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Lehrer, Leser, Blogger. Rüstiger Endvierziger.

Wege zur Hochschulreife, Prüfungsanforderungen I-II-III

By | 11.6.2017

Stichwörter: Abitur, externe Bewerber, Begabtenabitur, Einheitliche Prüfungsanforderungen Abitur, mündliche Prüfungen

In Bayern gibt es viele Wege zur Hochschule. Die allgemeine Hochschulreife kriegt man mit dem Abschluss des Gymnasiums oder der Beruflichen Oberschule; die fachgebundene mit der Fachoberschule. Einen allgemeinen Hochschulzugang erhält man – nach einem Beratungsgespräch – auch als Handwerksmeister oder Absolvent einer Fachakademie oder Fachschule. Einen fachgebundenen Hochschulzugang gewährt eine Hochschule auch jemandem mit Berufsausbildung und Berufspraxis, nach einem Beratungsgespräch und einem bestandenen Prüfungsverfahren, das in der Hand der Hochschule liegt (Link zu KuMi).

Man kann die allgemeine Hochschulreife auch über das Begabtenabitur erreichen: Dazu braucht man eine abgeschlossene Berufsausbildung und im Anschluss daran eine mindestens fünfjährige Berufstätigkeit, außerdem muss man mindestens 25 Jahre alt sein. Das machen nicht viele, glaube ich – gedacht ist was für Menschen, die besonders begabt sind, aber halt durch die Schullaufbahnentscheidungen kein Abitur erworben haben. (Details hier beim Kultusministerium.) Das Begabtenabitur wird im Kultusministerium abgelegt, es gibt drei schriftliche Prüfungen (Deutsch; Mathematik oder Fremdsprache; wissenschaftliches Fachgebiet) und vier mündliche (noch einmal das wissenschaftliche Fachgebiet; Mathematik oder Fremdsprache, je nach Wahl der schriftlichen Prüfung; Geschichte; ein gesellschaftswissenschaftliches oder ein naturwissenschaftliches Fach). Die schriftlichen Prüfungen sind 5 Stunden (wissenschaftliches Gebiet, Deutsch) oder 3 Stunden lang (Fremdsprache), die mündlichen jeweils 30 Minuten. Ich habe leider nicht herausgefunden, was alles als „wissenschaftliches Fachgebiet“ zählt, also ob damit auch Geisteswissenschaften gemeint sind, oder ob sich das mit Bio/Physik/Chemie doppeln darf – das wären ja dann drei Prüfungen zu einem Gebiet, das kann ich mir nicht vorstellen.

Ich weiß von dieser Begabtenprüfungen, weil ich während meiner Unizeit daran beteiligt war, im Rahmen des gewählten Fachgebiets Informatik. Die schriftliche Prüfung dazu entspricht „Leistungskursniveau“ – die Regelungen dazu stammen aus Zeiten, als es noch Leistungskurse gab, und die Prüfung dauert ja auch 5 Stunden statt 3 wie im Informatikabitur am Gymnasium. Na ja, nimmt man halt noch die Datenbanken dazu. Tatsächlich unterscheiden die von der Kultusministekonferenz beschlossenen Einheitlichen Prüfungsanforderungen auch für das Fach Informatik (1989/2004) zwischen Grund- und Leistungskursniveau:

[Der Schwerpunkt ist bei] den Grundkursen die Vermittlung einer wissenschaftspropädeutisch orientierten Grundbildung, den Leistungskursen die systematische, vertiefte und reflektierte wissenschaftspropädeutische Arbeit. […]

Grundkurse führen in grundlegende Sachverhalte, Probleme, Zusammenhänge, Strukturen und Fragestellungen des Faches ein. In ihnen werden wesentliche Arbeitsmethoden und grundlegenden Zusammenhänge erarbeitet. Schülerinnen und Schüler können wesentliche informatische Arbeitsmethoden nutzen und fachübergreifende bzw. fächerverbindende Zusammenhänge exemplarisch erkennen.

Leistungskurse befassen sich methodisch ausgewiesener und systematischer als die Grundkurse mit wesentlichen, die Breite, die Komplexität und den Aspektreichtum des Faches Informatik verdeutlichenden Inhalten, Theorien und Modellen. Sie orientieren sich stärker an der Systematik der Fachwissenschaft, sind auf sichere und selbstständige Anwendung informatischer Methoden und ihre Übertragung und theoretische Reflektion gerichtet. Die Schülerinnen und Schüler lernen im Leistungskursfach fachübergreifende bzw. fächerverbindende
Zusammenhänge zu erkennen.

An der Uni hielten wir – vor allem mein Kollege – Kontakt zu den Kandidaten für die Informatik-Prüfungen und haben sie beraten.

— Häufiger als die Begabtenprüfung dürfte die Teilnahme als Andere Bewerberinnen und Bewerber an Gymnasien sein, obwohl ich keinerlei Zahlen darüber habe. Es braucht keine besonderen Bedingungen, um als externer Bewerber das Abitur abzulegen – im Referendariat habe ich gelernt, dass man nicht automatisch das Recht dazu hat, sondern glaubhaft machen muss, dass man sich ernsthaft vorbereitet hat. Das gilt wohl nicht mehr. (Immer noch gilt, dass man so oder so maximal zwei Versuche hat, das Abitur abzulegen.)

Als anderer Bewerber hat man acht Prüfungen, vier schriftliche und vier mündliche. Die schriftlichen sind die drei regulären schriftlichen Abiturprüfen, also Deutsch, Mathematik und ein weiteres Fach; dazu kommt eine von der Schule erstellte Prüfung. Die mündlichen sind dann die restlichen Fächer – insgesamt müssen Deutsch, Mathematik, zwei Fremdsprachen, Geschichte, eine Naturwissenschaft dabei sein, und ein paar Details beachtet werden (KuMi-Seite dazu). Die mündlichen Prüfungen dauern 30 Minuten, der Inhalt sind Grundkenntnisse und – schau an, das wusste ich nicht – nur die letzten beiden Kurshalbjahre.

Ich hatte bisher nie mündliche Prüfungen bei anderen Bewerbern, nur schriftliche – und mündliche Zusatzprüfungen. Die sind etwas ganz Besonderes; es gibt sie auch für reguläre Abiturteilnehmer: Man kann in den schriftlichen Fächern eine mündliche Zusatzprüfung machen, 20 Minuten, mit 20 Minuten Vorbereitung, die dann mit den vorliegenden schriftlichen Noten „im Verhältnis 2:1 gewertet“ wird. Der Stoff ist identisch zu den bereits abgelegten schriftlichen Prüfungen, allerdings kann man ein Semester ausschließen und ein Schwerpunktsemester wählen.

Die Rolle dieser Prüfungen ist in manchen Kreisen… umstritten. Man kann an ihnen teilnehmen in der Hoffnung, die Abiturgesamtnote in der Nachkommastelle etwas zu erhöhen. Das sind die wenigsten. Die meisten müssen an den Prüfungen teilnehmen, weil sie sonst nicht auf die Mindestpunktzahl im Abitur kommen. Gedacht war das vermutlich als Notlösung, aber inzwischen scheint das von vielen Schülerinnen und Schülern von vornherein einkalkuiert zu werden – deshalb auch das große Drunterunddrüber bei dem diesjährigen Abiturtermin: Die Korrekturzeit für die Lehrer wurde plötzlich verkürzt, damit die Ergebnisse vor den Pfingstferien bekannt gegeben werden können, damit die Schülerinnen und Schüler mehr Zeit haben, sich auf die eventuellen Zusatzprüfungen nach den Ferien vorzubereiten. Wir erinnern uns, das ist der gleiche Stoff wie bei der bisherigen Prüfung. Auslöser dieser kurzfristigen Änderung war laut Kultusministerium nicht die von Schülerinnen und Schülern vorbereitete Petition zur Vorverlegung des Termins.

An meiner Schule gibt es wohl weniger mündliche Zusatzprüfungen als an anderen, offizielle Zahlen dazu kenne ich keine. (Dabei wäre das mal interessant.) Trotzdem sind das jedes Jahr einige zusätzliche Nachmittage. Das mit dem G8 eingeführte Prinzip, in der Oberstufe die – traditionell immer besseren – mündlichen Leistung gleich zu gewichten wie die schriftlichen, führt dazu, dass es bei den rein schriftlichen Abiturprüfungen enttäuschende Ergebnisse gibt, die durch die Zusatzprüfungen nie ganz ausgeglichen werden können.

— Zurück zu den anderen Bewerbern: Ich weiß nicht, wie diese sich auf die Prüfungen vorbereiten. Zum Teil gibt es wohl Institute dafür, aber ich weiß nicht, in welchem Umfang diese besucht werden. Ich habe mal nach Online-Aussagen zu den Prüfungen gesucht und in diesem Foren-Thread gefunden:

Das Gymnasium, an dem ich die Prüfungen geschrieben habe, meinte, dass zuletzt vor einigen [Jahren?] der letzte bestanden hätte. Auch die Durchfallquote sei hoch. Jedoch kann ich dir Entwarnung geben. So schwer ist es auch wieder nicht, wenn man weiß was man tut.

Der Autor oder die Autorin des Beitrags klingt insgesamt recht vernünftig, schreibt aber auch:

Ich habe ungefähr 2 Wochen vor Prüfungsbeginn mit dem Lernen begonnen(Mathe ungefähr 3 Wochen davor). Die mündlichen Fächer sind ziemlich billig.

Ich vermute mal, dass es sich dabei um eine große, große, große Ausnahme handelt. Ich zitiere: „Auch die Durchfallquote sei hoch.“ Offizielle Zahlen dazu kenne ich keine, und aus meiner Schule darf ich nicht berichten, aber das kann schon stimmen. Ich weiß nicht, wie die anderen Bewerber und Bewerberinnen sich tatsächlich vorbereiten; nicht alle scheinen zu wissen, was sie erwartet; Kontakt zwischen Instituten und der Schule gibt es wenig. Ich habe gehört, die Zahl der anderen Bewerber steigt jedes Jahr, auch hier wüsste ich gerne offizielle Zahlen.

Exkurs: Einheitliche Prüfungsanforderungen, Bildungsstandards, Anforderungsbereiche

Es gibt von der Kultuministerkonferenz beschlossene Einheitliche Prüfungsanforderungen für das Abitur mit ursprünglich fachspezifisch unterschiedlichen Anforderungsbereichen.

In Informatik entspricht EPA I in etwa reiner Reproduktion: die Wiedergabe von Bekanntem; auch die Verwendung geübter Techniken in einem wiederholenden Zusammenhang. EPA II entspricht spezifischem Transfer: die selbstständige Übertragung von Gelerntem auf vergleichbare neue Situationen. EPA III entspricht für mich dem nichtspezifischen Transfer: die bewusste und selbstständige Auswahl und Anpassung geeigneter gelernter Methoden und Verfahren in neuartigen Situationen. Im schriftlichen Abitur sollen ein Großteil der Aufgaben EPA II sein, daneben auch EPA I und III (wobei ersteres überwiegt). Für mündliche Prüfungen habe ich nur gefunden, dass „unter Beachtung der Anforderungsbereiche“ grundsätzlich jede Note erreichbar sein muss.

Für einige Fächer, darunter Deutsch, Englisch und Mathematik, gibt es seit 2012 Bildungsstandards für die allgemeine Hochschulreife, die die älteren Einheitlichen Prüfungsanforderungen von 2002 ablösen. Dort sind für alle Fächer die Anforderungsbereiche so definiert:

Anforderungsbereich I umfasst das Wiedergeben von Sachverhalten und Kenntnissen im gelernten Zusammenhang, die Verständnissicherung sowie das Anwenden und Beschreiben geübter Arbeitstechniken und Verfahren.

Anforderungsbereich II umfasst das selbstständige Auswählen, Anordnen, Verarbeiten, Erklären und Darstellen bekannter Sachverhalte unter vorgegebenen Gesichtspunkten in einem durch Übung bekannten Zusammenhang und das selbstständige Übertragen und Anwenden des Gelernten auf vergleichbare neue Zusammenhänge und Sachverhalte.

Anforderungsbereich III umfasst das Verarbeiten komplexer Sachverhalte mit dem Ziel, zu selbstständigen Lösungen, Gestaltungen oder Deutungen, Folgerungen, Verallgemeinerungen, Begründungen und Wertungen zu gelangen. Dabei wählen die Schülerinnen und Schüler selbstständig geeignete Arbeitstechniken und Verfahren zur Bewältigung der Aufgabe, wenden sie auf eine neue Problemstellung an und reflektieren das eigene Vorgehen.

Bei Abiturprüfungen ist der Schwerpunkt II, daneben I und III (bei Grund- und Leistungskursniveau unterschiedlich gewichtet). Was genau bei Deutsch und Englisch welchem Anforderungsbereich entspricht, ist in den Bildungsstandards nicht wirklich erklärt; eine Operatorenliste wird bewusst vermieden (was ich auch für sinnvoll halte), es gibt allerdings viele Beispielaufgaben mit Erklärungen, welchem Anforderungsbereich sie zuzuordnen sind. In den Lösungshinweisen zum bayerischen Abitur taucht weder bei Informatik noch Englisch das Wort „Anforderungsbereich“ auf, lediglich bei Deutsch steht ohne weitere Details etwas wie: „Beide Teilaufgaben erfordern vornehmlich Fähigkeiten aus den Anforderungsbereichen II und III.“ Zusätzlich gibt es bei Deutsch ausführliche Beschreibungen für gute und ausreichende Leistungen; in den anderen Fächern gibt es das nicht, da in diesen ja einfach Punkte zusammengezählt werden.

In meinen Informatikklausuren notiere ich mir seit kurzer Zeit übrigens, welche Aufgaben EPA I, II und III sind, und bemühe mich, das Verhältnis dabei wie beim Abitur zu haben.

Frau Rau fragt, warum ich gerade nicht blogge

By | 9.6.2017

Midlife Crisis? Vielleicht ein bisschen. Aber eher ist es die Arbeit: In den zwei Wochen vor den Pfingstferien war ein Großteil des Abiturs, und ich war Zweitprüfer in Deutsch (schriftlich) und Zweitprüfer in Englisch (mündlich), das waren allein vier Nachmittage an mündlichen Prüfungen. Den Unterricht habe ich da schon so ordentlich absolviert, aber nichts gemacht, auf das ich besonders stolz wäre.

Nett war allerdings die 9. Klasse Deutsch, die gerade eine Schulaufgabe geschrieben hatte und bei denen die Lektürearbeit erst nach den Pfingstferien beginnen würde. Also waren ein paar Stunden zu überbrücken; und das Wetter war schön, die Schülerinnen und Schüler quengelten schon, ob sie mal rauskönnten. Also teilte ich zwei Seiten Romeo und Julia aus, vor allem die Anfangsszene, besprach ein bisschen dazu, und schickte dann alle in zwei Gruppen nach draußen – sie sollten die Eingangsszene einstudieren, mit ein paar Requisiten, und Bewegung, und Positionierung. das ging nach dann die nächste Doppeltunde so weiter, und danach war dann Aufführung: So konnte ich ein bisschen Pause machten, die Schülerinnen und Schüler durften raus und etwas machen, das ihnen Spaß machte, und gelernt haben sie hoffentlich auch etwas.

Die zwei Gruppen habe ich gefilmt, das kriegen sie dann nach den Ferien zu sehen. So sah das ungefähr aus:

Schüler in Schul-Theatron

Requisiten (Schilder, Besen) hatten beide, aber eine Gruppe war deutlich besser als die andere, was Bewegung betrifft. Während Gruppe A oft nur auf der Spielfläche stand, nutzte Gruppe B den Raum aus: die zwei Spaziergänger am Anfang gingen von außen die Stufen in die Mitte des Theatrons hinunter, und allein das erzeugte schon Spannung.

— Während dieser Prüfungsphase blieben andere Sachen liegen, und so verbringe ich die Pfingstferien mit einem Übungsaufsatz, einer Deutschschulaufgabe und einer Informatikklausur. Und das kostet Energie – ich komme zum Kochen und Lesen, zu Familie und Zahnarzt und Uni, aber für Bloggen ist gerade keine Energie da. Da brauche ich den Kopf frei.

Brauchen wir einen literarischen Kanon? (Und: Schullektüren, Lesebücher.)

By | 23.5.2017

So lautete, verkürzt gesagt, das Erörterungsthema im bayerischen Abitur 2017, aufgehängt an einer Analyse der Argumente und Argumentationsweise einer Rede von Roman Herzog 1997. Bob Blume macht sich auch Gedanken über Literaturkanons, und darum, ob man Computerspiele im Unterricht so wie Texte behandeln sollte. Und weil ich heute mit meiner 9. Klasse die nächste Schullektüre ausgewählt habe, möchte ich auch meinen Senf zu Literatur im Deutschunterricht geben.

1. Ja, wir brauchen einen Literaturkanon.

(Gründe siehe irgendwo, da gibt es genug, die schenke ich mir.)

Aber wir kriegen nicht so leicht einen. Ich wüsste ja auch keine Instanz, die einen verbindlichen Kanon vorschreiben könnte. Und wem denn überhaupt? Sicher nicht den öffentlichen Bühnen; bleiben also die Schulen, und das Kultusministerium möchte ich sehen, dass eine längerfristig verbindliche Lektüreliste festlegt. Zumal das ja nur bundeslandübergreifend Sinn machen würde.

Einen Kanon in dem Sinn, dass eine Autorität formal ein Buch in eine Liste kanonisierter Bücher aufnimmt, wird es also nicht geben. Obwohl, so eine Art Walhalla oder wenigstens Ruhmeshalle wie hinter der Bavaria wär schon auch nett. Gipsabdrücke zentraler Werke, dann müsste man sie auch nicht lesen. — Was so ein Kanon im ursprünglichen Sinn ist, wissen manche Schüler übrigens sehr wohl: Im Star-Wars-Universum gibt es nicht nur die Filme, und Fernsehserien, sondern auch Bücher. Und manche dieser Bücher und Filme sind kanonisch, das heißt, ihre Handlung gehört offiziell, von Lucas, dann Disney abgesegnet, zum Star-Wars-Universum. Die alten Star-Wars-Comics von Marvel? Nicht kanonisch. Das Star Wars Holidy Special von 1978? Trotz Drehbuch von Lucas nicht kanonisch. Der Roman Die neuen Abenteuer des Luke Skywalker von Alan Dean Foster? Keine Ahnung. Als vor wenigen Jahren die jüngsten Filme ins Kino kamen, wurden plötzlich Jahrzehnte voller Romane aus dem Kanon gestrichen, sind jetzt Häresie, weil sie den neuen Filmen widersprechen. Bei Superhelden, Marvel und DC, und Sherlock Holmes, Star Trek und überhaupt jeder Serie gibt es kanonische und unkanonische Werke, und Aficionados diskutieren das Thema gerne.

Um so einen Kanon geht es also nicht. Trotzdem gibt es so etwas ähnliches. Im Studium hieß es: Kanonisch ist ein Buch dann, wenn man den Inhalt kennt, obwohl man es nie gelesen hat – weil es so oft zitiert wird, weil man so viel davon gehört hat, dass sich das ergibt. Wie groß ist der Buchkanon in Deutschland? Sehr, sehr klein. Wenn ich mit Schülern und Schülerinnen auf gemeinsame Werke zugreifen will, muss ich zu Filmen ausweichen, und selbst da gibt es wenige – Star Wars, Harry Potter. Bei Büchern: Harry Potter, noch. Nach der Schulzeit: Faust, Woyzeck. E.T.A. Hoffmann. Fontane.

Wie entsteht so ein literarischer Kanon? Indem überhaupt erst einmal gelesen wird, und indem über Bücher geredet wird – in Zeitungen, in Blogs, im Fernsehen, im Kino, in der Schule. Bei der Wahl einer Schullektüre ist es ein Faktor unter mehreren, ob ein Buch kanonisiert gehört, meiner Meinung nach. (Wessen sonst?) Bei zwei gleich geeigneten Werken nehme ich das, das Schüler in eine größere Gemeinschaft oder mit der Vergangenheit einbindet.

Das bringt mich zu Schullektüren.

2. Schule treibt Leuten nicht das Lesen aus

Ich lese das immer wieder mal, dass junge Leute so gern gelesen haben, bis die Schule ihnen das mit der Lektürebehandlung dort ausgetrieben hat. Ich glaube nicht, dass das oft vorkommt. In der Pubertät hört man aus verschiedenen Gründen mit dem Lesen auf. Dass man in der Schule Dürrenmatt lesen musste, dürfte nur in seltenen Fällen ein Problem sein. Wenn man dort Lieblingsbücher der Schüler zerredete, vielleicht; aber das kommt nicht vor.
Gleichfalls glaube ich nicht, dass Lektüre, wie man sie in der Schule einsetzt, Spaß machen muss. Es ist schön, wenn das so ist, aber Lesen kann eben auch Arbeit sein, das weiß jeder Geisteswissenschaftler und jeder, der sonst mit Texten arbeitet. Leseförderung in der Schule ist wichtig, aber ich bezweifle, dass Schullektüren, wie sie traditionell eingesetzt werden, dazu beitragen.

3. Ich möchte ein Lesebuch

Das mehr so als ceterum censeo: Was ist eigentlich mit den Lesebüchern passiert? Da gibt es sicher Forschung dazu, aber ich habe nicht die Zeit, ihr nachzugehen. Hier würde ich anfangen: Wikipedia, Notizen mit Quellen (pdf), ein Skript zur Geschichte der Deutschdidaktik (ganz unten auf der Seite). Bis Ende des 20. Jahrunderts hatten Schüler in Bayern ein Sprachbuch, das von meinen liebsten Deutschlehrern nie, und ein Lesebuch, das selten verwendet wurde. (Blogeintrag zu meinem Lesebuch der 11. Klasse.)

Danach verschwand das Lesebuch; Schülerinnen heute kriegen ein kombiniertes Sprach-/Lesebuch, das von Lehrern unterschiedlicher Generationen vermutlich unterschiedlich eingesetzt wird. Ich verwende es nach der Unterstufe nur noch als Materialquelle, vor allem für die Gedichte dort. Selbst die Prosatexte verwende ich nur gelegentlich. Die Erklärungen zum Aufbau eienr Erörterung oder die Arbeitsaufgaben zu den Texten verwende ich sehr selten. Trotz des Buches kriegen meine Schülerinnen und Schüler viel Papier: Die Textauswahl in den Sprachbücher ist viel zu gering. Exploratives Verhalten und offene Aufträge, die nicht an einen bestimmten Text gebunden sind, sind mit solchen Büchern auch schwer möglich, sondern nur mit einem Lesebuch.

Warum ist es verschwunden? Ich weiß es nicht. Damit die Schüler weniger tragen müssen? Weil Lesebücher nach Kanon riechen und der verpönt ist? Weil Schulen keines mehr gekauft haben und die Verlage deshalb keine produzierten? Weil die Verlage keine mehr produzierten, weil Lesebücher vielleicht lehrwerksunabhänging waren und deshalb nicht bei jedem neuen Lehrplan ein neues gekauft werden musste? Weil Lehrer nicht mit Texten allein arbeiten wollen, sondern Begleitmaterial dazu brauchen?

Anlässlich einer Zugfahrt an einem Spieltag der Bundesliga

By | 19.5.2017

Einen mir bekannten Sportlehrer habe ich gefragt, wie denn der Sportunterricht, oder die Sportlehrer, oder zumindest er, zu singenden und Bier trinkenden Fußballsfans im Zug stehen. Die Kurzfassung: Gehört halt dazu. Und Bier trinken in Zügen sei („inzwischen“) ja ohnehin verboten, also sei das kein Problem mehr.

Ich habe das Gefühl, er hat es sich da zu einfach gemacht. Wenn er gesagt hätte, dass es eh keine Rolle spielt, was Lehrer machen, und dass sich die Gesellschaft nicht durch Schule ändern lässt – einverstanden, sehe ich genauso. Aber trotzdem sollten Sportlehrer klar machen, dass man sich so nicht verhält, auch nicht als Fußballfan. Sah der Kollege anders. Geselligkeit gehöre nun mal zum Sport, und dass Geselligkeit mit Bier verbunden ist, ist ein Phänomen unserer Gesellschaft und hat nichts mit Sport zu tun.

Das hat mich unbefriedigt gelassen. Also habe ich mir mal den Lehrplan Sport angeschaut, ob da etwas dazu drinsteht, wie man sich als Fan verhält. Tut es nicht. Aber sonst ist Sport für so ziemlich alles zuständig: Studierfähigkeit, Entwicklung eines Werteverständnisses, den verantwortungsvollen Umgang mit Natur und Umwelt (Integration von sportlichen Aktivitäten in eine umweltorientierte Lebensgestal­tung). Wie man „die eigenen Interessen unter Beachtung konkurrierender Ansprüche [durchsetzt]“, wie man „fragwürdige Trends und Sportkonzepte [durchschaut]“. Zentral und auch tatsächlich wichtig scheinen mir Begriffe Fairness und Spielregeln zu sein.

Die Schüler erkennen, inwieweit die Strukturen der gewählten Sportarten faires und partnerschaftliches Handeln fördern, erschweren oder sogar unterbinden können. Gleichzeitig erfahren sie auch, wie Regeln und Interaktionsformen geändert werden können, um einen die Gemeinschaft fördernden und Freude bereitenden Sport zu gewährleisten. Dabei erkennen sie, inwieweit sportliche Handlungsmuster zwischenmenschliche Umgangsformen positiv oder negativ beeinflussen können. Durch Anerkennen und Einhalten von Regeln, partnerschaftlichen Umgang mit dem sportlichen Gegner, faires Verhalten bei Sieg und Niederlage entwickeln die Schüler wichtige Kompetenzen weiter, die es ihnen ermöglichen, bei außerschulischen Situationen in Familie, Freizeit und Beruf mutig und fair Position zu beziehen.

Gerade im Sportunterricht könnten Schüler lernen, dass Regeln auch dann gelten, wenn niemand hinschaut; dass ein Regelverstoß auch dann einer ist, wenn der Schiedsrichter ihn nicht gesehen hat. In der Praxis ist das aber wohl anders.

Eines stört mich an den Regeln: wenn ich das richtig verstanden habe, ist innerhalb der Regeln alles erlaubt, notfalls muss man die Regeln ändern und das Verhalten den neuen Regeln anpassen. Ich möchte aber eine Gesellschaft, in der es erlaubte Dinge gibt, die man trotzdem nicht tut. Die Inhalte finde ich trotzdem lobenswert. In der Praxis glaube ich nicht, dass da viel gelernt wird. Aber in anderen Fächern ist der Lehrplan ja auch nur aus Papier.*

*Stimmt schon seit zehn Jahren nicht mehr – nur noch digital, also noch flüchtiger.

Marvel wirft nichts weg (mit Anmerkungen zu Guardians of the Galaxy Vol. 2)

By | 12.5.2017

Marvel-Comics

Marvel wirft nichts weg. Das war vor allem in den 1960er und 1970er Jahren prägend, als Marvel die Superheldencomicszene revolutionierte und den Platzhirsch und Konkurrenten DC alt aussehen ließ. Viele der Merkmale jener Zeit finden sich auch in den Filmen des Marvel Cinematic Universe der letzten neun Jahre.


(Der Autor als jugendlicher Marvel-Fan, ca. 1979, Blogeintrag zum Bild)

Neu bei den Comics war: die Albernheit. Stan Lee begrüßte einen immer wieder mal persönlichg mit seinem Ruf „Excelsior!“; die Autoren und Zeichner und Inker wurden nicht nur genannt, sondern porträtiert und ihre Arbeit erklärt; sie hatten Spitznamen wie Stan the Man Lee, Rascally Roy Thomas; Gene the Dean Colan. Die Geschichten waren nicht abgeschlossen wie bei der Konkurrenz, sondern hatten immer ein wenig Fortsetzungscharakter. Auch die Nummerierung der Hefte war fortlaufend, anders als bei Superman & Co, wo in Deutschland jeder Jahrgang wieder neu bei 1 begann. Die Helden hatten ähnliche Superkräfte wie bei DC, aber weniger Capes, waren fehlerhaft, zankten sich und hatten Alltagsprobleme. Und sie liefen einander ständig über den Weg, das machte die Welt größer.

Ein Beispiel für die Verzahnung der Marvelwelt

Ein Beispiel dafür, wie die Marvelcomic-Welt funktionierte, ist Adam Warlock. Der tauchte zuerst 1967 in einem Heft der Fantastischen Vier auf, geschrieben von Stan Lee:

Titelbild Fantastische Vier 63 Das Heft war der zweite Teil einer spannenden Doppelfolge. Üble Wissenschaftler hatten etwas gebaut, das bald aus einem Kokon schlüpfen würde, das war spannend gemacht. Es gab aber auch Hinweise darauf, dass da nicht das herauskommen würde, was geplant war… kurzum, eine goldene Männergestalt kam heraus, wurde „Him“ genannt, und floh die Erde dann ins All.

Panel aus dem Heft, ein goldener Mann

Titelbild Thor 206 Hit-Comics

Zwei Jahre später tauchte diese Gestalt wieder auf, in einem Heft von Thor (1969), geschrieben ebenfalls von Stan Lee. „Er“ schlüpft wieder aus einem Kokon, diesmal ein Fortbewegungsmittel, diesmal im All, und prügelt sich parzivalesk-naiv-draufgängerisch mit Thor, insgesamt vier Hefte lang.

(Geprügelt wird aber nur ein oder zwei Hefte lang – der Fortsetzungscharakter bei Marvel hieß, dass in einem Heft nur ein erster Hinweis auf einen Handlungsstrang kommt, während der vorhergehende abgeschlossen wird, im nächsten entwickelt er sich dann ein wenig weiter, um erst wieder ein Heft später seinen Höhepunkt zu finden – neben ersten Spuren des nächsten Handlungsstrangs.)

Man weiß immer noch nicht recht etwas anzufangen mit der Figur. Drei Jahre später bekommt sie ein neues Kostüm, ein Juwel auf die Stirn, einen neuen Lebensinhalt und bald auch ein eigenes Heft: Eine andere – ebenso wiederverwerte – Gestalt hat eine zweite Erde geschaffen, auf der „Er“, jetzt Adam Warlock genannt, sich als Christusfigur um die Menschen kümmern muss. Von da an wird die Figur berühmt, und da habe ich sie aus den Augenwinkeln immer wieder mal gesehen (in französischen Comics und in Gastauftritte da und dort), und erst Jahre danach mit der Kokon-Geschichte verbunden.

Das Juwel auf der Stirn, das wohl aus Designgründen entstanden sein dürfte, kriegt später noch ein paar Geschwister und eine Hintergrundgeschichte und eine lange, lange, lange Geschichte danach. Und das Labor mit den Wissenschaftlern, das „Ihn“ erst hervorgebracht hat? Das taucht auch noch einmal auf und produziert eine zweite, weibliche Gestalt, „Her“ genannt, später auch als Ayesha bekannt.

Wie das als Marvelfan früher war

Das Leben als Marvel-Fan war nicht leicht. Anfang der 1980er Jahre wurden die deutschen Hefte nach und nach eingestellt. (Etwas später machte ein neuer Verlag weiter, aber nicht mehr so gut – glänzendes Papier, Maschinensatz, und die Zeit der besten Geschichten war auch schon vorbei.) Die ersten Marvel-Produkte kamen ins Kino und waren… enttäuschend, auch wenn es ohnehin nur Fernsehproduktionen waren, die in Deutschland im Kino liefen. DC, der andere Verlag, brachte nach den erfolgreichen Supermanfilmen auch noch erfolgreiche Batmanfilme heraus.
Um die Jahrtausendwende herum verkaufte Marvel dann, vielleicht frustriert, die Filmrechte für Spider-Man, die X-Men, die Fantastischen Vier. Und zu allseitiger Überraschung wurden diese Filme, zunächst jedenfalls, Erfolge bei Publikum und Kritik. Bis sie dann immer schwächer wurden… da fasste Marvel sich ein Herz und produzierte eigene Filme mit ihren restlichen Helden, angefangen bei Iron Man (2008, hier mein Blogeintrag dazu), und das MCU (Marvel Cinematic Universe) war geboren.

Ich alter Marvelfan kann es immer noch nicht fassen, dass unsere Underdog-Helden jetzt plötzlich bekannt und beliebt sind, und dass wir ihre Abenteuer im Kino sehen können, wieder und wieder und wieder. Und dass diese Abenteuer vom Tonfall her den Comics der 1960er und 1970er Jahren entsprechen, eben jene, die ich damals in der 5. Klasse gelesen habe. Marvels beste Zeit.

Guardians of the Galaxy, Vol. 2 (mit Spoilern)

Der Film hat mir sehr gut gefallen, sogar besser als der erste. Die Eröffnungssequenz ist ganz wunderbar, tolle Action, die strikt im Hintergrund spielt, während vorne ein Teddybäumchen tanzt. Das ist die richtige Schwerpunktsetzung. Die Farben im Film unverhohlen knallbunt, mit bunterem Sternengeflitter am Ende als bei Star Crash (1979). Flotte Musik, lustige Sprüche, rundum gut. Der Film ist zehn Minuten zu lang, eine Szene ist mir zu brutal, und der kleine Groot als Kindersoldat musste auch nicht sein. Trotzdem: Unterhaltsam, leichtfüßig, flott, witzig, menschelnd. Und es gibt einen sehr überraschenden 80er-Jahre-Gastauftritt. Das Alberne, Familiäre, Bunte kenne ich aus den frühen Marvels, ebenso das Melodrama, die gebrochenen Figuren – und weggeworfen wurde auch hier nichts. Groot selber war übrigens ursprünglich ein Standard-Monster in einem Standard-SF-Monstercomic von 1960, noch vor dem Beginn der Marvel-Superheldenzeit.

Was den Marvelfan besonders freute:

  • Howard! Howard the Duck ist ein spezieller Marvelheld. Eine sarkastische Ente aus einem Entenuniversum, die es zu uns verschlagen hat. Die Verfilmung von 1986 gilt als katastrophal; das Entenkostüm darin ist disneyworldhaft-unbeweglich, die erotisch knisternde Szene zwischen Howard und Beverly hat das Publikum ratlos-irritiert zurückgelassen. Ich mag den Film, er hat ein paar schöne Szenen. Unter anderem die mit Howard und Beverly.
    Schon im ersten Guardians ist Howard aufgetaucht, als Sammlungsobjekt, hinter Glas. Diesmal treibt er sich tatsächlich im Hintergrund herum und kriegt ein paar Zeilen Text. Nach all diesen Jahren endlich Respekt für Howard! Marvel wirft nichts weg, auch Howard gehört zur Familie, alles ist verziehen. Easter Eggs sind in allen Filmen lustig, aber bei Marvel zeigen sie außerdem, welche unerwarteten oder zukünftigen Ecken Teil der Marvel-Welt sind.
  • Starhawk! Die kleinen verhaltenen Flügelchen auf dem Kostüm von Sylvester Stallone. Als ich die gesehen habe, habe ich sie selbst in dieser Schwundstufe gleich erkannt: Es gibt in den Comics ein ursprüngliches, älteres Guaedians-Team, zu dem Yondu gehört, und so ein Typ mit diesen Flügelchen, nur eben größer. Die anderen Teammitglieder tauchen dann auch schön im Abspann von Vol. 2 auf.
  • Stan Lee und die Beobachter! Eine Wegwerffigur in einem frühen Abenteuer des Fantastischen Vier war der Beobachter, Uatu. Glatzköpfig, übermenschengroß, in Laken gehüllt – ein Außerirdischer, der sich geschworen hat, nur zu beobachten und nicht einzugreifen. Natürlich taucht er dann immer wieder auf – Marvel wirft nichts weg – und greift in den Comics dann doch ständig ein. Er ist der Erzähler der What-If-Parallelweltgeschichten. (Und später gibt es immer mehr Beobachter, und Hintergrundgeschichten dazu. Weniger bekannt als The Watcher ist ein anderer seiner Art, The Critic: Der beobachtet nicht nur, sondern mäkelt auch am Beobachteten herum, aber ich weiß nicht, wie kanonisch der ist.)
  • Ein Kokon, ein Kokon! Die goldglänzende Gegnerin der Guardians präsentiert im Abspann eine Art Wunderwaffe, und zwar einen Kokon, der genau so aussieht wie bei dem Fantastischen-Vier-Titelbild oben. Und da Warlock ein Erzgegner von Thanos ist, dem künftigen Oberschurken der Avengers-Filmen, und außerdem eng mit den Juwelensteinen verbunden ist, die das Gimmick in den MCU-Filmen sind – deshalb rechnen viele mit dem Erscheinen von Warlock in einem der nächsten Filme. Der Guardians-Regisseur hat das auch schon so angedeutet.
    Andererseits haben wir mit Vision aus Avengers 2 bereits einen pazifistischen Film-Superhelden, der ein unschuldiges Konstrukt in einer ihm fremden Welt ist, und der eines dieser Juwelen an der Stirn trägt… wird da wirklich noch einer kommen? Vielleicht steckt ja doch „Sie“ im Kokon, geschaffen von Ayesha und nach ihr benannt? (Aber ich glaube, der Name Adam fällt.)

Zugegeben: Guardians Vol. 2 ist immer noch nur ein Superheldenfilm. Ich warte noch auf einen solchen, der mehr ist als nur ein guter Superheldenfilm, so wie Blade Runner mehr ist als ein guter Science-Fiction-Film.

Genosse Herr Rau

By | 7.5.2017

Ich bin Genosse, seit einem halben Jahr. Frau Rau ist schon seit dreieinhalb Jahren Genossenschaftsmitglied, und zwar sind wir beide beim Kartoffelkombinat.

Und das kam so. Vor fünf Jahren hatten wir eine Biokiste abonniert. Vier Anbieter haben sich Münchnen und Umland ziemlich genau nach den Himmelsrichtungen aufgeteilt und liefern wöchentlich eine Kiste Biogemüse. Auf Wunsch auch regional. Das war erst mal schön. Aber so furchtbar regional war das auch nicht immer, außerdem kann man den Inhalt der aktuellen Kiste online einsehen und tauschen und andere Sachen hineinpacken – wenn es keinen Biosupermarkt in der Nähe gibt, eine feine Sache, um an Obst und Gemüse zu kommen. Aber hier gibt es genug Biosupermärkte.
So wurde Frau Rau vor gut vier Jahren auf das Kartoffelkombinat aufmerksam. Das ist eine Genossenschaft (eine Geschäftsform, die im Wirtschaftsunterricht der Schule immer unter der Tisch fällt, neben AG und GmbH und GbR und so weiter). Das Kartoffelkombinat vertritt Prinzipien der solidarischen Landwirtschaft. Das heißt, dass faire Löhne gezahlt werden; dass das Risiko geteilt wird; dass der Erzeuger von vornherein einen fairen Preis zugesagt bekommt. (Ansonsten ist das ja so, dass ein Bauer etwas anpflanzt, und wenn die Ernte schlecht ist, ist es sein Pech, und wenn sein Produkt am Markt dann wenig Geld macht, weil es plötzlich eine Schwemme davon gibt, ist das auch sein Pech.)

Konkret sah das lange so aus, dass das Kartoffelkombinat mit der einen oder anderen Gärtnerei zusammenarbeitete und dort Gemüse anpflanzte, quasi als Untermieter, und außerdem mit Bauern kooperierte – faire Preise, faire Verträge, geteiltes Risiko, und auch die Möglichkeit, Gemüse abzunehmen, dass auf dem Markt keine Chancen hat: krumme Karotten, unschöne Kartoffeln, zu kleine dies oder zu große das. Das nimmt einem ja kein Supermarkt ab, Bio oder nicht. Jeder Genosse – genauer: jeder Genosse, der zusätzlich zur Mitgliedschaft eine Kartoffelkiste bestellt hat – erhält dann jede Woche eine Kiste mit Obst und vor allem Salat und Gemüse.

Die Kiste muss man sich an einem Verteilerpunkte abholen, bei mir sind das sechs Minuten zu Fuß. Drin ist, was drin ist – im Winter Kartoffeln und Pastinaken und Lageräpfel und Sellerie, später dann Salat, Feldsalat, Chinakohl, Radicchio, noch später Tomaten in Hülle und Fülle, und Schwarzwurzeln, Kürbis, Karotten, Lauch, Kohl, Schnittlauch, Rettich, Kohlrüben, rote Rüben, Rhabarber, Birnen, Topinambur, Petersilie, Petersilienwurzel, Radieschen, Schwarzwurzeln, Kohlrabi, Grünkohl, Blumenkohl, Rosenkohl, Auberginen, Pak Choi, Mangold, Spinat, Fenchel, Blaukraut, Weißkraut, Bohnen, und vieles mehr (hier ohne besondere Reihenfolge aufgeführt). Wenn die Ernte schlecht ausfällt, ist weniger da; wenn die Ernte gut ist, mehr. Was nicht selbst angebaut wird, wird von Partnerbetrieben zugekauft. Ein von kundigen Menschen ausgearbeiteter Anbauplan sorgt dafür, dass es über das ganze Jahr über etwas gibt; die vielen Tomaten im Sommer werden außerdem zu Sugo verarbeitet, der dann in den Winterkisten drin ist.

Im Moment besteht das Kartoffelkombinat aus etwa tausend Haushalten. Das ist also schon eine große Sache, mit haupt- und nebenberuflich angestellten Mitarbeitern. Aber eigentlich haben die Genossen Gelegenheit, mitzuhelfen: Etwa beim Einkochen der Tomaten im Sommer, beim Ernten von Obst und Gemüse, beim wöchentlichen Packen der Kisten. – Selber mache ich da sehr wenig mit, bin nur jedes Jahr beim Einkochen dabei, und gehe regelmäßig auf Mitgliederversammlungen, ordentliche und außerordentliche.

Davon gab es in letzter Zeit einige, denn vor kurzem hat das Kartoffelkombinat einen großen Schritt getan, der von Anfang an geplant war: Wir besitzen jetzt eigenen Grund und Boden, sind also nicht mehr Untermieter bei anderen Gärtnereien. Ein wunderschönes Stück Land, etwa fünf Hektar groß, mit ebenso viel noch einmal dazu gepachtet. Das Gelände ist eine ehemalige Baumschule, die zur ökologischen Gärtnerei umgebaut wird, zwischen Oberschweinbach und Egenhofen – Ortsnamen, die ich aus dem Einzugsbereich meiner Schule kenne. Ich war schon mehrfach dort, es ist wunderschön gelegen, mit Platz für alles mögliche (Grillplatz, Spielecke, Bienenkörbe).

Das ist ein großer Schritt für unsere Genossenschaft. Wir mussten Geld aufbringen für den Ankauf des Grunds, für den Umbau, für neue Gebäude und Geräte; der Rest kommt von der Bank. Dazu müssen wir auch noch etwas wachsen; der Grund ist groß genug für 1500 Haushalte, und auf so viele muss die Genossenschaft in ein paar Jahren auch wachsen. (Bis zu diesem Zeitpunkt zahlen wir eine Zulage, um das zu finanzieren.)

Ich bin mit der Genossenschaft und den Kisten äußerst zufrieden. Das Vorgehen der Vorstände und des Aufsichtsrat sind sehr transparent, man wird über so viel und so detailliert informiert, wie man das wünscht; die Vorstände kommen auch eher aus der kritischen BWL-Ecke statt aus einer idealisierenden Ökobewegung.

Frau Rau und ich kriegen natürlich nur eine Kiste; ich bin Mitglied ohne Ernteanteil, einfach so, weil ich das gut finde. Die Kisten sind ihr Geld wert, der Salat schmeckt jedesmal besser als der aus dem Laden. Die Karotten sind manchmal krumm, die Kartoffeln haben auch schon mal silbrig geglänzt (was völlig harmlos ist, sie aber unverkäuflich macht), sie waren jedesmal sehr lecker. Schwarzwurzeln und diesen kleinen kanonenkugelrunden Kürbis mögen Frau Rau und ich nicht so besonders, aber die werde ich schnell an Kollegen los. Ansonsten mag ich es inzwischen, so eine schöne Kiste vorgesetzt zu bekommen, und dann zu planen, was ich damit mache. Am Abholtag gibt es regelmäßig Salat zum Abendessen, und inzwischen fallen mir sogar zu Rettich verschiedene Sachen ein. Sellerie ist eh leicht: mindestens schon mal Sellerielasagne, Waldorfsalat, Sellerieschnitzel. Anregungen hole ich mir in den Blogs, denen ich folge; bei den Rezeptseiten des Guardian und aus Kochbüchern.

Links:

Kleinigkeiten aus der Schule

By | 5.5.2017

Robot Karol

Diesen kleinen Clip habe ich in der 7. Klasse gezeigt, wo die Schüler und Schülerinnen mit Robot Karol arbeiten. Karol ist ein kleiner virtueller Roboter, der sich in einer zweidimensionalen Welt voller Felder bewegt und den man so programmiert, dass er Aufträge verrichtet (wie Pakete einsammeln), ohne an die Wand zu stoßen:

Das sind auch nichts anderes als viele kleine Robot Karols, die gleichzeitig durcheinanderwuseln. In der 7. Klasse fängt man halt mit einem an.

G8 oder G9 – macht keinen Unterschied

Seit ein paar Tagen geistert eine Expertise durch die Presse, die feststellt, dass es für die fachlichen Leistung keinen Unterschied macht, ob man auf dem G8 oder G9 war. Hier kann man sich die 54 Seiten pdf herunterladen: https://www.stiftung-mercator.de/de/publikation/chancengleicheit-statt-g8-oder-g9/ – ganz unten, in der Mitte. Laut dieser Expertise wurden als Leistungsindikatoren Schul- und Abiturnoten hergenommen.
Und das halte ich für völlig unbrauchbar. Klar sind die Noten gleich, egal ob G8 oder G9. Ein Kultusministerium kriegt die Noten, die es bestellt (mit vielleicht ein wenig unerwünschter Inflation). Ob die Anforderungen dabei schwerer oder leichter werden, ob die Schüler und Schülerinnen damit leichter zurechtkommen oder nicht, darüber sagen Noten nichts aus. Eine 1 kriegt theoretisch, wer den Anforderungen in besonderem Maß entspricht – praktisch werden diese Anforderungen aber jeweils den Gegebenheiten angepasst. Weniger Zeit zum Üben, geringere Anforderungen.

Wenn Maschinen Menschen bewerten

Interessanter Fund bei netzpolitik.org:

Für die Bertelsmann Stiftung hat Konrad Lischka einen umfassenden Überblick über Anwendungsfälle algorithmischer Entscheidungsfindungsverfahren verfasst. Das Arbeitspapier setzt sich mit insgesamt neun Einsatzfeldern auseinander, von gerichtlichen Rückfallprognosen über Bewerbervorauswahlen und Kreditvergaben bis zu Predictive Policing. Neben deskriptiven Elementen beleuchtet das Papier aus der Perspektive der Teilhabegerechtigkeit Chancen und Risiken.

50 Seiten pdf, für mich als Laien nicht ganz leicht, aber hochinteressant bisher. Es geht darum, wo Algorithmen angewendet werden, um automatisiert Menschen zu bewerten.

Sonst so

Am Montag ist Einschreibung, mal sehen, wie viel neue Schüler sich anmelden. Und ob die Ankündigung des G9 dazu führt, dass jetzt wieder doch ein paar mehr Schüler oder Schülerinnen, die sonst den ruhigeren Weg über die Realschule gewählt hätten, wieder aufs Gymnasium geht.

Balkonvögel 2017

By | 1.5.2017

Rotkehlchen
Rotkehlchen

Buchfink männlich
Buchfink, männlich

Buchfink weiblich
Buchfink, weiblich

Daneben Amseln, Blau- und Kohlmeisen, Kleiber, alles heute.

– Heute ansonsten auch noch: Laufen mit den Zombies, letzte Schulaufgabenkorrektor vor dem diesjährigen Abitursprint, Vorlesung vorbereiten, Online-Noteneingabe der letzten Prüfungen und mündlichen Noten; Rindfleisch mit gesalzenen schwarzen Bohnen und Paprika; Spanienurlaub buchen. Mittags gekochtes Rindfleisch von gestern, mit Brühe, und geriebener Meerrettich noch von Ostern; dazu frischgebackenes Brot von Frau Rau.

Alltagsbekenntnisse

By | 26.4.2017

Heute habe ich mit meiner 9. Klasse ausgemacht, dass sie in der nächsten Stunde in 7 Tagen das Thema für den Übungsaufsatz kriegen, damit sie den in 14 Tagen abgeben können (in einer Woche, in der sie nicht da sind, sondern in einem Betriebspraktikum), damit sie den in 19 Tagen zurückkriegen können (dann sehe ich sie das übernächste Mal), damit sie in 26 Tagen die Schulaufgabe (=angekündigte, größere schriftliche Prüfung; hier: Aufsatz) dazu schreiben können.

So ähnlich läuft das in allen Klassen. In einem Kernfach wie Deutsch muss ich einfach sehr vorausschauend arbeiten, in Nicht-Kernfächern muss ich eine Stegreifaufgabe (=unangekündigte Prüfung über die letzten zwei Stunden) dann schreiben, wenn sich eine Lücke bietet – ob das gerade didaktisch sinnvoll ist oder nicht, spielt dabei eine sehr untergeordnete Rolle.