Author Archives: Herr Rau

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Lehrer, Leser, Blogger. Rüstiger Endvierziger.

Blade Runner 2049

By | 7.10.2017

Ich weiß noch, wie ich Blade Runner zum ersten Mal gesehen habe. Das war Ende Oktober 1982 auf meinem ersten Con, drei oder vier Tage in einem Jugendzentrum. Der Hauptsaal war mit Alufolie abgedunkelt, man schlief in Schlafsäcken, irgendwo; im Keller gab es Rollenspiele und grausliche Horrorfilme auf Schmalfilm, und in einem Nebenraum liefen rund um die Uhr Filme auf einem kleinen Fernseher. Da waren dann immer so zehn, zwnazig Leute versammelt und schauten Filme. VHS-Videokassetten, Raubkopien, Blues Brothers war dabei, Galaxina, die zwei Star-Wars-Filme rauf und runter, aber die kannte ich ja schon zu genüge. Und eben auch Blade Runner. Der war erst zwei Wochen zuvor in Deutschland angelaufen, eine Gruppe von Conbesuchern sah ihn auch im Kino, teilweise voll kostümiert – Jahre bevor das „Cosplay“ hieß.

Nicht von allen Filmen habe ich gleich viel mitbekommen, auch weil ich, uh, am Rummachen mit einem Mädchen war. Von Blade Runner hatte ich viel gehört und viel gelesen, in Fanzines, im Cinema-Magazin, aber der Film war mir zu langsam und ich war sicher unaufmerksam. Deshalb war es wahrscheinlich nicht dieser Con, auf dem mich der Film begeisterte. Aber im Jahr darauf gab es den nächsten Con, und im Jahr darauf den nächsten, und in den Jahren darauf mehrere Conbesuche pro Jahr – genug: noch bevor ich zwanzig war hatte ich den Film oft gesehen, und viele Stellen daraus waren geflügelte Worte in unserer Spielerrunde geworden.

Deshalb habe ich auch ein Herz für die ursprüngliche Fassung und ziehe sie dem Director’s Cut vor. Die Einhorn-Traumsequenz in dieser bringt mir nichts, und ja, das grüne Ende ist ebenso aufgesetzt wie das am Ende von Kafkas „Verwandlung“ – aber das Voice-Over mochte und mag ich. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits ein Kenner oder zumindest Freund des Film noir, und da passt so ein Sprecher natürlich wunderbar hin. Außerdem habe ich dabei das Wort „Sushi“ kennengelernt.

Dass der erste Blade Runner ein stilprägender und wichtiger Film ist, will ich hier nicht erklären; Musik und Design sind ohne Zweifel hervorragend; die gezeigte Welt ist es ebenso. Handlung und Dialoge sind sehr gut, auch keine Frage. Das Tempo des Films ist manchen zu langsam, ich mag die langen Einstellungen aber, und sie werden ja immer wieder unterbrochen durch schneller geschnittene Szenen. Die Schauspieler… Harrison Ford finde ich schlecht, aber das ist mir erst später beim englischen Original aufgefallen und nie in der deutschen Version meiner Jugend. Rutger Hauer, Daryl Hannah, Sean Young, Edward James Olmos, auch die Nebenrollen: alle sehr gut besetzt.

Der definitive Artikel zu Blade Runner ist für mich übrigens dieser hier zu der im verwendeten Typographie: http://typesetinthefuture.com/2016/06/19/bladerunner/

— Auf die Quasi-Fortsetzung Blade Runner 2049 war ich mäßig gespannt, habe sie aber doch baldmöglichst mit Frau Rau angeschaut. Fazit: Ja, schon gut. Gerade im Vergleich zu dem, was man sonst als Großproduktionen sieht, die geschätzten Marvel-Filme eingeschlossen, ist der Film eine Wohltat. Einen Film wie diesen habe ich lamnge nicht gesehen, er erinnert mich an die ambitionierten Science-Fiction-Filme der 1970er Jahre.

Aber im Vergleich zu Blade Runner fallen mir dann doch eher die Vorteile des älteren Films auf. Gibt es zitierfähige Stellen im neuen Film? Oder ist das Konzept ohnehin veraltet, haben Filme heute eine zu geringe Halbwertszeit, als dass Zeilen darauf Klassiker werden können? Rutger Hauers Monolog im älteren Film ist berühmt; aber ich kann viele andere Stellen nachsprechen, und bin nicht der einzige – in Überschriften zu Artikeln zum neuen Film tauchen immer wieder Zitate aus dem alten Film auf: „Polizei-Männer“, „Wenn du mit deinen Augen gesehen hättest, was ich mit deinen Augen gesehen habe“, „Zeig mir, woraus du gemacht bist“, „das Licht, das doppelt so hell brennt, brennt eben nur halb so lang“, „Ein Jammer, dass sie nicht leben wird… aber egal – wer tut das schon?“

Sehr gut am neuen Film sind Musik und Design und die Welt, die der Film aufbaut. Die Schauspieler sind wahrscheinlich auch gut, aber ich habe keine Auge dafür; mir fallen nur richtig schlechte auf. Auch das langsame Tempo des Films ist gut. Das entschuldigt aber nicht 2 3/4 Stunden Dauer, eine Dreiviertelstunde hätte man gut streichen können, alles in der zweiten Hälfte des Films. (Konkrete Stellen auf Anfrage.) Ein echter Gewinn ist die elektronische Gefährtin des Helden – ein digitaler Ersatz-Replikant für Leute, die sich keinen echten Replikanten leisten können. Und schon wird die Frage danach, was ein echter Mensch ist, auf digitale Konstrukte erweitert.
Ganz übel ist der Schurke des Films. Ein unverständlich-uninteressanter Plan, eine alberne Frisur, keinerlei Persönlichkeit – wie gut, dass dieser Schurke für den Film dann auch keine Rolle spielt. Seine rechte Hand, eine Killer-Replikantin, schon eher. Aber die Tiefe eines Darth Vader erreicht sie nicht – und so tief, ehrlich gesagt, ist der ja auch nicht, jedenfalls nicht in Star Wars.

Gestört haben mich die Versatzstücke. Zwei verschiedene Organisationen sind hinter dem gleichen Geheimnis her, ich fühlte mich an The Da Vinci Code erinnert. Was ich auch zu oft gesehen habe: Der Held führt die Schurken unwissentlich zu ihrem Ziel, weil sie ihn heimlich beobachten (beide Organisationen). Wie erfrischend ist da der alte Film! Da ist nicht klar, wer eigentlich der Schurke ist, und niemand legt irgendwem heimlich einen Sender ins Gepäck.

Von der Übertragung des Replikanten-Falles auf das Digitale abgesehen (und selbst da: gibt es in der Zukunft keine verschlüsselten Backups?) stellt mir der Film auch keine philosophischen Fragen, die der ältere Film nicht besser gestellt hätte. An eine tragische oder auch nur traurige Szene kann ich mich nicht erinnern – kein Erschießen der flüchtenden Zhora, kein Rutger Hauer. Aber gut: Optisch und akustisch orientiert sich Blade Runner 2049 sehr am alten Film, ansonsten ist er halt ein eigenständiges Produkt. Gut ist, dass wie im alten Film nicht zu viel erklärt wird über die Welt udn manche Fragen offen bleiben.

Ich freue mich darauf, in weiteren 35 Jahren Blade Runner 2084 zu sehen.

Kontextualisierungen

By | 3.10.2017

Im Englischunterricht soll gerade brav alles kontextualisiert werden. Das führt zu – bewusst albernen? – Aufgabenstellungen wie im letzten Abitur:

Describe the way a conflict with far-reaching consequences is dealt with in a literary work by an English-speaking author.
Write a review for an English edition of your school magazine.

Damit es ja einen Kontext für die Aufgabe gibt, muss man für die englische Ausgabe der Schülerzeitung schreiben. Das ist immer der Standardkontext; ich musste mal in einem Arbeitskreis ähnliche Aufgaben stellen, und schon da lief auch alles immer auf Schülerzeitungen heraus.

Alternativ könnte man doch Vokabeln so abfragen:

Du bist mit deinen Eltern zu Besuch bei deiner Tante in England. Deine Mutter schreibt einen Einkaufszettel auf Deutsch. Hilf deiner nicht deutsch sprechenden Tante, mit diesem Einkaufszettel zurecht zu kommen. Auf dem Zettel stehen:

  • „Buntstifte“
  • „Wachsmalkreide“
  • „die Adresse des englischen Oberhauses“
  • „die Adresse des englischen Unterhauses“
  • „ein Kuchen mit der Aufschrift ‚Alles Gute zur konstitutionellen Monarchie'“

Man kann auch eine Liste von Suchaufträgen daraus machen im Web, bei denen man der Tante helfen soll, und schon hat man wieder einen Kontext! Oder, um noch ein letztes Mal zum Spiel „Keep Talking and Nobody Explodes“ zu kommen, man findet einen Bombenkoffer, den man entschärfen muss, und eine Anleitung dazu, und in der Anleitung steht, dass man bestimmte Wörter buchstabieren muss und so weiter. Da hat sich auch keine Schülerin über fehlenden Kontext beklagt. „Ein verrückter Milliardär bietet dir eine Million, wenn du ihm sagen kannst…“ Yay, noch ein Kontext! Da muss man sich doch nicht immer mit der Schülerzeitung begnügen.

Bundeskanzlerin werden

By | 2.10.2017

Am Vorlesewettbewerb des deutschen Buchhandels nehmen viele Schulen teil, auch wir machen das regelmäßig. (Schon oft darüber gebloggt, wie über alles.) Dabei ermitteln wir für jede 6. Klasse einen Klassensieger oder eine Siegerin, und alle diese lesen dann in der Aula gemeinsam vor den versammelten 6. Klassen vor, um einen Schulsieger zu ermitteln – und danach geht es weiter zum Landkreiswettbewerb und so weiter.

Manche Schülerinnen und Schüler haben nichts gegen den Wettbewerb, aber scheuen es, eventuell in der Aula vor größerem Publikum lesen zu müssen. Das verstehe ich völlig. Aber sie sollen ja auch vorlesen lernen, und sie sollen lernen, vor Publikum zu stehen. (Wieviel man das lernen kann und wieviel einfach Übung oder Machen ist: andere Frage.) Ich erkläre das so, dass wir ja hoffen, dass irgendwer aus den 6. Klassen mal später Bundeskanzlerin werden wird. (Das kann auch ein Junge sein.) Und als Bundeskanzlerin muss man ja auch vor vielen Leuten stehen und reden, immer wieder. Eine schwierige Arbeit, aber wir brauchen gute Leute, die sie machen können.

Nebenbei: Nicht jeder muss Bundeskanzlerin werden, das habe ich versichert. Aber trotzdem: Ich mache auch jedes Jahr vier Dinge, vor denen mir graut, weil ich sie zum ersten Mal mache, und eigentlich machen will, aber ich dazu aus meiner Komfortzone heraus muss. Zugegeben, mir graut schnell. Danach bin ich aber froh, und im nächsten Jahr graut mir dann weniger, wenn ich das noch einmal machen muss.

– Ansonsten: Heute in Englisch, 11. Klasse, „Keep Talking And Nobody Explodes“ gespielt. (Hier schon mal kurz vorgestellt.) Mit Warnung vorher, und Erklärung, und Kontext – immerhin geht es um das Entschärfen einer Bombe, und wer das nicht sehen will, darf natürlich das Klassenzimmer verlassen. Zwei Schüler hatten sich vorbereitet und stellten das Spiel den anderen vor, die alle auf Handy oder Papier das Bombenentschärfer-Handbuch vor sich hatten. Mit dem Erklären von Dingen ist es so eine Sache, oft erklärt man Dinge, die gar nicht hilfreich oder nötig sind; kann man gar nicht genug üben.

Bei dem Spiel geht es darum, dass ein Spieler eine Bombe mit verschiedenen zu entschärfenden Modulen vor sich sieht, und die anderen haben das Handbuch, sehen aber die Bombe nicht; und der eine Spieler muss beschreiben, was er sieht (mit korrekter Aussprache, da sonst Missverständnisse), und die anderen müssen das Handbuch schnell nach den nötigen Informationen durchsuchen („scanning“) und diese dem ersten Spieler mitteilen (präzise, korrekte Aussprache). Welche Drähte müssen durchgeschnitten, welches Passwort muss eingegeben, eventuell buchstabiert, werden?

Technisch läuft das Spiel ohne Adminrechte und Installation, man muss es nur kaufen (15 Euro oder so) und starten – dabei nicht über Steam kaufen, sondern als direten Download, klar, weil man sich sonst immer erst bei Steam einloggen und das vor allem installieren müsste. Die Schülerinnen und Schüler kapieren das Spiel unterschiedlich schnell, die besten sind dabei weit, weit schneller als ich es bin. Bin halt träge geworden und auch nicht so gut beim räumlichen Vorstellungsvermögen. Mann, waren die fit.

Nichtigkeiten nach der zweiten Schulwoche

By | 24.9.2017

Schule: Jetzt alle Klassen und Kurse gesehen. Warte noch auf Möbel, damit ich Bilder aufstellen kann in meinem Raum und Bücher und den Magic Eight Ball und so weiter.

Technisches: Der BlueJ-SVN-Client läuft bei uns zu unzuverlässig, da die Firewall manchen Java-Versionen das Internet verwehrt – nicht absichtlich, nicht aus irgendwelchen Gründen, aber dafür schon seit langem. Also habe ich den Schülern und Schülerinnen der Q12 einen portablen SVN-Client gegeben, damit können sie die Musterlösungen aller Projekte auf einmal herunterladen. Das ist viel einfacher als Moodle-Mebis.

Kopierrecht: Für die Schule dürfen wir urheberrechtsgeschützte Werke kopieren und die Kopien an Schüler und Schülerinnen verteilen, analog und digital – unter bestimmten Bedingungen: Quelle nennen, nur in bestimmtem Umfang, nur innerhalb einer Klasse, Sonderregeln für Schulbücher. Dafür, dass wir das überhaupt dürfen, zahlt der Bund etwa 1 Milliare Euro pro Jahr an die Verwertungsgesellschaften. — Meine Frage: Welche Regelung gilt für ausländische Bücher, also etwa englische oder amerikanische?

Bob Blume schreibt über die Dropboxisierung des Lehrernachwuchses. Ich weiß nicht, wie viel da dran ist. Als Junglehrer habe ich alles mitgenommen, was an Material an mich herangespült wurde – Freiexemplare und Mailinglisten, Kopien von Arbeitsblättern. Direkt verwendet habe ich so gut wie nie etwas davon, und ich bat nie zu einem konkreten Thema um Anregungen oder Material; vielmehr lief ich mit offenen Augen durch Welt, Bücher und Internet und sammelte Ideen für den Fall, dass ich sie mal brauchen würde. Aber wer weiß, wenn es damals schon Twitter gegeben hätte, vielleicht hätte ich auch um konkrete Vorschläge gebeten.

Privates: Ich bin nicht gut mit Feiern und Geschenken. Am Freitag habe ich dennoch gefeiert, 50. Geburtstag, mit Familie und Freunden und Lehrerkollegen. Keine Geschenke. Ich glaube ja eh schon nicht, dass irgendwer auf eine Feier kommen würde, die ich veranstalte, und bin dankbar, wenn doch jemand zusagt. Und natürlich haben viele doch Geschenke mitgebracht, tolle Sachen, und überlegte, und schöne, über die ich mich sehr gefreut haben, und jetzt muss ich damit umgehen. Vielleicht sollte ich die Geburtstage anderer Leute auch ernster nehmen.

Einfach nur Lehrer, und andere Umstellungen – erste Woche 2017/18

By | 16.9.2017

Die ersten dreieinhalb Schultage sind herum. Bei der Unterrichtsverteilung hat die Schulleitung ein paar mutige* Entscheidungen getroffen, aber ich bin mit meinen Klassen recht zufrieden – nur die 10. Informatik, die vermisse ich. An Informatik-Oberstufe habe ich nur eine 12 dieses Jahr.

Mein Stundenplan ist voll in Ordnung – die letzten Jahre war er immer ganz wunderbar: das ist er diesmal nicht, aber ich unterrichte auch so viele Stunden wie seit mindestens zehn Jahren nicht mehr. Das ist schon eine gewisse Umstellung. Ich bin kein Personalrat mehr, nicht mehr an die Uni teilabgeordnet; die ISB-Arbeitsgruppen von vor meiner Uni-Zeit sind auch ohne mich ausgekommen; die Fachbetreuer haben nach einer Umstellung weniger Respizienzarbeit und weniger Anrechnungsstunden; das Arbeitszeitkonto, von dem ich noch letztes Jahr zehrte, ist auch vollständig zurückbezahlt. (Da musste man mal fünf Jahre Mehrarbeit machen, um danach fünf Jahr lang weniger arbeiten zu müssen. Eine Schweinezyklus und G8-Sache.)

Kurz: Ich bin jetzt ein ganz normaler Lehrer mit nur wenigen Zusatzaufgaben, und einer Vorlesung nebenbei. Zum ersten Mal seit vielen Jahren unterrichte ich nicht nur Deutsch und Informatik, sondern auch wieder Englisch. Ich habe mich schon gefragt, ob ich da wieder reinkomme. Nach der ersten Doppelstunde: ist wie Radfahren, das geht gleich wieder. Aber den Lehrplan und die Abfolgemöglichkeiten im Semester, die kenne ich überhaupt noch nicht.

Neu ist auch, dass ich jetzt einen eigenen Klassenraum habe. Die Tische habe ich gleich mal so weit in U-Form gebracht, wie möglich, also ein wenig. Dekoriert und bepostert ist noch nichts, aber es fehlt auch noch die Möblierung – ich habe um eine Art Sideboard ersucht, wie es sie in anderen Räumen auch gibt, wo man Zeug hinein- und vor allem daraufstellen kann. Ein Gipskopf, unbedingt.

Wie jedes Jahr bin ich am Anfang voller Enthusiasmus: Diesmal kopiere ich nicht so viel, sondern nutze das Buch! Diesmal mache ich meine Noten rechtzeitig und eifrig! Diesmal gehe ich ganz strukturiert vor! Mal sehen, wieviel davon übrig bleibt.

Von meinen acht Klassengruppen habe ich schon die meisten gesehen, und freue mich sehr über sie. Wir haben wirklich freundliche und motivierte Schülerinnen und Schüler. Also, am Anfang, und was danach passiert, dafür bin ich ja auch mit verantwortlich.
Sitzpläne sind erstellt. Datenschutzrechtlich kläre ich meine Schüler auf, dass ich, wenn ich sie für den Sitzplan fotographiere (nicht einzeln, sondern einmal die linke Klassenraumhälfte, einmal die rechte), mich laut Datenschutzbeauftragtem in einer hellen Grauzone befinde. Das Foto mache ich trotzdem.

Und jetzt muss ich erst einmal viel Stunden vorbereiten. Das dauert bei mir am Anfang doppelt so lang wie später, wenn ich die Klasse und die Richtung kenne, in die ich mit ihr will.

*nicht wörtlich zu verstehen

Meinst, sagst was bleds, triffst

By | 13.9.2017

Vor ein paar Monaten habe ich mal auf einen Tweet geantwortet mit einem anderen Tweet, thematisch passend, aber darum geht es nicht:

Und dazu ist Schule ja da: Schöne Erinnerungen zu schaffen!

Der Tweet ist auch geliked worden, nicht oft, aber doch ein paar Mal. Ich weiß nicht, ob allen klar war, dass ich das ironisch gemeint habe. Ich weiß auch nicht, ob ich wollte, dass meine Ironie erkannt wird. Jedenfalls glaube ich nicht, dass es die Aufgabe der Schule sein sollte, dafür zu sorgen, dass Schülerinnen und Schüler schöne Erinnerungen haben.

Ich glaube, dass Kinder und Jugendliche möglichst viele schöne Erinnerungen machen sollten. Ich glaube auch, dass es Aufgabe der Eltern ist, dafür zu sorgen, und der Gesellschaft, Möglichkeiten zu schaffen. In meiner Kindheit war das so. Ich habe viele schöne Erinnerungen, die meisten außerhalb der Schule. (Ich bin gerne zur Schule gegangen, aber darum geht es hier nicht.) Wenn es so ist, dass Jugendliche und Kinder heute außerhalb der Schule nicht ausreichend Gelegenheit zu solchen Erinnerungen haben, dann wird es in der Tat Aufgabe der Schule, dafür zu sorgen.

Das mit den schönen Erinnerungen höre ich nämlich öfter mal, wenn es um Exkursionen und Fahrten und Skilager geht. „Schule muss mehr sein als Unterricht“ ist da ein Slogan, dem ich gelegentlich ausgesetzt bin. Wie gesagt, mir selber hat Unterricht gereicht, für den Rest haben meine Eltern oder ich gesorgt.

Ich kenne Lehrkräfte, denen das mit den Erfahrungen wichtig ist, und wenn dafür der Lehrplan nicht erfüllt werden kann, heißt es: Na ja, da kann man doch flexibel sein. Ich bin dagegen ein großer Freund des Lehrplans: Was da drin steht, ist größtenteils wichtig, und spannende Erfahrungen macht man ohne die Schule.

Eine Diskussion darüber, was die Schülerinnen und Schüler wirklich zur Teilnahme an und Gestaltung unserer zukünftigen Gesellschaft befähigt, findet aber noch nicht statt. Da ist weder das mit den schönen Erfahrungen ein sinnvolles Argument noch der Lehrplan.

Letzte Urlaubserinnerungen: E-Sports und Museum

By | 10.9.2017

E-Sports

Im spanischen Fernsehen gab es einen Sender, der – zumindest zu den Zeiten, als ich ihn einschaltete – nur E-Sports brachte, zumeist kommentierte Übertragungen von größeren internationalen Turnieren. Das heißt: Computerspiele, turniermäßig betrieben, oder jedenfalls bestimmte Arten von Computerspielen. Und es war unglaublich langweilig, dabei zuzusehen. Ja, ich hatte die Spiele selber nie gespielt, und ja, die Kommentare waren auf Spanisch, dessen ich ausgesprochen mäßig mächtig bin. Aber an sich schaue ich gerne bei Computerspielen zu. Aber bei League of Legends und Counterstrike war das nicht so.

Ich glaube, das liegt daran, dass da Menschen gegen Menschen spielen, und auch das noch in Teams. Wenn ich das wollte, könnte ich gleich richtigen Sport schauen. Viel lieber mag ich Computerspiele, bei denen ich alleine gegen den Rechner spiele. Lieber schaue ich jemandem zu, der alle Level von Pac-Man bis zum Ende spielt, als wenn eine Gruppe Räuber und Gendarm spielt. Und wenn dann noch Erforschung und Exploration dazu kommt, um so besser. Abeer das gibt es bei E-Sports natürlich nicht.

Im Museum

In Spanien im Museum gewesen, dort unter anderem ein paar Videoinstallationen betrachtet, und diesen wunderbare Ausschnitt aus einer amerikanischen Fernsehshow von 1960 – I’ve Got a Secret von 1960, der Moderator noch mit der Zigarette in der Hand, klar, die Sendung wird auch von einer Zigarettenmarke gesponsort.

Hier zum Vergleich eine moderne Aufführung des Stücks „Water Walk“:

Interessant war dabei auch der Röhrenbildschirm, auf dem der – sicher digitalisierte – Ausschnitt gezeigt wurde. Muss man bei alten Sachen einfach einen Röhrenbildschirm haben, für die Atmosphäre?
Das ist auch schon Kathrin Passig aufgefallenn, die zweimal im techniktagebuch zu Röhrenbildschirmen in Ausstellungen geschrieben hat:

Essen

Kutteln Madrilener Art
(Foto: Frau Rau)

Vier kleine Gläser Bier und einmal Kutteln Madrider Art: €13,90. Da muss man als Münchner fast weinen. Casa Toni, gleich um die Ecke von der Puerta del Sol, klein, herzlich, und mit leckeren Äußer- und Innereien aller Art.

Spanienurlaub 2017

By | 4.9.2017

August und September war ich fast drei Wochen in Spanien, zuerst Wanderurlaub im Nordwesten, sechs Tage einen Großteil des Camiño dos Faros an der galizischen Küste entlang; dann etwas verschnaufen in einem verschlafenen Örtchen, dann noch eine Woche Madrid.

Ausführliche Bilder und Beschreibung gibt es anderswo, deshalb hier nur kurz ein Überblick.

Das Wetter war heiß und sonnig, aber wenigstens nicht immer über dreißig Grad. Mit genug Wasser und viel Sonnencreme ging das gut. An einem Tag regnete es durchgehend, aber ohne zu schütten, es war warm, und ein durchaus angenehmer Wander-Tag. An diesem Tag war der Weg auch zivil; gut so, an anderen musste man mitunter schon sehr in Felsen herumklettern. Lange Strecken wandern kann ich ja einigermaßen, aber mit dem Bergauf habe ich es überhaupt nicht.

Einkehrmöglichkeiten gab es wenige auf dem Weg, Trinkwasserbrunnen nur ein paar mehr. Um so wichtiger ist es, finde ich, die Einkehrmöglichkeiten auch zu nutzen, schon einmal, um sie zukünftigen Wanderergenerationen zu erhalten. Also trank ich überall ein kleines Bier, wo ich nur konnte, oder auch mal eine Zitronenlimo. Ich bin als Wanderer wirklich, wirklich sehr froh um jede kleine Wirtschaft, die mir Labsal anbietet – ein public house, wie es sich für müde und durstige Wanderer gehört.

Sämtliche Bilder: Frau Rau.

Wandern zwischen Bäumen

Wandern vor Küste

Wandern in Regenkleidung

Wandern in Felsen

Essen gab es vor allem abends, zu den späten Uhrzeiten, die in Spanien üblich sind – vor neun Uhr braucht man gar nicht erst anzufangen. Gegrilltes und Frittiertes vor allem, und Meeresfrüchte. Die ersten Miesmuscheln diesmal waren die besten, die ich je hatte – groß und frisch und völlig ungewürzt, nur vom Seewasser gesalzen.

Miesmuscheln

Verschiedene, eher zu große raciones: Salat, galizische Wurst, Tintenfisch auf galizische Art (der in Galizien natürlich nicht so heißt, sondern pulpo a feira), Tintenfischringe frittiert (calamares).

Spanisches Essen

Rindfleisch für zwei, eine zugegeben unerwartet große Portion. Aber geschafft, klar.

Spanische Fleischplatte

Meeresfrüchte gemischt.

Meeresfrüchte

Und das hier sind churros (oben) und porras (unten). Mehl-Wasser-Teig, in heißem Fett ausgebacken, leicht gesalzen, und dann mit Zucker bestreut (als wäre das nötig) und in süße, heiße Trinkschokolade getaucht.

Churros

Einkehr in einer Bar. In Galizien, aber auch in Madrid, kriegt man sehr oft ein Häppchen irgendwas hingestellt, auch wenn man nur ein Bier bestellt. Kleine Rindfleisch- oder Schinken-Käse-Brote, ein paar frittierte Sardinien oder, wie hier, leckere Tortilla.

Bier an der Bar

Projekttage allgemein, und Schule als Staat

By | 29.8.2017

Wer Projekttage sagt, der spricht ein großes Wort gelassen aus – John Dewey, Georg Kerschensteiner, Reformpädagogik, alternative Unterrichstformen. Der Umgang mit dem ursprünglichen großen Projektgedanken ist gelassen geworden, gemeint ist in der Praxis, und das schon seit meiner eigenen Schulzeit: Wie kriegen wir die letzten Schultage herum?

Mit dieser Ausgangssituation kann ich mir keine Schuljahresendbeschäftigung vorstellen, die dem Projektgedanken genüge tut. Wenn die Ausgangssituation die wäre, dass man als Schule ein Projekt machen möchte – dann sollte man das zu einem Zeitpunkt im Schuljahr tun, zu dem genug Zeit zur Vor- und Nachbereitung ist, zur Einbindung in den Unterricht, und wo alle noch bei Kräften sind. Wenn das dann mal geklappt hat, im März etwa, dann kann man ja schauen, ob das auch unter den ungünstigeren Juli-Bedingungen geht. (Wie man die letzten Tage am besten herumkriegt, darauf habe ich jetzt auch keine Antwort. Darum geht es mir hier auch nicht.)

Ein solches Projekt heißt „Schule als Staat“ und hat eine eigene (kleine) Seite bei Wikipedia. Das projekt läuft über mehrere Tage; die Schüler und Schülerinnen bauen dabei eine Art Infrastruktur und Verwaltung auf. Viel habe ich online nicht gefunden, die informativste Seite dazu nennt:

  • eine demokratische Verfassung
  • frei gegründete politische Parteien
  • ein direkt gewähltes Parlament mit Staatspräsident und Minister
  • Beamte und staatliche Institutionen (Zoll, Zentralbank, Wirtschaftskontrolldienst, Müllabfuhr)
  • eine Zentralbank mit einer eigenen Währung
  • viele Betriebe, die eigenständig wirtschaften (Bars, Restaurants, Werbefirmen, usw.)
  • Kulturbetriebe (Kunst, Theater, Sport, … )
  • Gesangswettbewerbe
  • Polizei, Richter und ein Standesamt
  • Presse (Zeitung, TV und Radio)

Bei uns kommt es aus Zeitgründen immer nur zu einer sehr kleinen Form dieses Projekts. Das ist sicher keine schlechtere Idee für die letzten Tage als ohne Staat Kuchen zu verkaufen, aber vom ursprünglichen Gedanken bleibt aus Zeitgründen nur wenig: Der Staat ist vorgegeben; die Verfassung und Gesetze ändern kann man nicht. (Eine Judikative und Exekutive gibt es. Nur eben keine Volksvertreter.) Die Aufgabe des Staats wird reduziert darauf, ein ungestörtes Wirtschaftsleben zu ermöglichen; dementsprechend heißen die Teilprojekte auch „Unternehmen“. Eine Art poll tax gibt es, aber keine Grund-, Mehrwehrts-, Einkommens-, Vermögenssteuer.

Jeder Schüler und jede Schülerin erhält das gleiche Startkapital, was suggeriert, dass das in unserem realen Staat ebenso ist. Ressourcen von außen (von den Eltern gekaufte Elektrogeräte, zu Hause gebackene Kuchen) werden in den Wirtschaftskreislauf in der Schule gebracht, so unerschöpflich wie Bodenschätze und fossile Brennstoffe lange gesehen wurden. Arbeitslosigkeit ist kein Problem, weil man die paar Tage ja ohne Lohn auskommen kann, der ohnehin nicht nennenswert hoch ist.

Mehr geht in zwei Tagen auch nicht, und nicht in der letzten Schulwoche. Schöner wäre halt, wenn man ein richtiges Planspiel daraus machen könnte, oder nur ein Spiel. Dazu gehörten unterschiedliche Ausgangspositionen, vielleicht zwei konkurrierende Gesellschaftsentwürfe. Ein bisschen wie bei Junta, was der Kollege mal in einer Vielspielerversion einzurichten versucht hat – da zieht el presidente die Entwicklungshilfe ein und verteilt die nach Gutdünken. Also mehr LARP als Schule-als-Staat, oder ein Ressourcen-Management-Spiel. (Siehe auch: Nicht-rundenbasierte Spiele.) Dann würden die Teilnehmerinnen sich mehr Gedanken darüber machen, wie Systeme funktionieren, welche Rolle unterschiedliche Ausgangspositionen haben.

So ein Planspiel könnte man parallel zum Unterricht laufen lassen, und erst einmal mit einer kleineren Gruppe, und natürlich mitten im Schuljahr.

Ich war als junger Mann mal eine Weile Mitglied in einem Briefspiel-Verein. Spiele per Post, das war mal eine große Sache, vor dem Internet. Diplomacy etwa ist ein Briettspiel, das in Europa in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg spielt, für das man sieben Spieler braucht und viel Zeit – die Spieler verbringen eine Viertelstunde mit Verhandlungen, auch privat geführten, am besten in der ganzen Wohnung verteilt, und schreiben danach ihre Züge auf einen Zettel (die vielleicht dem entsprechen mögen, was sie versprochen haben). Die Züge werden ausgeführt, und dann kommt die nächste Verhandlungsrunde. – So bietet sich Diplomacy besonders als Briefspiel an; alle zwei Wochen eine Zugabgabe, dazwischen stilvolle diplomatische Verhandlungen per Post.

In diesem Briefspiel-Verein liefen parallel viele Spiele, und die laufenden Ergebnisse wurden im regelmäßig erscheinenen Magazin veröffentlicht. Unter anderem gab es auch ein Meta-Spiel, eine Art Aktienhandel: Man handelte mit Aktien der Spieler in den anderen Spielen, also etwa der Diplomacy-Runde – schien da ein Spieler gut zu spielen, gingen dessen Aktienkurse hoch. Pädagogisch unmöglich, aber spieltechnisch reizvoll, wären Aktien auf Schulklassen. Am Anfang des Jahres gibt es für die Klassen 9a, 9b, 9c, 9d Aktien, und die Gewinnausschüttung hängt von den Halbjahresnoten oder der Menge an erteilten Ordnungsmaßnahmen ab. Geht natürlich nicht, ist aber gar nicht so weit entfernt von dem Punktesystem bei Hogwarts.

(So, ich mach jetzt erst mal weiter Urlaub.)

Gedanken beim Lesen eines Sprachlernbuchs von 1975

By | 21.8.2017

Spanisch in 30 Lektionen: Jede Lektion beginnt mit einem kurzen, dialogreichen spanischen Erzähltext, den ich mit meinen mageren, aber durchaus mal vorhanden gewesenen spanischen Grundkenntnissen zu verstehen versuche. Das ist anstrengend und befriedigend. Die banalsten Geschichten werden unglaublich spannend: Diese Anita! Was die immer erlebt! Das letzte Mal hat sie im Unterricht aufgepasst und wusste die richtige Antwort, und der Mitstudent nicht. Ich bin schon gespannt auf ihr nächstes Abenteuer, ganz stolz, diesem vorherigen zu folgen in der Lage gewesen zu sein.

Ich fühle mich dabei auch ein bisschen wie Indiana Jones, wenn er antike Tafeln übersetzt, so mit dem Finger den Zeichen folgend, pausierend, mal wieder zurück zum Anfang des Satzes, und nach und nach das ganze rekonstruieren. Ich kann vermutlich nur wenig schlechter Spanisch als Indy Aramäisch.

Können frühe geschriebene Geschichten anspruchslos sein, weil es abenteuerlich genug ist, überhaupt etwas lesen zu können? Früh in der Entwicklung einer Kultur oder in der eigenen Leseerfahrung? Kann man wohl bei Kulturen schlecht sagen, da geschriebene Erzählungen wohl lange einer kleinen, lesen könnenden Gruppe vorbehalten waren.