Peter S. Beagle, The Folk of the Air

Der Roman The Last Unicorn (1960) hatte mir gut gefallen; ganz ausgezeichnet fand ich Peter S. Beagles Erstling, A Fine and Private Place (1960, deutsch: He! Rebeck!), also war ich gespannt auf seinen nächsten Roman (nach einer Reihe anderer Veröffentlichungen):

Das dürfte knapp dreißig Jahre her sein. Ich weiß noch, dass mich das Buch damals irritierte, mir nicht wirklich gefiel – vielleicht hatte ich einfach anderes erwartet. Beagles Laufbahn verfolgte ich seitdem nicht gründlich, aber mit Interesse, las noch ein, zwei weitere Bücher von ihm. Aus Gründen an The Folk of the Air und daran erinnert, dass ich meinen Frieden noch nicht damit gefunden hatte, las ich das Buch ein zweites Mal – und weil Beagle, selbst wohl nicht zufrieden damit, gerade an einer überarbeiteten Version davon sitzt.

Zum Inhalt:

Der herumziehende Lautenspieler Farrell – später erfahren wir seinen vollständigen Namen: Joseph Malachi Lope de Vega Farrell – kehrt mit seinem alten VW-Bus namens Madame Schumann-Heink zurück in die Stadt, in der er seine College-Jahre verbracht hat: Avicenna, Kalifornien. Er besucht dort seinen alten Freund Ben, der mit einer etwas geheimnisvollen älteren Frau, Sia, zusammenlebt. Außerdem trifft er dort eine alte Flamme, Julie, mit der er seit vielen Jahren immer wieder eine Weile zusammenlebt, bevor sie sich dann doch wieder verkrachen.

Ben hat ein großes Geheimnis, stellt sich heraus. Sia hat ein großes Geheimnis. Julie hat ein kleineres Geheimnis, und vor allem nimmt sie Farrell mit zu einem Treffen der “League of Archaic Pleasures”. Das sind die örtlichen… nicht Cosplayer, nicht LARPer, sondern in gewisser Art deren Vorläufer: Die Mitglied haben Fantasy-Namen, Kostüme, Rüstungen, Zeremonien, tragen Kämpfe aus, tanzen Renaissancetänze und sprechen einander mit “thou” an.

Und ich glaube, das ist es, was mich so irritiert hat an dem Buch. Vorbild für die League of Archaic Pleasures ist vielleicht die real existierende “Society for Creative Anachronism”, die ich damals schon aus Berichten und von Fotos kannte. Ich war damals selbst schon im Rahmen meiner FOLLOW-Mitgliedschaft auf solchen Veranstaltungen gewesen – Rüstungen, Feuerschlucker, Met, und auch ich hatte ein Kostüm an, und ich habe mit Morgenstern-Attrappen aus Tennisbällen im Wald gekämpft. Der große Unterschied: Die League-Leute im Buch sind cool, betreiben das Kampfspiel voller Ernst, treiben Falknerei und sind allesamt Experten für Renaissancemusik und ‑tänze. Das brachte ich nicht zusammen mit der Realität, die ich kannte.

Der Schlüssel liegt darin, dass das Buch ein Roman der Urban Fantasy ist. Und es gibt zweierlei Fantasy-Elemente: Erstens beschwört die junge Hexe Rosanna bei ersten großen Fest der League eine dämonenartige Gestalt, wovon nur Farrell Zeuge wird. Rosanna und Nicholas sind die Schurken des Buchs, auch wenn sie differenziert dargestellt werden; ihre Geschichte und Vorgeschichte und ihre Pläne treiben die Handlung voran. Zweitens ist es ein Fantasy-Element, dass diese League of Archaic Pleasures so groß und semiprofessionell ist. Die Stadt Avicenna selbst, man merkt es am Namen, ist ein bisschen komisch. Vor kurzem hat der Stadtrat beschlossen, den Verkauf von Kriegsspielzeug, körnergefüttertem Rindfleisch und Puppen ohne Genitalien zu verbieten. “Man, everybody in Avicenna is insanely knowledgeable about something. Especially fighting.” Farrell unterhält sich mit “pony-tailed boys who knew South German plate armor from Milanese, and Peffenhauser’s work from Colman’s.” Und nebenbei kann man nicht nur den Namen Tolkien fallen lassen, sondern auch Cabell, und jeder weiß, wer gemeint ist. Das war zum einen die Welt, die ich kannte, zum anderen eben auch nicht.

Wie es nach dem Erscheinen von Nicholas Bonner auf dem ersten Fest weitergeht, erzähle ich hier nicht. Es geht im Buch ohnehin mehr um die Stimmung als um die Handlung, auch wenn die logisch genug entwickelt wird. Allerdings ist Farrell für die Handlung des Buchs gar nicht so wichtig, wie man vielleicht meint. Er ist letztlich doch Zuschauer, er verbindet die verschiedenen Handlungsstränge – andererseits wären sie auch ohne ihn verbunden. Ben ist viel mehr der Held als er, udn wichtiger für die Handlung.

Ich bin gespannt, ob Peter S. Beagle wirklich an dem Buch arbeitet und was dabei herauskommt.

Licht im Tunnel, Calliope-Vorlesung, Glühwein

Im Moment bin ich ein kleines bisschen im Stress. Das heißt, ich sehe jetzt schon wieder Licht. Die letzten vier Wochen war ich ständig am Korrigieren, Unterricht habe ich nur so notdürftig wie möglich vorbereitet – immer noch bemüht, aber leider nicht so gründlich, wie ich gerne hätte.

Außerdem war ich krank, erkältet, so sehr, dass ich einmal die Didaktik-Vorlesung ausfallen lassen musste. Weil das eine System zur Kursverwaltung neu ist und nicht richtig funktioniert… also gut, Bedienerfehler, wohl… und das andere System, Moodle, gerade aus anderen Gründen nicht richtig funktioniert, ging meine Nachricht über die ausfallende Veranstaltung leider nicht an alle heraus, sondern nur an mich selber als Veranstaltungsleiter.

So warteten die Studenten und Studentinnen vergeblich auf mich, und ich wurde durch einen Telefonanruf zu Hause überrascht, auf den ich mich wie immer befremdlich mit einem skeptischen “Hallo?” meldete. Bei mir ruft sonst nie jemand Unbekanntes an; die Namen hinter den anderen Nummern werden im Display angezeigt. Es waren die Studierenden, die sich ein Herz gefasst und mich gegoogelt hatten und im Impressum meines Blogs auf meine Telefonnummer gestoßen waren. (Nicht meine Haupt-Telefonnummer übrigens, sondern eine zweite Nummer für den gleichen Apparat, die sich jederzeit ändern lässt. Ich glaube, die hat bisher noch nie jemand gewählt.)

Es sei nicht so schlimm, sagten sie, und sie gingen dann eben zum zweihundert Meter entfernt gelegenen Christkindlesmarkt am Chinesischen Turm. Von dort aus posteten sie ein Gruppenfoto bei Moodle – wie schön! Und sie hätten nur über didaktische Themen geredet, sagten sie.

Gestern habe ich dafür alle, die mitkommen wollten, auf dem dem Christkindlesmarkt zu Glühwein oder alkoholfreiem Punsch eingeladen. Gruppenfotos gemacht, hier ist eines zum Veröffentlichen:

Links oben: der Calliope-Koffer

Auf Wunsch der Studenten und Studentinnen gab es dann auch eine entsprechende Moodle-Badge für alle, die dieses oder letztes Mal dabei waren:

Badge “Heimeliges Heißgetränk”

(Andere Badges gibt es sonst für zu erledigende Pflichtaufgaben während der Vorlesung.)

- Davor haben wir 90 Minuten mit der Calliope mini gespielt. Anscheinend habe ich noch nie wirklich über die Calliope geschrieben? Das überrascht mich aber doch, ich habe immer wieder damit gearbeitet; muss ich unbedingt nachholen. Kurz: Die Calliope ist ein kleiner, leicht programmierbarer Minicomputer mit allen möglichen Sensoren (Beschleunigung, Lage, Temperatur, Lautstärke, Helligkeit, zwei Knöpfe) und Ausgabemöglichkeit (eine 5x5-Matrix aus roten LED, eine LED für beliebige Farbe, Lautsprecher für kleine Musikstücke). Außerdem können die Calliopes untereinander über Funk kommunizieren.

Meine Schule hat zwei kleine Köfferchen voller Calliopes für den Einsatz im Computerraum:

Einen hatte ich mir ausgeliehen und die Studenten und Studentinnen darum gebeten, Rechner mitzubringen. Die didaktische Auswertung und Diskussion der Einsatzmöglichkeiten steht noch aus, das kommt nächstes Mal, aber die Bastelzeit war eine gute Idee. Die Calliope macht auch in diesem Alter Spaß – und es gab endlich mal Gelegenheit, die Kommunikation der Rechner untereinander zu testen. Das ging etwas durcheinander, weil bald alle auf den gleichen Kanälen sendeten und empfingen. Aber auch das war lustig.

CHIP‑8: Teil 2, in welchem das eigentliche Programm vorgestellt wird

Stehen geblieben waren wir bei diesem Computerprogramm für den CHIP‑8:

A2 1E C2 01 32 01 A2 1A D0 14 70 04 30 40 12 00 60 00 71 04 31 20 12 00 12 18 80 40 20 10 20 40 80 10

Es erzeugt ein Zufallslabyrinth so wie dieses hier:

Wie geht das? Wie können ein Haufen Zahlen so etwas erzeugen?

Sie können es natürlich nicht allein, sondern nur, wenn sie einem Computer gefüttert werden, der genau mit diesen Zahlen umgehen kann. Zentral an so einem Computer ist die Recheneinheit (die kann rechnen), dazu kommen der Arbeitsspeicher und Ein- und Ausgabemöglichkeiten. Gesteuert wird das ganze vom Steuerwerk. Ausgabemöglichkeiten für den CHIP‑8 sind der Bildschirm und ein Tonsignal, Eingabemöglichkeiten eine eingeschränkte Tastatur, aber die brauchen wir hier gar nicht. Das kann man sich so vorstellen:

Weil das Laden und Speichern von Daten im Arbeitsspeicher relativ langsam ist, gibt es in manchen Prozessoren spezielle Zwischenspeicher, die bequemer zugänglich sind, Register genannt. Der CHIP-8-Prozessor hat 16 solche Register, mit V0 bis VF bezeichnet. Manche davon haben zusätzliche Funktionen. Insgesamt sieht der Speicher des Systems zum Beispiel so aus:

  • Der Abeitsspeicher ist in Byte-große Häppchen aufgeteilt.
  • Jedes Häppchen kriegt eine fortlaufende Nummer, die Adresse.
  • Die Nummern 0 bis 1FF sind für Kram reserviert.
  • Wenn ein Programm, zum Beispiel MAZE, geladen wird, dann kommt es ab Adresse (hexadezimal) 200 in den Arbeitsspeicher – ich habe das in der Grafik schon mal erledigt.
  • Der interne Programmzähler wird auf 200 gesetzt, das heißt, da wird das Programm beginnen.

Der erste Befehl lautet A21E, dann kommt C201, und so weiter. Aus einem Handbuch zum CHIP‑8 habe ich mir herausgesucht, wofür diese und die anderen Befehle stehen. Meistens stehen die ersten vier Bit, also die erste Ziffer, für die Art des Befehls, quasi das Verb (setze, hole, springe, erhöhe); die anderen zwölf Bit, also Ziffern zwei bis vier, sind Adressen- oder Zahlenangaben, quasi Akkusativ- oder Dativobjekte. Hier sind die Übersetzungen der Befehle:

Also: In Adresse 200–201 steht A21E, das heißt: Schreibe 21E in das I‑Register. Das I steht für Memory Index Pointer, lese ich; später wird mir klar werden, was das bedeutet. Danach wird der Programmzähler erhöht, die Adresse 202–203 wird ausgewertet, wo das C201 bedeutet, dass letztlich in V2 zufällig eine 0 oder eine 1 geschrieben wird. In Adresse 204–205 wird mit 3201 überprüft, ob in V2 – dem Register, in das wir eben geschrieben haben – eine 1 steht: Wenn ja, dann wird die nächste Zeile übersprungen.

Wichtig ist D014 an Adresse 208–209: Hier wird auf den Bildschirm gemalt! Und zwar an die Koordinaten (V0, V1) – in diese Register schreiben wir alsol zumindest in diesem Programm die Position, an die etwas gezeichnet werden soll! Was gezeichnet wird, war mir da noch nicht klar. Gut, vielleicht hätte ich die Anleitung lesen sollen…

Dann wird in Viererschritten die x‑Koordinate erhöht, bis zu dem Höchstwert 40 (=dezimal 64, so viele Pixel gibt es hier in der Breite), dann wieder von vorne angefangen, aber mit jeweils erhöhtem y‑Wert, bis am Ende an der Adresse 218–219 der Befehl 1218 erreicht wird, der besagt, dass das Programm zur Adresse 218 springen soll: eine Endlosschleife.

Unklar waren mir erst die letzten 8 Byte, also die letzten vier Zeilen oben. Meine Interpretation der Zeilen als Befehl machte keinen Sinn. Und das muss sie auch gar nicht: diese Zahlen sollen gar nicht als Befehle interpretiert werden, der Programmzähler wird nie auf ihre Adressen gesetzt, diese Zahlen sind einfach nur Zahlen. Das heißt…

Erinnert ihr euch an das I‑Register, den Memory Index? Und an die Zeile, an die irgendetwas an die Koordinaten (V0,V1) geschrieben werden soll? Tatsächlich passiert bei Ausführung des Befehls D014 Folgendes: “D” kann man sich als “display” merken; “01” bedeutet, dass die x/y‑Koordinaten in V0 und V1 stehen, und die “4” bedeutet, dass an diese Stelle 4 Byte, also 4*8 bit gezeichnet werden sollen – und zwar genau diese 4 Byte, die sich an der Stelle befinden, auf die der Memory Index verweist. Das ist entweder 21E (in Zeile 200–201 festgelegt) oder 21A (in Zeile 206–207 überschrieben). An diesen Stellen – den letzten acht Byte des Programms – werden zwei kleine Bildchen definiert, sogenannte Sprites.

Ab Adresse 21A stehen folgende 4 Bytes:

hex 80, also bin 10000000
hex 40, also bin 01000000
hex 20, also bin 00100000
hex 10, also bin 00010000

Ab Adresse 21E stehen folgende 4 Bytes:

hex 20, also bin 00100000
hex 40, also bin 01000000
hex 80, also bin 10000000
hex 10, also bin 00010000

Und diese Bytes, also eigentlich diese Bits, werden als kleine Bildchen interpretiert:

Diese Bildchen (Sprites) sind immer 8 Pixel breit, aber sie können bis zu 15 Pixel hoch sein – hier sind sie 4 Pixel hoch, weil sie aus vier Byte bestehen. Das Labyrinth braucht nur die linke Hälfte der Sprites, deswegen wird das nächste Sprite ja auch vier Pixel versetzt gezeichnet und überlagert damit die leeren Pixel des Vorgängers.

Und jetzt kann man experimentieren. Die letzten acht Byte des Programmcoes definieren die beiden Sprites. Wenn ich die ersetze durch 80 40 40 80 10 20 20 10, dann sehen die beiden Sprites so aus:

Dann ist das Zufallslabyrinth gar keines mehr:

Oder man setzt den Memory Index Pointer auf 200 statt auf 21A? Dann werden die ersten vier Byte einmal als zwei Befehle, einmals als Sprite interpretiert.

Vielleicht kommt man mal so weit mit einer 12. Klasse? Da macht man Maschinensprache, aber typische Aufgaben wie Multiplikation durch wiederholte Addition und solche Sachen.

Anhang: Warum macht man das so umständlich, mit 3201 statt “if (v2==0)”, wie man das aus Java kennt? Tatsächlich sind diese Zahlen die einzige Sprache, die ein Prozessor versteht, auch heute noch. Alles andere, das auf einem Rechner läuft, wird – vielleicht über mehrere Zwischenstufen – in genau solche Zahlen übersetzt, also in Maschinensprache. Allerdings sind moderne Prozessoren in manchen Aspekten komplexer aufgebaut als der recht primitive CHIP‑8.

CHIP‑8 Teil 1, in welchem es vor allem erst einmal um 0 und 1 geht

Bei Marco habe ich vom CHIP‑8 gelesen. Das war eine Spezifikation aus dem Jahr 1978 für einen möglichst simplen Computer, mit dem man dennoch Spiele programmieren können sollte. Und zwar solche einfachen Spiele:

Ob es physisch je einen CHIP-8-Computer gegeben hat, weiß ich nicht; aber es gibt etliche virtuelle CHIP-8-Computer – das heißt, dass die in Wirklichkeit ein Programm auf einem beliebigen anderen Rechner sind (zum Beispiel mit Windows darauf), das so tut, als wäre es ein Computer. Auch Java funktioniert so, mit einem virtuellen Java-Rechner – dem Java-Programm ist es egal, ob es in Wirklichkeit unter Windows oder Linux oder IOS läuft; tatsächlich läuft es erst einmal auf einer virtuellen Java-Maschine.

Also habe ich mir mal eine CHIP-8-Maschine für Windows 10 besorgt, und Programme dafür (aber letztlich für jede andere CHIP8-Maschine eben auch, das ist ja der Vorteil). Ich habe mir das kürzeste Programm herausgesucht, und das zeichnet einfach ein zufälliges Labyrinth auf den Bildschirm:

Tatsächlich kannte ich dieses Programm von früher, es werden dabei nur zwei verschiedene Bausteine zufällig wiederholt, was dann ein Bild wie bei einem Labyrinth gibt. Die Programmdatei dazu heißt MAZE, und wenn ich sie mit einem Textbearbeitungsprogramm öffne, sehe ich das:

Wer schon mal eine .exe-Datei unter Windows mit einem Texteditor betrachtet hat, dem kommt das bekannt vor. Solche Dateien sind nicht dazu geeignet, mit einem Texteditor geöffnet zu werden. Der Grund: Jede Datei auf der Festplatte oder anderswo besteht letztlich nur aus einem Haufen von 0ern und 1en. (Auch das ist zwar noch eine Abstraktion: tatsächlich ist das irgendwas fies Physikalisches, mit Schalterchen oder Transistoren oder Spannung, aber für mich sind 0er und 1en tief genug.)

Aus praktischen Gründen betrachtet man meist immer acht dieser bits auf einmal davon. Manche dieser Achter-Kombinationen entsprechen Buchstaben, das ist so eine Konvention, eben um überhaupt mit Text arbeiten zu können. Wenn die Textdatei zum Beispiel mit “Hallo” beginnt, dann werden die ersten zwei Buchstaben vielleicht in Wirklichkeit als “‭0011 0000 ‭0011 1101” gespeichert sein – oder andersherum gesagt: Die Gruppe ‭0011 0000 entspricht einem “H”. Ich sage “vielleicht” deshalb, weil es auch hier verschiedene konkurrierende Codierungen gibt, etwa Windows-1252 und ASCII, bei denen jeweils die gleichen acht bits als unterschiedliche Zeichen interpetiert werden.

Als Folge von 0 und 1 sieht die vollständige MAZE-Programmdatei so aus:

10100010 00011110 11000010 00000001 00110010 00000001 10100010 00011010 11010000 00010100 01110000 00000100 00110000 01000000 00010010 00000000 01100000 00000000 01110001 00000100 00110001 00100000 00010010 00000000 00010010 00011000 10000000 01000000 00100000 00010000 00100000 01000000 10000000 00010000

Diese Kombinationen sind weder dafür gedacht, als ASCII-Codierung verstanden zu werden noch als Windows-1252. Es sind einfach erst einmal nur Zahlen. Wenn ich sie mit Gewalt als Zeichen interpretieren will, kommt so Salat aus wie oben. Manchmal kommt so etwas auch aus dem Drucker, wenn ein Druckauftrag daneben gegangen ist.

Am besten betrachtet und bearbeitet man solche Dateien mit einem Hexeditor. Der zeigt einem quasi die 0er und 1en direkt, und nur am Rande nebenbei als Option eine mögliche Interpretation als Zeichen. Weil diese vielen 0er und 1en aber so unübersichtlich sind, werden jeweils ein Achterblock (ein Byte) zusammengefasst als zweistellige Zahl im Hexadezimalsystem dargestellt. Das ist viel lesbarer und sieht dann so aus:

A2 1E C2 01 32 01 A2 1A D0 14 70 04 30 40 12 00 60 00 71 04 31 20 12 00 12 18 80 40 20 10 20 40 80 10

Man muss sich eigentlich nur merken, dass etwa A2 eine Abkürzung für die Folge 10100010 ist. (Wer neugierig ist, kann sich ja mal Bilddateien vom Format jpg oder bmp in einem Hexeditor anschauen und ausprobieren, was sich ändert, wenn man ein paar Zahlen abwandelt.)

Wie ensteht jetzt aus diesen 34 Hexadezimal-Paaren (oder 34 Byte oder 34 mal 8 Bit) das Labyrinth? Das kommt im nächsten Blogeintrag.

Diese Woche: Elternabend, Blade Runner, Abendbrot (rot)

Am Montag war ein kleines Treffen mit interessierten Parteien aus der Schule und dem Sachaufwandsträger: diese ganze Mediencurriculum erfordert ja auch Ausstattung, und für die ist immer noch der Sachaufwandsträger zuständig – nur dass es jetzt zusätzliche Fördermittel von Bund und Land gibt. Aber es bleibt dennoch Gesprächsbedarf.

Dienstag war… weiß ich nicht mehr, das ist so lange her. Ich hangle mich gerade von Tag zu Tag: Prüfung erstellen, Prüfung korrigieren, Prüfung zurückgeben. Man ist gut, wenn man immer höchstens zwei gleichzeitig zu korrigierende Klassensätze zu Hause hat.

Mittwoch vormittag kennt unter 14 Schülern und Schülerinnen in der Q12 – der Kurs ist größer, es waren nur nicht alle da – niemand Blade Runner. Und das im November 2019! Daraufgekommen sind wir durch das Ende von Kafkas “Die Verwandlung”. Also musste ich kurz Blade Runner, und davor natürlich Film noir, allein schon wegen expressionistischem Film, um den es davor gegangen war, und dann zum Thema Symbole vs. Metapher – die Regenszene in Blade Runner, mit der Taube… gut, die wenigstens kannten ein paar, wird ja oft genug zitiert.

Für die Frage “War Lovecraft eigentlich Expressionist, oder zu welcher Epoche gehört der?” war in der Schule nicht genug Platz, also antwortete ich von zu Hause aus via Mebis/Moodle. Ein Schüler meinte, er habe Google Translate Deutsch-Deutsch gebraucht, um meine ausführliche Antwort zu verstehen, aber ich hoffe, er hat ein wenig übertrieben. (Aber man kann doch nicht über Lovecraft schreiben, ohne nicht-euklidische Geometrie zu erwähnen.)

Danach Vorlesung. So sieht es da aus:

Tatsächlich sind so 10–12 Studenten und Studentinnen da, aber vorne ist schon immer auch noch Platz.

Donnerstag dann Elternsprechabend. Ich bringe die Wörter “Klassenelternabend” und “Elternsprechtag” übrigens immer durcheinander. Das war jedenfalls das mit den Einzelgesprächen: Von 17–19 Uhr vorher online buchbar, danach noch bis 20 Uhr nach Bedarf. Ich war so zwanzig nach sieben fertig, hatte 21 Gespräche geführt – bei uns sind das immer 7‑Minuten-Slots. Ich komme gut damit zurecht – aus meiner Sicht; ich hoffe, die Eltern sehen das ähnlich.

Mein Geheimnis: Ich komme immer zehn Minuten früher in mein Klassenzimmer, und da führe ich meist schon das erste Gespräch vor dem eigentlichen Termin. Und so entzerrt sich das. Außerdem brauche ich im Schnitt sicher nur 6 Minuten für ein 7‑Minuten-Gespräch. Ich glaube, ich begrüße kurz, frage dann echt neugierig: “Was wollen Sie denn wissen oder mir erzählen?” oder: “Ach, die Julia”, sage dann kurz etwas zu Mitarbeit und Verhalten und Integration in der Klasse, etwas zu meiner groben Einschätzung der Leistung (und kommtentiere, wenn sich das von den Noten unterscheidet), frage dann: “Und was erzählt er/sie zu Hause, wie geht es ihm/ihr?”, und zwischendrin kommen schon auch die Eltern zu Wort, hoffe ich. Manchmal dauert es ein bisschen länger als 7 Minuten, aber ich habe ja einen Puffer, und echte Probleme muss man in der Sprechstunde besprechen. Ich habe eine Liste, wer wann kommt, da kann ich spicken und mir Gedanken machen, was ich zu dieser Schülerin oder diesem Schüler sagen will.

Dazu rolle ich meist das kleine Stehpult vor die Tafel, fahre es ganz nach unten und stelle drei Stühle drumrum, das reicht meistens. Aus dem Fenster sehe ich Kollegen, die das Lehrerpult zwischen sich und den Eltern haben, in einem Zimmer sogar Lehrerpult und Bank.

Im Anschluss an den Elternabend gab es die traditionelle Einladung des Elternbeirats für die Lehrer und Lehrerinnen: Vor Jahrzehnten im Gut Roggenstein als Kartoffelessen begonnen, dann unter Fortführung des Namens und allmählichem Wegfall der Kartoffeln und letztlich auch des Namens an verschiedenen Orten weitergeführt; seit dem Umzug in ein neues Gebäude mit Mensa in derselben, und an die Bezeichnung Kartoffelessen erinnern sich nur die alten Kollegen. Aber es gibt leckeren Imbiss, und dazu Glühwein. Erst wollte ich gar nicht hin, bin dann aber doch, wie fast jedes Jahr, und es war wieder sehr nett: Ich war allerdings ziemlich erschöpft, da ich ja den ganzen Tag über in der Schule geblieben war und geabreitet hatte, und blieb nur eine Stunde.

Freitag sehr müde; heiser. Sehr auf Feierabend gefreut, das Arbeiten an der zu erstellenden Klausur doch auf irgendwann (bald) mal verschoben: ich brauche einen halben Tag ohne Schule. Dafür: Abendbrotvorbereitungen…

Yikes! Grusliges Podcastverhalten, Lovecraft BBC 4

Ein ganz kleines bisschen habe ich mich schon erschreckt. Aber dazu muss ich ausholen.

Es gibt einen Kurzroman von H. P. Lovecraft, The Case of Charles Dexter Ward. Nichts für Lovecraft-Einsteiger. Es geht darin um den merkwürdigen Fall des Charles Dexter Ward, der sich im Jahr 1928 – so die Rahmenhandlung – in einer psychiatrischen Anstalt befindet. Sein Arzt recherchiert, wie es dazu gekommen ist, und findet immer mehr über den Fall heraus, zu weiten Teilen mittels Aufzeichnungen von Ward und anderen Personen.

Die BBC hat daraus eine tolle Hörspielreihe gemacht. Die Geschichte ist dabei in die Gegenwart versetzt und auch in anderen Punkten aktualisiert worden. Wards Arzt gibt es immer noch, aber den Hauptteil der Recherchearbeit und Fokusperson für die Hörer und Hörerinnen sind jetzt zwei Podcaster, die – in der vergleichbaren Ausgangssituation wie im Original – nach und nach herausfinden, was es mit dem Fall Charles Dexter Ward auf sich hat. Die Hörspielepisoden bestehen (zumindest in den ersten Folgen, danach wird es komplizierter) aus ihrem Podcast, der ganz im Stil von echten True-Crime-Podcasts gehalten ist – am bekanntesten Serial.

Aus… Gründen… wurde der Charles-Dexter-Ward-Podcast nicht mehr fortgesetzt – extradiegetisch gesprochen: Die Charles-Dexter-Ward-Hörspielreihe war zu Ende. Das war Anfang 2019, glaube ich.

Aber heute rührte sich etwas in meinem iTunes, das ich – ganz Dinosaurier – noch zum Verwalten meiner Podcasts nutze. Plötzlich stand da eine neue Episode. Und der Titel des abonnierten Podcasts hatte sich geändert, da stand nichts mehr von Charles Dexter Ward, plötzlich hieß er: The Whisperer in Darkness, und eine neue Episode war da, getitelt “Reactivating your feed.” Inhalt: Hundegebell, Geflüster, Kryptisches.

Kurzum: Es gibt neue Episoden! “An investigation into witchcraft, the occult and secret government operations. From H.P. Lovecraft.” Bin schon sehr gespannt.

(Die alten Folgen, also die mit Charles Dexter Ward, sind auch noch da.)

Nachtrag: Die alten Folgen sind besser.

Neue Oberstufe in Bayern; Süßigkeiten aus Weißrussland

1. Die neue Oberstufe

Bayern stellt ja gerade wieder von acht- auf neunjähriges Gymnasium zurück, mit mittlerem Schulabschluss nach der 10. Jahrgangsstufe, Oberstufenreife nach der 11. Jahrgangsstufe. Die soll wohl eine Art Festigungs-/Wiederholungs-/Orientierungsstufe sein, die man wohl nicht getrost, aber doch möglichst glimpflich überspringen können soll – das ist auch das Feigenblatt für das Abitur im eigenen Tempo, damit niemand sagen können soll, das mit dem achtjährigen Gymnasium sei keine gute Idee gewesen.

Gestern sind erste Eckdaten für die Jahrgangsstufen 12–13 veröffentlicht worden:

  1. Eine Rückkehr zu zwei Leistungskursen gibt es nicht, allerdings wählt jeder Schüler und jede Schüler ein Fach als Leistungsfach, das dann mit größerer Stundenausstattung und hoffentlich entsprechender Vertiefung unterrichtet wird. Das kann jedes Fach sein, hieß es ursprünglich, sofern das halt als Vertiefungsfach von der jeweiligen Schule angeboten wird…
  2. …aber es sieht so aus, als gelte das nicht für Deutsch und Mathematik. Denn in diesen Fächern können interessierte oder begabte Schüler und Schülerinnen in Jahrgangsstufe 12 einen Vertiefungskurs mit 2 Stunden belegen, der als Wahlpflichtfach zählt. Das heißt, es gibt eine Note (die zum Abitur gezählt werden kann), so wie jetzt etwa mit den Wahlpflichtfächern Philosophie oder Englische Konversation .
  3. In Jahrgangsstufe 13 können alle leistungsschwächeren Schüler und Schülerinnen zwei Differenzierungsstunden Deutsch oder Mathematik belegen – als Wahlfach, ohne Note, ohne Auswirkung auf die Oberstufen-Mindeststundenzahl. Das heißt: Es sind so ein bisschen Nachhilfestunden.

Keine Angaben gibt es darüber, welche Fächer im Abitur verpflichtend sind. Aber das riecht schon nach Leistungsfach und Deutsch und Mathematik. Deshalb gibt es ja die Unterscheidung in Leistungsfach und Vertiefungskurs, und deshalb gibt es die Differenzierungsstunden – weil man in Mathematik und Deutsch bisher halbwegs zum Abitur durchrutschen kann und vor allem das Abitur dan plötzlich Schwierigkeiten macht, weil das in diesen beiden Fächern – bisher – rein schriftlich abzulegen ist.

Denn die unselige Regelung, dass große und kleine Leistungsnachweise (de facto: schriftliche und mündliche Noten) im Verhältnis 1:1 gewichtet werden statt wie früher 2:1, zu der kann ja wohl keine Regierung jemals mehr zurück, ohne Proteste in Kauf zu nehmen. Denn die mündlichen Noten fallen nun mal didaktisch undiskutiert besser aus als schriftliche (Blogeintrag).

Welche Leistungsfächer werden die Schulen anbieten? Welche werden gewählt werden? Bei 100 Schülern und Schülerinnen werden es höchstens 6 sein (16–17 Teilnehmer pro Kurs). Sport, Musik, Wirtschaft, Englisch, Mathematik, noch eines – das hängt von den Interessen ab und von den Noten, denke ich. So große Wahlmöglichkeiten sehe ich jetzt nicht für die einzelnen Schüler oder Schülerinnen. Bei zwei Leistungskursen war die Chance größer, dass man einen oder sogar beide Wünsche erfüllt bekam, mit dem neuen Modell kann man nur hoffen, dass von den 15 oder so Fächern der eigene Wunsch bei den Top 6 dabei ist.

Wie viele werden den Vertiefungskurs Deutsch oder Mathematik besuchen? Schon ein paar. Diese Kurse stehen in Konkurrenz zu Wahlpflichtfächern wie Chor oder vielleicht sogar einer zweiten Naturwissenschaft oder Informatik. Die Gesamtzahl der angebotenen Wahlpflichtkurse wird sich kaum ändern, aber jetzt gibt es neben Englischer Konversation dann vielleicht auch Lesen und Reden – man müsste wissen, wie viel Freiraum man beim Inhalt dieser Vertiefungskurse hat. Mein Wunsch: Gespräche über Literatur und Sprachwissenschaft; bloß keine Aufsatzklausuren, sondern Präsentationen (gerne mit guten Noten, damit der Kurs auch gewählt wird) oder Wissenstests, gerne zum Ankreuzen. Das halt leider nur ein Jahr lang. Zu attraktiv darf das auch nicht werden: Wenn Schüler und Schülerinnen tatsächlich das Recht dazu haben sollen (anders als auf ein bestimmtes Leistungsfach), dann würden da viele Stunden aus dem Pool dafür ausgegeben werden müssen. Na, packt man 30 Leute rein, dann erledigt sich das mit der Attraktivität eh.

Wie viele werden die Differenzierungsstunden Deutsch oder Mathematik besuchen? Viele, denke ich. Im Moment gibt es an vielen Schulen das Phänomen, das Schüler und Schülerinnen, die sich das Abitur noch nicht zutrauen, die 11. Jahrgangsstufe freiwillig wiederholen; in einem neunjährigen Gymnasium macht man das wohl weniger, aber denen helfen dann vielleicht diese – freiwilligen, unbenoteten… – Zusatzstunden. Da wird der Kultusministeriumswunsch sicher sein, möglichst viele Aufsätze zu schreiben und zu korrigieren und sonst nichts. Schönen Dank auch.

Laut KMK muss eine bestimmte Anzahl an Fächern auf erhöhtem Anforderungsniveau unterrichtet werden. Früher waren das in Bayern die Leistungskurse, im G8 waren das aufgrund der vorgeschriebenen Stundenzahl ohne Wahlmöglichkeit Deutsch, Mathematik und Englisch (bzw. fortgeführte Fremdsprache). Mit dem G9Plus sind diese Fächer automatisch Deutsch, Mathematik und Leistungsfach – Englisch ist nicht mehr standardmäßig dabei. Aus diesem Grund kann auch Deutsch oder Mathematik nicht Leistungsfach sein, weil man sonst nicht auf drei davon kommt. Wird es eigene Lehrpläne für, sagen wir, Englisch auf normalem und auf erhöhtem Niveau geben, wie zu Leistungskurszeiten, oder läuft das über zusätzliche Additum-Inhalte oder gar implizit?

Nachtrag: Inzwischen weiß man ein bisschen mehr. Man muss weiterhin eine 2. Fremdsprache oder eine 2. Naturwissenschaft oder Informatik belegen, jetzt aber alle 4 Semester statt nur 2 wie bisher. Das allerdings nur, wenn man kein Vertiefungsfach Deutsch oder Englisch hat. Das heißt, es konkurrieren jetzt alle Fächer um diese 2 Stunden – aber immerhin gibt es jetzt die Möglichkeit, 4 Semester Informatik zu belegen.

2. Buß- und Bettag, Medienkonzept

Am Mittwoch bildeten wir uns über unser Medienkonzept fort. Manche Fächer sehen die digitale Transformation (so sagt man jetzt, nicht mehr Digitalisierung) als Chance oder vielleicht auch als Bedrohung, jedenfalls als Thema, andere Fächer haben deutlich weniger Interesse daran. Mich würde sehr interessieren, ob das von den Einzel-Persönlichkeiten abhängt oder vom Fach, aber ich kann hier natürlich nicht laut schreiben, welche Fächer ich meine.

Dieser Tage dann viele Treffen mit Sachaufwandsträgern und Arbeitsgruppen.

3. Besuch aus Weißrussland (Republik Belarus)

Die letzten drei Wochen war eine Gastlehrerin aus Weißrussland/Belarus bei uns zu Besuch und hat bei verschiedenen Kollegen und Kolleginnen hospitiert. Und wenn ich Kollegen sage, meine ich Kollege, also mich. Gestern waren wir zum Abschied Mittagessen, die Schulleitung und alle Kollegen und Kolleginnen, die mit unserem Gast etwas zu tun hatten, also wieder nur ein Kollege, nämlich ich.

Das liegt sicher auch am Fach Deutsch, wo es mehr Lehrerinnen als Lehrer gibt, aber es waren auch andere Fächer vertreten. Ich mein ja nur.

Judith Lynne, Not Like A Lady, 2019 (If you only ever read one Regency Romance…)

Bei Amazon für den Kindle erhältlich. Nachtrag: Jetzt auch auf Papier.

Wikipedia entnehme ich, dass es Trads gibt, traditionelle Regency Romances (“gilt bei vielen Kennern als das intellektuell anspruchsvollste Genre der seriellen englischsprachigen Liebesromanliteratur”). Populärer als Trads seien inzwischen Historicals, das heißt Regency Historical Romances, die entweder ein erhöhtes Maß von sozialem Realismus aufweisen, oder deren Figuren im Gegenteil unhistorisch moderne Wertvorstellungen haben. Und es gibt explizit erotische Szenen.

Ich lese diese Romance, weil eine kluge Studienfreundin aus den USA sie geschrieben hat, und dann interessiert sie mich schon. Zugegeben: Noch nicht gelesen habe ich die Science-Fiction-Bände der Tentakel-Trilogie oder der Kaiserkrieger-Reihe von Dirk van den Boom, Fandomspezl von früher; oder die bisher wohl zwei Bände alternativer Geschichte um ein Deutschland, das den ersten Weltkrieg gewonnen hat und mit futuristischer Technik Europa zu beherrschen droht – weil mir da der befreundete Autor noch verschweigt, unter welchem Pseudonym er sie veröffentlicht hat.

Die Regeln des Genres – alle Genre-Literatur hat Regeln – entdecke ich beim Lesen. Ich mag Genre-Literatur. Der Ausgangspunkt: Letitia (“an appealing armful of delicious womanhood”), die willensstarke einzige Tochter eines verarmten Gentleman, der sich dann aber doch bald eher als notorischer Betrüger herausstellt, begleitet ihr geliebtes Pferd Maggie zu Sir Michael (“raw masculine power in action”), dem es verkauft wurde – in der Absicht, es irgendwie zu retten. Sir Michael ist ein junger Invalide, ein Bein hat er unterhalb des Knies im Seekrieg gegen die Franzosen verloren. Typisch griesgrämig, wird er doch weich beim Anblick der jungen Frau, und auch sie ist sofort von ihm fasziniert.

Aber natürlich klappt das nicht sofort, es gibt Standesunterschiede, Missverständnisse; erst spät ein echter Konflikt und allenfalls in einem Nebensatz mal angedeutet ein anderer junger Mann, der vielleicht Interesse an ihr haben könnte. Aber eigentlich ist das die ganze Zeit über ein Roman über die beiden Hauptpersonen, und auch da ohne allzuviel Drama, da sich die beiden ja sofort mögen und sich (und auch recht früh: einander) das bald eingestehen. In Jane Eyre geht es ebenfalls weitgehend nur um die zwei Hauptpersonen, anders als bei Jane Austen etwa, wo ich mehr Personal in Erinnerung habe – aber dazu kommen bei Jane Eyre Geheimnisse und Brände und finsterere Brauen, als es sie hier gibt. Nicht mal ein großes dramatisches Missverständnis – immerhin, die Heldin rennt davon, aber nur so halbherzig, und wird dann doch bald von ihrem “partly-dressed midnight pirate, Sir Michael of Roseford” auf ein nächtliches Pferd gehoben.

Nebenfiguren: An Sir Michaels Seite gibt es die ehemalige Haushälterin, die als Anstandsdame wieder auf das Anwesen geholt wird, und auf Lettys Seite Anthony, die interessanteste Gestalt – er ist der Vertraute/Begleiter/Diener Lettys, ein Mann mit Vergangenheit, französischstämmig, nennt sie stets “Prinzessin”.

Das letzte Kapitel ist reines Happyend, das vorletzte besteht aus der großen Sexszene, nachdem es vorher schon zwei kleinere, aber ebenfalls deutliche gab. Davor nur wenig Konflikt, wie gesagt, und der erst ab dem letzten Viertel.

Sprachlich habe ich viel gelernt und, berufskrankheit, genau gelesen. Sind Amerikanismen dabei? Ist “grifter” auch in England verbreitet, das ich eher von O. Henry kenne? Auch “snuck” als past tense von “to sneak” taucht, glaube ich, erst später auf. Typisches Vokabular scheint zu sein: her derriere, lightskirt (das war mir ganz neu, ist aber gut belegt – heißt so viel wie: leichtes Mädchen), angemessene Euphemismen für Penis und Sperma: his stand, to spend/the spend.

Hier meine Lieblingsszene, apropos Euphemismen:

“If the burden of society’s disapproval would not fall so disproportionately on you, my lady, I would have importuned you day and night since practically the moment that you arrived. […] I would have importuned you in my bed, and in yours,” he muttered harshly, rubbing his cheek against the side of her neck and then, when her head fell obligingly to the side, nipping at the base of her throat with his teeth. […] “I would have importuned you in the library, the breakfast room, and very likely on the stairs and in the kitchen.”

“Oh my,” Letty breathed into his neck, and tried copying him by biting him on the shoulder, just a little, through his shirt. […]

“I would have importuned you until we were both too tired to move, and then I probably would have tried to importune you more,” he admitted hoarsely into her hair, his hands sweeping down her back to pull him more tightly against him.

Natürlich ist das ein spielerisches Genre, das nicht versucht, historisch korrekt zu sein, sondern zu unterhalten. Und unterhalten war ich sehr, musste oft an die Autorin denken.

Hier ein historischer Vergleichstext, sehr viel weniger lustig; wenige Jahrzehnte vor der Zeit erschienen, zu der Not Like A Lady spielt, aus den Tagebüchern von William Hickey:

My brother was so beastly drunk that at ten o’clock we were obliged to have him carried to bed. He had previously made strong love to Miss Kelly, the girl of twelve years old, at which the mother was greatly enraged. My brother, regardless of her anger, continued his nonsense, swearing the young one’s bosom had already too much swell for a nun, and that no canting hypocritical friar should have the fingering of those little plump globes (clapping his hand upon Miss’s bosom). The mother was indignant at these insinuations, hiccuping out her entreaties that he would cease to use such indecent language and action before her innocent child. ‘Innocent,’ echoed my brother, ‘oh, very innocent to be sure, but she knows a thing or two. However, I’ll take her to bed with me and ascertain how matters are.’ In his endeavour to lay hold of her, he fell upon the floor in a state of insensibility, and then it was we had him carried to his room.

William Hickey, Memoirs of a Georgian Rake, ed. Roger Hudson, London: The Folio Society 1995, p. 272

Im Internet Archive gibt es Band 1, Band 2, Band 3 und Band 4 der Memoiren von William Hickey, verfasst 1808–1810, aber in den behutsam unvollständigen Ausgaben von 1913–1925.

Zweierlei Hybris (aber die eine ist besser als die andere)

Welche Gründe gibt es dafür, dass wir etwas für wahr halten? Deutlicher, wenn auch weniger korrekt: Woher wissen wir, was wahr ist? Leonhard Euler erklärt 1761 im 115. seiner Briefe an eine deutsche Prinzessin (an die sechzehnjährige Friederike Charlotte von Brandenburg-Schwedt) zu dieser Frage, dass es dafür drei Gründe gibt:

  1. Wir haben es mit eigenen Augen gesehen.
  2. Die Logik sagt uns, dass es stimmt.
  3. Man hat es uns glaubwürdig versichert.

Euler betont, dass man sich bei allen diesen drei Anlässen täuschen kann: Man macht sich oft selber etwas vor und kann seinen Sinnen nicht trauen; man sitzt Fehlschlüssen auf; oder man vertraut den falschen Autoritäten.

Als Beispiel für Wahrheiten vom Typ 1 nennt Euler: “So erkenne ich, dass der Magnet das Eisen anziehe, weil ich es sehe und weil es die Erfahrung ungezweifelt beweiset.” Damit greift er allerdings ein wenig zu kurz: Mit eigenen Augen kann ich sehen, dass dieser Magnet zu diesem Zeitpunkt dieses Stück Eisen anzieht (bei dieser Temperatur und bei diesem Luftdruck, obendrein). Wenn ich Aussagen über alle Magneten in allen Situationen treffen will, komme ich mit der Anschauung nicht weit. Da brauche ich zusätzliche Mittel.

(Tatsächlich geht Euler im Text dann in eine Richtung, die mir nicht gefällt, aber das muss ich hier ja nicht schreiben. Wer mich mit meinem eigenen Euler schlagen will, muss das selber nachlesen.)

Eine alter Witz stellt dieses Problem mit der Anschauung und den allgemeinen Aussagen schön dar:

Ein Wirtschaftswissenschaftler, ein Logiker und ein Mathematiker fahren in einem Zug durch Schottland. Sie sehen auf der Wiese ein schwarzes Schaf. Sagt der Wirtschaftler: „Die Schafe in Schottland sind schwarz.“ Daraufhin korrigiert der Logiker: „Es gibt mindestens ein schwarzes Schaf in Schottland.“ Verbessert der Mathematiker: „Es gibt mindestens ein schwarzes Schaf in Schottland, das von mindestens einer Seite schwarz ist!“

Dennoch halte ich den Satz, dass Magnete Eisen anziehen, für wahr, auch wenn ich nicht alle Kombinationen unter allen Umständen ausprobiert habe. Basis meines Glaubens ist ein wenig Erfahrung; etwas Logik; und letztlich auch das Vertrauen an Autoritäten. Die haben nämlich nicht nur viele Beobachtungen angestellt, sondern – das ist die wissenschaftliche Methode – Hypothesen aufgestellt, woran das liegen könnte, das mit den Magneten und dem Eisen; diese Hypothesen wurden im Experiment bestätigt; erfolgreich wurden Voraussagen aufgestellt. Kurz, es gibt eine Theorie, warum das mit den Magneten und dem Eisen so ist.

Auch für die Schwerkraft und die Evolution gibt es solche Theorien: Eine Theorie erklärt, wie etwas funktioniert, sie ermöglicht Voraussagen, ihre Bestandteile lassen sich überrüfen und sind überprüft. “Theorie” hört sich vielleicht zu vorläufig an, aber definitiver geht es in der Wissenschaft nun mal nicht.

Woher weiß man, dass eine Behandlung bei einer Erkrankung wirkt? Die Erkenntnis nach Typ 1 – unmittelbare Erfahrung – hilft da noch weniger als bei einem Magneten, da hier Ursache und Wirkung zeitlich weit auseinanderliegen und sich das System zwischendrin ständig verändert. Es geht einem schlecht, man erfährt eine Behandlung, eine Zeit später geht es einem gut. Das reicht aber nicht für die Behauptung, die Behandlung sei wirksam.

Man darf aus Korrelation nicht auf Kausalität schließen. Post hoc, ergo propter hoc nennt man diesen Fehlschluss. Vielleicht wäre es einem ohne Behandlung ja auch besser gegangen. Und man darf aus einem Einzelfall nicht auf eine allgemeine Regel schließen: Wenn es nach der Behandlung in dieser einen Situation einem bestimmten Menschen besser geht, heißt das nicht, dass das wiederholbar ist, schon gar nicht in anderen Situationen.

Das heißt alles nicht, dass die Behandlung nicht wirkt. Das heißt nur, dass sich das aus der eigenen Erfahrung nicht herleiten lässt. Obendrein täuscht sich selber halt auch sehr leicht. Wikipedia hat diese schöne List of cognitive biases – viele Dutzende verschiedene Möglichkeiten, wie der Mensch sich etwas vormachen kann. Denn genau so, wie es optische Illusionen gibt, gibt es kognitive Illusionen: Da meint man etwas zu erkennen, was gar nicht da ist.

Das ist die eine Form von Hybris: Ich habe das so wahrgenommen, und deshalb ist es wahr. Alle Forschung, alle Theorie, alle anderen Aussagen sind da untergeordnet. Wenn die anderen das nicht glauben, um so besser – ich habe geheimes Wissen, das die MSM (Mainstream-Medizin) nicht wahrhaben will. Diese Hybris kenne ich von einer lieben Kollegin, bei deren Kindern homöopathische Mittel funktioniert haben. (Wir wussten alle, dass es darum gehen würde.) Diese Haltung tauchte erst gestern im Lehrerforum auf:

Ich bin auch so eine Homöopathietante und ich steh voll dahinter.
Entweder konnte die Hömopathie das auffangen oder ich habe ein grundlegend gutes Immunsystem.
In den letzten 20 Jahren habe ich nur 2x Antibiotikum nehmen müssen, 1x bei einer Stimmbandentzündung und 1x bei einer Borreliose.
Allergien habe ich auch so gut wie keine.

Wer denkt so? Was soll das belegen? Ich selber habe 0x Antibiotikum nehmen müssen und habe gar keine Allergien, ganz ohne Homöopathie. Das eine sagt so wenig aus wie das andere. Die eigene Erfahrung zum Maß der Dinge machen: das ist Hybris.

Achten kann ich jemanden, der behauptet, die Wirkung von Homöopathie sei nachgewiesen. Das stimmt natürlich nicht, im Gegenteil, aber das ist wenigstens nur ein Irrtum oder eine Leugnung der Realität – verhältnismäßig achtbare Fehler, bei denen die Hoffnung auf Erkenntnis besteht. Man spricht wenigstens eine gemeinsame Sprache.

Achten kann ich auch jemanden, der zugibt, dass Homöopathie eine Quasi-Religion ist, also damit zufrieden ist, das auf eine Stufe mit Wallfahrten nach Lourdes zu stellen: Es lässt sich nicht nachweisen oder erklären, man kann nur daran glauben. Auch damit kann ich gut leben. “Homöopathie spendet Trost” – soll sein.

Nicht achten kann ich die vielen, die da sagen: Es funktioniert, aber es lässt sich nicht nachweisen oder erklären, weil unserer Erkenntnis Grenzen gesetzt sind.

Anlass dieses Blogeintrags ist einerseits die gruslige Aufzählung von 14 Dumb Health Products Pretending To Be Ancient Secrets, die mir vor inzwischen schon einiger Zeit untergekommen ist: Ach, der Dummheit der Menschen sind so gar keine Grenzen gesetzt. “Aber mir hat’s geholfen.” Man hört da übrigens gerne: “Wer heilt hat recht”, und das ist natürlich völlig richtig, das präsupponiert aber doch gerade das, was man eigentlich beweisen müsste: dass es heilt. Siehe oben.

Anlass ist auch dieser peinliche Clip aus Österreich, den ich neulich bei Twitter gesehen habe:

Und Anlass ist der Bayerische Landtag, der allen Ernstes im Rahmen von mehreren Maßnahmen zum Umgang mit Antibiotika eine Studie beschlossen hat, die untersuchen soll, ob sich Antibiotika durch homöopathische Mittel ersetzen lassen. Die Antwort kann nur lauten: Ja, wenn die Antibiotika ohne Grund verschrieben wurden. Ich weiß nicht, wie oft das vorkommt.

Zugegeben, ich habe auch ein persönliches Problem mit der Homöopathie. Die Theorie dahinter – keine Theorie im wissenschaftlichen Sinn, weil längst widerlegt – beleidigt meine Intelligenz. What the fuck? Ich glaube, wer hier liest, kenn die angebliche Wirkungsweise: Verdünnen, bis nichts mehr da ist; “mechanisches Schütteln”, und wenn’s nicht funktioniert, war’s die Erstverschlechterung. Diese Theorie finde ich beleidigend absurd. Das ist die andere Art von Hybris. Nein, ich kann nicht in Demut verharren vor dem Phänomen der Homöopathie, meinen Geist öffnen und akzeptieren, dass sich das nicht erklären oder verstehen lässt, dass es der wissenschaftlichen Überprüfung gar nicht erst zugänglich ist. Und ich kann nicht die achten, die das tun. (Deswegen trifft die Forderung, Homöopathie solle nicht mehr von Krankenkassen bezahlt werden, auch nicht den Kern: Selbst dann würde mich die Dummheit der Gläubigen noch aufregen. Das ist meine Hybris.)

Allerdings: Wenn die Fachwelt plötzlich sagt, dass Homöopathie wirkt? Wie würde ich reagieren? Würde ich das akzeptieren? Ja, wohl schon. Insbesondere dann, wenn es eine Theorie dazu gäbe – eine Theorie, die auch erklärt, warum bisher die Studien sagten, sie funktioniere nicht. Selbst wenn man noch keine Erklärung für das postulierte Wassergedächtnis und den Verdünnungskram hätte – aber dann gäbe es wenigstens etwas, das man untersuchen könnten.

Im Gegenzug: Würde irgendetwas meine Kollegin davon abbringen können, dass die homöopathischen Pillen ihr/den Kindern/den Haustieren/den Nachbarn geholfen haben? Ich glaube nein, nichts. So mächtig ist die Hybris der eigenen Wahrnehmung.

Dunkle Materie, Gravitonen, Homöopathische Wirkung

Es gibt das beobachtete Phänomen der Schwerkraft, und deshalb wird seit Newtons und (ein halbes Jahrhundert später) Eulers Zeiten eine Theorie dazu entwickelt, mit der sich heute ziemlich gut arbeiten lässt. Euler war übrigens wie viele andere seiner Zeit nicht der Meinung, dass sich Körper anziehen, vielmehr, dass sie gegeneinander geschubst werden. Denn wenn Körper sich anzögen, woher sollte der eine vom anderen wissen? Es ist spannend zu lesen, wie Euler das für die Prinzessin und damit auch mich herunterbricht. Die Frage ist heute auch noch nicht geklärt: Die Theorie postuliert ein hypothetisches Teilchen, das Graviton, das Träger der Gravitationskraft ist, so wie das Photon Träger der elektromagnetischen Kraft. Gefunden hat man es noch nicht.

Auch die dunkle Materie hat man noch nicht gefunden. Das beobachtete Universum verhält sich nicht ganz so, wie es sich nach der Theorie und dem Modell vom Universum, das man sich gemacht hat, sollte. Deshalb wird postuliert, dass es dunkle Materie gibt, da draußen. Die sucht man auch.

Es gibt nicht das beobachtete Phänomen der Wirkung von homöopathischen Mitteln. Die Homöopathie postuliert auch viel, das noch nicht gefunden wurde – das Wassergedächtnis vor allem. Aber dennoch ist der Fall verschieden: Es gibt ja erst einmal gar kein zu erklärendes Phänomen.

Disclosure

Meine Oma hat Kugeln aus Stanniolpapier unters Kopfkissen gelegt, abends stets ein Glas Zuckerwasser getrunken und Nägel in Wasser gelegt, um das dann zu trinken. Letzteres stammt wohl mittelbar von Paracelsus, das erste vom Wunderheiler Brunö Gröning, der in den 1950er in Westdeutschland populär war. (Wikipedia.)

Jan Böhmermann zur Homöopathie

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Nachtrag 1

Ein User im Lehrerforum schreibt zuerst: “Wenn der Placeboeffekt manchen hilft, ist es doch gut. Ohne Risiken und Nebenwirkungen.” Und ein paar Beiträge weiter schreibt derselbe User: “Die Schulmedizin bekämpft eben sehr schnell und wirksam die Symptome, nicht die Ursache.”

Und das ist die perfide und schädliche Nebenwirkung von Homöopathie, dass man dann solchen Quatsch sagt und wohl auch glaubt und verbreitet.

Nachtrag 2

Schulweisheit: Nicht vergessen, dass der schulweise Horatio einer der ganz wenigen ist, der das Stück überlebt.

Blogparade “zeitgemäßes Lernen”, und Kram

1. Blogparade

Bob Blume ruft zu einer Blogparade auf, Thema “Was ist zeitgemäßes Lernen?” Das ist tasächlich kein Thema, mit dem ich mich bisher groß beschäftigt habe. Entstanden ist dieser Begriff, wenn ich mich richtig erinnere, auf Twitter: Da sprach man vorher von “digitaler Bildung” und sah darin Revolutionäres, bis auffiel, dass es ja gar nicht um Computer gehen sollte, und so sagte man ab dann “zeitgemäße Bildung” oder “zeitgemäßes Lernen”. Aber ein bisschen ist das immer noch ein Euphemismus für “mit Computern”.

Gemeint ist tatsächlich wohl etwas mit mehr eigenverantwortlichen Schülern und Schülerinnen, aktiveren, selbstbestimmteren. Und, optional, ohne Schulfächer, weil die nicht mehr zeitgemäß sind. Die Hoffnung ist, dass digitale Mittel – für die Zusammenarbeit, die Kommunikation, das Produzieren – dabei helfen.

Zeitgemäße Bildung, heißt, dass man unzufrieden ist mit gegenwärtiger Bildung. Das verstehe ich, das sollte man sein, und das bin ich auch. Aber ich erwarte mir nichts Revolutionäres, nur neue Arten des Scheiterns. Und doch ist das nötig.

Wenn ich auch nicht weiß, was der Begriff genau bedeutet, interessiert mich, ob es ein nützlicher Begriff ist – nützlich für die Gesellschaft. (Für alle, die beruflich Neues fordern müssen, ist er das natürlich.) Woran misst man das? So in der Richtung: führt er zu einem Schulfach “Informatik”, dann war er nützlich; führt er zu einem Schulfach “Medienkunde”, dann nicht. Wird der Begriff zu einem Umdenken führen? Zu einer Neuaufstellung des Bildungssystems? (Ist Iphigenie gebildet? Frodo? Was heißt Bildung?)

2. Bottom-up oder Top-down?

Bottom-Up-Lernen heißt: Man wird erst alleine zu einem Fachmann oder einer Fachfrau, und danach lernt man Teamfähigkeit.

Top-Down-Lernen heißt: Man lernt erst, mit anderen in einem Team zu arbeiten, und danach eignet man sich das schnöde Faktenwissen an.

Vermutlich gehen beide Ansätze. Vom Temperament her liegt mir der erste näher.

Das bringt mich zur Marshmallow Challenge, nicht zu verwechseln mit dem Stanford marshmallow experiment. Die Aufgabe: Teams von 3–4 Personen bekommen die Aufgabe, 1 Marshmallow auf einem Turm oder Gebilde aus maximal 25 rohen Spaghetti ruhend möglichst hoch hinauf zu bringen. Dazu kriegt man 1 Meter Faden und 1 Meter Klebeband. Eigentlich soll das Experiment zeigen, welche verschiedenen Ansätze es gibt, Aufgaben im Team zu lösen, und welche davon erfolgreicher sind als andere. (Laut einem Forbes-Artikel schneiden Teams aus Kindergartenkindern besser ab als Teams aus BWL-Absolventen, weil die ersten einfach mal ausprobieren.)

Was mich interessiert: Hat schon jemand überprüft, auf welche Weise das Marshmallow höher hinaufkommt: Bei einem Team von 3–4 Mitgliedern, oder bei 3–4 Einzelspielern? (Um Ressourcen gleich zu halten, müssten die jeweils 3–4 mal so viel Zeit kriegen; andererseits gibt es vielleicht so wenig Pastaressourcen, dass man um Teams nicht herumkommt?)

3. Datenschutz, WLAN und Schule

Ach, ich wünsche mir verlässliche Aussagen zu Datenschutz und WLAN in der Schule. Ich kriege das immer nur über unseren Datenschutzbeauftragten mitgeteilt, der natürlich auch nur Informationen weitergeben kann. Also: Der Mebis-Fortbildungskurs sagt, dass Schülerhandys im Schul-WLAN datenschutzrechtlich kein Problem sind. Der (zentrale bayerische) Datenschutzbeauftragte sagt, dass das auf keinen Fall geht. (Nachtrag: siehe unten.) Ich dachte bislang, dass das daran liegt, dass dabei personenbezogene Daten der Schüler und Schülerinnen an Dienste im Internet übermittelt werden. Aber das scheint gar nicht das Problem zu sein, heißt es. Klar, sonst dürfte ich Schüler und Schülerinnen ja auch nicht ermuntern, zu Hause irgendwas im Internet zu machen, was nicht das Unbedenklichkeitssiegel von Mebis trägt. Vielmehr ist es die Tatsache, dass die Schule, wenn sie denn ein WLAN hätte und das für Schüler und Schülerinnen öffnen würde, deren personenbezogene Daten speichern würde (in Logfiles etwa). Bayern-WLAN wäre wohl auch kein Problem, weil dann nicht die Schule die Daten speichert, sondern, uh, jemand anderes. Wieder etwas gelernt.

Nachtrag: Weil ich bei unserem Datenschutzbeauftragten immer wieder gequengelt habe, hat er doch noch einmal genau nachgefragt. Aktueller Stand: Datenschutz und Handys von Schülern und Schülerinnen sind kein Problem. Stand: 13.11.2019