Peter S. Beagle, The Folk of the Air

Der Roman The Last Unicorn (1960) hatte mir gut gefallen; ganz ausgezeichnet fand ich Peter S. Beagles Erstling, A Fine and Private Place (1960, deutsch: He! Rebeck!), also war ich gespannt auf seinen nächsten Roman (nach einer Reihe anderer Veröffentlichungen):

Das dürfte knapp dreißig Jahre her sein. Ich weiß noch, dass mich das Buch damals irritierte, mir nicht wirklich gefiel – vielleicht hatte ich einfach anderes erwartet. Beagles Laufbahn verfolgte ich seitdem nicht gründlich, aber mit Interesse, las noch ein, zwei weitere Bücher von ihm. Aus Gründen an The Folk of the Air und daran erinnert, dass ich meinen Frieden noch nicht damit gefunden hatte, las ich das Buch ein zweites Mal – und weil Beagle, selbst wohl nicht zufrieden damit, gerade an einer überarbeiteten Version davon sitzt.

Zum Inhalt:

Der herumziehende Lautenspieler Farrell – später erfahren wir seinen vollständigen Namen: Joseph Malachi Lope de Vega Farrell – kehrt mit seinem alten VW-Bus namens Madame Schumann-Heink zurück in die Stadt, in der er seine College-Jahre verbracht hat: Avicenna, Kalifornien. Er besucht dort seinen alten Freund Ben, der mit einer etwas geheimnisvollen älteren Frau, Sia, zusammenlebt. Außerdem trifft er dort eine alte Flamme, Julie, mit der er seit vielen Jahren immer wieder eine Weile zusammenlebt, bevor sie sich dann doch wieder verkrachen.

Ben hat ein großes Geheimnis, stellt sich heraus. Sia hat ein großes Geheimnis. Julie hat ein kleineres Geheimnis, und vor allem nimmt sie Farrell mit zu einem Treffen der “League of Archaic Pleasures”. Das sind die örtlichen… nicht Cosplayer, nicht LARPer, sondern in gewisser Art deren Vorläufer: Die Mitglied haben Fantasy-Namen, Kostüme, Rüstungen, Zeremonien, tragen Kämpfe aus, tanzen Renaissancetänze und sprechen einander mit “thou” an.

Und ich glaube, das ist es, was mich so irritiert hat an dem Buch. Vorbild für die League of Archaic Pleasures ist vielleicht die real existierende “Society for Creative Anachronism”, die ich damals schon aus Berichten und von Fotos kannte. Ich war damals selbst schon im Rahmen meiner FOLLOW-Mitgliedschaft auf solchen Veranstaltungen gewesen – Rüstungen, Feuerschlucker, Met, und auch ich hatte ein Kostüm an, und ich habe mit Morgenstern-Attrappen aus Tennisbällen im Wald gekämpft. Der große Unterschied: Die League-Leute im Buch sind cool, betreiben das Kampfspiel voller Ernst, treiben Falknerei und sind allesamt Experten für Renaissancemusik und ‑tänze. Das brachte ich nicht zusammen mit der Realität, die ich kannte.

Der Schlüssel liegt darin, dass das Buch ein Roman der Urban Fantasy ist. Und es gibt zweierlei Fantasy-Elemente: Erstens beschwört die junge Hexe Rosanna bei ersten großen Fest der League eine dämonenartige Gestalt, wovon nur Farrell Zeuge wird. Rosanna und Nicholas sind die Schurken des Buchs, auch wenn sie differenziert dargestellt werden; ihre Geschichte und Vorgeschichte und ihre Pläne treiben die Handlung voran. Zweitens ist es ein Fantasy-Element, dass diese League of Archaic Pleasures so groß und semiprofessionell ist. Die Stadt Avicenna selbst, man merkt es am Namen, ist ein bisschen komisch. Vor kurzem hat der Stadtrat beschlossen, den Verkauf von Kriegsspielzeug, körnergefüttertem Rindfleisch und Puppen ohne Genitalien zu verbieten. “Man, everybody in Avicenna is insanely knowledgeable about something. Especially fighting.” Farrell unterhält sich mit “pony-tailed boys who knew South German plate armor from Milanese, and Peffenhauser’s work from Colman’s.” Und nebenbei kann man nicht nur den Namen Tolkien fallen lassen, sondern auch Cabell, und jeder weiß, wer gemeint ist. Das war zum einen die Welt, die ich kannte, zum anderen eben auch nicht.

Wie es nach dem Erscheinen von Nicholas Bonner auf dem ersten Fest weitergeht, erzähle ich hier nicht. Es geht im Buch ohnehin mehr um die Stimmung als um die Handlung, auch wenn die logisch genug entwickelt wird. Allerdings ist Farrell für die Handlung des Buchs gar nicht so wichtig, wie man vielleicht meint. Er ist letztlich doch Zuschauer, er verbindet die verschiedenen Handlungsstränge – andererseits wären sie auch ohne ihn verbunden. Farrell trifft keine Entscheidungen und ist für nichts verantwortlich; die Handlung läuft ohne ihn ab. Ben ist viel mehr der Held als er, und wichtiger für die Handlung.

Ich bin gespannt, ob Peter S. Beagle wirklich an dem Buch arbeitet und was dabei herauskommt.

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