Tschick und Mebis und die Kunst, nicht zu lehren

Eigentlich wollte ich in der 9. Klasse mit der Besprechung von Tschick von Wolfgang Herrndorf beginnen, und zwar mit dem Aufbau des Romans. Aber die Schüler und Schülerinnen sollten dann doch lieber etwas über Mebis lernen. Also: Mebis am Beamer in Erinnerung gerufen (wie viel schneller alles Lernen geschieht, wenn man lernen will), WLAN herausgeholt und mit dem Handy ein bisschen in einen Kurs hineinschnuppern lassen. Dann in der zweiten Hälfte der Doppelstunde in den Computerraum.

In Tschick liest Tschick seine Deutsch-Interpretation zu Brechts Keuner-Geschichte “Das Wiedersehen” vor – das ist die mit dem Schlüsselsatz: “ ‘Oh!’ sagte Herr K. und erbleichte.” Tschicks Aufsatz, nach einigem Suchen aus der Plastiktüte gezogen, beginnt mit den Worten: “Die erste Frage, die man hat, wenn man Brechts Geschichte liest, ist logisch, wer sich hinter dem rätselhaften Buchstaben K. versteckt.” Und es folgt eine Räuberpistole zu Herrn K. und seinem Hintergrund. (Dass danach von einer anderen Schülerin “die richtige Interpretation, wie sie auch bei Google steht”, vorgelesen wird, ist sehr lustig.)

Meine Schüler und Schülerinnen kriegten eine andere Keuner-Geschichte und mussten im Mebis-Kurs ihre eigene Interpretation dazu veröffentlichen, möglichst im Stil von Tschick, und für alle anderen lesbar. Die Geschichte dazu war “Die Kunst nicht zu bestechen”.

Die Interpretationen

In Wirklichkeit ist Herr K. ein technologisches Genie, das es geschafft hat ein Erfindung zu entwickeln, mit der er in einen täuschend echte, selbentwickelte Menschenkörper einzudringen und ihn somit zu steuern. Dadurch kann er mehrere Personen verkörpern. Herr K. stellt mit seinen Möglichkeiten einen extrem schwer zu identifizierender Soloverbrecher dar. Man kann ihn eigentlich unmöglich schnappen, denn sobald man sein Gesicht kennt, wechselt er einfach seinen Körper und er ist für die Behörden wieder unsichtbar. Er empfiehlt allen möglichen wohlhabenden Personen vertrauenswürde Männer, die er eigentlich selbst verkörpert. Dadurch hat er die möglich Informationen über alle wohlhabende Personen zuerhalten ohne das er Angst haben muss das seine Mitarbeiter bestochen werden könnten. Deswegen empfiehlt er dem Kaufmann auch einen unbestechlichen Mann. Diesen Mann kann wie sich raus stellt jeder bestechen, außer er selbst, weil er ja der Mann ist und man sich selber ja nicht bestechen kann. Herr K. kann somit genau kontrollieren, wie die Personen bei Herr K. ankommen und wer die Person bestechen kann und wer nicht. Die Informationen, die er durch diese Masche erhält, verkauft er für viel Geld an Kriminelle. Damit ist er sehr reich geworden. (NW)

Herr K. ist schizophren und führt ein Gespräch mit seinem Spiegelbild, jedoch ist das Spiegelbild eine seiner anderen Persönlichkeiten und er versucht dieser, welchee auch eine seiner Persönlichkeiten ist , zu verdeutlichen, dass der Mann nicht bestechlich und somit keine Informationen an die anderen Persönlichkeiten welche entweder neutral oder ihre Feinde sindweiterzugeben. Dies ist so wichtig, da die verschiedenen Persönlichkeiten immer versuchen herauszufinden was die anderen in der Zeit in, der sie den Körper steuern, machen. Da der Mann nach der Aussage des Kaufmannes diese Informationen an ihre Feinde verraten hat befinden sie sich, falls das passiert ist in einem Dilemma aus welchem sie nicht mehr so einfach herauskommen. Herr K. meint jedoch, dass der Mann von ihm nicht bestochen werden kann um Informationen an ihn zu verraten, da sie sich nicht sehr ausstehen können jedoch einen gemeinsamen Feind haben und deswegen zusammenarbeiten, jedoch merkt er nicht, dass das nicht auf den Kaufmann zutrifft. (BB)

Der Mann, der Kaufmann und Herr K.sind alle sehr gut in ihrem Beruf, Kaufmann, die um Sachen zu verkaufen auch oft das Gesetz brechen. Der Kaufmann und Herr K. sind eigentlich Freunde, aber Herr K. sieht den Kaufmann als Feind an. Deshalb schickt er seinen ältesten Sohn zu dem nichts ahnenden Kaufmann. Er sagt er sei unbestechlich und der beste Kaufmann der Welt. Da der Kaufmann Herr K. vertraute, freute er sich über die Empfehlung und stellte den Sohn als seinen Gehilfen ein. Der eigentliche Grund, warum Herr K. seinen Sohn weiterempfohlen hat, war um den Kaufmann auszuspionieren und sein Vermögen zu stehlen. Die ersten zwei Monate verlief alles nach Plan, doch danach schöpfte der Kaufmann langsam verdacht und sprach seinen angeblichen “Freund” darauf an. Der wiederum log ihn jedoch an und beruhigte ihn und der Kaufmann kaufte ihm alles ab. Zwei Tage später, als der Kaufmann gerade unterwegs war, brachen Herr K. und sein Sohn beim Kaufmann zu Hause ein und stahlen all sein Geld und Wertgegenstände. Da sie aber noch Angst hatten, angezeigt zu werden , warteten sie suf den Kaufmann vor seinem Haus und erschossen ihn. Wegen diesem Verbrechen will Herr K. seinen Namen nicht preisgeben. (LS)

In Wirklichkeit ist Herr K ein Alien, das als Mensch verkleidet ist. Er ist zusammen mit seinen Kollegen von dem Planeten Manzana gekommen um die Welt zu erobern. Dieser ist dafür zuständig Schwächen der Menschen zu finden und diese zu protokollieren. Diese Daten werden dann zu ihrem Heimatplaneten übermittelt, wo sie ausgewertet werden. Sie werden benutzt um eine große ultimative Waffe zu bauen, um die Menschheit zu vernichten. Die Aliens haben aber eine Deadline, da auf dem Planeten Manzana nur noch begrenzt Sauerstoff verfügbar ist. Der Mann ist ein Untergestellter von Herrn K, der für das Geschäftliche spezialisiert ist. Er lässt sich aber nur von Menschen bestechen. Es gibt noch viele weitere Männer wie diesen Untergestellten. Der Kaufmann war einfach nur eine austauschbare Testfigur. Die Menschheit ahnt noch nichts von der Invasion! (NW)

In Wirklichkeit redet Herr K. von sich selbst. Er ist dieser Mann den er dem Kaufmann vorschlägt um ihn hinters Licht zu führen und ihm sein gesamtes Vermögen abzuziehen . Deshalb erzählt Herr K. auch, dass man ihn nicht bestechen kann um sich selbst möglichst gut darzustellen da er ziemlich abgehoben ist. Er verkleidet sich immer vor dem Treffen mit dem Kaufmann als Cowboy damit dieser nicht merkt, dass er betrogen wird. Doch in Echt ist Herr K. ein boshafter Zirkusbesitzer, der Löwen und Elefanten schlecht behandelt und sie mit Stromschlägen foltert bis sie alles tun was er will und vor dem Publikum eine tolle Show abliefern. Aber diese Tiere sind nach ein paar Wochen Zirkustour erschöpft und sterben langsam alle. Da alle Tiere bald tot sind geht der Zirkus zu Grunde und der Zirkusbesitzer muss den Kaufmann abziehen um nicht Pleite zu werden. (GJ)

In Wirklichkeit ist Herr K. ein Schwarzmarkthändler mit Gummienten. Der Kaufmann wiederum ist auch ein Geschäftsmann. Dieser verkauft aber Gummidinosaurier. Herr K. ist sehr erfolgreich in seinem Geschäft, aber der Kaufmann wird immer populärer und nimmt Herrn K. seine Kunden weg. Aus diesem Grund schleust Herr K. einen von seinen besten Geheimmännern ein, indem er eine Empfehlung für diesen ausspricht und von ihm in den höchsten Tönen spricht. Der Kaufmann fällt auf diese Masche rein und macht erhebliche Verluste. Der eingeschleuste Mann ist nur von Herrn K. nicht bestechlich und deswegen liefert er Herrn K. secret information über die besondere Form der Dinos. Nach einer Beschwerde von dem Kaufmann wird der Mann nach zwei Wochen gefeuert, aber Herr K., der sich bei der ganzen Mission im Hintergrundgehalten hat, hat alle Informationen, die er braucht um sein neustes Projekt zu starten. Gummieinhörner!! Mit diesem Projekt wird er noch mehr verdienen,natürlich auf ganz mysteriöse Weise . (SW)

Herr K. ist ja wie bereits bekannt ein Waffenschieber, um die Kontakte mit einer anderen Waffenschieber-Gruppe zu pflegen, empfiehlt er dem Boss der anderen Gang einen bereits von ihm angesteuerten Mittelsmann, mit dem er gute Erfahrungen gemacht hat. Da dem Verbrecherboss nach zwei Wochen auffällt, dass der Mittelsmann sich für ein neutralen, eigenständigen und angeblich unbestechlichen Geschäftsmann eindeutig zu unterwürfig verhält und sich mit Worten scheinbar leicht bestechen läst, konfrontiert er Herrn K. und wirft ihm vor, dass er sich ja sogar von seinen Feinden bestechen lassen würde. Daraufhin tut Herr K. unwissend und unschuldig. Um dem “Kaufmann” zudem seine scheinheilige Freundschaftlichkeit zu beweisen, meint er außerdem, dass der Mittelsmann sich von ihm noch nie hat bestechen lassen. damit wäre es ja klar, dass er kein Feind von dem “Kaufmann” sein kann und schon gar kein Komplize von dem Mittelsmann. Tatsächlich arbeitet der Mittelsmann wahrscheinlich mit dem Herrn K. zusammen und in nächster Ziet werden bestimmt einige Waffenladungen und dazu Geld verschwinden. (CH)

Meine eigene Interpretation

Für meine eigene Interpretation bin ich anders vorgegangen: Anlass war dieser fromme Spruch von Galileo Galilei* (*nicht von Galileo Galilei), der einem in twitterpädagogischen Kreisen immer wieder mal begegnet:

Man kann einen Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu finden.

Damit habe ich die Brecht-Geschichte nur minimal verändert:

Die Kunst, nicht zu lehren

Herr K. empfahl einen Schüler an einen Lehrer, seiner Unbelehrbarkeit wegen. Nach zwei Wochen kam der Lehrer wieder zu Herrn K. und fragte ihn: “Was hast du gemeint mit Unbelehrbarkeit?” Herr K. sagte: “Wenn ich sage, der Schüler, den du unterrichtest, ist unbelehrbar, meine ich damit: du kannst ihn nicht belehren.” “So”, sagte der Lehrer betrübt, “nun, ich habe Grund, zu fürchten, dass sich dein Schüler sogar von meinen Feinden belehren lässt.” “Das weiß ich nicht”, sagte Herr K. uninteressiert. “Mir aber”, rief der Lehrer erbittert, “gibt er immer die richtigen Antworten, also lässt er sich auch von mir belehren!” Herr K. lächelte eitel.“Von mir lässt er sich nicht belehren”, sagte er.

(Dieser Herr K., der ist doch bestimmt auch auf Twitter.)

Tückisch kryptisch, wie ich meinen Brecht mag, auch wenn das Original vielleicht einen Tick weniger kompliziert ist.

Mebis-Spontanfortbildungen (Klassenkurse für Mebis)

Im Moment gibt es ein gestiegenes Interesse an Mebis, der Online-Schulplattform des bayerischen Kultusministerium, die allen Schulen zur Verfügung gestellt wird. Nicht ihr einziger, aber doch der wichtigste Bestandteil ist die Lernplattform, ein angepasstes Moodle. Und die wird plötzlich interessant, für den Fall, dass Schulen im Zusammenhang mit dem Corina-Virus geschlossen werden müssten.

Vorschlag 1

Eine Möglichkeit für den Notfall ist, dass jeder Lehrer und jede Lehrerin für jede Klasse einen eigenen Mebiskurs einrichtet. So habe ich das ja auch gehaltn bisher: Pro Klasse ein Kurs, am Ende des Jahres die Klasse rausgeworfen und den Kurs im neuen Jahr wiederverwendet – so wird der jedes Jahr (aber langsam, sehr langsam) besser oder entspricht zumindest immer mehr meinen Vorstellungen.

Andererseits, wenn das alle schulweit machen: Dann ist plötzlich ein Sechstklässler in zehn oder zwölf Kursen drin und soll sich noch auskennen, und die Schule hat vierhundert oder mehr Kurse. Und noch sind nicht alle Lehrer und Lehrerinnen soweit, dass sie einen einen eigenen Kurs stemmen können. Langfristig halte ich das für machbar, aber nur dann, wenn eine gewisse technische Disziplin dafür sorgen würde, dass die Kursteilnehmer und ‑teilnehmerinnen einen Überblick über ihre Aktivitäten und Aufgaben behalten könnten, ohne jeweils in alle Kurse hineinzuschauen, also in einem zentralen Dashboard. Grundsätzlich denkbar, aber so weit sind wir noch nicht.

Vorschlag 2

Also könnte man für jedes Fach einen zentralen Kurs einrichten: Dann haben die Lehrkräfte weniger Kurse, die Schüler allerdings gleichbleibend viele. Zumindest könnten die Lehrkräfte eines Faches leichter Material tauschen und wiederverwenden. Urheberrechtlich wäre das ein bisschen schwieriger, weil man ja nur der eigenen Klasse geschütztes Material austeilen darf und nicht etwa einer ganzen Jahrgangsstufe oder mehr. Aber auch da gibt es Lösungen, indem man die Teilnehmer und Teilnehmerinnen des einen Kurs in unterschiedliche Gruppen einteilt und diesen unterschiedliches Material sichtbar macht.

Vorschlag 3

Eine letzte Lösung, eine Notlösung, aber eine praktische, ist die, je Klasse einen Kurs anzulegen – und in diesem Kurs tummeln sich dann alle Lehrer und Lehrerinnen der Klasse, und jedes Fach kriegt einen eigenen Abschnitt. Das sieht dann so aus:

Vergnügt effizientes Arbeiten

Ich habe dazu den ersten Start-Abschnitt mit einem Forum, einem Einleitungstext und einem schönen Bild versehen. (Das Auge denkt ja mit.) Und jedes Fach hat schon mal zum Einstieg ein Forum, einen Chat, ein Verzeichnis und zwei Überschriften gekriegt, so als Grundlage. Den Abschnitt habe ich dann kopiert und umbenannt, fertig mein Demokurs. Und den Demokurs habe ich dann fünfundzwanzig oder dreißig mal kopiert beziehungsweise neue Kurse angelegt und alles Material aus dem Demokurs dorthin importiert. Das Kopieren der Kurse ging alles während der S‑Bahn-Fahrt von Fürstenfeldbruck nach München – wenn man es gewohnt ist, ist das Arbeiten mit Mebis schneller als sein Ruf.

Zu Hause habe ich dann pro Kurs noch eine Team-Teaching-Selbsteinschreibung angelegt, so dass sich die Kollegen mit dem geheimen Zauberwort selber in den Kurs eintragen können und dort gleich Lehrerrolle innehaben. Das geht ratzfatz, wenn man die Seiten parallel in Tabs aufmacht, und jeden einzelnen Mausklick in den Tabs nacheinander ausführt, also fließbandhaft. (Dazu muss man halt schnell mit der Tastatur zwischen Tabs umschalten können.) Parallel hat die Kollegin von zu Hause aus Klasseneinschreibungen angelegt und damit die Schüler und Schülerinnen in die Kurse geholt, und am Handy ging das schneller als vom Schulrechner aus.

Ehrlich gesagt, ich glaube, das geht schneller so, als wenn jeder einen eigenen Kurs anlegt. Außerdem kann man einander helfen, wenn man sich einen Kurs teilt. Und der große Vorteil für mich: Ich sehe ein bisschen, was die Kollegen und Kolleginnen so treiben in unserem Kurs. Das heißt: Noch wird da gar nicht viel getrieben, ist ja nur für den Notfall. Wer einen eigenen Kurs hat, kann den natürlich weiter betreiben. Einige nutzen Mebis ja bereits mehr oder weniger intensiv.

Kurzanleitung und Ausblick

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Video von Tobias Frischholz, Beratungsrektor mBdB für Dachau und Fürstenfeldbruck und Leiter des Medienzentrums Dachau.

Anleitungen für Mebis gibt es gerade viele, das ist eine davon.

Ja, Mebis – weil Moodle – ist umständlich, immer noch, auch wenn es schon viel besser geworden ist. Als ich zwei Kollegen erklärte, wie die Aktivität “Forum” funktioniert, wird aber auch ein bisschen klar, woher das kommt: für die eine war sonnenklar, dass sie die E‑Mail-Einstellungen auf die eine Art haben möchte, der andere wollte das genaue Gegenteil. Das Resultat: Ein Knopf zum Einstellen, beziehungsweise: ganz viele Knöpfe dann halt.

Nachtrag: Ich denke, das Wichtigste ist ein funktionierender Kommunikationskanal, egal ob das Mebis ist oder OneNote. Den Rest kriegt man hin – natürlich nicht mit zeitgemäßer Bildung, wie meine kleinen Freunde auf Twitter sie sich wünschen, sondern mit Methoden und Weltbild des späten 20. Jahrhunderts, aber auch das reicht erst einmal aus. Musterkurse dafür zentral vom Mebis-Team erstellt.

Nachtrag: Vorschlag 4

Ich könnte auch, und so werde ich das vielleicht in Zukunft halten, genau einen Kurs pro Fach einrichten. Dann habe ich nur drei Kurse zu verwalten; in jedem Kurs gibt es verschiedene Gruppen (nämlich die in diesem Jahr unterrichteten Klassen). Es wird so zwar etwas enger im Kurs, ich kann mich nicht so breit machen in den Abschnitten wie ich das in Oberstufenkursen meist mache, aber dafür ist alles an einem Ort. Das macht die mehrfache Verwendung von Material leichter, und neugierige Schüler und Schülerinnen können schon mal bei den anderen Jahren hineinschauen. Ein virtuelles Klassenzimmer, in dem mein Material ausliegt.

Lester Dent, Corona und Mebis, Nerdtum

ITEM! Ich habe meinem jüngeren Ich ein Geschenk gemacht, oder umgekehrt. Vor bestimmt fünfzehn Jahren habe ich bei einem bekannten Online-Antiquariat eine Suchanzeige aufgegeben. Vor kurzem führte sie zum ersten Mal zu einem Fund und einer E‑Mail, und ich bestellte das Buch. Ich bin nicht mehr ganz sicher, warum ich es haben wollte. Es ist Lester Dent, Lady So Silent – unter ähnlichen Titeln gibt es vier oder fünf Bücher dieses Autors, aber es musste aus irgendeinem Grund dieses sein, und es ist auch wirklich verdammt schwer zu kriegen. – Lester Dent schrieb unter dem Hausnamen “Kenneth Robeson” fast alle Hefte der Doc-Savage-Reihe (Blogeintrag), ich habe auch eine Biographie gelesen und anderes Material dazu, in einer früheren Phase. (In meiner Studienzeit hatte ich eine orange Plastikbox für Karteikärtchen im A7-Format, noch von Dirks Star-Wars-Club geerbt, in der ich Bücher notierte, derer ich habhaft werden wollte. Das war ja damals nicht so einfach, im letzten Jahrtausend, aber inzwischen habe ich auch die obskureren davon nach und nach gekriegt.)

ITEM! Noch nichts zum Corona-Virus, aber die ersten Schulen im Landkreis haben zwei Tage zugemacht. Keine Hamsterkäufe da, wo ich einkaufe, aber ich war die letzten Tage auch nicht mehr groß einkaufen; sonst mache ich das täglich. Kollegen und Kolleginnen beginnen aber langsam zu fragen, wie das denn wäre mit der bayerischen Online-Plattform Mebis, und ob man damit Unterricht von zuhause aus bestreiten könnte. Das fände ich spannend! Zu Schulschließungen wie derzeit in Italien mag ich nichts sagen; ich kann nicht beurteilen, ob das bei der Ausbreitung des Virus viel bewirkt und wie die Eltern damit klarkämen. Aber für den Unterricht fände ich das toll! Die Q12 bis zum Abitur kann man ja noch unterrichten, die anderen bleiben zu Hause. Die Kollegen und Kolleginnen sind zumindest die ersten Tage in der Schule (oh, ich weiß genau, wer da rumnöhlen würde) um sich zu organisieren und einen Crashkurs in Mebis zu kriegen, der vielleicht einen Tick ernster genommen werden würde als sonst. Nur die Basics: minimale Kommunikation, Dateien hochladen und zur Verfügung stellen, Antworten/Aufgaben von Schülern und Schülerinnen einsammeln. Das würde funktionieren und Spaß machen. Aber gut, zu viel Stress für Eltern, wahrscheinlich. Das ist natürlich Welten entfernt vom selbstbestimmten, kollaborierenden digitalen Arbeiten, wie es sich manche auf Twitter wünschen, aber es wäre mal ein Anfang. (Und ich halte viel davon ohnehin für Altherrenmittagsblütenträume.)

ITEM! Apropos Twitter. Da brechen gerade kleine Scharmützel aus. Die einen, habe ich das Gefühl, bezeichnen Office365 an Schulen als alternativlos, den wirklich einzigen Weg zu einer brauchbaren Bildung in der Zukunft, ohne das Deutschland in der Gosse landet (Das mit der Gosse stammt von mir, das alternativlos nicht. ) Die anderen verdammen es furchtbar, was ich auch wieder für übertrieben halte: ein bisschen verdammen, das halte ich für angebracht. Philippe Wampfler, an dem ich sonst besonders schätze, dass man mit ihn noch diskutieren kann, hat dabei ein Fass aufgemacht: Er bezeichnet Kritiker als Nerds, setzt Nerds dann mit Experten gleich, bevor er die Geschichte vom Nerd-Narrativ erzählt – wobei er betont, dass die Bezeichnung Nerds völlig neutral gemeint ist und gar nicht anders als neutral verstanden werden kann. “Experten-Narrativ” alliteriert nicht so schön. Schade: Eine kurze Zeit genossen Nerds Respekt, scheint mir, jetzt verkommt das wieder zum Schimpfwort. Ein Zeichen für diese Entwicklung war vielleicht Michael Goves “People are sick of experts.”

ITEM! An der Schule läuft gerade alles gut. Muss an einigen Ecken pädagogisch wirken, tut auch mal gut.

ITEM! Einen No-prize für die Leute, die wissen, was das mit dem ITEM! auf sich hat.

Nachtrag: Habe ja schon 2010 mal eine Stunde Fernunterricht mit Moodle gemacht, Informatik, weil die Schüler und Schülerinnen darum gebeten und so ein wenig mehr Vormittag zur Verfügung hatten.

Historische Didaktik: Lernzirkel nach 1998 über die Literatur nach 1945

Der Ausgangspunkt: Ich habe im Abiturkurs noch zwei Doppelstunden Deutsch vor den Faschingsferien; zum vorangegangenen Termin wurde die mit dem Thema gründlich abschließende Klausur geschrieben: Was als Nächstes, am folgenden Tag, tun? Nachkriegszeit steht im Lehrplan, keine Epoche, auf die ich einen Schwerpunkt legen will. Da erinnere ich mich an einen Lernzirkel zu diesem Thema, den ich 2004 bereits einmal durchgeführt habe und den ich damit noch gespeichert und auf meinem Stick dabei habe. Ich beschließe spontan, den Lernzirkel auszuprobieren – nach der Klausur und vor den Ferien ist das vielleicht auch eine Abwechslung für die Schülerinnen und Schüler.

So ein Lernzirkel erfordert meist einige Vorbereitung, zu der ich keine Zeit habe, aber ich weiß, dass mir der Kurs kleinere Schwächen nachsehen wird. Ein Lernzirkel (Wikipedia) ist eine Unterrichtsmethode, die dem Zirkeltraining im Sport nachempfunden ist: Es gibt eine Reihe von Stationen zu einem Thema, die – alle oder teilweise, eventuell mit Pflicht- und Wahlmmodulen – in mehr oder weniger beliebiger Reihenfolge einzeln bearbeitet werden. Das ist sicher kein selbstgesteuertes oder gar eigenverantwortliches Lernen, erfordert aber dennoch mehr Selbstständigkeit als in anderen Formen des Unterrichts.

Der Lernzirkel entstand “im Januar 1998 im Lehrgang ‘Neue Verfahren im Deutschunter­richt am Gymnasium’ ” an der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung in Dillingen. Er ist Teil des dort erschienenen Bandes:

Freies Arbeiten am Gymnasium – Materialien mit Anregungen für die Durchführung im Fach Deutsch (zweiteilig Teil A + Teil B) – mit CD-Rom, 1999, 492 S., Akademiebericht Nr. 329 der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung Dillingen, 22 €.

Diese zwei Bände habe ich wohl anlässlich einer Fortbildung in Dillingen erstanden. Auf der beiliegenden CD gibt es das dort abgedruckte Material, es besteht aus Bilddateien im Format .tif und Textdateien im Format .doc beziehungsweise .rtf. Heute üblicher wären .jpg und zumindest auch .pdf. Bevor ich das Material verwenden und ausdrucken kann, muss ich es erst einmal aktualisieren.

Aktualisierungen für 2020

  • Zuerst aktualisiere ich die Rechtschreibung auf die wichtigsten amtlichen Änderungen ab 1996 (weiter reformiert 2004, 2006 und 2011), insbesondere etwa “daß” zu “dass”, zumindest außerhalb von Zitaten.
  • Das Original-Dateiformat ist .doc, die Bilder darin zeigt mir das eine Textverarbeitung mit falscher Formatierung an, das andere – der Nachfolger des damals verwendeten Standardprodukts – zeigt sie überhaupt nur in manchen Fällen, da sie als externe Dateien referenziert sind: “So bleiben die Textdateien klein und übersichtlich, die Bilder können leichter nachbearbeitet werden.” Ich finde die Namen der Bilddateien heraus und platziere sie manuell an der vorgegebenen Stelle. Außerdem passe ich Seitenumbruch an, der nicht mehr immer an der vorgesehenen Stelle geschieht, ändere dabei auch Schriftart und Dateiformat.
  • Ich ergänze Zeilennummern bei den längeren Texten.
  • Bei einer Station soll ein Lexikon zur Verfügung gestellt werden; ich teile stattdessen den Schülern und Schülerinnen mit, dass sie ihr Handy mitnehmen sollen, damit sie im Web recherchieren können. (WLAN stelle ich dafür zur Verfügung.)
  • Bei einer Station soll ein Walkman mit einer Kassette und einem Lied zur Verfügung gestellt werden; ich lade stattdessen das Lied als mp3-Datei in den Moodlekurs der Klasse hoch und verlinke dort zusätzlich ein Youtube-Video mit der Lied-Version.
  • Bei einer Station sollen die Schüler und Schülerinnen einen Filmausschnitt ansehen. Ich verlinke den Film bei Youtube und gebe den Zeitpunkt in Minuten an, den sie sich anschauen sollen. Im Original ist von einer Videokassette die Rede, die man kaufen kann; die Anweisung: “Spulen Sie anschließend das Videoband zurück!” lasse ich aus sentimentalen Gründen auf den Angaben.
  • Eine Station verlangt einen “Audio-Cassettenrecorder mit Aufnahmemöglichkeit und eine Leercassette”; auch das wird durch das Handy ersetzt.
  • Eine Station verlangt eine “CD-ROM mit Nachschlagewerk”, zu Film beziehungsweise Kunst; auch das wird durch das Handy ersetzt.
  • Keinen Ersatz finde ich für einen Ausstellungskatalog, ich könnte ihn gebraucht für wenig Geld bestellen, aber das dauert zu lange. Auch in digitaler Form gibt es den Katalog nicht.

Interessant übrigens, wie sich der Begriff “Schlager” verändert hat – die Schüler und Schülerinnen waren überrascht, unter diesem Begriff folgendes Lied zu hören:

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Heute gehören zu einem Schlager wohl Marschrhythmus und Rhythmusmaschine und Bombast. “Capri-Fischer” zählt dagegen zu ernst zu nehmender Musik.

Verwandte Methoden

Es macht sicher einen Unterschied, wenn man sich physisch von Station zu Station bewegt. Es macht sicher auch einen Unterschied, wenn sich die Stationen medial unterscheiden: Mit Papier, mit Nachschlagewerken, mit Kopfhörern, mit einem Poster an der Wand. Aber strukturell ist der Lernzirkel eigentlich nicht so verschieden von anderen Formen:

  • Statt die Stationen im Raum zu verteilen, kann man sie ersetzen durch einen zentralen Ablageort, an dem sich die Schüle und Schülerinen das benötigte Material holen und dann damit arbeiten (allein oder zusammen), wo sie wollen. So war das in meinem Kurs auch. Zusätzliches physisches Material zu den Arbeitsblättern – Lexikon, Walkman – ist dann ebenfalls zentral an einem Ort.
  • Ebenso gut könnte man jedem Schüler, jeder Schülerin einen eigenen Stapel mit Material in die Hand drücken, also quasi alle Stationen ausgedruckt. (Lexikon etc. weiter zentral.)
  • Ebenso gut könnte jeder Schüler, jede Schülerin das Schulbuch in die Hand nehmen, wenn ein Schulbuch zu dieser Art selbstständigem Stationenlernen geeignet wäre. (Lexikon weiter zentral.)
  • Ebenso gut könnte man auf Papier verzichten und den Schülern und Schülerinnen einen Mebis/Moodle-Kurs mit den Stationenblättern (pdf) anlegen. Sie lesen dann auf ihrem Handy. (Lexikon etc. durch Onlinequellen ersetzt.)
  • Man könnte ein Pdf-Skript erstellen und allen Schülern und Schülerinnen austeilen, statt einen Kurs anzulegen.
  • Man könnte das auch “Webquest” nennen; sonst keine strukturellen Unterschiede.
  • Oder man macht eine App daraus; sonst keine strukturellen Unterschiede.

Strukturell anders, aber verwandt:

  • Wenn die Stationen aufeinander aufbauen und in bestimmter Reihenfolge zu bearbeiten sind, haben wir einen Escape Room oder ein Leitprogramm – zu letzterem gehören aber noch: Pflicht- und Wahlaufgaben; Kleinschrittigkeit; regelmäßige und schnelle Rückmeldung zur Korrektheit der Lösung; Weiterarbeit erst bei ausreichender Be- und Erarbeitung des Vorangehenden. Auch auf Papier oder als Moodlekurs.

Früher hätte man das noch ergänzt um ein Scrapbook oder zu erstellende Poster; heute kann ein Kurs Dokumente erstellen – Text- und Audio, aber auch Video oder Präsentation oder Lerntagebuch.

Essen am Wochenende

Malerisch mit Besteck und einem Klecks Senf – aber ich hab’s dann natürlich nicht so gegessen. Das ist die Kruste von einem Stück Schweineschulter, das ich gekauft und für andere Zwecke verwendet habe. Separat gebacken, wird sehr lecker auf diese Art.

Das ist der andere Zweck des Schweinefleischs: Grünes Chili mit Corn Bread. Das Chili etwas zu milde in Ermangelung der geeignetsten Chilis, aber dennoch ganz ausgezeichnet. Das Corn Bread mit ganzem Mais und Polenta (statt: Mais- und Weizenmehl) und nur etwas Honig und keinem Zucker (der sonst dazu gehört). Da ist mein herkömmliches Corn Bread besser, auch wenn die Maiskörner sicher eine gute Idee sind. Rezept hier.

Bei meinen Eltern gewesen. Mittagessen gegangen. Danach war von “nur einem Stück Kuchen” die Rede. Auf Nachfrage waren es dann aber doch zwei Kuchen, die gemacht worden waren. Nach und nach kam dann heraus, dass es zu den Kuchen auch noch Gebäck gibt. “Ich hab doch gesagt, nur zwei Kuchen, und das ist ja auch kein Kuchen.”

Die Waffelförmchen und die Sterne seien nichts geworden, das Rad funktioniere aber sehr gut. Hinten die Reste, dabei auch eher formlos Teighäuchen: “Menagerie” heißt das seit über fünfzig Jahren hier, so eie Art Bleigießen mit Teig.

Bombenkoffer, Erprobung

Vorgestern brachte die Entwicklerin drei Prototypen ihrer Bombenkoffer mit (Hintergründe hier) und probierte aus, wie Schülerinnen und Schüler meiner 9. und meiner 11. Klasse damit zurechtkommen.

Jeder Koffer besteht aus einem Timer und einer Anzahl von ansteckbaren Modulen, die innerhalb der einstellbaren Zeit einzeln entschärft werden müssen, wobei nur eine kleine Zahl an Fehlern gemacht werden darf.

Dabei haben die Spielerin oder die Spielerinnen am Koffer keinen Zugriff auf das Entschärfungshandbuch – das haben nur die anderen Spieler, die dafür die Bombe nicht sehen.

Informatische (und andere) Inhalte: Flussidagramme und logische Schaltungen mit einfachen Logikgatter-Kombinationen lesen können; Morsesystem; Binärzahlen; Schiebregister; einfache Schaltpläne lesen; ASCII-Code; Beschriftung von Widerständen.

Macht man zu viele Fehler oder hat man keine Zeit mehr, explodiert der Koffer – zumindest beginnen die Module zu fiepen und wild zu blinken:

Das Entschärfungsheft (in zwei Varianten) habe ich kopiert und geheftet. Schon seit zwanzig Jahren habe ich diesen schönen Langarmhefter, über den ich möglicherweise noch nie geschrieben habe. 60 DM hat der damals gekostet, ich habe ihn nach dem Referendariat gekauft – dass es so etwas gibt, weiß ich noch aus alten Fanzine-Tagen. Und ich habe seitdem ja schon etliche Heftchen herausgegeben und dann auch gleich mal die letzte Deutschklausur in der Q12 schön zusammengeheftet. Broschüren kann das Kopiergerät ja selbstständig drucken, heften allerdings nur am Rand oder in einer Ecke, nicht in der Mitte. Noch hat der Langarmhefter also nicht ausgedient.

Außerdem Antrag auf Sabbatjahr abgegeben.

Hörspiele in der Vertretungsstunde: und Hauff

Neulich Vertretung in einer fremden Unterstufenklasse gehabt. Schon im Referendariat hat man mir den Tipp gegeben, in solchen Vertretungsstunden Sachen auszuprobieren, die man mit eigenen Klassen nicht machen würde – und sei es nur, ein bisschen das Auftreten zu variieren, also mal streng zu spielen etwa.

Nach einer Viertelstunde wussten sich die Schüler und Schülerinnen nicht mehr selbst zu beschäftigen. Und weil ich gerade Wilhelm Hauff las, siehe weiter unten, suchte ich nach einer Hörspielfassung von “Die Geschichte von dem Gespensterschiff” und spielte sie der Klasse vor. Malen erlaubt, aber ruhig sitzen mussten sie.

Fazit: Das ging gut. Für die erste Hälfte hatte ich eine Hörspielfassung gefunden, für die zweite Hälfte dann ein Hörbuch. Ich weiß nicht, ob der Klasse der Unterschied bewusst wurde. Für die letzten zwei Minuten ließ ich das Hörbuch mit 1,25-facher Geschwindigkeit laufen, um nur ja rechtzeitig fertig zu werden; auch das ging. Immerhin unterhielten sich einige beim Herausgehen miteinander über den untoten Kapitän mit dem Nagel durch seine Stirn, und wie genau das funktioniert hat.

Leider hatte ich weder dabei noch online gefunden die Hörspielfassung meiner Kindheit, eine EUROPA-Kassette, die ich vor ein paar Jahren als mp3-Download nachgekauft habe. Die ist richtig gut, “mit dem legendären Hans Paetsch als Sprecher”, wie mein Freund Bernhard auswendig zu sagen weiß. Ich habe mich nie gegruselt dabei, aber unheimlich ist es eigentlich schon.

Diskographie der Europa-Hörspielfassung (1972)

Hörbuchfassung bei vorleser.net (mit Download-Möglichkeit, gut 24 Minuten)

Alternativ eine Fassung bei Youtube/LibriVox:

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Ab jetzt habe ich einige dieser Fassungen immer auf meinem Schul-USB-Stick dabei. Das Hörspiel mit gut 40 Minuten, die Lesung mit knapp 25. Und auch weitere Hörbuchfassungen von klassischen Novellen und Erzählungen – anhören und darüber reden: Kleist, “Das Erdbeben in Chili” (40 Minuten), Poe, “Das verräterische Herz” (16 Minuten), “Usher” (gut 50 Minuten).

Das sonore “Balsora” des Gespensterschiffs ist laut Hauffs Fußnote übrigens “Balsora, jetzt Bassora oder Basra, einst glänzende Handelsstadt am Schatt-el-Arab, ist gegenwärtig sehr herabgekommen.” Schau an, Basra, das wusste ich noch nicht.

Und auf das Gespensterschiff bin ich überhaupt nur deshalb gekommen, weil ich gerade vergnügt Das Wirtshaus im Spessart lese.

Wilhelm Hauff, Das Wirtshaus im Spessart

Als Kind hatte ich eine Jugendbuchausgabe dieser Sammlung. Sie hat keinen sehr großen Eindruck hinterlassen, aber ich sehe sie jedesmal im Regal, wenn ich bei meinen Eltern bin. Und ich kenne die schöne Verfilmung von 1958. Außerdem habe ich mich inzwischen etwas mehr mit Räuberromanen, Romantik und Biedermeier beschäftigt, mit Novellen und Novellensammlungen; Hauff begegnet einem da und dort noch als Name, obwohl er im Schulalltag überhaupt nicht mehr erscheint. Grund genug, Das Wirtshaus im Spessart herauszukramen und zu lesen – oder, wie das Buch auch heißt, Mærchenalmanach für Söhne und Töchter gebildeter Stände auf das Jahr 1828.

Die Rahmenhandlung ist die, die man aus dem Film kennt: In einem Wirtshaus tief im Schwarzwald finden einige Reisende Unterkunft, werden aber bald misstrauisch: das Wirtshaus stellt sich zwar nicht als vollständige Räuberhöhle heraus, aber doch als Ort, an dem eine Räuberbande eine reisende Adlige entführen will – mit einem edlen Räuberhauptmann. Heiteres Verwirrspiel um geschlechterübergreifende Verkleidung, ; eigentlich alles ähnlich wie im Film, nur mit weniger Liedern, und dass die im Film nicht verheiratete Lilo Pulver am Schluss mit dem Räuberhauptmann geht statt mit ihrem Verlobten.

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Die Binnenerzählungen sind:

  • Die Sage vom Hirschgulden
    Spielt im Mittelalter, “vor vielen hundert Jahren, ich glaube, das Schießpulver war noch nicht einmal erfunden” , auch wenn es später Kanonenschüsse gibt. Ritter, Erbestreitigkeiten, ein bisschen Magie; basiert auf einer älteren Sage mit interessantem historischem Kern.
  • Das kalte Herz
    Begegnet einem ganz gelegentlich in der Schule und ist wohl die bekannteste Erzählung aus diesem Band. Spielt im Schwarzwald, es geht um einen Köhler und zwei übernatürliche Wesen in handfest irdischer Manifestation. Der Köhler geht einen finsteren Pakt ein, den er zwar nicht bald, aber doch eines Tages bereut. War mir als Kind zu wenig fantastisch – und ja, nähert sich trotz allen Geistern schon dem Realismus; ich glaube, viel fehlt nicht mehr und wir wären bei Gottfried Keller oder Jeremias Gotthelf (obwohl ich von dem nur “Die schwarze Spinne” kenne). Interessant die Deutung vom Mann in der Midlife-Krise, von der ich bei Wikipedia gelesen habe.
  • Saids Schicksale
    Der junge Said muss Abenteuer mit Räubern, bösen Kaufleuten in Bagdad, und Seenot überstehen, bevor sich sein glückliches Schicksal erfüllt. Die märchenhafteste, heiterste der Geschichten.
  • Die Höhle von Steenfoll
    Die irritierendste Geschichte, wenn auch nicht sehr. Online nicht viel dazu gefunden, außer den Beitrag von Dieter Bartetzko in der Reihe “Mein Lieblingsmärchen” bei faz.net. Die eine Hälfte eines alten Männerpaars wird von Verlangen verzehrt – nach Reichtum? Jedenfalls: einen Schatz zu finden, einen ganz bestimmten, dämonischen.

Das Wirtshaus im Spessart ist leicht zu lesen und, na ja, harmlos. Kein Vergleich zum sprachlich sperrigeren und inhaltlich brutaleren Kleist, etwa von “Das Erdbeben in Chili” oder “Die Verlobung in St. Domingo”, nur zwanzig Jahre zuvor. Über das Wesen des Menschen und der Welt habe ich nicht viel dabei gelernt, ein bisschen mehr über das Wesen des Erzählens, aber vielleicht bin das nur ich.

In der Schule bietet sich an: Der Vergleich zu Schillers Räubern – die Biedermeier-Schwundstufe der Räuber; vielleicht gar ein paar Seiten Trivialroman Der schwarze Jonas; Vergleich mit dem Wandern in Eichendorffs “Taugenichts”. Dann das Motiv des Wirtshaus mit Räubern darin: Procrustes bei den Griechen; “A Terribly Strange Bed” von Wilkie Collins (der Gast übernachtet in einem Zimmer mit Himmelbett, dessen gepolsterte obere Seite langsam nach unten geschraubt werden kann, um den Schläfer zu ersticken); “Rattle of Bones/Das Skelett des Magiers” von Robert E. Howard – Howards Held Solomon Kane kommt zu Beginn der Geschichte in einem finsteren Wirtshaus im Schwarzwald (sic!) an, es gibt dort einen mörderischen Wirt und Räuber. Dazu Friedrich Hebbel, “Die Nacht im Jägerhause”, wo ähnlich, wie im “Taugenichts”, die Räuberhöhle gar keine ist. Siehe auch den Artikel “From Homer to ‘House of 1000 Corpses’: The Role of Hospitality in Rural Horror”.

Ich habe mich für diesen Blogeintrag zum ersten Mal mit Hauff beschäftigt; ich wusste nicht, dass er so jung gestorben ist, gerade mal mit fünfundzwanzig Jahren. Dabei habe ich bei Wikipedia gelesen, dass er eine Parodie und Kritik an der seinerzeitenen Bestseller-Erzählung “Mimili” von Heinrich Clauren geschrieben hat. Und was Wikipedia zu Mimili schreibt, klingt dann doch irgendwie interessant:

Mimili ist eines der am meisten in Grund und Boden kritisierten Werke der deutschen Literatur, woraus sich schließen lässt, welch ein Ärgernis die Erzählung, vor allem aber ihr buchhändlerischer Erfolg für die etablierte Literaturszene war. […] Mimili befand sich lange auf dem Index für jugendgefährdende Schriften, von dem das Werk erst im Februar 2008 gestrichen wurde.

Gelesen habe ich Das Wirtshaus im Spessart in der Version von Project Gutenberg, die allerdings leider so viele kleinere Scanfehler enthält, dass ich jetzt wohl auch noch herausfinden muss, wie man Korrekturen an Gutenberg schickt.

Granatapfel

Granaten sind nach dem Granatapfel benannt, und Granada hat ihn als heraldisches Wappen, auch wenn der Name gar nicht von der Frucht kommt. Gepressten Granatapfelsaft kenne ich aus Tel Aviv, sehr lecker.

Und den Granatapfel kennt man aus der griechischen Mythologie. Persephone, die Tochter Demeters, war in die Unterwelt gelockt worden, um Hades zu heiraten. Die Ernte blieb aus, oben, weil Demeter aus Trauer nichts mehr wachsen ließ. Man einigte sich: Einen Teil des Jahres, des dunklen, verbringt Persephone in der finsteren Welt bei Hades, einen anderen Teil ist sie im Hellen, bei Demeter. (Wenn Persephone nicht die Granatapfelkerne gegessen hätte, hätte sie ganz oben bleiben dürfen.)

Proserpine [Persephone], 1874, Dante Gabriel Rossetti

Hier noch einmal die Kamishibai-Bilder, die eine meiner 6. Klassen damals gemacht hat:

Zum ersten Mal richtig begegnet und gut im Gedächtnis geblieben ist mir der Persephone-Mythos bei James Frazer, The Golden Bough (prätentiöse Rezension meinerseits von 1988). Ich hatte nicht die vielbändige Ausgabe gelesen, sondern die einbändige Kurzfassung mit auch noch gut 700 Seiten, und ich erinnere mich sehr gerne daran: Ein umfassendes Kompendium weltweiter – vermutlich aber doch ein wenig eurozentrischer – Mythologie, das Zusammenhänge herstellt zwischen auf den ersten Blick völlig verschiedenen oder unerklärlichen Mythen. Leider stimmt wohl ein guter Teil davon einfach gar nicht; insofern ist das ein Blick in ein faszinierendes Paralleluniversum, das aber eben nicht das unsere ist.

Substantially their myth is identical with the Syrian one of Aphrodite (Astarte) and Adonis, the Phrygian one of Cybele and Attis, and the Egyptian one of Isis and Osiris. In the Greek fable, as in its Asiatic and Egyptian counterparts, a goddess mourns the loss of a loved one, who personifies the vegetation, more especially the corn, which dies in winter to revive in spring; only whereas the Oriental imagination figured the loved and lost one as a dead lover or a dead husband lamented by his leman or his wife, Greek fancy embodied the same idea in the tenderer and purer form of a dead daughter bewailed by her sorrowing mother.

[…]

Compared with the Corn-mother of Germany and the Harvest-maiden of Scotland, the Demeter and Persephone of Greece are late products of religious growth. Yet as members of the Aryan family the Greeks must at one time or another have observed harvest customs like those which are still practised by Celts, Teutons, and Slavs, and which, far beyond the limits of the Aryan world, have been practised by the Indians of Peru and many peoples of the East Indies–a sufficient proof that the ideas on which these customs rest are not confined to any one race, but naturally suggest themselves to all untutored peoples engaged in agriculture. It is probable, therefore, that Demeter and Persephone, those stately and beautiful figures of Greek mythology, grew out of the same simple beliefs and practices which still prevail among our modern peasantry, and that they were represented by rude dolls made out of the yellow sheaves on many a harvest-field long before their breathing images were wrought in bronze and marble by the master hands of Phidias and Praxiteles. A reminiscence of that olden time–a scent, so to say, of the harvest-field–lingered to the last in the title of the Maiden (Kore) by which Persephone was commonly known. Thus if the prototype of Demeter is the Corn-mother of Germany, the prototype of Persephone is the Harvest-maiden which, autumn after autumn, is still made from the last sheaf on the Braes of Balquhidder. Indeed, if we knew more about the peasant-farmers of ancient Greece, we should probably find that even in classical times they continued annually to fashion their Corn-mothers (Demeters) and Maidens (Persephones) out of the ripe corn on the harvest-fields.

Nach alledem hat man dann leckere Granatapfelkerne zum späteren Frühstück. Später, weil heute wegen Sturms Sabine die Schulen im Landkreis geschlossen bleiben – aus Sicherheitsgründen auch für Lehrer und Lehrerinnen, bis auf ein paar Leute, die in der Schule wachen, falls doch Schüler oder Schülerinnen ankommen. (Letztes Mal waren es exakt 0.) Außerdem fahren die S‑Bahnen nicht.

Wochen-Ende

Am Mittwoch letzte Veranstaltung des Semesters, Klausur hinter mich gebracht. Die liegt jetzt aber erst einmal. Aber ich gehe gleich etwas beschwingter. Danach waren wir beim Le Du, Dim Sum essen – gut, vor allem der Cocktail Maki Mule mit Meerrettich drin. Aber die besten Dim Sum jemals waren meine ersten, 2001 in Boston.

Am Donnerstag die wöchentliche Kartoffelkiste (siehe Blogeintrag) geholt, und der Überblick über die Ernteplanung für 2020 war dabei:

(Online nicht gefunden, deshalb so fotografiert, dass man nicht viel lesen kann. Am Ende sind das Geschäftsgeheimnisse.)

Es wird für das Jahr geplant, was wann angebaut wird; auf diesem Blatt sieht man, was vorausssichtlich oder vielleicht – es geht ja schließlich um Natur – wann in den Ernteanteilen sein wird. 3500 kg Mangold, im Mai, Juni, Juli und September; Kürbis September bis Januar (14000 Stück).

Heute war eine ehemalige Schülerin an der Schule, weil sie mit meinen Schülern und Schülerinnen ihr Magisterarbeit-Projekt ausprobieren möchte. Das war hier schon mal in den Kommentaren kurz erwähnt, eine Version des Spiels Keep Talking And Nobody Explodes – ein Spieler oder eine Spielerin entschärft die verschiedenen Module am Koffe, der Rest sieht die Module nicht, hat dafür die Anleitung und weiß, ob nun der rote oder blaue Draht durchzuschneiden ist (sofern der Mensch am Koffer das genau genug beschreibt). Nur dass das diesmal kein Computerspiel ist, sondern ein echter blinkender und piepsender Koffer mit auswechselbaren Modulen:

Ab März hoffentlich als Bausatz erhältlich; Bericht folgt dann sicher hier.

Und jetzt: Feierabendlasagne!

04.02.2020

Gespielt: Abends Ukulelespiel. Es gibt die monatliche große Runde, in Giesing, in einer Wirtschaft; da gehe ich meistens dann doch nicht hin – voll, laut, großartige Einrichtung, aber man hört sich selber nicht spielen. Und auch etwa einmal im Monat gibt es eine kleinere Runde, so fünfzehn Leute in wechselnder Besetzung, mit einem Tick mehr Geduld beim Üben und Lernen neuer Sachen, da bin ich dann meistens dabei. Es war sehr schön gestern – immer wieder interessant, wie sich bei manchen Liedern herausstellt, dass die wirklich fast alle kennen und fast alle gut kennen und fast alle rauf und runter gehört haben müssen in prägenden Jahren und die Lieder, vielleicht auch aus sentimentalen Gründen, ernst nehmennicht. Nicht völlig von der Hand zu weisen, das Gemeinschaftsgefühl, das beim Absingen solcher Lieder entsteht.

Frau Rau: Ist erkältet, hat aber Appetit und ist jahreszeitlich angepasst guten Mutes.

Unterrichtet: Telefonkonversation in der 9. Klasse in Englisch. Ähnlich wie das mit dem Small Talk in der 7. Klasse neulich gut ankam:

…lief auch die Telefonkonversation erschreckend gut. Erschreckend, weil ich selber so ungern telefoniere, und die Neuntklässler und ‑klässlerinnen sich bei geübten englischen Gesprächen so erschreckend professionell anhörten. Bereit fürs Praktikum.

Verabschiedet: Praktikanten. Das Semester geht zu Ende; ich habe diesmal viel gelernt. Bin in beiden Informatikklassen recht weit, so dass endlich Zeit für das Projekt in der zweiten Schuljahreshälfte bleibt. Für die 11. Klasse ist mein Tipp: Unit-Tests mit JUnit, ist bei BlueJ eingebaut; muss mal über Vor- und Nachteile bloggen.

Gelesen: Nicht viel. Ich komme das ganze Jahr bisher zu fast nichts. Aber ausgelesen das schmale Wide Sargasso Sea von Jean Rhys. Sehr lesenswert, wenn auch vielleicht nicht sehr gut. Die Idee dahinter ist einfach so genial: Es ist eine Vorgeschichte zu Jane Eyre – dem Roman von Charlotte Brontë, mit dem dunklen und faszinierenden Rochester, dessen guten Kern Jane Eyre entdeckt – aber dann stellt sich heraus, dass er bereits verheiratet ist, unglücklich, und hereingelegt obendrein, mit der Tochter einer Zuckerrohrplantage aus Jamaika, die obendrein wahnsinnig ist, also die Tochter, nicht die Plantage; und die im oberen Stock haust/gefangen gehalten wird. Am Schluss brennt sie auch – wahnsinnig, wir erinnern uns – das ganze Haus nieder und kommt in den Flammen um.

Ein Klassiker der feministischen Literaturwissenschaft ist dann auch The Madwoman in the Attic (1979); zumindest am so einprägsamen Titel kommt man nicht vorbei. Und 1966 erschien eben Wide Sargasso Sea, das die Vorgeschichte dieser Frau im oberen Stock präsentiert und aus ihrer Sicht erzählt wird. Schmal, aber keine ganz leichte Lektüre – sehr fremdartig wird die Inselwelt geschildert, die üppige Pflanzenwelt, das Verhältnis von ehemaligen Sklavenhaltern und ehemaligen Sklaven. Musste an Kleist denken, “Die Verlobung in St. Domingo” (1811).