Schon wieder Wochenende, und über die Aktualität mancher Inhalte des Deutschunterrichts

Die Tage vergehen einer um den anderen und sie sind kaum unterscheidbar vor lauter Neuigkeiten; jeder Tag ist ein neuer Tag, an dem ich murmeltierig mit müden Augen aufstehe, einen Milchkaffee kriege (ganz schlimm ist ja nicht alles), in die Schule tappse, Unterricht halte, nach Hause fahre, korrigiere und vorbereite und Nachrichten lese, koche und esse, einschlafe. Nur die Wochenenden sind a bissel anders, aber weniger als man meint. Ich habe mir zu viel vorgenommen dieses Halbjahr – Praktikum betreuen, Vorlesung halten, anderer Kram, aber eben auch noch Corona und Hilfe im Kollegium. Heute habe ich etwas vergessen (aber sechs Stunden Unterricht am Stück sind auch nicht förderlich), wodurch ich einem Kollegen zusätzliche Arbeit mache. Das ärgert mich.

Am Sonntag und Montag entnahmen wir der Presse, dass es ab Mittwoch ab der 8. Jahrgangsstufe mit Ausnahme zumindest der 12. Jahrgangsstufen geteilten Unterricht geben muss. Ob damit auch die 11. Klassen gemeint sein würden – Grund zur Unklarheit war gegeben -, erfuhren wir erst am Dienstag. (Ja.) Auch erst am Dienstag erfuhren wir, dass in diesen geteilten Jahrgangsstufen keine schriftlichen Leistungserhebungen mehr stattfinden dürfen. Wildes Herumklären, ob das auch für Nachholprüfungen einzelner Schüler oder Schülerinnen gelten würde. Keine Klärung, deshalb entschied das wohl jede Schule anders. Nach Anfragen beim Hauptpersonalrat, der das Problem zuerst anscheinend nicht begriffen hatte, hieß es dann: Ja, ne, das ginge schon, ein KMS dazu würde wohl nicht mehr kommen, aber das würde sich ja herumsprechen. Ein bisschen spät.

Im Moment warten wir, ob am Montag Unterricht in der Schule sein wird oder nicht. Mit der heutigen Hälfte meiner 8. Klasse bin ich so verblieben: Also, wenn die andere Hälfte am Montag da ist, macht ihr folgende Aufgabe stattdessen; wenn alle zuhause bleiben, treffen wir uns zur Videostunde. Wir bleiben flexibel, und es geht schon irgendwie, aber es wäre schöner, das vorher zu wissen. (Die so schön gesunkenen Landkreiszahlen gehen wieder herauf, gerade kam die Meldung, dass wir wieder über 200 sind, was gestern noch Distanzunterricht bedeutete – wir schauen, was das Wochenende bringt.)

In meinem Deutschkurs ist die Flitterwochenzeit vorbei: Es gab die Klausurnote, und da werden immer wieder Erwartungen enttäuscht. Danach haben wir den Osterspaziergang aus Faust zu Ende gelesen; darin wird Fausts Vorgeschichte erzählt: als junger Mann half er seinem Vater, ein Mittel gegen die grassierende Pest zu finden, experimentierte ruhelos mit Arzneien und wird dafür heute noch vom Volk als Held und Helfer verehrt. Faust selbst zeichnet ein Bild von zügellosen Experimenten an Menschen – manche lebten, manche starben; er denkt ungern daran zurück und will sich nicht rühmen lassen dafür. Vermutlich zeichnet er ein zu düsteres Bild von sich. – Murnaus Verfilmung des Faust-Stoffes aus dem Jahr 1926 verschmilzt diese Vorgeschichte mit der späteren Handlung: Der Teufel bringt die Pest über die Stadt; die Menschen wenden sich hilfesuchend an Faust, der sich – selber völlig hilflos – von Wissenschaft und Religion abwendet und seine Bücher verbrennt. Da bekommt das “und weiß, das wir nichts wissen können” einen weit dramatischeren Anstrich. Das Buch der Magie, das ihm in die Hände fällt, verbrennt er nicht; er versucht es mit Geistebeschwörung. Allerdings nimmt er nicht den Umweg über den Erdgeist, sondern gerät gleich an Mephistopheles, vor dem er aber erst einmal ähnlich zurückschreckt wie vor ersterem bei Goethe.

Diese zehn Minuten habe ich dem Kurs dann gezeigt, und das hat mich deprimiert. Mit der Pest in der Stadt werfen sich die einen Bürger auf die Religion, die anderen feiern wilde Feste in den Straßen, ein barockes Endzeitmotiv aufgreifend – und Faust verabreicht einer Patientin ein Medikament, das dann doch nicht vor dem Tod bewahrt, ihn vielleicht sogar beschleunigt.

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Da war ich natürlich gleich bei Corona, Corona-Parties, Impfstoffen. Das war richtig aktuell, und gut gemacht obendrein, ist ja auch ein Stummfilmklassiker.

Den “Schimmelreiter” könnte man auch mal wieder lesen: Ein Ingenieur vertraut auf die Wissenschaft, um Menschen vor der stets drohenden Überflutungskatastrophe zu schützen, scheitert aber am Irr- und Aberglauben der Umwelt. Schon wieder Corona, überall: Drosten als Deichgraf.

Am Mittwoch Angela Merkel auf einen Zwischenruf:

“Ich glaube an die Kraft der Aufklärung. Dass Europa heute dort steht, wo es steht, hat es der Aufklärung zu verdanken, dem Glauben daran, dass es wissenschaftliche Erkenntnisse gibt, die real sind und an die man sich besser halten sollte.” Sie habe Physik studiert, weil sie “ganz sicher war, dass man vieles außer Kraft setzen kann, aber die Schwerkraft nicht, die Lichtgeschwindigkeit nicht.”

Weiß schon, Dialektik der Aufklärung und so, aber sie spricht mir aus der Seele. Deswegen kann ich mit dem radikalen Konstruktivismus, der mir aus der eher philologisch denn naturwissenschaftlich geprägten Twitter-Avantgarde gelegentlich entgegenschwappt, wenig anfangen.

Eine Antwort auf „Schon wieder Wochenende, und über die Aktualität mancher Inhalte des Deutschunterrichts“

  1. Zu Twitter kann H. nichts sagen, weil er das ablehnt. Aber: Frau Merkel sprach ihm auch aus der Seele. Soll sie doch weiter machen. Denn: Wer da am Horizont aufscheint, …

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