Gefühl und Vernunft und der tägliche Charaktertest

Wenn ich in der Schule unterwegs bin und ich brav Maske in den Gängen trage und Abstand zu Kollegen und Kolleginnen halte, sagt mir mein Gefühl, dass keiner von uns mit SARS-CoV‑2 infiziert ist. Auch in meinen Klassen habe ich das Gefühl, ich glaube, an meiner ganze Schule ist niemand (mehr) infiziert.

In der S‑Bahn zur Schule sagt mir mein Gefühl, dass ich wahrscheinlich nicht infiziert bin. Der Mann gegenüber mit der heraushängenden Nase wahrscheinlich auch nicht, wenn auch nicht ganz so wahrscheinlich wie ich – erstens, weil ich ich bin, und zweitens, weil er ein Depp ist.

Auf der Geburtstagsfeier mit Freunden, im Freien, ist wahescheinlich auch niemand infiziert, sagt mir mein Gefühl.

Man sollte allerdings seinen Gefühlen misstrauen, gerade bei Wahrscheinlichkeiten, und gerade bei Dingen, die man sich wünscht. Das ist eine ganz wichtige Lektion. In diesem Fall hat das Gefühl aber völlig recht. Wahrscheinlich ist niemand an meiner ganzen Schule infiziert, und in der S‑Bahn auch nicht. Wenn man die eigene Maske vergessen hat, steckt man wahrscheinlich niemand an, wenn die anderen ihre Hände nicht gewaschen hat, kriegt man trotzdem wahrscheinlich keine Infektion.

Und wenn man Covid-19 kriegt, hat man das Gefühl, dass einem schon nichts passieren wird. Ich habe jedenfalls dieses Gefühl, und viele andere auch. Auch hier täuscht mich das Gefühl nicht – es wird wahrscheinlich so sein.

Muss ich mir also Sorgen machen, wenn ich eine Kollegin umarme? Nein, nicht wirklich .

Warum soll ich also trotzdem Abstand halten, Hände waschen, Maske tragen, Ansammlungen meiden? Weil es vernünftig ist. Alle, die das hier lesen, wissen das ohnehin schon. Das Risiko, das ich jemand anstecke, ist ganz, ganz, ganz klein, aber die Probleme, die ich damit erzeuge, sind sehr, sehr, sehr groß. Das muss man miteinander verrechnen, und stellt sich heraus: es lohnt sich, das ganz, ganz, ganz kleine Risiko zu vermeiden. Wenn viele Menschen das sehr oft machen, ist das sehr gut. Wenn genügend Menschen das genügend oft machen, ist das ausreichend. Wenn ich das mal vergesse, ist das nicht dramatisch – aber je öfter und je mehr Menschen das vergessen, desto schlechter.

Wir sind wieder beim Gefangenendilemma: Wenn ich als einziger mich an keine Regeln halte, ist das völlig in Ordnung, solange genügend andere das machen. Insofern ist jeder Tag ein neuer Intelligenz- oder Charaktertest. Ich bestehe ihn nicht immer, aber ziemlich oft. Man kriegt ja immer eine neue Chance am nächsten Tag. (And yes, I will judge you.)

3 Antworten auf „Gefühl und Vernunft und der tägliche Charaktertest“

  1. “Gefangenendilemma”, nuschelte Emma Gleichmut hinter der Maske…und noch andere Geschichten könnten entstehen!?

  2. Ja, das Gefühl hat natürlich Recht mit der Wahrscheinlichkeit und die Vernunft damit, dass die Wahrscheinlichkeit nur so gering bleibt, wenn sich fast alle trotz der geringen Wahrscheinlichkeit vernünftig verhalten.
    Gut finde ich, dass du an beides erinnerst: Sich nicht verrückt machen und vernünftig sein.
    Was die Wahrscheinlichkeit betrifft: Wenn die geringe Wahrscheinlichkeit eintrifft und man dem Gefühl gefühlt vielleicht doch etwas zu sehr nachgegeben hat, dann wird es hart.
    Ein Bekannter von mir hat einen Schlaganfall bekommen und ist der Meinung, dass ermal eine Entscheidung etwas zu leichtfertig getroffen hat und das der Grund für seine Lähmung sein könnte.
    Sowas wünsche ich niemandem, nicht bei Schlaganfall und nicht bei COVID-19. Und insofern ist es nicht nur Vernunft, weshalb man sich an Regeln hält, sondern auch Selbstschutz für den sehr sehr unwahrscheinlichen Fall, dass man schwer krank wird. Dann sollte es besser Schicksal sein als ein eigener Fehler, der dazu geführt hat.

  3. Pflichte dem allgemeinen Tenor bei.
    Soooo groß ist die Einschränkung für die meisten Menschen nicht, ‘better safe than sorry’ und man kann sagen dass man nicht Schuld ist.
    Es macht mich traurig zu sehen, wie viele von meinen Freunden und Bekannten hierzulande und inbesondere in Übersee darunter leiden, dass es ihrem Umfeld einfach Wurst ist.

    Gruß
    Aginor

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