Author Archives: Herr Rau

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Lehrer, Leser, Blogger. Rüstiger Endvierziger.

Bücherausstellung

By | 22.2.2017

In der wirklich schönen Bibliothek meiner Schule ist gerade die Quasi-Wanderausstellung „Die 100 besten Kinder- und Jugendbücher“ aufgebaut, und mit meiner 9. Klasse war ich sie heute eine Viertelstunde anschauen.

Tisch mit Büchern darauf ausgebreitet

Schon schöne Idee. Aber für so viele Jahrgangsstufen sind hundert Bücher nicht viel, und es sind vor allem halt die hundert besten Neuerscheinungen und nicht Klassiker. Natürlich hat es mich sofort gereizt, die hundert besten Kinder- und Jugendbücher nach Herrn Raus Meinung vorzustellen. Vielleicht kriege ich gar nicht so viel zusammen, aber interessant wären ja vermutlich auch Bücher für alle Altersstufen, und außerdem müssten meine alten Exemplare auch pfleglich behandelt werden.

Man könnte ja auch 50 Bände aus der Bibliothek selber empfehlen, aber ob ich da so viel finde… Empfehlungen der Schülerinnen und Schüler selber wären auch möglich, aber ich denke, wenn eine konkrete Person hinter der Zusammenstellung steckt, kommt mehr heraus als bei einer Auswahl durch ein Schülerkomitee.

– Außerdem war diese Woche wieder ein Sportturnier an der Schule. Da ist Unterricht schwer möglich, wenn die meisten Schüler einer Klasse mitspielen und der Rest zuschauen möchte. Sehr stolz war ich auf zwei Unterstufenschüler, die fragten, ob sie nicht stattdessen den Unterricht einer anderen Jahrgangsstufe bei einem anderen Lehrer besuchen könnten. Das machen die wohl ab und zu, auch in Freistunden. Da machen die Kollegen wohl irgendwas richtig.

Verschwörungstheorien in den Zeiten vor dem Internet: Das Foucaultsche Pendel

By | 18.2.2017

Titelbild Das Foucaultsche Pendel

(Nach meinen ersten Gedanken zur erneuten Lektüre hier der Rest.)

Inhalt

Die erste Hälfte des Romans ist die Vorgeschichte: Casaubon schreibt in den 1970er Jahren in Mailand an einer Dissertation über die Templer. Er lernt die etwas älteren Diotallevi und Belbo kennen, die bei einem Verlag arbeiten, der als Nebengeschäft Möchtegernautoren für obskure Produktionen Geld aus der Tasche zieht. Ein solcher ist Oberst Ardenti, der ein Manuskript, ein Dokument und eine Verschwörungs-Räuberpistole mitbringt. Bevor aus dem Geschäft etwas werden kann, verschwindet Ardenti unter mysteriösen Umständen; die Polizei unter Inspektor De Angelis munkelt von Mord und ermittelt, kommt aber zu keinem Ergebnis.

Nach einem Zwischenspiel in Brasilien kehrt Casaubon zurück; mit Belbo und Diotallevi spinnt er die Geschichte des Oberst Ardenti weiter – aus dem ursprünglichen Dokument entwickeln sie eine Verschwörung der Verschwörungen, die die wichtigsten Ereignisse der (europäischen) Weltgeschichte erklärt und die mit den Templern beginnt, dann Freimaurer, Rosenkreuzer, Illuminaten, Juden, Assassinen, den Eiffelturm, die Pyramiden, Kathedralen, U-Bahnen, Stonehenge, Ley-Linien, Crowley und Cthulhu und alles einbaut, was einem sonst noch dazu passen zu scheint. Diese Megaverschwörung ist gänzlich erfunden, das Dokument, das ihre Basis bildet, ein Witz – aber sie entwickelt ein Eigenleben und damit doch so etwas wie Realität. Inspektor De Angelis fragt Casaubon, ob ihm eine Gruppe „Tres“ etwas sage, und sie geben ihrer Verschwörungsverschwörung diese Bezeichnung, samt erfundener Hintergrundgeschichte. Und prompt bildet sich diese Gruppe, oder bildet es sich ein.

Gedanken

Das Buch hat mich etwas weniger beeindruckt als beim ersten Lesen, aber mir wohl noch etwas besser gefallen. Den Aufbau finde ich etwas unausgeglichen; die ganze erste Hälfte des Buchs (von Rahmenhandlung/Rückblenden abgesehen) ist Vorbereitung, die Figuren werden in Position gebracht, wir kriegen viel Zeitkolorit und ein wenig Mystik. Das ist aber auch interessant zu lesen. Die zweite Hälfte besteht zu einem Großteil einfach aus der beeindruckend ausführlichen Konstruktion der Verschwörung und einem Finale mit Nachspiel.

Illuminaten, Rosenkreuzer, Weltverschwörung kannte ich vorher schon. (Ich sage nur: Illuminatus!-Trilogie.) Aber dass mein vages Interesse für esoterische Spinnervereinigungen massiv von diesem Buch beeinflusst worden war, das hatte ich vergessen. Es gab eine Zeit, da habe ich die Plakate der regelmäßig in Augsburg veranstalteten esoterischen Vorträge gesammelt – ich bin im Besitz einer umfangreichen, vermutlich weltweit einzigartigen Sammlung von mehr oder weniger billig kopierten Plakaten des Zentrums für Studien Gnostischer Anthropologie aus den mittleren 1990er Jahren.

Sehr nett dieses Plakat, alleridngs von einer anderen Gruppe:

Poster: Wer möchte Prophet werden?

Auch die eine oder andere Ausgabe einer esoterischen Weltverschwörungszeitschrift ist in meinem Archiv. Da steht übrigens genau das gleiche drin wie bei den Spinnern bei Eco: Weltverschwörung, Freimaurer, die Weisen von Zion, Illuminaten, mindestens Kokettieren mit Nazi-Gedankengut. Das war noch alles vor dem Internet, wie wir es kennen, aber die Verschwörungstheoretiker und Aluhüte gab es schon damals. Nur halt per Post – das sieht man schön an diesem Band von 1988:

Buch: High Weirdness by Mail

(Alter Blogeintrag dazu, dort auch Links zu den Publikationen.) Das ist ein kommentierter Katalog von Zeitschriften und Vereinen, sortiert in Kategorien wie etwa: Weird Science, New Age Saps, Cosmic Hippie Drug-Brother Stuff, Weird Politics, Rantzines und UFO Contactees. Da schickte man früher self-addressed envelopes hin, oder Briefmarken, und kriegte ein mehr oder weniger schlecht kopiertes Heftchen.

Heute… ich sage nur: Pizzagate, bringe aber nicht die Energie auf, darüber zu schreiben. Bei Wikipedia gibt es einen Überblick, bei Cracked.com ein paar Details.

Es war geradezu deprimierend, bei Eco von genau diesen Prozessen der Konstruktion von Sinn und Verschwörung zu lesen, die einem heute im Internet begegnen.

Achten Sie verstärkt auf Symbole! Achten Sie darauf, welche Logos verschiedene Firmen benutzen!

Das steht nicht bei Eco, sondern in einer meiner Spinnerzeitschriften. Das könnte auch bei Pizzagate so stehen. Seufz.

Keine Information ist weniger wert als die andere, das Geheimnis besteht darin, sie alle zu sammeln und dann Zusammenhänge zwischen ihnen zu suchen. Zusammenhänge gibt es immer, man muss sie nur finden wollen.

Das ist jetzt von Eco, ebenso wie das:

Die Bücher der Entschleierten Isis müssen genau von denselben Sachen handeln, die auch in den anderen stehen. Sie bestätigen sich gegenseitig, also sind sie wahr.

Restliche Gedanken

Verpasste Gelegenheit? Am Ende des Romans taucht ein Doppelpendel auf, also ein Pendel, an dem unten ein zweites Pendel befestigt ist. Dem Kapitel ist ein Zitat aus einem Antwortbrief eines (realen) Architekten und Mathematikers vorangestellt, in dem das Verhalten eines solchen Pendels in einer konkreten Situation beschrieben wird: Letztlich würde – wohl: zumindest in dieser Situation – der obere Teil des Pendels still stehen, der untere weiterschwingen. Innerhalb des Romans stammt das Zitat aus einem Brief, den eine der Personen aus Interesse an einen Wissenschaftler geschrieben hat. — Irre ich mich, oder müsste eine – zumindest: ideales – derartiges Pendel nicht quasi-unregelmäßig schwingen? Das ist doch das Standardbeispiel für ein chaotisches System. Und Chaos war zu Zeiten des Pendels (oder war das erst knapp danach?) das neueste heiße Ding. Dass Eco damit nicht gearbeitet hat, wundert mich.

Erwähnen möchte ich noch den Interpretationsansatz, den mir mein Freund B. genannt hat: Das Foucaultsche Pendel als Teil deines Diptychons, mit dem Name der Rose als Kritik des Rationalismus und dem Pendel als Kritik des Irrationalismus.

Programmieren in der 9. Jahrgangsstufe

By | 16.2.2017

In Bayern beschäftigen sich Schülerinnen und Schüler der 9. Jahrgangsstufe (Gymnasium, naturwissenschaftlich-technologischer Zweig) mit Tabellenkalkulations- und Datenbanksoftware. Das ist bei dem aktuellen, etwa zehn Jahre alten Lehrplan so, und bei dem kommenden neuen ebenfalls. Dabei sollen die Schülerinnen nicht Excel lernen, sondern vor allem: Datenflussmodellierung, und ein Verständnis für Funktionen im informatischen Sinn. Und sie sollen auch bei Datenbanken neben SQL vor allem Datentypen und die Modellierung mit Klassendiagrammen lernen, als Vorarbeit für die 10. Jahrgangsstufe, die ganz unter dem Stern der Objektorientierten Programmierung steht.

Ein halbes Jahr Excel, ein halbes Jahr SQL – das hängt einem zum Hals heraus. Beides braucht man danach im Informatikunterricht nur spärlich, jedenfalls nicht bis in die jeweiligen Feinheiten.

Da ich dieses Jahr zum Halbjahr unter anderem meine 9. Klasse abgeben muss (und stattdessen eine Deutschklasse übernehme; so etwas kommt zum Halbjahr immer mal wieder vor), habe ich nicht mit Datenbanken angefangen, obwohl ich schon vor einer Weile mit Tabellenkalkulation abgeschlossen habe. Stattdessen habe ich mit den Schülern das getan, was sich logischerweise anschließt an die Auseinandersetzung mit Tabellenkalkulation unter funktionalem Begriff: selber Funktionen programmiert.

Das geht mit Python so kinderleicht und so natürlich, dass die Schüler damit keine Probleme haben. Man kann fast die gleichen Aufgaben, die sie vorher mit Calc gelöst haben, jetzt mit Python programmieren. Aus Zellbezeichnern werden Variablenbezeichner, schließlich ist so eine Zelle fast auch nur ein Behälter für einen Wert – wie Variablen.

Arbeiten mit der Programmiersprache Python

Python ist eine einfache Programmiersprache. Du schreibst die Befehle dazu in eine Datei (Menü: “File>New Window” oder einfach STRG+N), die du dann mit der Taste F5 (“Run”) ausführen lässt.
Die Funktionen darin ähnen denen in Tabellenkalkulationsprogrammen, nur dass du die Zellen nicht siehst:

a1 = 14 in Zelle a1 wird 14 eingetragen
b1 = 12 in Zelle b1 wird 12 eingetragen
c1 = a1+b1 in Zelle c1 wird die Summe von a1 und b1 eingetragen
a1 = -5 in Zelle a1 wird -5 eingetragen – anders als bisher ändert sich dabei c1 nicht, die Werte anderer gemerkter Sachen werden nicht automatisch aktualisiert

Um die Werte anzuzeigen, kannst du die print-Funktion verwenden:

print(c1) druckt “26” aus
print(„Ergebnis:“, c1) druckt “Ergebnis: 26” aus
print(a1, b1, c1) druckt “-5 12 26” aus

Vordefiniert sind diese Funktionen in Infix-Schreibweise: +, -, /, *

Andere Funktionen musst du dir selber schreiben. Das geht so:

def quadrat(x):
    return x*x

Wichtig sind dabei das Schlüsselwort def für Definition, die Klammern, der Doppelpunkt und die automatische Einrückung nach dem Doppelpunkt. Mit dem Schlüsselwort return bestimmst du, was die Funktion zurückgeben soll.
Sobald du das getan hast, kannst du die Funktion in den Zeilen darunter benutzen:

d1 = quadrat(3)
print(d1) druckt “9” aus
print(quadrat(quadrat(3+2)) druckt “625” aus

AUFGABE 1: Ergänze und teste folgende Funktionen

Testwerte

Ergebnis

def quader_volumen(laenge, breite, hoehe)

2,3,4

24

def kreis_flaeche(radius)

3

28.27431

def kreis_umfang(radius)

3

18.84954

def zylinder_volumen(radius, hoehe)

3,4

113.09724

def quadrat_umfang(seitenlaenge)

3.5

12.25

Hinweise: Nimm für Pi den Wert 3.14159 – achte darauf, wie bisher kein Komma zu nehmen, sondern einen Dezimalpunkt.
Umlaute und Sonderzeichen funktionieren meistens bei Programmiersprachen, machen aber ab und zu doch Probleme, deshalb verzichte ich meistens ganz auf sie

AUFGABE 2: Schreibe dir eine Funktion, mit der du die vorherigen Funktionen testest:

def test():
    print("Quadrat von 2:", quadrat(2))
    print("Volumen Quader 2*3*4:", quader_volumen(2,3,4))
    print("Kreis Umfang Radius 1:", kugel_umfang(1))

Und so weiter. (Diese Funktion gibt nichts zurück.)
Starte den test mit der Zeile: test()

AUFGABE 3: Ergänze Funktionen

  • zum Berechnen des Durchschnitts zweier Zahlen
  • zum Berechnen der Fläche eines Trapezes
  • zum Berechnen der Blutalkoholkonzentration, abhängig von Masse des Menschen, Menge des Getränks, Alkoholgehalt des Getränks – entscheide dich dabei für die Formel für Männer oder Frauen

AUFGABE 4:

  1. Schreibe eine Funktion verschieben(zeichen), die
    1. ein eingebenes Zeichen in eine Zahl umwandelt. Das geht mit der bereits vorhandenen Funktion ord(zeichen) (=> wandelt Zeichen in Zahl um).
    2. Zähle dann 1 zu dem Ergebnis dazu
    3. und wandle das Ergebnis mit der vorhandenen Funktionen chr(Zahl) (=> wandelt
      Zahl in Zeichen um) wieder in ein neues Zeichen um,
    4. das die Funktion dann zurückgibt
  2. Schreibe eine entsprechende Funktion zurueckschieben(zeichen)
  3. Schreibe die neuen Funktionen verschiebenUm(zeichen, verschiebung_um) und zurueckschiebenUm(zeichen, verschiebung_um)
  4. Teste das jeweils mit der folgenden Funktion an einem ganzen Satz:
def verschluesseln(satz):
    for buchstabe in satz:
        print (verschiebenUm(buchstabe, 2))

Aufgabe 5: Die Kontrollstruktur: Wenn, dann, sonst (“Bedingte Anweisung”)

Es gibt keine wenn-Funktion, aber so etwas Ähnliches. Du kennst das noch von Robot Karol:

def darfBierBestellen(alter, eltern_sind_dabei):
    if alter>16:
        return True
    else:
        if alter>14 and eltern_sind_dabei==True:
            return True
        else:
            return False

Zum Testen:

x1 = darfBierBestellen(15, False)
print (x1) druckt “False” aus

Warum steht das nicht im Lehrplan, wo es sich doch organisch an die Tabellenkalkulation anfügt? Und eine gute Vorbereitung für die 10. Klasse ist? Außerdem halte ich es für äußerst sinnvoll, erst einmal nicht objektorientiert zu programmieren, Algorithmik zu üben – nur dann erkennen Schüler später auch den Sinn und Nutzen von objektorientierter Programmierung.

Ich vermute mal, dass das mit der Geschichte des Pflichtfachs Informatik in Bayern zu tun hat. Bayern ist da ja mit Vorreiter, und wenn ich mir anschaue, wie schwer sich andere Länder mit dem Einführen eines solchen Fachs tun, dann war das wohl auch hier eine große Leistung. Bei den Entscheidungsträgern hatte Informatik, und das ist wohl immer noch so, den Ruf, etwas mit Programmierung zu tun – und das war ja total verpönt. Das brauchte man allenfalls in der Berufsbildung, aber doch nicht an allgemeinbildenden Schulen. — Und so hat man sich mit dem Verzicht auf frühes Programmieren vielleicht den Pflichtfachstatus erkauft. Trotzdem schade, dass der neue Lehrplan keien Verbesserung gegenüber dem alten bringt.

Abitur 2017: Neue Termine

By | 11.2.2017

Das Abitur in Bayern: Es wird zentral gestellt, aber an den Schulen vom jeweiligen Fachlehrer korrigiert; eine zweite Lehrerin an der Schule ist Zweitprüferin der Klausuren; die beiden einigen sich auf eine Note. (Können sie sich nicht einigen, wird ein dritter Prüfer herangezogen.) Es gibt in drei Fächern schriftliche Klausuren, im Anschluss daran mündliche Prüfungen in zwei Fächern. Die erste der schriftlichen Prüfungen war traditionell Deutsch, vielleicht aus historischen Gründen, vielleicht weil die Korrektur dieser Aufgaben am längsten dauert.

Inzwischen ist die Reihenfolge aber offen, und das liegt daran, dass immer wieder Teile der Aufgaben bundeslandübergreifend gestellt werden. Und damit müssen diese Prüfungen natürlich am selben Tag stattfinden, und das wird erschwert durch die unterschiedlichen Ferien- und Schuljahrestermine in den veschiedenen Ländern.

Und so begab es sich, dass die Abiturprüfungstermine für 2017 so festgelegt wurden:

  • 03.05.2017 Mathematik
  • 09.05.2017 Deutsch
  • 12.05.2017 3. Fach (häufig und zum Beispiel Englisch)
  • 22.05. – 26.05.2017 1. Mündliche Prüfung
  • 29.05. – 02.06.2017 2. Mündliche Prüfung

Damit hätten die Lehrer und Lehrerinnen in Bayern je nach Fach etwas mehr oder etwas weniger als drei Wochen Korrekturzeit gehabt; an diese hätten sich die Pfingstferien angeschlossen, in denen die Zweitkorrektoren die Klausuren bearbeitet und mit den Erstprüfern besprochen hätten.

Denn als Termin für die Bekanntgabe der Noten war der Montag nach den Pfingstferien festgelegt und mitgeteilt worden: der 19.06.2017.

Das ist jetzt aber nicht mehr so. Am Freitag, 10.02.2017 hat das bayerische Kultusministerium die Gymnasien informiert, dass die Ergebnisse bereits am 02.06.2017 am Nachmittag mitgeteilt werden müssen, das ist der Freitag vor den Pfingstferien. Hier die Pressemitteilung des Kultusministeriums: Nach „eingehender Prüfung“ habe man „pädagogische Erwägungen“ vorgenommen und danke jetzt „allen, insbesondere den betroffenen Lehrkräften, für die Bewältigung der mit der Terminverlegung verbundenen Auswirkungen.“

Denn die Lehrer und Lehrerinnen sind alles andere als begeistert. Für eine reguläre Klausur hat man laut Schulordnung drei Wochen Korrekturzeit, und für diese Abiturprüfung hat man jetzt weniger als das – obwohl die Prüfungen umfangreicher und wichtiger sind und nach der Korrektur noch die Korrektur durch den Zweitprüfer erfolgen und mit diesem besprochen werden muss.

– Was waren das für „pädagogische Erwägungen“ des Kultusministeriums, die zu dieser Entscheidung geführt haben? Ich vermute, dass es keinesfalls nur solche waren. Vielmehr gab es eine vom Kultusministerium nicht erwähnte Petition, die am 05.02.2017 um eben diese Terminverlegung bat:
https://www.openpetition.de/petition/online/abi-nomtenbekanntgabe-am-2-juni (Tippfehler bereits im Original).

Die Petition wurde etwa 25.000 mal unterschrieben, zum Großteil von Bürgern aus Bayern. Eingereicht wurde die Petition von Schülerinnen und Schülern; den Text der Petition und Pro-Contra-Kommentare dazu kann man durchaus mal lesen. Die Kurzfassung: Wenn man erst nach den Ferien seine Noten erfährt, und danach erfährt oder entscheidet, dass man in die mündliche Ergänzungsprüfung in einem oder mehreren Fächern muss, dann bleibt zu wenig Zeit zur Vorbereitung darauf – diese Prüfungen finden tatsächlich in der Woche nach den Ferien statt. Sie sind verpflichtend für die Schülerinnen und Schüler, die bei den schriftlichen Abiturprüfungen zu schlechte Ergebnisse hatten und sie verbessern müssen, um das Abitur überhaupt zu bestehen. Und im Vergleich zu früheren Jahrgängen fühlen sich die Petitionseinreicher dadurch benachteiligt.

Meine Beurteilung des Verhaltens der Petitionsunterzeichner:

Den Vergleich mit früheren Jahren halte ich für zu simpel; in früheren Jahren war die Gewichtung schriftlicher zu mündlicher Noten auch 2:1 statt wie jetzt 1:1 – da hat sich auch keiner beklagt, dass es jetzt leichter ist, gute Noten zu kriegen und überhaupt bis zum Abitur zu kommen. Mich stört, dass die Ergänzungsprüfung, die eigentlich als Maßnahme für den Notfall gedacht war, jetzt schon bereits vorher mit eingeplant wird. Ich kenne keinen Statistiken, wie viele Schüler in Bayern in diese Prüfungen gehen, ich nehme mal an, Tendenz steigend. (Dazu passt auch, dass immer mehr Schüler schon sehr früh planen, die 11. Jahrgangsstufe als Versuchsballon zu besuchen – deren Wiederholung wird schon eingeplant, bevor sie nötig ist.) Allerdings finde ich es gut, wenn Schülerinnen und Schüler Werkzeuge wie Petitionen kennen und nutzen.

Meine Beurteilung des Verhalten des Kultusministeriums:

Pädagogische Erwägungen, my foot. Es ist Wahljahr und man will nichts riskieren, und die Rechtsabteilung warnt sicher davor, irgendwem irgendwas zu geben, was irgendwie der Anlass zu einer Klage sein könnte. Bloß nicht noch mehr schlechte Presse in der Bildungspolitik.

Meine Beurteilung des Verhalten der Schulleitungen:

Man wünschte sich, die würden wenigstens beim Kultusministerium anrufen und sich beschweren. Aber Behördenleiter denken da realistisch, fürchte ich. (Mit meiner Schulleitung habe ich noch nicht gesprochen, versteht sich.)

Wie es weitergehen wird:

(Reines Raten meinerseits. Ich bin eh nur am Rande betroffen.) Die Verbände werden darauf hinweisen, dass das aber nicht schön ist. Das Kultusministerium wird den Schulen erlauben, den korrigierenden Lehrkräften falls nötig einen Tag frei zu geben für die Korrektur, wobei der Unterricht dieses Tages dann von anderen Lehrkräften zu vertreten ist. Diese werden sich ärgern. Die Lehrkräfte werden ein wenig schneller und weniger sorgfältig korrigieren als sonst, die Noten werden zum Ausgleich nicht schlechter werden, die Zweitprüfer werden nur pro forma kurz über die Arbeiten schauen. Das lässt sich alles schon irgendwie regeln. Man wird mit dem Gedanken spielen, die mündlichen Ergänzungsprüfungen dann besonders schwer zu machen, aber das natürlich nicht umsetzen. (Ernsthaft und völlig unironisch.) Der Respekt der Lehrer vor dem Kultusministerium wird nicht weiter sinken, weil das nicht geht, und dem Kultusministerium wird das egal sein und egal sein dürfen.

Aktuelle Hörverstehensübungen für den Englischunterricht – und man lernt dabei so viel Schönes über Europa

By | 4.2.2017

Holland hat damit angefangen, sich für den 2. Platz nach den USA zu bewerben: „America First – The Netherlands Second“, und dafür einen Werbevideo für Holland gedreht:

Und jetzt ziehen nach und nach die anderen Länder nach, Deutschland etwa:

Unter everysecondcounts.eu kann man sehen, für welche Länder bereits Videos veröffentlicht worden. (Leider mit Flash.) Eine tolle Idee! Kann man auch wunderbar im Englischunterricht einsetzen, als Hörverstehensübung – und man lernt so viel, über Litauen zum Beispiel.

Gedanken beim Wiederlesen von Umberto Eco, Das Foucaultsche Pendel

By | 30.1.2017

Es kommen Erinnerungen auf: Ich habe das Buch zum ersten Mal 1990 gelesen, bald nach Erscheinen, begeistert vom Name der Rose, auch wenn ich für den einige Anlaufe gebraucht hatte.

Es geht im Foucaultschen Pendel um Geheimnisse und Rätsel, zumindest oberflächlich, und schon in der Mitte der zweiten Textseite hatte ich damals Nachschlagewerke und Atlanten vor mir ausgebreitet und geheime Verbindungen zwischen den vielen mir fremden Orten und Begriffen herausgefunden, die vielleicht existiert haben mögen, vielleicht nicht – ein Web zum Nachschlagen sollte erst in einigen Jahren da sein. Mein Freund M. las das Buch parallel zu mir und etwa in gleicher Geschwindigkeit; wir trafen uns regelmäßig weltmännisch-nachts und unterhielten uns über das Leseerlebnis. Unsere eigenen Ideen, wie die Geschichte ihren Lauf nehmen würde, schienen uns am Ende viel besser als die zweite Hälfte des Buches, die uns enttäuscht hatte.

Seitdem habe ich das Buch nicht wieder gelesen, aber Freund B. erzählte neulich in warmen Worten davon, also machte ich mich daran – und muss schon ab Seite 44 etwas loswerden. Und zwar hat sich eine Figur der Handlung einen Computer gekauft, mit einem Textverarbeitungsprogramm. (Natürlich alles auf Disketten.) Und es ist so schön, in einem Mainstreamroman Details zu einem Computer zu lesen, als Teil der Handlung, mit echter Funktion. Das Gerät, Abulafia mit Spitznamen, hat für seine Betreiber etwas Magisches; sie sind Kabbalisten und beschäftigen sich auch mit den Permutationen von Zeichen – es geht darum, alle Kombinationen des Namens Gottes zu finden.

Unsereinem ist das zum ersten Mal in Arthur C. Clarkes Kurzgeschichtenklassiker „Die neun Milliarden Namen Gottes“ begegnet, tibetanischer Buddhismus statt jüdischer Mystik, aber ein ähnliches Prinzip: Gebetsmühlenartig müssen alle möglichen Kombinationen der Zeichen des Namens Gottes aufgeschrieben werden – und die Mönche im Kloster leisten sich einen „Mark-V-Varianten-Kalkulator“, der das für sie machen soll. Bei Eco geht es vorerst nur um vier Zeichen, etwa I, H, V, H, und dazu wird folgendes Programm abgedruckt:

10 REM ANAGRAMME
20 INPUT L$(1),L$(2),L$(3),L$(4)
30 PRINT
40 FOR I1=1 TO 4
50 FOR I2=1 TO 4
60 IF I2=I1 THEN 130
70 FOR I3=1 TO 4
80 IF I3=I1 THEN 120
90 IF I3=I2 THEN 120
100 LET I4=I0(I1+I2+I3)
110 LPRINT L$(I1);L$(I2);L$(I3);L$(I4)
120 NEXT I3
130 NEXT I2
140 NEXT I1
150 END
END

Tiralala-itu! Und genau so etwas habe ich als Teenager programmiert, das hatte ich schon wieder vergessen. Ja, so sahen Zählschleifen damals aus. Schöne Aufgabe für Informatikschüler: Herausfinden, was da geschieht, und das in Java schreiben, vielleicht muss man vorher ein char array erklären.

Danach rechnet Eco ein wenig vor, wieviel Permutationen es gibt bei längeren Wörtern, oder wie viel Möglichkeitenes es bei einem richtig langen Wort gibt (etwa der ganzen Tora). Milliarden Milliarden Milliarden Kombination (aber natürlich immer noch nichts im Vergleich zu richtig großen Zahlen). Dabei taucht auch das Wort „Faktorenrechnung“ auf, vermutlich eine Fehlübersetzung für Fakultät, oder ist das ein alternativer, vielleicht veralteter Begriff? Auf Englisch factorial, auf italienisch fattoriale. – Auf der Suche nach einem Passwort schreibt eine der Figuren den obigen Code um, so dass sie eine Liste der 720 Permutationen der Buchstaben IAHVEH ausdruckt – und nimmt die Seiten aus dem Drucker, „ohne sie abzutrennen, als sähe [sie] die originale Tora-Rolle durch.“ Das weiß heute auch keiner mehr, was das für ein Papier war.

(Auch die Erweiterung auf 6 Zeichen eine schöne Aufgabe. Schwerer ist dann die Aufgabe, alle Permutationen eines Wortes mit n Zeichen zu machen; im Web gibt es Lösungen für diese Aufgabe, die man umsetzen kann.)

Benotung von Hausaufgaben, Stand 2016/17

By | 26.1.2017

Vor zwölf Jahren habe ich mal einen Blogeintrag geschrieben, warum man Hausaufgaben nicht benoten darf. Das gefiel mir damals schon nicht, aber so war mir das beigebracht worden, und so hatte ich das auch in der Gymnasialen Schulordnung gelesen – dachte ich.

Tatsächlich steht in der GSO von 2008, § 52:

Schriftliche Hausaufgaben werden nicht bewertet; hiervon kann in den Seminaren abgewichen werden.

In der Fassung von 2007 fehlt beim gleichen Paragraphen dieser Satz, ebenso beim äquivalenten §42 von 1983. (Beim Lesen daran erinnert: Damals durfte man in Nichtkernfächern auch nicht regelmäßig schriftliche Hausaufgaben aufgeben.) Dazwischenliegende Fassungen, insbesondere die aus meiner Referendarszeit, habe ich leider keine.

Seit letztem Jahr gibt es ohnehin neue Regelungen, insgesamt sind das:

  • BayEUG (Bayerisches Gesetz über das Erziehungs- und Unterrichtswesen)
  • BaySchO (Bayerische Schulordnung – die ist neu, gilt für alle Schularten)
  • BayGSO (Schulordnung für die Gymnasien in Bayern)
  • BayRSO (Schulordnung für die Realschulen in Bayern)

Der Paragraph zu den Hausaufgaben steht jetzt nicht mehr in der GSO, da steht sogar überhaupt nichts mehr zu Hausaufgaben, sondern in der allgemeineren BaySchO, § 28, und zur Benotung steht da nichts. Was ein Leistungsnachweis ist, steht in der GSO: „Schriftliche Leistungsnachweise sind insbesondere Kurzarbeiten, Stegreifaufgaben, fachliche Leistungstests und Praktikumsberichte“, aber ich interpretiere das „insbesondere“ als Zeichen einer nicht abgeschlossenen Aufzählung.

Also – darf ich jetzt Hausaufgaben benoten?

(Das mit der Pflicht, ein Hausaufgabenheft zu führen, steht übrigens auch nicht mehr drin. )

Wochenende: Schaschlik und Schulentwicklung

By | 22.1.2017

Am Freitag hatte ich die Referendare, die gerade an meiner Schule sind, eingeladen, einmal, weil sie sehr nett sind und ich gerne ein bisschen mehr von ihnen hören wollte, und außerdem, weil ich endlich das Schaschlikrezept ausprobieren wollte, das Hauptschulblues hier in den Kommentaren erwähnt. Und das gibt es nur in großen Portionen.

Schaschlikspieße und Soße

Serviert mit Brot, die Rest am Tag danach auch mit Reis:

Schaschlik auf Teller

Ergebnis: Das geht auch in kleinen Portionen, dann halt nur eine Scheibe Leber kaufen. Dafür deutlich mehr Wammerl. Und etwas weniger Curry und Paprikapulver in die Soße. Aber die Zubereitungsart an sich ist gut: Anbraten, dann lange schmoren.

Beim Abendessen erfahren, dass die Referendariatsausbildung in Musik eine besondere Regelung hat: Die meisten Lehrerinnen und Lehrer studieren und unterrichten mindestens zwei Fächer, aber Musik ist in Bayern – wie Kunst auch – ein sogenanntes Doppelfach, das heißt: man hat kein zweites Fach. Weil aber jede andere Referendarin zwei Seminarlehrer hat, pro Fach einen, ist das auch für Musikreferendare umgesetzt: Die haben zwei Seminarlehrer. Der eine bildet sie in Musik aus, und der andere auch. Der Grund wird wohl der sein, dass man so eben nicht nur von einem Ausbilder und Benoter abhängig ist, aber ob das auch offiziell der Grund ist, weiß ich nicht.

Am Tag darauf musste ich früher aufstehen, als ich eigentlich wollte, um trotz Samstag in die Schule zu fahren: Alle bayerischen Gymnasien (vermutlich nicht nur die) müssen jetzt im Rahmen der Schulentwicklung ein „Schulprogramm“ haben: Da legen Lehrer, Schüler und Eltern gemeinsam fest, welche Verbesserungen an der Schule in den nächsten Jahren wichtig sind, und jedes Jahr werden dann einzelne Aspekte davon herausgegriffe und konkret umgesetzt. So die Theorie, die Praxis wird sich erweisen. Die Lehrerinnen und Lehrer haben ihre Schwerpunkte schon ermittelt, die Eltern arbeiten gerade daran, und am Samstag trafen sich freiwillige Schülerinnen und Schüler aller Jahrgangsstufen im Rahmen eines moderierten Workshops, um die Schwerpunkte der Schülerschaft herauszuarbeiten.

Schulentwicklung Programm

Von einer geschätzten Kollegin sehr gut vorbereitet und geleitet. Das Mittagessen war dann übrigens Pizza für alle.

Martin Amis, Time’s Arrow (1991)

By | 15.1.2017

Titelbild Time's Arrow

(Mit Spoilern, aber das Buch ist von 1991, die Spoiler sind hier nicht wichtig, und auf Spoiler kommt es eh nicht an.)

Die Handlung dieses Buches folgt dem Leben eines Mannes, Tod Friendly (ein etwas ungewöhnlicher, aber kein einzigartiger Name, denken wir an den Regisseur Tod Browning). Ein Ich-Erzähler begleitet dieses Leben, und zwar beginnt das Bewusstsein des Ich-Erzählers zu dem Zeitpunkt, als Friendly stirbt – das Buch ist, man merkt es bald, sozusagen rückwärts erzählt: Friendly stirbt in hohem Alter, und der Ich-Erzähler gewinnt zu diesem Zeitpunkt das Bewusstsein; Friendly wird von Medizinern behandelt, es geht Friendly schlecht, bald geht es ihm immer besser, bald kann er sein Bett verlassen, aus dem Haus gehen, seinen Beruf als Arzt ausüben. Der Ich-Erzähler weiß wenig über diese Welt, er lernt nach und nach die merkwürdige Sprache verstehen, die alle Menschen dort sprechen, und er versucht, sich einen Reim darauf zu machen, was er beobachtet. Der Ich-Erzähler ist quasi Passagier in Friendlys Kopf, er hört mit dessen Ohren und sieht mit dessen Augen, auch wenn er seine Aufmerksamkeit unabhängig davon auf einzelne Objekte der Außenwelt richten kann. Der Ich-Erzähler hat keinerlei Einblick in Friendlys Gedanken, aber er bekommt mit, wenn Friednly aufgeregt oder nervös ist, auch andere Stimmungen kann er deuten. Und so wird Friendly langsam immer jünger, und die Geschichte schreitet voran, oder zurück, je nachdem.

Das ist schon mal ein interessantes Gimmick. Viele Leser des Buches werfen diesem vor, dass das auch alles sei – kann sein, aber es ist schon mal interessant genug: Wo kommen alle schönen Dinge her, die der Mensch verwendet? Aus dem Müll, der von Müllmänner angeliefert und von Toiletten gespendet wird. Nicht jeder Mensch hat schöne Dinge, es gibt Klassenunterschiede:

It all comes down to the quality of your trash.

Der Ich-Erzähler hört Friendly fluchen und beschreibt das als: „[He] invokes human ordure, from which all good things come.“ Übersetzt heißt das: Friendly flucht: „Shit.“ Dieses Übersetzen ist ein Reiz des Buches – was der Ich-Erzähler beschreibt ist oft etwas anderes, als was aus Friendlys, sprich: unserer regulären Sicht geschieht. Manchmal hatte ich beim Lesen das Gefühl, zwei Geschichten gleichzeitig zu lesen, besonders bei manchen Dialogen, die ich quasi gleichzeitig von oben nach unten und von unten nach oben las.

Schnell vergehen die Jahre. Friendly ist dem Ich-Erzähler nicht unbedingt immer sympatisch; sie haben bei vielen Dingen andere Ansichten. Friendly behandelt seine Frauenbekanntschaften (leider kein besseres Wort gefunden) sehr schlecht. Einmal gibt es eine Art Dreiecksverhältnis: Der Ich-Erzähler liebt Irene, Irene den Friendly, und der eigentlich niemanden.

Das Schicksal ist unausweichlich. Am Braunwerden von Friendlys Haut erkennt der Erzähler, dass es bald auf eine Reise gehen wird. (So ist das in dieser Welt nun einmal, dass sich Reisen derart ankündigen.) Selbstmord existiert als Konzept, ist aber unmöglich: Jeder weiß genau, wie lange sein Leben dauern wird. Gewalt erzeugt Dinge, aus dem Feuer kommen viele Gegenstände, besonders Briefe.

Das hat etwas – auch in seiner Unausweichlichkeit – von der Unschuld eines Wales, der plötzlich in der Atmosphäre eines Planeten geboren wird, sich erst orientieren muss, dem Kitzeln am Bauch den Namen „Wind“ gibt, und der nach und nach eine immer größer werdende Oberfläche auf sich zukommen sieht, die er mal probeweise „Boden“ nennt und von der er sich freudig erwartungsvoll fragt, ob sie wohl nett zu ihm sein wird.

Der Leser weiß es vermutlich vom Klappentext her, oder er stolpert über den Namen „Tod Friendly“, oder ahnt es sonst: Das geht nicht gut aus. „Tod Friendly“ wechselt mehrfach den Namen, in Mittelamerika sammelt er Goldmünzen, bis er sich schließlich auf eine Reise nach Deutschland macht, wo der Krieg vor kurzem begonnen hat. Er wird Arzt in Ausschwitz und Teil eines großes Projekts: Es gilt, die Juden aus den Lüften zu holen, aufzupäppeln, in die Gesellschaft zu integrieren. Das war grimmig und traurig und furchtbar zu lesen.

— Frau Rau hat das Buch als nett, aber nicht mehr als ein Gimmick in Erinnerung. Das deckt sich mit der Einschätzung vieler Kritiker. Bei Goodreads habe ich die Kommentare zum Buch gelesen; die klingen ähnlich oder weisen darauf hin, dass Martin Amis ja nicht der erste gewesen sei mit dieser Idee. Einer verweist auf eine Stelle aus Vonneguts Slaughterhouse Five mit einem rückwärts laufenden Film – Amis nennt Vonnegut selber als Anregung. Ein anderer nennt eine Geschichte von Jorge Luis Borges, „A Weary Man’s Utopia“. Man findet die Geschichte im Web, und sie enthält ähnliche Motive, also Vergangenheit und Zukunft, Zerstörung auf Aufbau, Hitler als Massenmörder oder Philantrop. Aber mehr Ähnlichkeit sehe ich nicht – zugegeben, bei Borges bin ich mir nie sicher, wieviel mir entgeht.

Es würde mich aber nicht wundern, wenn Borges tatsächlich so eine ähnliche Geschichte geschrieben hätte. Das passt zu ihm. Tatsächlich habe ich auch eine Anthologie herausgesucht (im Original von 1967), in der ich eine solche Geschichte vermutete, und während da auch ein Borges drin ist, so ist es doch ein anderer. Dafür enthält der Band die Kurzgeschichte „Divine Madness“ von Roger Zelazny, die zum Großteil rückwärts erzählt wird – bis hin zu einer Situation, in der sich die Hauptperson gerne anders verhalten hätte, weil es schlimme Konsequenzen gab. Und ganz am Ende erhält die Hauptperson eine zweite Chance, und die Zeit läuft wieder vorwärts, jetzt aber in einer neuen Spur. – Was da aber fehlt, auch bei dem Borges, ist der Ich-Erzähler.

Fußnote: Nicht eigentlich rückwärts erzählt, aber doch mit ähnlichem Effekt ist dieses palindromische Gedicht von James A. Lindon.

Doppelgänger

by James A. Lindon

I

Entering the lonely house with my wife
I saw him for the first time
Peering furtively from behind a bush —
Blackness that moved,
A shape amid the shadows,
A momentary glimpse of gleaming eyes
Revealed in the ragged moon.
A closer look (he seemed to turn) might have
Put him to flight forever —
I dared not
(For reasons that I failed to understand),
Though I knew I should act at once.

II

I puzzled over it, hiding alone,
Watching the woman as she neared the gate.
He came, and I saw him crouching
Night after night.
Night after night
He came, and I saw him crouching,
Watching the woman as she neared the gate.

III

I puzzled over it, hiding alone —
Though I knew I should act at once,
For reasons that I failed to understand
I dared not
Put him to flight forever.

IV

A closer look (he seemed to turn) might have
Revealed in the ragged moon.
A momentary glimpse of gleaming eyes
A shape amid the shadows,
Blackness that moved.

V

Peering furtively from behind a bush,
I saw him for the first time,
Entering the lonely house with my wife.