spielleiter aufgetrieben hatte, aber doch ein Tonfall, auf den man heute zurecht empfindlich reagiert: “Roßtrappe und Hexentanzplatz sind umwoben vom Schmuck geheimnisvoller Mythen und Sagen. Sie sind Werde- und Weihestätten altsächsicher Gottesverehrrung.” Dort gibt es “die denkbar größte Mannigfaltigkeit der Landschaftsgestaltung und Stammessondernheiten.”

Zum Abenteuer selbst schreibe ich nicht viel, auch weil es kommerziell erhältlich ist und ich nicht spoilern will. Es gab etliche genuine Schüttelmomente darin, unbequem auf andere Art als in den meisten anderen Spielen. Sagen wir: die Runde der Spieler und Spielerinnen muss mit empfindlichen Themen umgehen können, oder gedankenlos robust sein. (Wir waren letzteres.)

4 Antworten auf „Rollenspielen 2019 (mit merkwürdigen Hotelcodes)“

  1. Doppeltüren schirmen Lärm von innen und außen ab, schaffen mehr Diskretion. Es gab sie auch in manchen Bürgerhäusern, die um 1900 und später gebaut wurden.

  2. Wir spielen Call of Cthulhu (1981) – historisch eine sehr abgespeckte Version von RuneQuest (1978). CoC wurde natürlich auch immer wieder aktualisiert, insofern ist das wohl 2. oder 3. oder 4. Auflage – aber letztlich sind die sich alle ähnlich; CoC kommt allgemein und in unserer Runde besonders ohne viel Regeln aus.

    Neu bei CoC war die Einführung von Sanity – eine Art Lebenspunkte für die geistige Gesundheit. Man kann also nicht nur an Verletzungen sterben, sondern auch zu viel gesehen und zu viel gelernt haben, so dass man dann unrettbar wahnsinnig wird.

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