Author Archives: Herr Rau

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Lehrer, Leser, Blogger. Rüstiger Endvierziger.

Computer: Kurze Umfrage in der Unterstufe

By | 23.7.2017

Diagramm zu Computer-Affinität

In Zukunft möchte ich das am Anfang und am Ende jeden Jahres machen: Wie fit fühlen sich die Schülerinnen und Schüler im Umgang mit dem Computer; wie fit wollen sie sich eigentlich damit fühlen?

Rot sind die Jungen, schwarz die Mädchen, übrigens. Nicht alle SuS waren da; inbesondere zwei sehr computeraffine Schülerinnen fehlten. Wer’s nicht lesen kann: Die horizontale Achse gibt an, wie gut man mit dem Computer ist, die vertikale, wie viel einem überhaupt daran liegt. Es fällt auf, dass die Jungs im Quadranten recht oben sind, die Mädchen nicht. Kümmern müssen wir uns vor allem um die Mädchen im Quadranten links oben, die würden nämlich gerne mehr können.

Dass sich Jungen zumindest in Mathematik über- und Mädchen unterschätzen, da gibt es Studien; für Informatik mag das ähnlich gelten.

Bunter Tag Hilfsausdruck

By | 20.7.2017

Erst eine zusätzliche Stunde in der siebten Klasse, Informatik, letzte Stunde. Zum Abschluss der Algorithmik setzte ich einen Großteil der Schülerinnen und Schüler vor Lightbot.. Das sanfte Gedudel der Hintergrundmusik vom Lehrerrechner erzeugte eine angenehme Atmosphäre.

Ein paar Schüler setzte ich vor meinen Surface-Minilaptop, damit die dort Human Resource Machine spielten:

Screenshot des Spiels

Das ist ein Spiel um ein kleines Männchen in einer großen Firma, das dort von einem Laufband Zeichen entgegennimmt, verarbeitet und das Ergebnis auf ein Ausgabeband legt. Die Befehle zum Steuern des Männchens erinnern sehr an Assembler-Befehle, mit denen ein Prozessor programmiert wird, und das Männchen selber ist eigentlich auch nur der Akkumulator, ein spezielles Register in einem Prozessor, also eine Stelle, wo sich der Computer etwas merkt, und zu der er etwas hinzuzählen kann, und so weiter. Ein schönes kleines Spiel.

Die Schüler spielten sich souverän durch die Level, nutzten sofort den Touchscreen (also ich nehme immer noch das Touchpad, aber ich bin auch alt). Wenn die Rückmeldung kam, dass der Level zwar gelöst sei, aber noch nicht in optimaler Laufzeit, ließ das die Schüler kalt – „Hauptsache es funktioniert“. Das mit der Optimierung kommt vielleicht später mal. Ich weiß nicht, wie ich in dem Alter war, heute muss ich erst einen Level perfektionieren, bevor ich zum nächsten gehe.

— Für die nächste Doppelstunde kam eine Praktikantin von der Uni, im Zusammenhang mit dem Seminar einer Kollegin, die dann auch für mich in der Stunde war. Kaffeepause. Dann Unterricht, und statt Mittagspause eine allerletzte mündliche Abiturprüfung. (Ja, wegen Erkrankung und Nachtermin und so kann sich das alles ganz schön nach hinten verschieben.)

— Und danach Klassenkonferenzen, in denen die Lehrer einer Klasse über die Zeugnisnoten abstimmen und Vorschläge für die Gesamt-Lehrerkonferenz vorzubereiten, was Vorrückungserlaubnis und so weiter betrifft.

— Ja, und danach fuhr ich noch zu Intel, wo ein paar Schüler eine Führung durch das Rechnerzentrum in München organisiert hatten, so richtig mit Serverschränken und Routern und Kabeln und viel, viel mehr Hardware, als ich je verstehen werde. Auf dem Campus traf ich zufällig einen meiner Brüder, der bei der Konkurrenz arbeitet. Aber hauptsächlich waren wir dort, um für die Schule eine Hardwarespende an ausgedientem Rechnermaterial abzuholen — letztlich war ich deshalb mit dabei, weil eine Schul-Unterschrift nötig war.

Ein großer Stapel Rechnerkram

Das war jetzt erst einmal doch eine Menge Hardware – eingerichtet wird damit ein, uh, „kleines Netzwerk“ in einem Rechner-Versuchslabor, das hat also nichts mit dem regulären Computerraum. Aerb wir haben einen Werk- und Bastelraum an der Schule, auch mit 3-D-Drucker, und der soll jetzt zum Computerbastelen dienen, und mal sehen, wie es dann weitergeht.

Altruismus in Pokémon Go

By | 14.7.2017

Manchmal verteile ich beim Spazierengehen eine Runde Pokémon-Beeren an fremde Pokémon. Und das kommt so:

Es gibt bei Pokémon Go an verschiedenen Orten Arenen, in die man eines seiner eigenen Pokémon setzen kann – vorausgesetzt, einer der sechs Plätze in der Arena ist noch frei und man hat nicht schon ein anderes Pokémon in dieser Arena, und vor allem: vorausgesetzt, die Arena gehört zum eigenen Team. Es gibt drei Teams: Blau (Yay!), Rot (Buh!) und Gelb. Notfalls muss man die von einem anderen Team besetzte Arena erst erobern, indem man alle Pokémon darin (mehrfach) besiegt und dadurch nach Hause schickt.

Seit ein paar Wochen gibt es neue Spielregeln. Jetzt ist es so: Je länger ein Pokémon in einer Arena sitzt, desto leichter kann man es besiegen, weil es mit der Zeit müde wird. Man kann es aber aufpäppeln, indem man ihm eine Pokémonbeere zuwirft. Das geht nur, wenn man selber in der Nähe der Arena steht. Allerdings muss man das nicht selber machen, jeder Spieler, der dem gleichen Team angehört, kann das tun.

Ich habe nicht viele Pokémon in Arenen sitzen, weil ich nicht sehr intensiv spiele. Zur Zeit hält sich aber eines meiner Pokémon schon überraschend lange in einer recht zentral gelegenen Arena, obwohl ich da nicht oft vorbeischaue. Ich kann mir das nur so erklären, dass Passanten regelmäßig Beeren an meines und die anderen Pokémon meines Teams verfüttern.

(Zum Vergleich: Wenn ich ein Pokémon in die Arena im Pausenhof meiner Schule setze, ist das nach ein paar Stunden herausgekickt und die Arena wieder im Besitz eines anderen Teams. Und das teilweise mitten während der Unterrichtszeit! Schulfremde Personen, bestimmt.)

Also mache ich das auch so. Wenn ich an einer Arena vorbeikomme, die zu meinem Team gehört, dann schaue ich nach, ob da Platz für eines von meinen ist, und außerdem schaue ich, ob ich den Pokémon dort eine Beere spendiere. Für mich als Spieler ist das unmittelbar erst einmal ein Nachteil. (Na gut, das ist ein wenig geschönt: Man hat immer genug Beeren übrig. Aber das Beerenspenden ist trotzdem Aufwand. Aber noch mehr na gut, man kriegt auch eine Medaille fürs fleißige Beerenspenden.)

So ähnlich funktioniert das auch mit dem iterierten Gefangenendilemma (recht alter Blogeintrag dazu), einem Musterfall aus der Spieltheorie: Zwei Spieler entscheiden sich unabhängig voneinander für oder gegen Kooperation; am meisten Vorteile hat man dabei, wenn man als einziger nicht kooperiert (selbstsüchtig agiert), am dümmsten ist es für alle, wenn keiner kooperiert. Bei Pokémon Go hoffe ich, dass Spieler aus meinem Team mein Pokémon füttern, obwohl es ihnen nicht unmittelbar etwas bringt; und ich füttere fremde Pokémon, auch wenn es mir nicht unmittelbar etwas bringt. Das Team, das besser auf diese Art kooperiert, hat einen evolutionären Vorteil.

Ich spiele nicht viele Spiele; vielleicht gibt es noch mehr, die Kooperation unter Fremden ohne unmittelbaren Austausch fördern? Dem Bettler in der Straße habe ich dann auch Geld gegeben, weil ich mich schäbig fühle, nur meine Pokémons zu unterstützen. (Würde ich das noch öfter tun, wenn ich Badges dafür kriegte, virtuelle Medaillen? Ab hier will ich nicht mehr weiter denken; wahrscheinlich ist es ja ohnehin nur Zufall, dass mit meinen Pokémon, und ohnehin ein sehr geringer Effekt. Dann ist das hier alles wohl Unsinn.)

Wilde Woche, weiterhin

By | 7.7.2017

Montag

Nachmittags Fachsitzung Englisch, Informationen zum LehrplanPLUS. Fazit: Für Englisch keine Änderungen, das Fach war eh schon kompetenzorientiert. Es gilt weiterhin der SBR (spezielle bayerische Referenzrahmen für Sprachen), der an den GER (gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen) angelehnt ist, aber zusätzliche Stufen kennt – hier der Blogeintrag zur Faustregel, anhand derer man sich merken kann, in welchen Jahrgangsstufen A1, A1+, A2, A2+ und so weiter erreicht sein sollen.

Englischunterricht scheint mir inzwischen weitgehend reduziert zu sein auf ein: Englisch verstehen und sprechen und lesen können. Vielleicht ist das auch okay. In meiner Studienzeit wurde in der Fachdidaktik thematisiert, warum am Gymnasium der Englischunterricht traditionell mehr war als ein einfacher Sprachkurs – ob das Standesdünkel war oder Bildungsanspruch, ist eine andere Frage. Deswegen Shakespeare, Elisabethanisches Weltbild, beides noch drin im Lehrplan, ja. Aber die Zeiten, als ich im Leistungskurs Zeit für den Great Vowel Shift hatte, sind vorbei.

Dienstag

Den ganzen Tag in Feucht bei Nürnberg gewesen als Begleiter unseres Schulteams zu den Bayerischen Schulmeisterschaften im Bogenschießen, so wie letztes Jahr.

Bogenschützen beim Schießen

Wunderschönes Wetter. Ansonsten siehe letztes Jahr.

Mittwoch

Nach dem Unterricht Treffen einer der Schulentwicklungsgruppen, mal sehen, ob dieses Schuljahr noch etwas geht, ansonsten nächstes Jahr. Danach wie jeden Mittwoch die Vorlesung Informatik; leider fährt die Straßenbahn zur Zeit nicht von meinem Wohnort aus durch, so dass ich doch lieber die – schnellere – U-Bahn/Bus-Kombination nehme. Mir entgehen dabei halt die vielen Pokestops, die ich sonst bei der gemächlichen Straßenbahnfahrt mitnehmen kann. Thema der Vorlesung diesmal. Informatik udn Gender.

Donnerstag

Titelbild Thomas Pynchon: The Crying of Lot 49Abends Treffen der Leserunde bei Frau Rau und mir. Es gab kalten Wurst- und ebensolchen Zucchinisalat, beides ausgesprochen lecker, dazu Käseplatte. Das Buch, das wir diesmal gelesen hatten, war The Crying of Lot 49 von Thomas Pynchon. Leider war ich der einzige, der viel über das Buch reden wollte. Ich hatte es schon vor fünfundzwanzig Jahren im Regal stehen, zusammen mit Gravity’s Rainbow, und war bei beiden Büchern nie weit gekommen.

The Crying of Lot 49 erschien 1965 und ist ein waschechter postmoderner Roman; ich hatte nicht gewusst, dass das schon so früh losging mit der Postmoderne. The Shaodw wird zitiert auf den ersten Seiten, Perry Mason, Fu Manchu, Bonanza, „Road Runner in blank verse“ heißt es zu irgendeinem Thema, und das ist ja die Postmoderne. Stilistisch und sprachlich konnte ich dem Buch wenig abgewinnen, ausgenommen vielleicht das eingebaute und großzügig zitierte (fiktive) elisabethanische Drama, alles in Blankvers. Inhaltlich ist das Buch schon eher mein Ding: Paranoia, Geheimgesellschaften, Weltverschwörungen; die Welt bricht um die – allerdings gar nicht so bürgerliche – Hauptperson zusammen. Das Buch ähnelt darin dem zuvor gelesenen Philip K. Dick, Time Out of Joint. Und das wiederum hatte Gemeinsamkeiten mit Gravity’s Rainbow, aber die sah vielleicht nur ich. Geschichte und Fiktion werden gemischt, reale Geheimgesellschaften treffen sich mit erfundenen. Und das ist interessant einmal wegen der vielen Verschwörungstheorien der letzten sechzehn Jahre – Kondensstreifen und Identitäre Bewegung und all die ganzen Spinner. Hintergrund des Pynchon-Buchs ist die Kommunistenhatz der 1950er Jahre, die von der Regierung angeordnete Fluoridisierung des Trinkwassers, die schon in Dr. Strangelove als Anlass für Verschwörungstheorien herhalten muss. Eine Auswirkung all dessen, vielleicht von Pynchon beeinflussst, vielleicht nicht, aber auffallend ähnlich, ist die berühmte Illuminatus!-Trilogie von Robert Shea und Robert Anton Wilson, 1975 erschienen. Ähnlich wie Pynchon, aber deutlicher, ist das eine Parodie auf all das.

Verwandte Blogeinträge dazu:

– Als ich bei Twitter etwas über Pynchon twitterte, wurde das gleich von einem Pynchon-Kanal geliked, der das Stichwort wohl abonniert hatte. Über den Kanal stieß ich zu einem Alternative Reality Game zu The Crying of Lot 49, das zur Zeit in Shoreham bei Brighton, meiner englischen urlaubsgegend, gespielt wird.

Freitag

Seit 2009 bin ich regelmäßig Anfang Juli am Tag der Informatiklehrer und -lehrerinnen an der LMU München. Fünf Jahre lang als Mitorganisator, dieses Jahr nur mehr als Workshopleiter – ich stellte mein Storyworld-Projekt vor (Blogeintrag dazu).

Der Eröffnungsvortrag war von irgendwem über Calliope, einen gerade viel diskutierten Mikrocontroller, entwickelt für die Grundschule. Der „irgendwer“ als Vortragender erzählte dann von seiner kleinen Tochter, einem großen Merkel-Fan, und da dachte ich mir: das kennst du doch irgendwer. Kurze Recherche bei Twitter: der Vortragende war niemand anderes als der Herr Holadiho, mir seit vielen Jahren über Blog und Twitter ein Begriff. Aber wer merkt sich denn schon, dass die Leute echte Namen haben, in diesem Fall „Stephan Noller“? Über Frau Rau, auf Twitter und in Blogs aktiver als ich, kriegte ich immer wieder mal etwas von @holadiho mit. Die Anekdote mit der Tochter, die Merkel so schätzt, war allerdings eine Fehlerinnerung: Eine andere Blog-/Twitter-/Re:publica-Bekannte von Frau Rau war es, deren kleiner Sohn so ein großer Merkel-Fan ist.

Calliope: Sah übrigens sehr, sehr fein aus.

Jetzt Feierabend. Am Wochenende Korrekturen.

Konzentriertes Arbeiten im Klassenzimmer

By | 6.7.2017

In einer Klasse musste ich neulich Aufsicht führen für eine Lehrkraft, die absehbar verhindert war und deshalb einen Arbeitsauftrag in Form eines umfangreichen Arbeitsblattes hinterlassen hatte. Theoretisch ist es so, dass man in solchen Fällen Aufträge hinterlassen soll; tatsächlich funktioniert das nur so mittel – die Kollegen, mich eingeschlossen, sind da nicht diszipliniert genug, und nicht alle Schülerinnen und Schüler sind es gewohnt, allein zu arbeiten.

Diese Klasse war es jedenfalls nicht gewohnt.

Also habe ich – erst einmal mit einer anderen Klasse, aus organisatorischen Gründen – etwas ausprobiert: Jede Schülerin, jeder Schüler musste sich etwas mitnehmen, um sich vierzig Minuten lang zu beschäftigen. Weitere Regeln: Kein Musikhören, Videoschauen, Computerspielen; kein Basteln, kein Stricken, keine Kreuzwort-, Sudoku- oder Logikrätsel. Keine Mandalas ausmalen. Vokabeln lernen: Ja. Hausaufgaben: Auch möglich. Möglich: Zeitschriften, Zeitungen, Bücher lesen. Verboten: Mit Nachbarn kommunizieren.

Zwei Schüler hatten Laptops dabei (Unterrichtsstunde vorbereiten, Programmieren), zwei Handys (jeweils mit Buch zum Lesen). Die meisten anderen hatten Bücher (Romane). Zwei oder drei lernten Vokabeln/aus einem Schulbuch; einer las Zeitschriften (zwei andere waren bald von Zeitschriften zu Romanen gewechselt). Alle beschäftigten sich vierzig Minuten allein, wortlos. Als dann die Glocke läutete und ich die regelmäßige kurze Pause ankündigte (Toilettengang, Beine vertreten), fühlte ich mich, als müsste ich alle erst behutsam in die Schulwelt zurückholen, wie nach einer Meditationsrunde. Ich redete auch ganz leise. Die Schülerinnen und Schüler blieben ebenfalls ganz leise, egal ob sie aufstanden oder weiterlasen; danach sprachen wir kurz über die Erfahrung. (Tenor: Viel konzentrierter als in einer normalen Stunden; nur zwei waren ermüdet.) Auf Wunsch der Klasse wurde der Rest der Doppelstunde dann weiter so gemacht, nachdem ich meine Pläne für die nächste Woche vorgestellt hatte. Leider störte Musik von draußen am Ende etwas, jedenfalls mich.

Fazit: Zumindest diese Klasse kann 40 Minuten konzentriert arbeiten, wenn die Arbeit Lesen ist, und wenn sie sich die Arbeit selber aussuchen können.

Die Eskalationsstufe nächste Woche, in Absprache mit der Klasse: Wieder 40 Minuten konzentrierte intellektuelle Einzelarbeit; diesmal muss es aber fachbezogen sein – Englisch, Physik, Deutsch. Es muss aber kein Schulbuch sein. Ein englischer Roman, ein populäres Physikbuch reicht.

Die Woche danach, wenn das bunte Schuljahresendtreiben das noch zulässt: Es muss etwas mit dem Fach Deutsch zu tun haben. Reines Romanelesen zählt nicht, es muss irgendetwas Schriftliches entstehen. Aber wieder selbstgewählt.

Und wenn die Schülerinnen und Schüler das auch können, dann werden wir mal schauen, wie das mit Aufgaben geht, die nicht selbstgewählt sind.

Es gibt eine Unterstufenklasse, die ich einmal pro Woche mucksmäuschenstill arbeiten sehe, wenn ich mit dem Treppensteigen den Schultag beginne; die Klassenzimmertüre ist dabei immer offen. Geht also auch da.

Für Jan-Martin Klinge mit seinen Lerntheken sind so etwas alte Hüte. Und auch von der Grundschule höre ich häufig, wie selbstständig die Schüler dort sind, aber das halte ich nicht für einfach übertragbar.

Schullektüre 2017 (2) Whisper

By | 30.6.2017

Wenn man als Lehrer die Schullektüre auswählt und sie den Schülern und Schülerinnen nicht gefällt, ist das kein Problem. Das halten Lehrer aus, und außerdem kommt es ja auch nicht darauf an, dass die Lektüre unmittelbar gefällt. Dass es der Deutschunterricht mit den Lektüren ist, die Schülern das Lesen vergällt, halte ich ohnehin für ein Gerücht. Wenn man die Schülerinnen auswählen lässt, und ein Vorschlag wird dann genommen, und dann gefällt es der Klasse nicht – das stelle ich mir schon schwieriger vor. Aber vermutlich reicht es da, wenn der Lehrer sagt, dass ihm das Buch nicht gefallen hat, um alle Schüler das Buch plötzlich viel positiver zu sehen.

Normalerweise lasse ich über Lektüren abstimmen, je nach Alter und Thema, mache aber von vornherein klar, dass ich ein Vetorecht behalte beziehungsweise nicht alle Bücher zur Abstimmung zulasse. Wenn es um andere Epochen als um die letzten fünfzig Jahre geht, haben die Schülerinnen und Schüler meist ohnehin keine besondere Meinung. Aber in meiner anderen aktuellen 9. Klasse haben wir schon die zwei Pflichtlektüren gelesen, und eine dritte Lektüre wollte sich die Schüler und Schülerinnen selber aussuchen, also stellten Freiwillige ihre Kandidaten vor, und die Klasse stimmte ab, und mehrheitlich entschied man sich für Isabel Abedi, Whisper. Nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2006.

Titebild Abedi, Whisper

Whisper ist ein modernes Jugendbuch mit Mädchen als Zielgruppe; nicht mein liebstes Genre. Aber okay, nachdem weder die Schachnovelle noch Der Richter und sein Henker irgendwelche nennenswerten Frauenrollen hatten, ist es nur fair, etwas mit Frauen zu lesen. Ich fand das Buch uninteressant, aber es war ergiebig, mal ein schlechtes Mädchenbuch zu lesen und nicht nur die vielen, vielen schlechten Jungenbücher meiner eigenen Jugend. Ich sah die nie als Jungengeschichten, das war einfach ganz normale Science Fiction und Fantasy – aber es ergab sich halt doch immer, dass der Erdenmann auf einem fremden Planeten die Prinzessin aus ihren Schwierigkeiten rettet und am Schluss innig küsst und widergeküsst wird. Whisper enthält andere Klischees, aber es bleiben Klischees.

Was tun mit einer Lektüre? Vom Arena-Verlag gibt es eine Pdf-Datei mit Vorschlägen für die Klassen 7 bis 9, Arbeitsblätter mit Lösungen oder Lösungsvorschlägen. Es gibt einen kurzen didaktischen Kommentar zu den Arbeitsblättern, aber die Aufgaben überzeugen mich nicht – Fotolovestory, Wörtersuchquiz; bei vielem erkenne ich nicht genug Lernziel. Eine Aufgabe heißt „Recherche“:

Die Frage, ob es Geister gibt oder nicht, kann nur schwer beantwortet werden. Die Menschen, die sich mit dieser Frage beschäftigen, sind sich uneinig über dieses Thema. Recherchiere im Internet und in Büchern und bilde dir selbst eine Meinung. Du sollst das, was du sagst, begründen können und auch angeben, wo du dich informiert hast. Informiere dich auch über das Geisterspiel, das Noa und David durch Gilbert kennen gelernt
haben. Es nennt sich Gläserrücken. Was denkst du darüber?

Oh my. Ja, mit der Geisterfrage werden wir uns beschäftigen, aber doch nicht so, als könnte man das demokratisch und durch Diskussion lösen, und als stünden im Internet nicht lauter Sachen, die nicht stimmen. Also gute: Fake news; Leonhard Euler und die Frage, woher wir wissen, was wahr ist; allgemeine Wahrheiten; Experiment und Hypothesenüberprüfung; Ockhams Rasiermesser; Liste kognitiver Täuschungen – Stoff für die nächste Stunde.

Ansonsten habe ich meine eigenen Arbeitsaufträge erstellt und den Schülerinnen und Schülern ausgeteilt:

  1. Personen
    Erstelle eine Liste oder ein Diagramm aller wichtigen Personen, aus denen die Verhältnisse zueinander hervorgehen.
  2. Parallelen
    Die Geschehnisse von 2005 und von 1975 haben mehrere Parallelen. Finde zwei oder drei davon.
  3. Rätselfragen
    Um Spannung zu erzeugen, werden den Lesern (und den Hauptpersonen) immer wieder kleinere Rätsel oder offene Fragen präsentiert. Mache eine Liste von fünf solchen Rätseln, notiere dabei jeweils die Seite, wo sich die aufmerksame Leserin zum ersten Mal die Frage stellt, und die Seite, auf der es eine Antwort gibt.
  4. Intertextualität
    Texte beziehen sich immer auf andere Texte, bewusst oder unbewusst. Finde vier Beispiele, jeweils mit Seitenangabe, von anderen Texten (Filme, Bücher, Lieder usw.), die in Whisper bewusst referenziert werden.
  5. Klischees
    Es gibt nicht nur die bewusste Referenz, sondern auch das mehr oder weniger unbewusste Übernehmen von Elementen, die man aus anderen Geschichten kennt. Das kann im besten Fall eine originelle Variation eines solchen Bausteins sein, oft ist es aber auch ein Klischee. Finde acht solcher Klischees – Standardsituationen, die man aus anderen Geschichten kennt.
  6. Sprache
    Finde drei Stellen, die sprachlich besonders interessant sind – entweder, weil sie besonders gut oder besonders schlecht sind. (Mir selber sind zum Beispiel viele Hyperbeln aufgefallen.) Denk and die Seitenzahlen!
  7. Bonusaufgabe: Überflüssiges
    Gibt es Elemente, die man hätte weglassen können aus dem Buch, um es vielleicht etwas zu kürzen oder zu vereinfachen? Wenn ja, erkläre und begründe deine Entscheidung.
  8. Bonusaufgabe: Eigener Schwerpunkt
    Hast du eine eigene Frage an das Buch, etwas, das du untersuchen möchtest? Dann mache das.
  9. Noch ein Buch
    Folgende Situation sei gegeben: Das Buch ist ein Erfolg, der Verlag bestellt bei einem Autor oder einer Autorin ein ähnliches, das an die gleiche Zielgruppe verkauft werden soll.
    a) Schreibe eine kurze Inhaltsangabe dieses anderen Buches, sozusagen als Verkaufsvorschlag der Autorin, damit sich der Verlag dafür entscheidet. Schau dir als Beispiel für eine solche Verlags-Inhaltsangabe den inneren Klappentext von Whisper an.
    b) Ergänze eine Art Checkliste von inhaltlichen Punkten, die laut Verlag vorhanden sein müssen, um ein ähnliches Buch erzeugen zu können.
    (Die Reihenfolge der beiden Teilaufgaben ist beliebig.)
  10. Erzählperspektive
    Hierzu gibt es viel zu untersuchen, aber dafür braucht es ein eigenes Arbeitsblatt und eine Präsentation, später einmal.

Über die Intertextualität – darunter Die Brüder Löwenherz, Eichendorffs Mondnacht (mit Fehler im ersten Vers, der das Metrum stört; kann man zum Wiederholen nutzen) – kommt man zu den Klischees. Stille im Saloon, Das Missverständnis (Es war doch nur seine Schwester), Schatten am Fenster, Finstere Mühle, Unverständliche Weissagung der Alten, Blitz und Donner beim Geisterspiel. Dann die Sprache – ein Schüler hatte das Buch als Ebook dabei, da fällt es besonders leicht, den Text nach „unendlich“ zu durchsuchen – Hyperbeln gehören sehr zum Genre. „Unendlich viel Zärtlichkeit, unendlich viel Schmerz, unendlich Trauriges.“ Thomas Mann schreibt in „Tonio Kröger“ auch einmal von einem „unendlich sympathische[m] Gesicht“, aber ansonsten ist die Liebe Krögers „gut und fruchtbar. Sehnsucht ist darin und schwermütiger Neid und ein klein wenig Verachtung und eine ganze keusche Seligkeit.“ Schon etwas differenzierter.

Das mit der Erzählperspektive ist mir wichtig, erfordert aber noch Vorarbeit. Fast alles ist personal aus der Perspektive der Heldin verfasst, aber dreimal gibt es Varianten von „little did she know“, und einige Male wird die Natur mit Fachausdrücken geschildert („Mädesüß, Hornklee, Wiesenschaumkraut“), die ich mir bei der Heldin nicht vorstellen kann, die also von einer anderen Instanz kommen müssen.

Abistreich 2017

By | 28.6.2017

Gestern wieder Abistreich. Das Übliche, glimpflich Das Abimotto ist „Vom Stein zum Weisen“, und gespielt wurde Quidditch, die vier Häuser gegeneinander – die Lehrer waren Syltherin, die Utnerstufe Hufflepuff, wenn ich mich richtig erinnere. Quidditch: Mit Hockeschlägern als Besen zwischen den Beinen, und sonst handballartig. Ich hab mich ein bisschen dazugelegt und zugeschaut, obwohl mich Sport nicht interessiert. Es gab wenig Zuschauer, der Rest verlief sich; für die meisten Schülerinnen und Schüler ist das einfach ein halber Tag unterrichtsfrei mit Anwesenheitspflicht.

Eine sehr gute Idee gab es allerdings: Ein Flur war voller Papiermüll. Und zwar voll der Arbeitsblätter und Hefteinträge der letzten Jahre, Papierfetzen über Fetzen. Das ist bei einer Jahrgangstufe eine Menge Papier. Der Gang war voll. Das hätte man als Kunstwerk fast stehen lassen sollen. Und es macht natürlich nachdenklich: Wieviel Papier wir als Lehrer austeilen. Und ob das wirklich nötig ist. Und wieviel das den Schülerinnen und Schülern wert ist. Und wieviel es wirklich wert ist, falls überhaupt.

(Die Unterlagen aus meinen Abifächern – zumindest Deutsch, Englisch, Mathematik, vielleicht auch Religion – habe ich größtenteils noch. Schöne Zeit- und persönliche Dokumente. Viel saubere Mitschrift, und wohl weniger Arbeitsblätter als heute. Auch aus der Grundschule habe ich noch meine Aufsätze, und manche Blätter aus der 11. Klasse haben zu Blogeinträgen und Weiterem geführt.)

Wochenende; Beziehungen; Löffelpusten

By | 25.6.2017

Am Samstag bin ich von Ismaning nach Freising gewandert, 25 Kilometer, immer an der Isar entlang. Schönes Wetter, aber die Strecke war mir etwas zu wenig abwechslungsreich. Am Sonntag dann ordentliche Generalversammlung des Kartoffelkombinats. Dazwischen Aufsätze korrigieren.

— Ich bin jetzt knapp fünfundzwanzig Jahre mit Frau Rau zusammen. Wer sie kennt, weiß, dass sie manchmal etwas schwierig sein kann; sie wäre die erste, die das zugibt. Ich bin nicht sehr schwierig, aber ich habe auch meine Marotten. Zum Beispiel wenn es ums Reisen geht. Reisen macht mich nervös; das war nicht immer so, ist aber seit fünfzehn Jahren mehr und mehr der Fall. (Tät mich schon mal interessieren, wie das kam.) Ich mache mich gerne sehr rechtzeitig auf den Weg zu Flughafen oder auch nur Bahnhof. Man weiß ja nie: Stau, Unfall, kaputte Fahrkartenautomaten, was da alles passieren kann! Frau Rau geht inzwischen einfach früh mit mir los. Eine Stunde bei Inlandszügen. (Na ja, fast.)

Anscheinend puste ich auch falsch, wenn ich einen Löffel heißer Suppe abkühlen möchte. Das habe ich erst neulich zufällig erfahren, weil Frau Rau und ich uns unsere kleinen Marotten lassen. Und Suppenlöffelpusten… Benimmfibeln nach macht man das eh nicht. Aber wenn man das schon macht, dann pustet man anscheinend direkt auf den Löffel, während ich über den Löffel hinwegpuste, und darüber amüsiert sich Frau Rau, womöglich schon seit Jahren.

Wir versteigen uns in solchen Fällen gerne mal zu möglichst überzeugend klingenden Begründungen. Frau Rau kommt mit Verdunstungskälte, worüber ich dann – ha! – lache und mit Windchill-Faktor kontere. Das Internet ist merkwürdig still, was das korrekte Blasen auf Löffel betrifft. Es gibt etliche Quellen dazu, warum das mit dem Pusten funktioniert (die Etikette-Quellen dazu schenke ich mir):

Aber über die korrekte Art des Pustens wird kein Wort verloren, also das mittige Pusten und kurzfristige Teilen des roten Meers an Tomatensuppe im Gegensatz zum eleganteren Darüberpfeifen, ohne Spritzgefahr und mit mehr Wirbeln (stelle ich mir vor).

Schullektüre 2017 (1) Die Brautprinzessin

By | 23.6.2017

In der einen neunten Klasse lesen wir als Lektüre William Goldman, Die Brautprinzessin — ein Schülervorschlag, und Sieger bei der Abstimmung. Selber habe ich das Buch seit sicher mehr als zwanzig Jahren nicht mehr gelesen, damals war es toll; beim Wiederlesen jetzt war ich etwas enttäuscht – aber das lag vielleicht an der Übersetzung, die mir an etlichen Stellen unangenehm auffiel. Aber vielleicht bin ich zu empfindlich, bei Filmen allerdings stören mich Synchronfassungen kaum.

Bei Schullektüren geht es nicht hauptsächlich darum, ob einem das Buch gefällt, sondern was man damit anfangen kann im Unterricht. Erzählperspektive anschauen, Figurenkonstellation, sprachliche Bilder, Symbolik? Oder, notfalls, so etwas Vages wie: Aufbau. Noch ist mir zur Brautprinzessin nicht gar so viel eingefallen, aber das kommt vielleicht noch.

Titelbild Brautprinzessin

Wer es nicht weiß: Zum Buch gehört ein langes Vorwort, in dem der Autor und Drehbuchautor William Goldman etwas zur Entstehungsgeschichte des vorliegenden Buchs erzählt, einer bearbeiteten Fassung des Originals von S. Morgenstern. Goldmans Vater, ein Immigrant, hatte es ihm in seiner Kindheit vorgelesen, dabei aber – ohne Wissen Goldmans – die langweiligen Passagen übersprungen. Als Erwachsener bearbeitet Goldman nun das Original und legt eine Fassung vor, die nur die spannenden Teile enthält: Fecht- und Faustkampf, Rache, wahre Liebe, Verrat, Piraten, Prinzen, Prinzessinnen, Flucht und Triumph. – Das alles ist natürlich erfunden, ebenso wie die Hälfte der biographischen Details. Aber das gibt Goldman eine schöne Gelegenheit, immer wieder als vorgeblicher Bearbeiter teils umfangreiche Kommentare einzustreuen – farblich abgesetzt. Sehr auktorial!

(Genau diese Kommentare sind für mich ein besonderer Genuss am Buch, während meine Schülerinnen und Schüler sie ganz im Gegensatz als irritierend und störend empfanden. Mal sehen, ob ich ihnen meinen Genuss daran noch vermitteln kann.)

Ich nehme den Anfang der Haupterzählung auch gerne als Beispiel für auktoriales Erzählen:

In dem Jahr, als Butterblume geboren wurde, war die schönste Frau der Welt ein französisches Küchenmädchen namens Annette. Annette arbeitete in Paris für den Herzog und die Herzogin von Guiche, und es entging der Aufmerksamkeit des Herzogs nicht, dass jemand Außergewöhnliches ihnen die Zinnteller putzte. Die Aufmerksamkeit des Herzogs wiederum entging nicht der Aufmerksamkeit der Herzogin, die weder sehr schön noch sehr reich, aber enorm gescheit war. Die Herzogin machte sich daran, Annette zu studieren, und schnell fand sie die tragische Schwäche ihrer Gegnerin heraus.

Auktorial ist, wenn man das schlecht verfilmen kann, und wenn die Stimme des Erzählers mehr oder weniger deutlich kommentierend und Stellung beziehend erkennbar ist. Ohne Erzählerstimme aus dem Off lässt sich der Anfang der Brautprinzessin kaum verfilmen.

Als Gegenbeispiel präsentiere ich den Klassen gerne diese Stelle aus der Odyssee, nicht auktorial und fast nicht allwissend, und leicht zu verfilmen:

Jetzo entblößte sich von den Lumpen der weise Odysseus,
Sprang auf die hohe Schwell‘, und hielt in den Händen den Bogen
Samt dem gefüllten Köcher; er goss die gefiederten Pfeile
Hin vor sich auf die Erd‘, und sprach zu der Freier Versammlung:
Diesen furchtbaren Kampf, ihr Freier, hab‘ ich vollendet!
Jetzo wähl‘ ich ein Ziel, das noch kein Schütze getroffen,
Ob ich’s treffen kann, und Apollon mir Ehre verleihet.
Sprach’s, und Antinoos traf er mit bitterm Todesgeschosse.
Dieser wollte vom Tisch das zweigehenkelte schöne
Goldne Geschirr aufheben, und fasst‘ es schon mit den Händen,
Dass er tränke des Weins; allein von seiner Ermordung
Ahnet‘ ihm nichts: und wer in der schmausenden Männer Gesellschaft
Hätte geglaubt, dass einer, und wenn er der Tapferste wäre,
Unter so vielen es wagte, ihm Mord und Tod zu bereiten!
Aber Odysseus traf mit dem Pfeil ihn grad‘ in die Gurgel,
Dass im zarten Genick die Spitze wieder hervordrang.
Und er sank zur Seite hinab; der Becher voll Weines
Stürzte dahin aus der Hand des Erschossenen; und aus der Nase
Sprang ihm ein Strahl dickströmendes Bluts. Er wälzte sich zuckend,
Stieß mit dem Fuß an den Tisch, und die Speisen fielen zur Erde;
Brot und gebratenes Fleisch ward blutig.

Ich finde ja, dass Romane auktorial beginnen sollten: „It was the best of times, it was the worst of times, it was the age of wisdom, it was the age of foolishness, it was the epoch of belief, it was the epoch of incredulity, it was the season of Light, it was the season of Darkness, it was the spring of hope, it was the winter of despair […].“ Oder von mir aus auch nur: „It is a truth universally acknowledged, that a single man in possession of a good fortune must be in want of a wife.“ Alles andere ist Kurzgeschichtenanfang. Aber die meisten Romane der letzten hundert Jahre sehen leider anders aus.

— Im Mediävistik habe ich Tropen und Topoi kennengelernt. Ein Topos ist ein Erzählbaustein, der in verschiedenen Formen immer wieder auftaucht, seit der Antike etwa der locus amoenus – ein idyllischer, friedlicher, schöner Ort, oft einer, an dem sich das Liebespaar der Geschichte trifft. Auf Englisch heißt so ein Topos populärsprachlich inzwischen oft „trope“, das ist vielleicht ein wenig verwirrend.

Gerade Genre- und Unterhaltungsliteratur, aber nicht nur die die, ist voll solcher Figuren. Ich habe davon einige – seriöse und weniger seriöse – bei tvtropes.org geklaut und für die Schülerinnen und Schüler übersetzt; sie sollten dann Beispiele aus der Brautprinzessin (1 Punkt) und aus anderen Werken – Film, Fernsehserie, Comic, Buch – dafür finden (2 Punkte). Das Team, das als erstes 50 Punkte zusammen hat, meldet sich. Technisch würde man nicht alles als Topos bezeichnen, aber sei’s drum.


Rahmenhandlung
Die Hauptgeschichte ist eingebettet in eine andere Geschichte. Der Rahmen kann nur am Ende oder nur am Schluss oder an beiden Enden auftauchen, oder auch zwischendurch; er kann mehr oder weniger mit der Binnenerzählung zu tun haben.

Höfliche Bösheit
Der Schurke ist ein besonders höflicher und scheinbar freundlicher Mensch. (Allein schon das Konzept „Schurke“ ist ein Topos.)

Der trinksüchtige Held
Ein Held hat ein Laster, häufig Alkohol, gegen das er ankämpft. Gibt es häufig auch im Western.

Anachronismus-Eintopf
Ein Anachronismus liegt dann vor, wenn in einem Werk, das zu einer bestimmten Zeit spielt, etwas erscheint, das erst in einer späteren Zeit erfunden oder bekannt wird. Kann Absicht oder Zufall sein.

Böser Aristokrat
Aristokraten sind böse, einfaches Volk ist gut.

Kampf der Gewitztheit
Held und Schurke messen ihren Verstand.

Der große Kuss
Ein Kuss, auf den der Leser oder die Leserin lange gewarttet haben.

Groß, dünn und klein: Das Trio
Ein Held ist besonders groß, einer besonders dünn, einer klein.

Held mit Schlagwort
Ein Held oder eine Heldin hat einen Ausdruck, den er oder sie immer wieder verwendet.

Prinzessin in Gefahr
Eine Heldin (weiblich), nicht unbedingt eine Prinzessin, ist in Gefahr und muss von einem Helden (männlich) gerettet werden.

Der Drache
Der Oberschurke hat oft einen besonders starken oder mächtigen Gehilfen oder Mitschurken, der erst überwunden werden muss, bevor man zum Oberschurken vordringt.

Albinos sind böse
Selbsterklärend.

Der sanfte Riese
Eine besondes starke, aber auch besonders sanftmütige Figur.

Die Eiskönigin
Eine abweisende Frau, die dann doch auftaut (und sich etwa in den Helden verliebt).

Der Literaturagent
Der echte Autor eines Werks tut so, als wäre er nur der Herausgeber, Bearbeitet, oder literarischer Agent eines erfundenen Autors.

Harmlose Piraten
Piraten, tatsächlich sehr blutrünstige Gestalten, werden als recht harmlos dargestellt.

Attribute sind cool
Eigennamen von Personen, Orten oder Gegenschaften mit einem Attribut (meist: Adjektiv oder Genitiv-Attribut) im Namen.

Der unzuverlässige Erzähler
Ein Erzähler, bei dem man nicht sicher sein kann, dass er stets die wahrheit sagt. Immer ein Ich-Erzähler.


Bestimmt muss man einige dieser tropes problematisieren, etwa die Eiskönigin und die Prinzessin in Gefahr. Und auch Albinos sind nicht böser als andere.
Nach ein wenig Zögern am Anfang fanden die Schülerinnen und Schüler dann doch reichlich Beispiele und hatten Lust am Suchen. Ein Team heimste besonders viele Punkte bei den großen Küssen ein (Vampirgeschichten und so). Viele Beispiele stammten aus Barbie-Filmen, die ich alle nicht kenne. Am schwierigsten war der unzuverlässige Erzähler, da kam nur ein Ergebnis bisher.

Wege zur Hochschulreife, Prüfungsanforderungen I-II-III

By | 11.6.2017

Stichwörter: Abitur, externe Bewerber, Begabtenabitur, Einheitliche Prüfungsanforderungen Abitur, mündliche Prüfungen

In Bayern gibt es viele Wege zur Hochschule. Die allgemeine Hochschulreife kriegt man mit dem Abschluss des Gymnasiums oder der Beruflichen Oberschule; die fachgebundene mit der Fachoberschule. Einen allgemeinen Hochschulzugang erhält man – nach einem Beratungsgespräch – auch als Handwerksmeister oder Absolvent einer Fachakademie oder Fachschule. Einen fachgebundenen Hochschulzugang gewährt eine Hochschule auch jemandem mit Berufsausbildung und Berufspraxis, nach einem Beratungsgespräch und einem bestandenen Prüfungsverfahren, das in der Hand der Hochschule liegt (Link zu KuMi).

Man kann die allgemeine Hochschulreife auch über das Begabtenabitur erreichen: Dazu braucht man eine abgeschlossene Berufsausbildung und im Anschluss daran eine mindestens fünfjährige Berufstätigkeit, außerdem muss man mindestens 25 Jahre alt sein. Das machen nicht viele, glaube ich – gedacht ist was für Menschen, die besonders begabt sind, aber halt durch die Schullaufbahnentscheidungen kein Abitur erworben haben. (Details hier beim Kultusministerium.) Das Begabtenabitur wird im Kultusministerium abgelegt, es gibt drei schriftliche Prüfungen (Deutsch; Mathematik oder Fremdsprache; wissenschaftliches Fachgebiet) und vier mündliche (noch einmal das wissenschaftliche Fachgebiet; Mathematik oder Fremdsprache, je nach Wahl der schriftlichen Prüfung; Geschichte; ein gesellschaftswissenschaftliches oder ein naturwissenschaftliches Fach). Die schriftlichen Prüfungen sind 5 Stunden (wissenschaftliches Gebiet, Deutsch) oder 3 Stunden lang (Fremdsprache), die mündlichen jeweils 30 Minuten. Ich habe leider nicht herausgefunden, was alles als „wissenschaftliches Fachgebiet“ zählt, also ob damit auch Geisteswissenschaften gemeint sind, oder ob sich das mit Bio/Physik/Chemie doppeln darf – das wären ja dann drei Prüfungen zu einem Gebiet, das kann ich mir nicht vorstellen.

Ich weiß von dieser Begabtenprüfungen, weil ich während meiner Unizeit daran beteiligt war, im Rahmen des gewählten Fachgebiets Informatik. Die schriftliche Prüfung dazu entspricht „Leistungskursniveau“ – die Regelungen dazu stammen aus Zeiten, als es noch Leistungskurse gab, und die Prüfung dauert ja auch 5 Stunden statt 3 wie im Informatikabitur am Gymnasium. Na ja, nimmt man halt noch die Datenbanken dazu. Tatsächlich unterscheiden die von der Kultusministekonferenz beschlossenen Einheitlichen Prüfungsanforderungen auch für das Fach Informatik (1989/2004) zwischen Grund- und Leistungskursniveau:

[Der Schwerpunkt ist bei] den Grundkursen die Vermittlung einer wissenschaftspropädeutisch orientierten Grundbildung, den Leistungskursen die systematische, vertiefte und reflektierte wissenschaftspropädeutische Arbeit. […]

Grundkurse führen in grundlegende Sachverhalte, Probleme, Zusammenhänge, Strukturen und Fragestellungen des Faches ein. In ihnen werden wesentliche Arbeitsmethoden und grundlegenden Zusammenhänge erarbeitet. Schülerinnen und Schüler können wesentliche informatische Arbeitsmethoden nutzen und fachübergreifende bzw. fächerverbindende Zusammenhänge exemplarisch erkennen.

Leistungskurse befassen sich methodisch ausgewiesener und systematischer als die Grundkurse mit wesentlichen, die Breite, die Komplexität und den Aspektreichtum des Faches Informatik verdeutlichenden Inhalten, Theorien und Modellen. Sie orientieren sich stärker an der Systematik der Fachwissenschaft, sind auf sichere und selbstständige Anwendung informatischer Methoden und ihre Übertragung und theoretische Reflektion gerichtet. Die Schülerinnen und Schüler lernen im Leistungskursfach fachübergreifende bzw. fächerverbindende
Zusammenhänge zu erkennen.

An der Uni hielten wir – vor allem mein Kollege – Kontakt zu den Kandidaten für die Informatik-Prüfungen und haben sie beraten.

— Häufiger als die Begabtenprüfung dürfte die Teilnahme als Andere Bewerberinnen und Bewerber an Gymnasien sein, obwohl ich keinerlei Zahlen darüber habe. Es braucht keine besonderen Bedingungen, um als externer Bewerber das Abitur abzulegen – im Referendariat habe ich gelernt, dass man nicht automatisch das Recht dazu hat, sondern glaubhaft machen muss, dass man sich ernsthaft vorbereitet hat. Das gilt wohl nicht mehr. (Immer noch gilt, dass man so oder so maximal zwei Versuche hat, das Abitur abzulegen.)

Als anderer Bewerber hat man acht Prüfungen, vier schriftliche und vier mündliche. Die schriftlichen sind die drei regulären schriftlichen Abiturprüfen, also Deutsch, Mathematik und ein weiteres Fach; dazu kommt eine von der Schule erstellte Prüfung. Die mündlichen sind dann die restlichen Fächer – insgesamt müssen Deutsch, Mathematik, zwei Fremdsprachen, Geschichte, eine Naturwissenschaft dabei sein, und ein paar Details beachtet werden (KuMi-Seite dazu). Die mündlichen Prüfungen dauern 30 Minuten, der Inhalt sind Grundkenntnisse und – schau an, das wusste ich nicht – nur die letzten beiden Kurshalbjahre.

Ich hatte bisher nie mündliche Prüfungen bei anderen Bewerbern, nur schriftliche – und mündliche Zusatzprüfungen. Die sind etwas ganz Besonderes; es gibt sie auch für reguläre Abiturteilnehmer: Man kann in den schriftlichen Fächern eine mündliche Zusatzprüfung machen, 20 Minuten, mit 20 Minuten Vorbereitung, die dann mit den vorliegenden schriftlichen Noten „im Verhältnis 2:1 gewertet“ wird. Der Stoff ist identisch zu den bereits abgelegten schriftlichen Prüfungen, allerdings kann man ein Semester ausschließen und ein Schwerpunktsemester wählen.

Die Rolle dieser Prüfungen ist in manchen Kreisen… umstritten. Man kann an ihnen teilnehmen in der Hoffnung, die Abiturgesamtnote in der Nachkommastelle etwas zu erhöhen. Das sind die wenigsten. Die meisten müssen an den Prüfungen teilnehmen, weil sie sonst nicht auf die Mindestpunktzahl im Abitur kommen. Gedacht war das vermutlich als Notlösung, aber inzwischen scheint das von vielen Schülerinnen und Schülern von vornherein einkalkuiert zu werden – deshalb auch das große Drunterunddrüber bei dem diesjährigen Abiturtermin: Die Korrekturzeit für die Lehrer wurde plötzlich verkürzt, damit die Ergebnisse vor den Pfingstferien bekannt gegeben werden können, damit die Schülerinnen und Schüler mehr Zeit haben, sich auf die eventuellen Zusatzprüfungen nach den Ferien vorzubereiten. Wir erinnern uns, das ist der gleiche Stoff wie bei der bisherigen Prüfung. Auslöser dieser kurzfristigen Änderung war laut Kultusministerium nicht die von Schülerinnen und Schülern vorbereitete Petition zur Vorverlegung des Termins.

An meiner Schule gibt es wohl weniger mündliche Zusatzprüfungen als an anderen, offizielle Zahlen dazu kenne ich keine. (Dabei wäre das mal interessant.) Trotzdem sind das jedes Jahr einige zusätzliche Nachmittage. Das mit dem G8 eingeführte Prinzip, in der Oberstufe die – traditionell immer besseren – mündlichen Leistung gleich zu gewichten wie die schriftlichen, führt dazu, dass es bei den rein schriftlichen Abiturprüfungen enttäuschende Ergebnisse gibt, die durch die Zusatzprüfungen nie ganz ausgeglichen werden können.

— Zurück zu den anderen Bewerbern: Ich weiß nicht, wie diese sich auf die Prüfungen vorbereiten. Zum Teil gibt es wohl Institute dafür, aber ich weiß nicht, in welchem Umfang diese besucht werden. Ich habe mal nach Online-Aussagen zu den Prüfungen gesucht und in diesem Foren-Thread gefunden:

Das Gymnasium, an dem ich die Prüfungen geschrieben habe, meinte, dass zuletzt vor einigen [Jahren?] der letzte bestanden hätte. Auch die Durchfallquote sei hoch. Jedoch kann ich dir Entwarnung geben. So schwer ist es auch wieder nicht, wenn man weiß was man tut.

Der Autor oder die Autorin des Beitrags klingt insgesamt recht vernünftig, schreibt aber auch:

Ich habe ungefähr 2 Wochen vor Prüfungsbeginn mit dem Lernen begonnen(Mathe ungefähr 3 Wochen davor). Die mündlichen Fächer sind ziemlich billig.

Ich vermute mal, dass es sich dabei um eine große, große, große Ausnahme handelt. Ich zitiere: „Auch die Durchfallquote sei hoch.“ Offizielle Zahlen dazu kenne ich keine, und aus meiner Schule darf ich nicht berichten, aber das kann schon stimmen. Ich weiß nicht, wie die anderen Bewerber und Bewerberinnen sich tatsächlich vorbereiten; nicht alle scheinen zu wissen, was sie erwartet; Kontakt zwischen Instituten und der Schule gibt es wenig. Ich habe gehört, die Zahl der anderen Bewerber steigt jedes Jahr, auch hier wüsste ich gerne offizielle Zahlen.

Exkurs: Einheitliche Prüfungsanforderungen, Bildungsstandards, Anforderungsbereiche

Es gibt von der Kultuministerkonferenz beschlossene Einheitliche Prüfungsanforderungen für das Abitur mit ursprünglich fachspezifisch unterschiedlichen Anforderungsbereichen.

In Informatik entspricht EPA I in etwa reiner Reproduktion: die Wiedergabe von Bekanntem; auch die Verwendung geübter Techniken in einem wiederholenden Zusammenhang. EPA II entspricht spezifischem Transfer: die selbstständige Übertragung von Gelerntem auf vergleichbare neue Situationen. EPA III entspricht für mich dem nichtspezifischen Transfer: die bewusste und selbstständige Auswahl und Anpassung geeigneter gelernter Methoden und Verfahren in neuartigen Situationen. Im schriftlichen Abitur sollen ein Großteil der Aufgaben EPA II sein, daneben auch EPA I und III (wobei ersteres überwiegt). Für mündliche Prüfungen habe ich nur gefunden, dass „unter Beachtung der Anforderungsbereiche“ grundsätzlich jede Note erreichbar sein muss.

Für einige Fächer, darunter Deutsch, Englisch und Mathematik, gibt es seit 2012 Bildungsstandards für die allgemeine Hochschulreife, die die älteren Einheitlichen Prüfungsanforderungen von 2002 ablösen. Dort sind für alle Fächer die Anforderungsbereiche so definiert:

Anforderungsbereich I umfasst das Wiedergeben von Sachverhalten und Kenntnissen im gelernten Zusammenhang, die Verständnissicherung sowie das Anwenden und Beschreiben geübter Arbeitstechniken und Verfahren.

Anforderungsbereich II umfasst das selbstständige Auswählen, Anordnen, Verarbeiten, Erklären und Darstellen bekannter Sachverhalte unter vorgegebenen Gesichtspunkten in einem durch Übung bekannten Zusammenhang und das selbstständige Übertragen und Anwenden des Gelernten auf vergleichbare neue Zusammenhänge und Sachverhalte.

Anforderungsbereich III umfasst das Verarbeiten komplexer Sachverhalte mit dem Ziel, zu selbstständigen Lösungen, Gestaltungen oder Deutungen, Folgerungen, Verallgemeinerungen, Begründungen und Wertungen zu gelangen. Dabei wählen die Schülerinnen und Schüler selbstständig geeignete Arbeitstechniken und Verfahren zur Bewältigung der Aufgabe, wenden sie auf eine neue Problemstellung an und reflektieren das eigene Vorgehen.

Bei Abiturprüfungen ist der Schwerpunkt II, daneben I und III (bei Grund- und Leistungskursniveau unterschiedlich gewichtet). Was genau bei Deutsch und Englisch welchem Anforderungsbereich entspricht, ist in den Bildungsstandards nicht wirklich erklärt; eine Operatorenliste wird bewusst vermieden (was ich auch für sinnvoll halte), es gibt allerdings viele Beispielaufgaben mit Erklärungen, welchem Anforderungsbereich sie zuzuordnen sind. In den Lösungshinweisen zum bayerischen Abitur taucht weder bei Informatik noch Englisch das Wort „Anforderungsbereich“ auf, lediglich bei Deutsch steht ohne weitere Details etwas wie: „Beide Teilaufgaben erfordern vornehmlich Fähigkeiten aus den Anforderungsbereichen II und III.“ Zusätzlich gibt es bei Deutsch ausführliche Beschreibungen für gute und ausreichende Leistungen; in den anderen Fächern gibt es das nicht, da in diesen ja einfach Punkte zusammengezählt werden.

In meinen Informatikklausuren notiere ich mir seit kurzer Zeit übrigens, welche Aufgaben EPA I, II und III sind, und bemühe mich, das Verhältnis dabei wie beim Abitur zu haben.