Mebis und Teams, Hin und Her, Unterricht und Lernen

Distanzunterricht und Distanzlernen

Am Wochenende verkündete die bayerische Regierung, am Mittwoch, Donnerstag und Freitag würde kein Unterricht in der Schule mehr stattfinden. Das kam nicht überraschend, so hatte ich das meinen Klassen in der Vorwoche angekündigt.

Dann führte – war es Montag? – der bayerische Kultusminister Piazolo in einer Pressekonferenz die de facto neu geschaffenen Begriffe Distanzunterricht und Distanzlernen ein, brachte sie aber selbst etwas durcheinander. Im Lehrerzimmer – es war die Mittagspause – sahen wir uns einen Teil davon live an und hatten wenig Respekt vor unserem Minister, aber vor welchem hatten wir das schon? (Gab es mal einen fähigen Kultusminister oder eine Kultusministerin? Oder ist das wie im Verkehrsministerium?) Gemeint war wohl: Abschlussklassen sollen eng betreut werden, prototypisch mit Videokonferenzen, Anwesenheitspflicht, neuem Stoff, Hausaufgaben, der Möglichkeit von Noten – das sollte fürderhin Distanzunterricht genannt werden. Die anderen Jahrgangsstufen sollten weniger eng betreut werden, zumindest in irgendeiner Form vage betreut und nicht allein gelassen genannt werden dürfen. Ohne neuen Stoff, ohne Anwesenheitspflicht, ohne Hausaufgaben, Noten – prototypisch mit Arbeitsblättern oder Aufgaben im Buch und der Gelegenheit für rasch beantwortete Rückfragen an die Lehrkraft.

Das sorgte für Irritationen bei den Schulen. Viele Lehrkräfte an weiterführenden Schulen hatten bereits Pläne, wie diese letzten drei Schultage in Distanzform sinnvoll gefüllt werden können, und fühlten diese durch Piazolo torpediert. Der Münchner Merkur titelte, nicht unberechtigt, “Piazolo verbietet Distanzunterricht”.

Am nächsten Tag hieß es, das sei ein Missverständnis und doch eigentlich eindeutig formuliert gewesen: verbindlichen Distanzunterricht solle es nicht geben für die anderen Jahrgangsstufen. Aber das war ungeschickt an die Eltern kommuniziert worden, kurzum: viele Pläne lösten sich in Luft auf.

Warum diese Unterscheidung? Vermutlich ging es darum, dass die meisten Jahrgangsstufen zu nichts gezwungen werden sollten, weil… die Lehrkräfte das nicht stemmen würden? Die Software zusammenbrechen würde? Die Eltern keinen Unterricht wollen würden? Ich weiß es nicht. Tatsache war wohl, dass viele Eltern und Schulen reagierten, dass sie sehr wohl noch gerne sinnvoll arbeiten würden in diesen drei Tagen.

Technische Probleme

Also ging es am Mittwoch los mit einem Durcheinander aus Anweisungen und Unklarheit. Mir machte das wenig aus, ich bin gewohnt, Anweisungen zu interpretieren und herauszufinden, welche ernst gemeint sind und welche nicht. (Ein Tipp für KMS etwa: Die Wörter “Tastschreiben” oder “Verkehrserziehung” sind Code für “bitte ignorieren”; so wie “Wie Sie alle wissen” Code ist ist für: “Ich weiß, das kommt jetzt etwas kurzfristig.”) Im Englischunterricht der Unter- und Mittelstufe werden so oder so Vokabeln gelernt – ob das als neuer Stoff zu deklarieren ist oder nicht, ist egal; das machen die Schüler und Schülerinnen ohnehin weitgehend selbstständig.

Und dann brach Mebis zusammen, die bayernweite Lernplattform. Anscheind – ich selber hatte meinen Unterricht so organisiert, dass ich nicht zu Mebis musste und am Vormittag auch nicht bei Mebis war. Ich nutze Mebis selten für synchrones Arbeiten, also Arbeiten, wo ich den Zeitpunkt festlege, der für alle gleich ist. Manche machen das aber anders, insbesondere diejenigen, die die Idee des Kultusministeriums wörtlich nehmen, eine Art “Weckruf” zu veranstalten – wo sich die Schüler und Schülerinnen persönlich aktiv zeigen, via E‑Mail, Telefonanruf, oder eben Häkchensetzen bei Mebis. Bei manchen Schularten ist das wahrscheinlich auch nötig. Bei meiner Schule nicht. (Das war sicher eine gut gemeinte Idee der Elternverbände, die ihre Kinder nicht aus dem Bett kriegen. Das Kultusministerium sah sich in der Position, die Idee aufgreifen zu müssen, gab sie mit möglichst viel Spielraum weiter, und der wird dann nicht genutzt.)

Jedenfalls: Enorm großer Unmut bei manchen enorm lauten Lehrkräften – anhand der üblichen Bruchstellen was Einstellung und Schulart und Lieblingssoftware betrifft. Zornige Beiträge im Forum der Mebis-Kontaktlehrkräfte. (Von den gleichen, die das auch im März schon so geschrieben haben, allerdings.) Und ein Kultusminister, von dem man schweigen möchte.

Mebis v. Teams

Die Hauptbruchlinie verläuft hier zwischen Mebis und Teams. Vernünftige Leute hätten gerne beides, oder die Möglichkeiten, die beides bietet. Mebis gibt es vom Kultusministerium, ist sehr mächtig (da ein Baukasten für interaktive Webseiten) und sehr umständlich, gut für langfristiges udn selbstständiges Arbeiten; Teams gibt es von Microsoft und gut für unmittelbares Arbeiten, das herkömmlichen Unterricht am besten abbildet.

So kann das nicht weitergehen!

Doch, kann es schon. Ob Mebis heute, gestern oder morgen zusammenbricht, ist egal. Ich habe, selbst wenn ich diese drei Tage voll den Weihnachtsferien zurechne, dieses Jahr alles in allem 1 Woche an Unterrichtstagen verloren. (Ein Jahr hat de facto 33 Schulwochen.) Das ist sehr viel weniger als in anderen Jahren. Ganz erstaunlich, wie viel geht ohne, ahem, Gruppenarbeit, Adventsfeier, Sportwoche. Klar geht viel verloren und ich möchte das nicht dauerhaft so haben – aber eine Weile halten wir schon noch aus. Dass wir immer noch nicht weiter sind, insgesamt, ist aber ein Vorwurf, dem sich das Kultusministerium stellen muss.

Strategie und Taktik

Zu denken: “Ich brauche XXX für meinen Unterricht, und zwar sofort” liegt mir fern. Zugegeben, ich tue mich leicht, finde schnell Auswege und improvisierte Lösungen und arbeite mit relativ selbstständigen Gymnasiast:innen. An anderen Schularten oder mit weniger Erfahrung mögen die akuten Probleme drängender sein – obwohl ich mir schon bei manchen Beiträgen auf Twitter oder im Forum denke, dass sich einige schon arg umständlich anstellen. Dezemberstress; ich litt jedenfalls darunter.

Den Wunsch nach einer sofortigen maximalen Lösung für mein Kind verstehe ich aus Elternsicht. Und damit muss die Schule und das Kultusministerium umgehen, das berücksichtigen. Mein eigener Wunsch aus Sicht als Lehrkraft ist der nach einer langfristigen Lösung. Und da habe ich noch genug Atem zu warten.

Wie ich mir Unterricht vorstelle

Was hätte ich denn gerne an langfristiger Lösung? Ah, das ist der Knackpunkt. Ich weiß es selber nicht sicher. Ich möchte nicht zurück zum herkömmlichen Unterricht – so toll war der bayernweit auch nicht. Er war und ist okay, die Schüler:innen haben es warm, haben das wichtigste, Kontakt zu Gleichaltrigen, ab und an fordernden Input, und sie lernen schon auch was. Aber so richtig effektiv genutzt ist die Zeit an der Schule auch nicht immer. Wie gesagt, okay.

Ich möchte deshalb auch nicht den bisherigen Unterricht möglichst genau auf Distanzunterricht abbilden. Ich hätte gerne für meine Schüler und Schülerinnen mehr Phasen der Selbstständigkeit und der Eigenverantwortung. Davon redet man gerne, aber praktisch und formal gibt es das kaum. Mit abwechselnd 1 Woche Arbeit zuhause und 1 Woche in der Schule könnte ich mir besseren Unterricht vorstellen – für viele meiner Schüler und Schülerinnen. Aber es ist ja nicht einmal Freiarbeit vorgesehen im System.

(Zuvor hätte ich gerne gesellschaftlichen Konsens darüber, wie viel Kinder zu Hause arbeiten sollen- wenn Ganztagschule, dann nicht; wenn Halbtagsschule, dann schon. Die Halbtagsschule bevorteilt die Schüler:innen mit guter Arbeitssituation – ein eigenes Zimmer, eigener Computer, schnelles Internet, Bücher zuhause und Leute, die man fragen kann.)

Meine Lieblingsstunde war einmal so, dass ich in den Computerraum kam, wo jemand ausnahmsweise den Schülern und Schülerinnen bereits aufgesperrt hatte, so dass sie bereits vor den Rechner saßen. Einer von ihnen wollte etwas von mir, ich klärte das, und nach einiger Zeit erst holte ich das tatsächlich vergessene “Guten Morgen zusammen” nach, worauf wieder alle vor sich hin arbeiteten. Sie brauchten mich nicht. Da will ich hin. Ob das mit gleichem Lehrplan für alle geschieht (und demnach der Vorgabe etwas zu lernen, auf das man im Moment keine Lust hat) oder nicht: zu klären.

(Heute lief Mebis problemlos bei mir, aber ich brauchte es auch nicht viel. Hauptsächlich Videotreffen mit der 10., also Distanzlernen mit Videounterstützung.)

Lesen dazu:

9 Antworten auf „Mebis und Teams, Hin und Her, Unterricht und Lernen“

  1. Thomas, Du hast recht: H. meint schon immer, dass dieser nicht kompetente Mensch entlassen gehört. Bei den Vorgängern hat man immer mal gejammert, aber der schlägt dem Fass den Boden aus. Es wird nicht mehr lang dauern: In der CSU rumort es beträchtlich. Ansonsten ziehe ich meinen Hut vor euch Lehrkräften.

  2. Lieber Thomas, ich bin so froh, dass es dich hier im Internet der Lehrkräfte gibt – deine ausgeprägte negative capability ist einfach immer wieder ein Trost. Keine Kreuzzüge, kein alles-ganz-genau-Wissen. Das ist wirklich sehr wohltuend. Vielen Dank.

    Wie du unterrichte ich ausgesprochen gerne „frontal“ und mache das, glaube ich, ziemlich vergnüglich und erfolgreich, aber das dieses Jahr so wichtig gewordene asynchrone Arbeiten gefällt mir auch ausnehmend gut, weil sich die Jugendlichen so viel individueller herausgefordert, aber auch gesehen, fühlen. Pädagogisch ist das wirklich ein Gewinn und didaktisch eine willkommene Herausforderung.

    Bevor ich meine schöne Selbstlernsequenz nach der ministeriellen Ankündigung in die Tonne getreten (oder in den Januar verschoben) habe, habe ich dann doch die betroffene Klasse gefragt, ob sie lieber normalen Fernunterricht wollen, und siehe da, sie wollten. Jetzt trudeln per Mebis allerliebste Sprachnachrichten und kollaborativ bearbeitete Dokumente herein, und die Eishockey-Experten erklären im Forum allen Kanadas Nationalsport. Und ich kann es mit Wohlgefallen betrachten und freundliche Feedbacktextlein schreiben.

  3. Genau: Ich mag frontal, und ich mag asynchrones Arbeiten ohne Lehrkraft. Und von beidem gibt es aktuell mehr als sonst. (Mag ich diese Formen, weil beide häufig Formen von Alleinarbeit sind, ohne unmittelbaren Austausch? Aber dafür gibt es jetzt viel mehr Möglichkeiten, mitzukriegen, was die anderen gemacht haben – nicht nur das gelegentliche Vorlesen im Klassenzimmer.)

    Schöne Selbstlernsequenz: Toll! Ich komme zu nichts, und mache auch jetzt in den drei Tagen vor den freien Tagen vor dem Ferienbeginn nichts Spektakuläres. Leide nur wenig darunter, weil schon okay. Aber Pläne, sowas von Plänen! :-)

  4. Während meiner Dienstzeit gab es von 1970 bis 1986 den Kultusminister Hans Maier, der von seinem Amt zurücktrat, als ihm Strauß die Kompetenzen beschnitt.

  5. Verstehen kann man den „Wunsch nach einer sofortigen maximalen Lösung für mein Kind“, dahinter steckt für mich aber eine – nicht nur angesichts der aktuellen Situation – unerträgliche Anspruchshaltung.

  6. Bei uns im Lehrerzimmer hatten wir genau denselben Frust. Gefühlt täglich ging irgendwas Neues ein, was die bestehenden Konzepte auf den Kopf stellte. Hätte man einfach eine Woche vorher alles auf Distanzunterricht gestellt, wären die letzten Tage deutlichst ruhiger gewesen. Was mich besonders verärgert hat, war allerdings das ständige Erfinden von neuen leeren Worthülsen, die dann erst im Nachhinein den Leuten um die Ohren geschlagen werden. Das war schon im Frühling so, als vier Wochen nach Lockdown das “Lernen Zuhause” beschworen wurde und uns nach knapp einem Monat tatsächlich erklärt wurde, was wir tun sollen in den Fernstunden und was nicht. Dieses Mal exakt dasselbe: Distanzunterricht vs. Distanzlernen. Bis letzten Dienstag hatte ich von dieser Differenzierung noch nie was gehört… Hauptsache große Worte. Zum Glück ist jetzt mal Ruhe im Karton! Ruh dich aus! Als ebenfalls Systemadmin weiß ich aus eigener Erfahrung, was da noch zusätzlich bei dir aufgeschlagen ist.

  7. Ja, ein bisschen mehr Planung hätte schon sein können. Von den Worthülsen fühle ich mich halt persönlich beleidigt, aber das ist kein wichtiges Kriterium.
    Ja, dir wünsche ich auch ein wenig Ruhe. (Wobei, Systemadmin bin ich gar nicht, mache nur Mebis und Homepage.)

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