O. Henry, The Four Million

Ich habe O. Henry als Student entdeckt, drei, vier schmale antiquarische Bändchen mit seinen Kurzgeschichten, dann bald darauf eine eng gedruckte Gesamtausgabe auf dünnem Papier. Damals müssen meine Augen noch besser gewesen sein. Auch diese Ausgabe war antiquarisch und O. Henry schon lange nicht mehr salonfähig. Aber ich fand die Geschichten, nein, eher: den Tonfall toll. The Four Million, war, so pflege ich zu erinnern, der erste Band, den ich gelesen habe; es ist auch die erste Kurzgeschichtensammlung von O. Henry (nach einem Band mit romanhaft verknüpften Einzelepisoden), und gleich der erste Satz der ersten Geschichte hatte einen Rhythmus, der etwas zum Klingen brachte bei mir:

Tobin and me, the two of us, went down to Coney one day, for there was four dollars between us, and Tobin had need of distractions.

The Four Million, das sind die vier Millionen Einwohner von New York, die – so der Gedanke – alle eine Geschichte haben. Für O. Henry ist diese Stadt „Baghdad on the Hudson“ (auch wenn diese Bezeichnung erst in einem späteren Band fällt), und seine Geschichten sind, obschon ohne direkt fantastische Elemente, in einem modern-märchenhaften Ton gehalten, der den Vergleich mit 1001 Nacht zulässt.

Ein paar der Geschichten kannte ich schon: “The Gift of the Magi” begegnet man ohnehin früher oder später, “The Cop and the Anthem” erinnere ich aus einer s/w‑Verfilmung (obwohl ich da keine passende finde beim Recherchieren), “After Twenty Years” war mal in einem Englisch-Schulbuch der 11. Klasse.

Die meisten Geschichten haben ein glückliches Ende, aber nicht alle, Themen und Motive wiederholen sich. Wir haben:

  • die getrennten Liebenden, die auf wundersame Weise Spuren des anderen oder ganz zusammen finden (Tobin‘s Palm, Springtime a la Carte, The Furnished Room)
  • einsame Frauen in prekärer finanzieller Situation in der Großstadt (The Skylight Room, An Unfinished Story, The Furnished Room)
  • Heiraten, die auf ungewöhnliche Weise zusammenkommen (Mammon and the Archer, From the Cabby‘s Seat, The Romance of a Busy Broker, vielleicht The Love-Philtre of Ikey Schoenstein)
  • Streit unter Eheleuten (Between Rounds, Memoirs of a Yellow Dog, vielleicht By Courier))
  • Zufälligkeiten (Tobin‘s Palm, The Green Door, Springtime a la Carte)
  • Liebespaare, die für einander Opfer bringen (The Gift of the Magi, The Service of Love)

Die Geschichten gefallen mir nicht mehr ganz so gut wie vor dreißig Jahren, aber immer noch gut genug. Die interessanteste Geschichte ist für mich „The Coming-Out of Maggie“, weil sie aus so einer völlig anderen Zeit stammt und mir eine fremde, nur halb vertraute Welt zeigt. Allein schon der erste Satz:

Every Saturday night the Clover Leaf Social Club gave a hop in the hall of the Give and Take Athletic Association on the East Side. In order to attend one of these dances you must be a member of the Give and Take—or, if you belong to the division that starts off with the right foot in waltzing, you must work in Rhinegold’s paper-box factory.

Okay, “hop” kenne ich als Tanzveranstaltung (“sock hop”, “At the Hop”, hier von Flash Cadillac & the Contiental Kids), gerne auch in der Turnhalle, so wie hier. Seltsame Namen für Vereine kenne ich aus New York, wo eine Polizeigewerkschaft “Police Benevolent Association of the City of New York” heißt. Aber gut, hier geht es um einen viertelkriminellen Sport- oder Boxverein, und man muss Mitglied sein, falls männlich, oder in der benachbarten Kartonfabrik arbeiten, falls weiblich. Zwar fängt international die Dame beim Walzer mit dem linken Fuß an, aber beim amerikanischen Walzer ist das wohl in der Tat der rechte Fuß.

Maggie ist das ewige Mauerblümchen, kommt jetzt aber doch endlich mal mit einem Partner zum Ball. Plötzlich steht Maggie einmal im Mittelpunkt. Der Neue wird kritisch beäugt, weil er ein feines Lächeln und lockige Haare hat und gut tanzt. Vermutlich riecht er auch noch gut:

He shook his curls; he smiled and went easily through the seven motions for acquiring grace in your own room before an open window ten minutes each day. He danced like a faun; he introduced manner and style and atmosphere; his words came trippingly upon his tongue .

„Terry O‘Sullivan“ wird er vorgestellt, erregt Misstrauen und wird zu einer kleinen Schlägerei ins Hinterzimmer geladen mit Dempsey, dem de facto Anführer des Vereins. Maggie stürzt entsetzt hinzu – um Dempsey zu retten: Als der unwillkommene Gast ein Messer zückt (und Maggie, die das geahnt hat, ihm dabei in den Arm fällt), ist der Streit sofort beendet, es kommt zu keiner Schlägerei – denn jetzt ist klar, dass er gar kein Ire ist, sondern Italiener, und damit nicht satisfaktionsfähig und eine Gestalt des Mitleids. Natürlich muss er sofort die Räumlichkeiten verlassen, durch den Hintereingang. Es ist allen Beteiligten eher peinlich:

Cold steel drawn in the rooms of the Give and Take Association! Such a thing had never happened before. Every one stood motionless for a minute. Andy Geoghan kicked the stiletto with the toe of his shoe curiously, like an antiquarian who has come upon some ancient weapon unknown to his learning.

Dempsey lädt Maggie fürs kommende Wochenende ein.

Natürlich ist die Geschichte rassistisch. Aber so selbstverständlich, nebenbei, und von Iren gegen Italiener, dass mich das irritiert. Das waren aufeinanderfolgende Einwandererphasen in die USA, besonders New York. Dass es da eine Hackordnung gab, wusste ich, ist bei mir Thema im Oberstufen-Englischunterricht.

Das Personal bei O. Henry ist oft ähnlich dem von Damon Runyon, eine Generation später. Der spielt auch viel mit Wortschatz. Aber typisch für O. Henry ist der auktoriale, aber auch distanzierte Erzähler und der elaborierte Wortschatz, fast schon mock-heroic:

The hall of the association in Orchard street was fitted out with muscle-making inventions. With the fibres thus builded up the members were wont to engage the police and rival social and athletic organisations in joyous combat.

Terry O’Sullivan was now in the hands of the Board of Rules and Social Referees. They spoke to him briefly and softly, and conducted him out through the same door at the rear.

Jetzt werde ich zwar erst einmal Pause machen mit O. Henry, aber ich freue mich schon auf die nächsten Bände – vielleicht die Geschichten aus dem Westen, an die ich mich auch gerne erinnere.

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