Jugendherbergen in Großbritannien

Sommerferien, Zeit zum Aufräumen. Dabei bin ich auf mein altes Jugendherbergs-Heft gestoßen, aus meiner Interrail-Zeit in England. In einer Jugendherberge in Wales waren wir die einzigen Gäste, und der Warden wohnte nebenan. Es war kalt und nass und wir versuchten ein Steinkohlefeuer in Gang zu bringen. Nachdem wir das noch nie gemacht hatten, hatten wir keine Chance. Glücklicherweise kam dann doch noch ein anderer Gast und half uns. In Helmsley in Schottland, rechts oben, wanderten wir den Strand entlang, bis wi rnicht mehr konnten. Gelegentlich kamen wir an einem toten Schaf vorbei, das von der Klippe oben gestürzt war. Der Warden servierte uns frischen gebratenen Hering.

jugendherbergen

Englische Münzen

In den Sommerferien habe ich wieder viel Papier in Ordner abgelegt, aber noch mehr Papier aus Ordnern entfernt und zum Altpapier gebracht. Es wird also weniger. Entsorgt habe ich diesmal vieles aus meiner Universitätszeit; beim Durchsuchen bin ich aber auch auf Interessantes gestoßen, etwa eine handschriftliche angefertige Liste der früher gültigen englischen Münzen.

Bis 1971 gab es im Vereinigten Königreich Pfund, Shilling und Pence. 1971 wurde der Shilling abgeschafft und das Dezimalsystem eingeführt – bis dahin war ein Pfund 20 Shilling, und der Shilling 12 Pence; das Pfund entsprach also 240 Pence. Wenn man heute gebrauchte englische Taschenbücher von vor 1971 kauft, sieht man noch die alten Preise, etwa 2’6 – also 2 Shilling und 6 Pence, als0 2 1/2 Shilling, also 1/8 Pfund.

In den Jahrhunderten zuvor gab es noch mehr Münzen; häufig stößt man beim Lesen von Literatur aus dieser Zeit auf die alten Bezeichnungen, bei Jane Austen wie bei Sherlock Holmes. Hier ein Überblick.
Es gelten folgende Abkürzungen: £ = Pfund, s.= shilling, d.= penny oder pence (vom lateinischen denarius/denarii – daher kommt auch die deutsche Abkürzung für Pfennig mit dem Sütterlin-Buchstaben d). Mit d. oder penny/pence ist hier immer der alte Penny vor dem Dezimalsystem gemeint; die Abkürzung für den Penny heute ist p.

Alte englische Münzen:

1/4 d.   farthing
1/2 d.   ha’penny ausgesprochen mit Betonung auf der ersten, langen Silbe [ei]
1 d.   penny
2 d.   tuppence/twopence ausgesprochen mit kurzen a-Laut auf der ersten Silbe, wie in but
3 d.   thruppence/threepence ausgesprochen mit kurzen a-Laut auf der ersten Silbe, wie in but
6 d.   sixpence umgangssprachlich auch tanner genannt
1 s.   shilling = 12 d., also 1/20 £; umgangssprachlich auch bob genannt
2 s.   florin es gab wohl mehrere verschiedene Münzen dieses Namens
2 s. 6 d.   half-a-crown so geschrieben: 2’6; auch: half-crown
5 s.   crown
10 s.   half-sovereign
1 £   sovereign
1 £ 1s.   guinea ausgesprochen zweisilbig mit zwei kurzen i; als Münze schon 1813 abgeschafft, aber später noch als Synonym für 21 s.

Die Münze zu 3 d. heißt auch thrupenny bit/threepenny bit – ausgesprochen zwei- oder dreisilbig, mit kurzem a oder schwa.
Ein ha’p’orth war soviel, wie ein halber Penny wert ist – etwa als Mengenangabe beim Einkaufen. Ausgesprochen wie man’s schreibt, also zweisilbig mit Betonung auf der ersten Silbe; die erste Silbe lang [ei], die zweite kurz, also mit schwa.
Die guinea gibt es zwar seit 1813 nicht mehr, sie wird aber immer noch in bestimmten Zusammenhängen als Synonym für 21 s. (1.05 £) verwendet, etwa bei Arzthonoraren. Ich kann mich dunkel erinnern, dass feine Leute früher mit guineas statt mit sovereigns/Pfundmünzen gezahlt haben – die zusätzlichen Schillinge waren quasi der Wir-können’s-uns-leisten-Zuschlag. Das waren noch Zeiten! Ich weiß aber nicht mehr, wann das war und ob das überhaupt stimmt. Online steht’s das alles bestimmt irgendwo.

Die Münzen waren aus Kupfer, Kupfernickel, Bronze, Silber oder Gold. Vielleicht später mal mehr dazu – oder jemand hilft mir mit weiteren EInzelheiten doer weist mich auf Fehler hin, ich bin nämlich kein Fachmann.

Nachtrag: Auf der Suche nach dem half-sovereign bin ich auf folgende Seite mit Münzfotos gestoßen: Da kann man sie alle, alle ansehen, viel genauer, als ich sie oben genannt habe.

Geoffrey Chaucer, The Canterbury Tales

Als ich in der 11. Klasse war, hielt unser damaliger Englisch-Referendar Peter Ringeisen eine Stunde zu Geoffrey Chaucer. Eigentlich war es nur eine halbe Stunde: Ich habe gerade das Arbeitsblatt von damals herausgekramt; die linke Hälfte ist altenglisch, die rechte der Anfang eines mittelenglischen Chaucer-Textes, den ich heute noch auswendig kann. Das muss mich damals sehr beeindruckt haben.

Ich hab dann auch später sowohl im Englisch- als auch im Deutsch-LK jeweils eine Stunde zu Chaucer gehalten, unter anderem mit den weiter unten stehenden Texten.

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Geoffrey Chaucer lebte von etwa 1340-1400 in England. Er arbeitete am Hof, war Page und beim Militär, machte Karriere als Beamter. Außerdem war er Dichter, und sein Hauptwerk sind die Canterbury Tales.

Die Rahmenhandlung der Canterbury Tales erzählt, wie eine Pilgergruppe von London aus nach Canterbury aufbricht. Die Reisenden treffen sich in einer (historisch belegten) Wirtschaft und sind so begeistert, dass der Wirt und der Erzähler Chaucer gleich mitkommen. Neben ihnen gibt es Nonnen, Ritter, Handwerker aller Art, Priester. Auf dem Weg erzählen sie sich in einer Art Wettbewerb gegenseitig Geschichten, und diese Geschichten bilden eben die Canterbury Tales. Chaucer befindet sich damit in bester Novellen-Tradition.

Vor jeder Geschichte gibt es den von Chaucer erzählten Prolog des jeweiligen Geschichtenerzählers. Interessant sind nämlich nicht nur die Geschichten (lustige, traurige, dramatische Erzählungen), sondern auch die Erzähler, und der Grund, warum sie jeweils diese Geschichte erzählen (als Reaktion auf andere Geschichten, um bestimmte Mitreisende zu ärgern).

Chaucer ist der älteste englische Dichter, den man als Muttersprachler heute noch einigermaßen und mit viel gutem Willen lesen kann. „Mittelenglisch“ nennt man das, was damals gesprochen wurde; in der Schreibung ist das dem heutigen Englisch ziemlich ähnlich, es wurde nur anders ausgesprochen: Vereinfacht gesagt, jeder Buchstabe, der geschrieben wurde (und heute noch geschrieben wird), wurde auch als Laut ausgesprochen
Vor dem Mittelenglischen gab es das Altenglische, noch ohne französischen Einfluss, also rein Angelsächsisch. Als 1066 die Normannen England eroberten, brachten sie viele nordfranzösische Wörter mit, die sich nach und nach mit dem Altenglischen vermischten und zum Mittelenglischen führten. „Neuenglisch“ ist das, was heute (und seit etlichen hundert Jahren) gesprochen wird.

„The Miller’s Tale“ ist eine der besten Geschichten aus den Canterbury Tales. Schon in der 12. Klasse hatte ich mir eine neuenglische Übersetzung von Chaucer gekauft und diese Erzählung gelesen: Vermutlich hauptsächlich deshalb, um „A Whiter Shade of Pale“ von Procol Harum besser zu verstehen. Ein geniales Lied mit rätselhaftem Text. Unter anderem heißt es:

And so it was that later
As the miller told his tale
That her face, at first just ghostly
Turned a whiter shade of pale.

Leider hat mir Chaucer dabei auch nicht weitergeholfen. (Ebensowenig wie die Tatsache, dass mein Songbook damals die Zeile als „as the mirror told his tale“ wiedergab. Überhaupt wird sich bei diesem Lied gerne verhört, wie man bei misheard lyrics nachschlagen kann.)

In „The Miller’s Tale“ geht es um einen alten Tischlermeister (carpenter) mit einer deutlich jüngeren Frau, Alisoun. Die fängt mit dem Untermieter Nicholas, einem Studenten, ein Verhältnis an. Um vom Tischler nicht gestört zu werden, reden sie ihm ein, dass eine zweite Flut (wie die von Noah) droht, und dass er sich in seine Tröge innen unter das Dach hängen soll. Wenn die Flut komme und das Wasser das obere Stockwerk erreicht habe, brauche er dann nur die Seile durchzuschneiden und er und seine Frau könnten in den zu Booten umfunktionierten Trögen davonfahren. Natürlich schläft der brave Mann ein und Alisoun stiehlt sich zu Nicholas.
Absolon ist ein Mann aus dem Dorf, der ebenfalls mit Alisoun etwas anfangen möchte. Er will bei Alisoun fensterln, die ist aber schon mit Nicholas beschäftigt. Sie versprichst Absolon einen Kuss, streckt ihm aber nur ihren Hintern aus dem Fenster, den Absolon in der Dunkelheit küsst.


Ersten Teil anhören (von mir gelesen – einige Fehler sind noch drin, aber das merkt hoffentlich keiner)

The wyndow she undoth, and that in haste.
„Have do,“ quod she, „com of, and speed the faste,
Lest that oure neighebores thee espie.“

This Absolon gan wype his mouth ful drie.
Derk was the nyght as pich, or as the cole,
And at the wyndow out she putte hir hole,
And Absolon, hym fil no bet ne wers,
But with his mouth he kiste hir naked ers
Ful savourly, er he were war of this.

Abak he stirte, and thoughte it was amys,
For wel he wiste a womman hath no berd.
He felte a thyng al rough and long yherd,
And seyde, „Fy! allas! what have I do?“

„Tehee!“ quod she, and clapte the wyndow to,
And Absolon gooth forth a sory pas.

„A berd! a berd!“ quod hende Nicholas,
„By Goddes corpus, this goth faire and weel.“

Ich liebe vor allem Alisouns „Tehee“. Weiter: Absolon holt sich wutentbrannt vom Dorfschmied eine noch heiße Pflugschar („kultour“) und bittet dann wieder bei Alisoun am Fenster um einen weiteren Kuss, will sich aber eigentlich nur rächen. Er bietet ihr einen Ring als Geschenk an. Der Student Nicholas will Absolon noch mehr – hier passt: verarschen – und steckt seinen eigenes Hinterteil heraus. Und lässt einen fahren. In diesem Moment rammt Absolon die heiße Pflugschar nach oben. Nicholas schreit nach Wasser. Der Tischler wacht durch das Geschrei auf, hört die Rufe nach „Wasser! Wasser!“ und denkt, die Flut ist da. Also schneidet er die Seile durch und kracht mit seinem Trog ein Stockwerk nach unten auf den Boden. Die Nachbarn kommen zusammengelaufen, Chaos und Verwirrung überall.
Perfektes Timing.


Zweiten Teil anhören (von mir gelesen – einige Fehler sind noch drin, aber das merkt hoffentlich keiner)

„Why, nay,“ quod he, „God woot, my sweete leef,
I am thyn Absolon, my deerelyng.
Of gold,“ quod he, „I have thee broght a ryng.
My mooder yaf it me, so God me save;
Ful fyn it is, and therto wel ygrave.
This wol I yeve thee, if thou me kisse.“

This Nicholas was risen for to pisse,
And thoughte he wolde amenden al the jape;
He sholde kisse his ers er that he scape.
And up the wyndowe dide he hastily,
And out his ers he putteth pryvely
Over the buttok, to the haunche-bon;
And therwith spak this clerk, this Absolon,
„Spek, sweete bryd, I noot nat where thou art.“

This Nicholas anon leet fle a fart,
As greet as it had been a thonder-dent,
That with the strook he was almoost yblent;
And he was redy with his iren hoot,
And Nicholas amydde the ers he smoot.

Of gooth the skyn an hande-brede aboute,
The hoote kultour brende so his toute,
And for the smert he wende for to dye.
As he were wood, for wo he gan to crye,
„Help! water! water! help, for Goddes herte!“

This carpenter out of his slomber sterte,
And herde oon crien „water“ as he were wood,
And thoughte, „Allas, now comth Nowelis flood!“
He sit hym up withouten wordes mo,
And with his ax he smoot the corde atwo.
And doun gooth al; he foond neither to selle
Ne breed ne ale, til he cam to the celle
Upon the floor, and ther aswowne he lay.

Weil ich’s auch noch mit aufgenommen habe: Hier der berühmte Anfang der Rahmenhandlung der Canterbury Tales. Wie auch für die Aufnahmen oben gilt: Mein Mittelenglisch ist etwas rostig. Immer wieder setzt sich doch die gewohnte neuenglische Aussprache durch. Und auch die verschiedenen langen e- und o-Laute (offen bzw. geschlossen) halte ich nicht immer sauber getrennt.

Whan that aprill with his shoures soote
The droghte of march hath perced to the roote,
And bathed every veyne in swich licour
Of which vertu engendred is the flour;
Whan zephirus eek with his sweete breeth
Inspired hath in every holt and heeth
Tendre croppes, and the yonge sonne
Hath in the ram his halve cours yronne,
And smale foweles maken melodye,
That slepen al the nyght with open ye
(so priketh hem nature in hir corages);
Thanne longen folk to goon on pilgrimages,
And palmeres for to seken straunge strondes,
To ferne halwes, kowthe in sondry londes;
And specially from every shires ende
Of engelond to caunterbury they wende,
The hooly blisful martir for to seke,
That hem hath holpen whan that they were seeke.

Christmas cake

Schon mal an Weihnachten denken!

Es reicht, wenn man Ende November oder auch noch Anfang Dezember damit beginnt; der Kuchen muss also nicht im Jahr vorher gebacken werden. Wer will, kann aber auch schon den Juli oder August dazu nutzen.

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Alles selbst gemacht, auch die Marzipandecke. Das Rezept gibt’s auf Anfrage.

George Macdonald Fraser, Flashman

„Humanity never ceases to amaze me.“ (Harry Flashman, Flash for Freedom)

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FLASHMAN, Harry Paget, Brigadier-General, VC, KCB, KCIE; Chevalier, Légion d’Honneur; US Medal of Honour; San Serafino Order of Purity and Truth, 4th Class. b. 1822, s. H. Flashman, Esq., Ashby and Hon. Alicia Paget; Educ. Rugby School. m. Elspeth Rennie Morrison, d. Lord Paisley; one s. one d. Served Afghanistan, 1841-2 (medals, thanks of Parliament); Crimea (staff); Indian Mutiny (Lucknow, etc., VC); China, Taiping Rebellion. Served US Army (major, Union forces 1862); colonel (staff) Army of the Confederacy, 1863. Travelled extensively in military and civilian capacities; A.D.C. Emperor Maximilian of Mexico; milit. adviser, HM Queen Ranavalona of Madagascar; chief of staff to Rajan of Sarawak; dep. marshal, US. Chmn, Flashman and Bottomley Ltd; dir. British Opium Trading Co., governor, Rugby School; hon. pres. Mission for Reclamation of Reduced Females. Publications: Dawns and Departures of a Soldier’s Life; Twixt Cossack and Cannon; The Case Against Army Reform. Clubs: White’s, United Service, Blackjack (Batavia). Recreations: Oriental studies, angling. Address: Gandamack Lodge, Ashby, Leics.

Harry Flashman begann als Nebenfigur des englischen Internatsromans Tom Brown’s Schooldays (1857) von Thomas Hughes. Dort macht er als bully seinen jüngeren Mitschülern das Leben zur Hölle: Er traktiert und piesackt sie, bis er endlich von der Schule fliegt.
Ende der 1960er Jahre tauchten, glaubt man dem Vorwort des ersten Flashman-Romans, auf einem Speicher die Memoiren des gefeierten viktorianischen Militärhelden Sir Harry Flashman auf, geadelt und mit Orden behängt – siehe dern oben abgedruckten Eintrag im Who’s Who. Tatsächlich ist dieser Flashman der gleiche wie in Tom Brown’s Schooldays, und die Romane von George Macdonald Fraser schildern als fiktive Memoiren seine schillernde Karriere.

PLUS:
– Er kann reiten,
– er kann Fremdsprachen,
– er kann’s mit Frauen.

MINUS:
– Er ist ein Feigling,
– ein Lügner,
– ein Betrüger,
– ein Angeber;
– er ist gewissenlos,
– nachtragend.
– ein Lüstling,
– selbstsüchtig,
– verschwenderisch,
– arrogant.

Flashman ist immer noch der gleiche bully, Feigling und Weiberheld. Schieres Pech lässt ihn immer wieder in die berühmtesten Schlachten des 19. Jahrunderts geraten, und als Soldat im britischen Empire kommt man damals schon herum:
Afghanistan (der katastrophale Rückzug aus Kabul, wo Dr Brydon als einziger Überlebender von 4500 Soldaten und 12000 weiteren Männern und Frauen Jalalabad erreichte), der große Aufstand in Indien; die Charge of the Light Brigade im Krim-Krieg (von Tennyson verewigt), der Opiumkrieg in China (wo Hong Kong für hundert Jahre an das Vereinigte Königreich geriet); er ist auf Borneo und Madagaskar, aber auch bei dem Angriff auf Harper’s Ferry, einem Auslöser des amerikanischen Bürgerkriegs, und bei der Schlacht am Little Big Horn.
Er trifft John Brown (der von „John Brown’s body“), Abraham Lincoln, Bismarck, Lola Montez, Mitglieder der englischen Königsfamile und indische Vizekönige; Helden des Empire rauf und runter.
Schieres Glück (und Verrat, Intrige und Feigheit) sorgt dafür, dass er all das auch überlebt, oft als einziger, und ganz und gar zu Unrecht als Held gefeiert wird.
Das ganze ist erzählt mit vielen historischen, vor allem militärhistorischen Details, versehen mit Anhängen und Bibliographien und augenzwinkernden Fußnoten, die auf Diskrepanzen zu oder Gemeinsamkeiten mit anderen Berichten hinweisen. So richtig Spaß macht das Spiel mit fiktiven Gestalten und echter Geschichte ja nur dann, wenn man möglichst eng an der aufgezeichenten Geschichte bleibt und die Erlebnisse der Hauptperson möglichst geschickt einflicht. Dieses Spielen unterscheidet für mich die Flashman-Romane auch sehr von anderen historischen Romanen: Fraser bleibt so nahe dran an der Geschichte wie möglich, ohne dass seine Geschichten deswegen das Vergnügen der schnöden Glaubwürdigkeit opfern. Immer wieder verweist er auf Gemälde, auf denen Flashman im Hintergrund zu sehen ist; allein wegen Fraser bin ich in die National Portrait Gallery in London, um mir einige Bilder anzuschauen, von denen ich gelesen hatte. (Etwa James Brooke, den Rajah von Sarawak.)

Vielleicht wird Harry im Laufe seines Lebens ja wirklich immer menschlicher; gar so garstig wie in seinem ersten Buch ist er später nicht mehr. Vielleicht bin ich nur abgestumpft und habe mich an ihn gewöhnt. Irgendwie hängt er doch an seiner Frau, einen Rest Ehrgefühl besitzt er, und Mitgefühl und Verständnis für seine Umwelt zeigt er eher noch mehr als seine viktorianischen Zeitgenossen – als ich alle Bücher gelesen hatte, schien er, der Anti-Held schlechthin, sich die Bezeichnung „Held“ doch irgendwie verdient zu haben – und sei es auch ein egoistischer und feiger Held.

Flashman (1969)
Royal Flash (1970)
Flash for Freedom! (1972)
Flashman at the Charge (1973)
Flashman in the Great Game (1975)
Flashman’s Lady (1977)
Flashman and the Redskins (1982)
Flashman and the Dragon (1985)
Flashman and the Mountain of Light (1990)
Flashman and the Angel of the Lord (1994)
Flashman and the Tiger (2000)
Nachtrag: Flashman on the March (2005)

„For a moment I stood rooted, hornily agog before all that magnificent meat, and then, as any gentleman would have done, I seized one in either hand, nearly crying.“ (Flashman and the Dragon)

Balls I

gobstoppers

Eine interessante englische Süßigkeit sind gobstoppers: Schicht um Schicht von verschiedenfarbigen Zuckerschichten aufeinander. Welche Poesie steckt in der Benennung der Teile: Maulstopfer! Die amerikanische Variante davon heißt jawbreaker – auch nicht schlecht.
Wie man sieht, gibt es sie in verschiedenen Größen. Ich habe sie bislang nur einmal im Unterricht eingesetzt.

Orangenmarmelade 2004 (Das Rezept)

Man nehme:

2 lb Seville oranges (900g Pomeranzen/Bitterorangen)
4 pints water (2 1/4 Liter Wasser)
1 lemon
4 lb granulated sugar, warmed (1,8 kg Zucker)

Pomeranzen sehen aus wie nicht übermäßig schöne Orangen. Sie sind tatsächlich ziemlich bitter, und es gibt sie bei uns auf Märkten und in wenigen großen Kaufhäusern im Januar und Februar.

Orangenmarmelade ist sehr englisch und sehr lecker. Zur Not kann man die Marmelade sicher auch mit normalen Orangen machen: Aber die Bitterkeit der Pomeranzen passt besser zum vielen Zucker in der Marmelade.

Zuerst überlegt man sich, ob man das Rezept nicht mit der halben Menge an Orangen ausprobieren möchte. Für den Anfang vielleicht nicht schlecht. Dann füllt man einen großen Topf, größer als man denkt, mit dem Wasser. Die Pomeranzen werden halbiert und ausgepresst, die Zitrone ebenso, der Saft kommt gleich zum Wasser. Alle Kerne und alle Schalenreste und allen Glibber aufheben!

Die Pomeranzenschalen werden in feine oder ganz feine Streifen geschnitten, die kommen dann auch ins Wasser.

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Wieder gilt: Alle Kerne, und besonders das weiße Zeug unter der Schale aufheben. Dieses Zeug enthält besonders viel Pektin, und Pektin ist es, was die Masse später zum Gelieren bringt. (Gelierzucker ist normaler Zucker, der mit zusätzlichem Pektin versetzt ist. Das ist ein bisschen gemogelt.)
Nun packt man allen übrigen Glibber in ein Mullnetz (oder Mulltuch, das man oben zubindet). Das Mulltuch hängt man dann in das Wasser mit den Schalenstreifen, und kocht das ganze zwei Stunden lang weich. Kein Deckel, und nur sanft köcheln lassen. Da braucht man nicht unbedingt zuschauen, da geht nichts schief.

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Nach zwei Stunden, wenn die Schalenstückchen weich sind, nimmt man das Mulltuch aus dem Topf und legt es beiseite, damit der Inhalt abkühlt. Jetzt wird’s ein bisschen kniffliger. In den Topf kommt langsam der ganze Zucker, dann umrühren, bis sich alle Zuckerkristalle aufgelöst haben. Das ist wichtig! Dann dreht man die Temperatur schön hoch und quetscht den Inhalt des Mulltuchs in den Topf. Oder, wenn man vorsichtiger ist, quetscht man den Inhalt des Mulltuchs erst einmal auf einen Teller. Da ist nämlich ganz, ganz viel Glibber drin. Und der macht die Hände ganz glibberig. Und au! au! au! heiß ist das ganze Zeug auch noch. Wer’s mag, kann das Mulltuch ja auch zwischen zwei Tellern auspressen, bei mir hat’s nicht geklappt.

Nachtrag 1, aus Kommentar unten: Viel einfacher ist es, den Inhalt in ein Metallsieb zu geben und den Glibber durchzudrücken.

Nachtrag 2: Ich stelle den Glibberbeutel inzwischen kurz auf den Balkon; wenn er dann einigermaßen  heruntergeühlt ist, quetsche ich ihn in Ruhe aus.

Die Hauptsache ist, dass soviel wie möglich von dem Glibber in den Topf mit dem aufgelösten Zucker kommt, dass dann gut umgerührt wird, und die Masse richtig schön heiß köchelt. Das geht mindestens 15 Minuten so, und während der Zeit sollte man schon ein Auge darauf haben: Besonders zum Schluss hin kann es schnell geschehen, dass die Schalenstückchen mit dem Zucker am Boden anbrennen und karamelisieren. Das gibt eine viel dunklere Farbe, und schmeckt ein bisschen knusprig, ist aber auch keine Katastrophe.

Mit etwas Glück ist die Marmelade jetzt schon fertig. Um sicher zu sein, dass das Pektin die Masse schon geliert hat, lässt man ein bisschen davon auf eine Untertasse aus dem Eisfach fallen: Das kühlt dann schnell ab und man sieht, ob die Masse schon Marmeladenkonsistenz hat. Falls nicht, einfach nochmal zehn Minuten köcheln, und notfalls dann immer noch zehn. Ich war mir nie sicher, ob die Masse fest genug war; sie war es immer. (Nachtrag: Felicity Cloake schreibt in ihrem Rezept, die Flüssigkeit soll 105° C haben.)

Dann nimmt man den Topf von der Herdplatte und lässt ihn 20 Minuten abkühlen. Währenddessen bereitet man die Gläser vor (ausspülen, trocknen, im Ofen anwärmen). Einfüllen, zumachen, fertig. Sehr lecker.

Nachtrag: Der besonnene Hausmann empfiehlt, die Gläser 10 Minuten bei 120 °C zu sterilisieren. Gab bei mir auch ohne nie Schimmel, wird aber nicht schaden.

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Links fein geschnitten, rechts grober und etwas angebrannt.

Das Rezept habe ich aus Delia Smith’s Complete Cookery Guide. Das ist die Generation vor Jamie Oliver. Ich habe schon viel daraus gemacht und kann das Buch nur empfehlen.