Douglas Adams, Dirk Gently’s Holistic Detective Agency
Das Buch habe ich wohl kurz nach Erscheinen zum ersten Mal gelesen und war wohl etwas enttäuscht, weil es etwas anderes als der Hitch-Hiker’s Guide war. Dabei war ich immer nur ein kleiner Fan davon; der beste Band war So Long, and Thanks for All the Fish, und auch da vor allem der Handlungsstreng auf der Erde, die Liebesgeschichte zwischen Fenchurch und Arthur.
2002 habe ich das Buch noch einmal gelesen, auch weil ich eine schöne Audioversion davon hatte, gesprochen von Douglas Adams selbst. Bei der aktuellen Lektüre hat es mir am besten gefallen.
Das Buch wirkt etwas verwirrend und zusammenhanglos, und das Ende ist tatsächlich etwas unvermittelt und überraschend. Aber wenn man wie beim Wiederlesen das Ende und die Zusammenhänge schon kennt, dann sieht man, wie viel doch angedeutet und angelegt ist, und alles ergibt etwas mehr Sinn. Dass die Handlung auf Grundlage von Doctor-Who-Drehbüchern entstanden ist, erklärt einige Motive. Die Konstellation Richard/Dirk ist nicht zu weit von der Arthur/Ford entfernt; bei beiden ist die Hauptperson eher passiv. Als Frau gibt es neben einer liebevoll gezeichneten Sekretärin vor allem Susan, die immerhin mehr Persönlichkeit als Trillian erhält.
Was das Buch gut macht, ist erstens die Sprache. Zwei Stellen habe ich mir für die Verwendung in der Englisch-Oberstufe herausgesucht; in beiden wird das Innenleben einer Person auf jeweils ganz unterschiedliche und originelle Weise vermittelt.
Zweitens sind die Überlegungen zu Computern interessant. Der erste große Erfolg der Firma (Kapitel 8) war eine Art logisches Programmiersystem, nur dass man nicht aus eingegeben und gesammelten Tatsachen logische Schlüsse formen, sondern man beginnt mit dem Ergebnis und das Programm gibt einem dann die Gründe vor, warum das Ergebnis alternativlos ist. Veröffentlicht wurde es nie, gleich vom Pentagon aufgekauft. Prolog selber wird kurz erwähnt, eine der Figuren sieht keine große Desktop-Zukufnt dafür. (Prolog: Ist seit letztem Schuljahr im erweiterten Anforderungsbereich Informatik.) – Der andere große Erfolg der Firma ist ein Programm, dass Tabellenkalkulationsdaten in Musik umformt oder in animierte Logos: ein Möwenschwarm etwa, bei dem jede einzelne Möwe für eine Abteilung steht und die Schlagfrequenz von deren Quartalsleistung abhängt.
Und dann ist da der elektrische Mönch selbst, der alles glaubt, was man ihm vorträgt. Der erinnert sehr an ein LLM.
Terry Prachett, Guards! Guards!
„Seit Menschengedenken“ heißt auf Englisch „since time immemorial“, und in einem Vortrag von Douglas Adams habe ich gelernt, dass im englischen – und wohl auch kanadischen und amerikanischem – Rechtswesen diese „time immemorial“ im Jahr 1189 endet und „legal memory“ beginnt. Bei mir ist das Ende 1999, seit diesem Zeitpunkt führer ich Buch über die von mir gelesenen Bücher, und diesen ersten Stadtwachen-Roman habe ich zu vor zum letzten Mal gelesen, kenne das Buch also – since time immemorial.
Die Stadtwachen-Romane sind mir die liebsten, das geht vielen so. Vergessen hatte ich aber diesen ersten, in dem Stadtwache nur ein Witz ist, Captain Vimes eher ein heruntergekommener Privatdetektiv ohne Ressourcen, auch wenn es zwei (nur zwei!) weitere Stadtwachenmitglieder gibt. Später gehört zu Vimes, dass er mit einer Hochadelsdame verheiratet ist; die lernt er in diesem ersten Buch kennen und am Ende werden sie auch ein Paar. Aber noch hat sie diesen englischen Hochadelszug, mit Gummistiefel herumzulaufen und ziemlich derb zu sein; ich glaube, den verliert sie in späteren Büchern. Energisch ist und bleibt sie allerdings: „Lady Ramkin’s bosom rose and fell like an empire.“
Sehr zeitgemäß ist das Buch übrigens. Die „Elucidated Brethren“, verführt von einem Fanatiker, treten eine kleine Revolution los, indem sie manipulativ das Bedürfnis nach einem einfachen Narrativ bedienen: Ein Drachentöter kommt, den Drachen zu besiegen, und wird dafür zum König gekrönt. Der Helden-Kandidat wirf fein ausgesucht, und wenn es auch erst einmal keine Drachen gibt, kann man doch welche erscheinen lassen und Angst davor schüren, bis Volkes Stimme lautet: „A dragon slayer. Where is he, that’s what I want to know? Why aren’t our schools turning out young people with the kind of skills society needs?“ Captain Vimes, seufzend: „People’ll start tying virgins to rocks any day now,“ bis alles, was schlecht läuft, wieder richtig gestellt wird. Und was läuft schlecht? Konkret weiß man das nicht.
Bald gerät die Verschwörung außer Kontrolle auch ihres Anstifters; eine echte übernatürliche Gefahr manifestiert sich,mit der die Elucidated Brethren nie gerechnet hätten.
Die Stadt reagiert darauf unschön. Die Stadtoberen kriegt man herum mit der Versicherung, dass nur ab und zu eine Jungfrau geopfert wird, und sicher keines ihrer Familienmitglieder.
Each man thought: one of the others is bound to say something soon, some protest, and then I’ll murmur agreement, not actually say anything, I’m not as stupid as that, but definitely murmur very firmly, so that the others will be in no doubt that I thoroughly disapprove, because at a time like this it behooves all decent men to nearly stand up and be almost heard…
But no one said anything. The cowards, each man thought.
“It’s all part of the social…social contract,” said his assistant woodenly. “A small price to pay, I’m sure you will agree, for the safety and protection of the city.”
Es gibt viele Mitläufer oder Profitierende:
“All out of a kind of humdrum, everyday badness. Not the really high, creative loathesomeness of the great sinners, but a sort of mass-produced darkness of the soul. Sin, you might say, without a trace of originality. They accept evil not because they say yes, but because they don’t say no. I’m sorry if this offends you,” he added, patting the captain’s shoulder, “but you fellows really need us.”
(Zum ersten Mal wirklich aufgefallen, aber nur mir, weil gut erforscht und auch Pratchett auch selbst bewusst, ist die Parallele zu Lovecraft in vielen Geschichten. Wesenheiten von außen, die wir nicht erkennen können und die sich in unserer Welt manifestieren, nur dass man bei Pratchett nicht wahnsinnig wird davon.)
Friedrich Gerstäcker, Germelshausen
Nicht wiedergelesen, aber wiedergesehen habe ich das Filmmusical Brigadoon (1954). Ich mag die späteren Farbmusicals (Oklahoma, Carousel, Seven Brides for Seven Brothers, South Pacific) meist weniger als die alten, schwarzweißen; Ausnahmen sind die späten Filme mit Fred Astaire oder Singin‘ in the Rain, das musikalisch und von der Handlung her auch in die frühe Phase fällt. Brigadoon ist so ein solcher später Film, der selten im Fernsehen kommt und einen gewissen eigenen Charme hat – wer Cyd Charisse durchgehend ein schottisches r rollen hören möchte, kommt hier auf seine Kosten.
Die Bühnenvorlage stammt aus dem Jahr 1947. Wikipedia dazu entnahm ich, dass vielleicht (aber tatsächlich wohl nicht) die Erzählung „Germelshausen“ von Friedrich Gerstäcker (1860) eine Vorlage war, also musste ich die lesen. Sowohl dort als auch in Brigadoon kommt ein Wanderer (im Musical begleitet von einem Freund) in ein Dorf mit merkwürdig altertümlichen Bräuchen. Der Wanderer verliebt sich in ein Mädchen, es gibt ein großes Fest, es wird froh getanzt, am Ende stellt sich heraus: das Dorf erscheint nur alle hundert Jahre in unserer Welt; wer eine Nacht dort verbringt, wacht mit dem Rest der Dorfbewohner ganz normal auf, draußen bei uns sind aber hundert Jahre vergangen.
In der Erzählung verlässt der Wanderer noch rechtzeitig das Dorf, lernt das Geheimnis aber erst danach kennen; im Musical verlässt der Wanderer bewusst das Dorf, um in seiner modernen Welt zu bleiben. (Allerdings taucht, Spoiler, das Dorf dann später doch noch einmal für ihn auf, als er sich umbesinnt, damit er doch noch zu seiner Liebsten kommt.)
Der Hauptunterschied: In der Erzählung ist diese 100-Jahre-Regel ein Fluch, eine Bestrafung für das gottvergessene Volk im Dorf, dessen Kirche auch nicht mehr benutzt wird. Im Musical ist das kein Fluch, sondern ein Segen, damit das Dorf und seine Einwohner (und letztlich auch der Wanderer) dieser unserer modernen Welt entfliehen können und nicht in ihr leben müssen.
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