Hidden Codes ist ein preisgekröntes Lernspiel oder serious game aus dem Jahr 2022. Es ist für für den Einsatz in Schulen ab der 7. Klasse bis zur Oberstufe gedacht; das Thema sind politische Codes und Verschwörungsmythen und ihre Verbreitung im Netz und die Wege zur Radikalisierung von Menschen. Hier steht alles darüber:
https://www.bs-anne-frank.de/ueber-uns/projekte/hidden-codes-digitales-lernspiel-zur-radikalisierungspraevention

(Screenshot, ohne um Erlaubnis zu fragen.
Steht also nicht unter der sonst hier im Blog üblichen CC-Lizenz!)
Es gibt vier Episoden, ich habe die erste davon, „Emilia“, durchgespielt. Das dauert schon eine kleine Weile und wird kaum in einer Sitzung gehen. Die Handlung: Der Spieler oder die Spielerin ist neu an einer Schule, landet über die Ferienfreundschaft mit Emilia aber gleich bei der Zeitungsredaktion dort. Dann tauchen rechtsextreme Sticker auf, und die Gruppe hat Emilias neue und immer engere Freundin Patricia im Verdacht. Das Ziel ist, ein Abgleiten von Emilia zu verhindern.
Das Interface von Hidden Codes simuliert eine Social-Media-App mit letztlich zwei Bereichen – erstens die Profile der Figuren, wo sie Bilder hochgeladen haben, ähnlich wie bei Instagram; und zweitens der Bereich für den Gruppen- oder Einzelchat. In Kapitel 1 ist die Handlung weitgehend linear, man erhält eine Nachricht im Chat und kann aus meist zwei verschiedenen Antwortmöglichkeiten wählen. Meist gibt es nur eine Stelle in den Chatkanälen, bei der man weitermachen kann. Gelegentlich poppt neben dem Gruppenchat aber auch eine separate Unterhaltung auf. Die Profilseiten spielen noch eine geringe Rolle. Aber man kann die Fotos liken, und es gibt Kommentare unter den Fotos; selber schreiben kann man keine. Ich denke sofort: oha, schöne Möglichkeit, wenn später die ersten Hasskommentare auftauchen – aber in diese Richtung geht das Spiel dann nicht, es geht nicht um Social-Media-Simulation.
Hidden Codes ist gar nicht so sehr ein Spiel, sondern eher eine interaktive Erzählung. Man liest ein bisschen, klickt dann weiter, liest ein bisschen mehr, die Geschichte schreitet voran. Ungewohnt ist nur, dass es eine kleine Wartezeit gibt – klar, wenn man eine Nachricht in den Chat schreibt, kommt die Antwort darauf nicht unmittelbar, sondern nur kurz darauf – vermutlich sind es nur drei, vier Sekunden, aber für mich als Leser eine so lange Wartezeit, dass ich das Handy doch immer wieder aus der Hand lege. Und kurz darauf gleich wieder aufnehme. (All das könnte man leicht mit Twine selber nachbauen, auch mit der Zeitverzögerung, aber eben ohne das Look & Feel der Messaging App.)
Ab Kapitel 2 beschleunigt sich die Handlung. Nicht mehr ein oder zwei neue Nachrichten warten darauf, gelesen und beantwortet zu werden, plötzlich sind es acht – und das erzeugt definitiv Spannung, noch bevor man weiß, was in den Nachrichten überhaupt steht.
Man hat bei jeder Entscheidung – also meist: welche Nachricht man sendet, etwa an Emilia – nur wenige Optionen. Natürlich sind die Wege vorgegeben, auch wenn es Spielraum gibt und man jedes Kapitel mit unterschiedlichen Enden beziehungsweise Bewertungen abschließt. Dennoch, die geringe Anzahl an Optionen ist gar nicht so schlecht: Was soll man denn der Person schreiben, die sich mehr und mehr den rechtsextremen Kreisen nähert? Welche aus zwei fast identischen Formulierungen ist die bessere, stellt mehr Nähe her, rüttelt erfolgreicher am Denken? Das bildet gut die Machtlosigkeit ab, die man in so einer Situation vielleicht verspürt.
Ungünstig gemacht: Es gibt interaktive Szenen, die mit Quasi-Video oder Quasi-Screenshots arbeiten. Das ist gut, aber man sie nur einmal bearbeiten. Das reißt einen ein wenig aus der App-Illusion.
Am Ende von Episode 1: Ja, das fühlt sich ein bisschen an, als hätte man eine Geschichte gelesen. Keine lange, vielleicht so eine Fernsehepisode im Umfang, aber es war jedenfalls nicht reines Durchklicken.
Wie man das im Unterricht einsetzt, weiß ich noch nicht. Es werden mehrerlei Fortbildungen dazu angeboten. Die werde ich nicht wahrnehmen, aber vielleicht fällt mir eine geeignete Klasse dazu in die Hände.
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