50 Pence (2005)

(In diesem Beitrag geht es um 50 pence. Wer sich für 50 cent interessiert, bitte hier weiter lesen.)

Alle paar Jahre gibt es in England Sondermünzen, im Urlaub ist mir die von 2005 untergekommen:

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Als Erinnerung an die Veröffentlichung von Samuel Johnsons A Dictionary of the English Language 250 Jahre zuvor. Johnsons war zwar nicht das erste englische Wörterbuch, aber das erste, das systematisch möglichst alle Wörter sammelte, auch die scheinbar bekannten. Zu Johnsons Ruhm hat sicher die berühmte Biographie von Boswell beigetragen, aber auch die Sorgfalt bei der Erstellung des Wörterbuchs und der Humor bei gewissen Einträgen:

„Lexicographer: a writer of dictionaries; a harmless drudge that busies himself in tracing the original and detailing the signification of words“
„Oats: a grain which in England is generally given to horses, but in Scotland supports the people“

Die Scans einer späteren Ausgabe (von 1828) kann man bei Googlebooks durchblättern und durchsuchen.

Pferderennen in England

Unsere Schüler sollen laut Lehrplan auch lernen, Diagramme und Tabellen zu lesen. Im Englischunterricht sind das fast immer Fahrpläne. Ist ja ganz sinnvoll, aber warum nicht mal Pferederennen?

Wie manche Leute wissen, war ich die letzte Woche in England, Urlaub machen und Landeskunde auffrischen. Unter anderem war ich beim Pferderennen. Das heißt in England schlicht „racing“. (Das mit dem Pferd versteht sich von selbst, ähnlich wie die Fuchsjagd dort zumindest in upper-class lingo „hunting“ heißt – der Fuchs ist dabei selbstverständlich.)

Die Renntage während der Saison heißen „meetings“, in Brighton finden die zwei- oder dreimal im Monat statt. An jedem solchen Tag gibt es mehrere Rennen (bei mir waren es sieben, mit jeweils 8-16 Pferden am Start). Da gibt es das Rennen der zweijährigen maidens (Pferde, die noch nie ein Rennen gewonnen haben), das Rennen der bis zu vier Jahre alten Stutenfohlen, die Hauptdisziplin sind aber die Rennen der Vierjährigen (und älteren).

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Zum Pferederennen gehen ganze Familien; feine Damen führen dort ihre neuesten Hüte vor, den kleinen Kindern gibt man ein paar Pfund für den Buchmacher. Der racecourse in Brighton ist dabei eher schlicht, aber sehr schön gelegen; 13 Pfund Eintritt sind happig, innen gibt es eine Bar, man trinkt Bier oder Tee mit Milch und Zucker, große weiße Kacheln erinnern an Bahnhöfe oder Schwimmbäder.

Gewettet wird natürlich auch. Gewettet wird in England viel, auf alles mögliche, öffentlich; betting shops gibt es überall.
Die häufigsten Wettarten beim Pfererennen sind „win“ und „place“: Beim ersten setzt man darauf, dass das Pferd als erstes durchs Ziel läuft, beim zweiten darauf, dass es unter den ersten zwei, drei oder vier Pferden ist, abhängig von der Anzahl der Pferde in diesem Rennen. „Each way“ heißt, dass man gleichzeitig auf „win“ und „place“ setzt. Daneben gibt es noch weitere gängige Wettarten. (Fußnote: In den USA sind Details und Terminologie ein wenig anders.)

Wenn man wetten will, sagt man zum Beispiel einfach: „Ten pounds on number one to win“. Das klappt. Ich hab’s ausprobiert.

Man kann entweder über den Totalisator wetten oder bei einem Buchmacher. Beim Totalisator setzt man seine zehn Pfund (oder auch nur eines) und kriegt einen Beleg darüber. Welche Quote man hat, wieviel man also gewinnt, wenn man gewinnt, errechnet sich jeweils aus allen anderen Totalisatorwetten bei diesem Rennen. Auf einem Bildschirm kann man vorher die aktuelle Quote sehen, aber die kann sich natürlich noch ändern, wenn plötzlich noch viel gesetzt wird.
Wenn man dagegen bei einem Buchmacher wettet, gibt der eine Quote vor (16:1, 2:1, 50:1), und zu dieser Quote wettet man. Ein paar Minuten später hat der Buchmacher seine Quote vielleicht nach unten oder oben korrigiert, aber das beeinflusst die bereits gemachten Wetten nicht mehr.

So sieht zum Beispiel der Stand eines Buchmachers aus, aufgebaut direkt zwischen Rennstrecke und Tribüne, links und rechts davon weitere Stände. Auf der Tafel sieht man die aktuellen Quoten, die dieser Buchmacher anbietet:

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Diese Buchmacher sind zuverlässig; unlizenzierte/illegale Buchmacher dürfen nicht auf den Platz. Gedichte wie G. Rostrevor Hamiltons „On a distant prospect of an absconding bookmaker“ sind heutzutage nicht mehr aktuell.

Vor dem Rennen schaut man sich zumindest die race card an, wenn man nicht gleich mit der Pferderennzeitung unter dem Arm erscheint. Die Daten dort muss man erst einmal lesen und verstehen:

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Das Pferd heißt „Art Currency“, Startnummer 1, es ist zum letzten Mal vor 10 Tagen gelaufen. Der Jockey trägt grün und weiß.
Zum Alter steht hier zwar nichts, aber dieses Rennen war nur für Zweijährige. (Als Geburtstag gilt dabei für jedes Pferd der 1. Januar.)
Das Pferd Der Jockey wiegt 9 stone und 3 pounds. (Für Menschen wird das Gewicht in England in stone angegeben. Ein st sind 14 lb, etwa 6.35 kg.)
Die ausgeloste Startposition („draw“) ist 6, der Jockey Chris Catlin.
„B“ (bay) oder „Br“ (brown) gibt die Farbe des Pferdes an, danach kommt das geschlecht: c für „colt“, f für „filly“, h für „horse“ („thoroughbred age of 5 or older“), g für „gelding“ und m für „mare“. Die Mutter des Pferdes („dam“) ist Lady in Silver, der Vater („sire“) Street Cry.
Zu „Form“ steht normalerweise mehr als hier: Die 6 heißt, dass das Pferd einmal den 6. Platz gemacht hat und sonst noch nicht gelaufen ist. 050553 hieße, dass das Pferd dreimal 5. war, zweimal ferner liefen, aber immerhin beim letzten Rennen den dritten Platz gemacht hat.

Weitere Details: Learn how to read a race card.

Art Currency ist übrigens in einem photo finish knapp geschlagen worden. Das war schon spannend. Vielleicht hätte ich doch auch „place“ statt auf „win“ setzen sollen, aber ich hatte mir extra eine Quote ausgesucht, bei der die Wahrscheinlichkeit zu gewinnen nicht allzu hoch war. Sonst hätte ich ja nochmal an den Schalter zu den fremden Menschen gehen und meinen Gewinn abholen müssen.

Das wäre doch mal eine Alternative zu den ewigen Fahrplänen in der Unterstufe. Racing forms verteilen und erklären. Quoten angeben. „You have got 10 pounds. How do you want to bet? Give reasons for your answer.“

Na ja, oder zumindest vielleicht mal ein Referat.

Frankreich im Commonwealth? Nee, oder?

Spiegel online berichtet über eine BBC-Information zu kürzlich bekannt gewordenen Plänen der französischen Regierung 1957, mit Großbritannien eine Union einzugehen, oder notfalls auch einfach dem Commonwealth beizutreten. Die Engländer wollten aber nicht, und dann kam auch die EWG dazwischen.

Heute, Montag 15. Januar, 8.00-8.30pm (Ortszeit, also bei uns eine Stunde später, denke ich) auf BBC RADIO 4 kommt die Sendung dazu, die wohl Auslöser der Pressemitteilung war:

The investigative series Document returns to BBC Radio 4 with evidence of a French request to merge the nations of Britain and France in the mid-Fifties. The idea, which was first proposed by French Prime Minister Guy Mollet in September 1956, was rejected by Britain’s then Prime Minister, Anthony Eden.
At the time, the Suez crisis was escalating, the French economy was in a mess and Britain was seen as a social and economic role model in Paris. Previously secret Cabinet papers reveal that, two weeks later, Mollet made another request, this time to join the British Commonwealth. Again, this was rejected by Eden and, just a year later, France signed the Treaty of Rome with Germany and the other founding nations of the Common Market. (source)

Na, da wollen wir dann aber mal reinhören!

(BBC4-Seite der Reihe, mit Links und Vorschlägen, wie man online zuhören kann. Ich selber werde mit iRon zuhören oder einem anderen der vielen Programme, mit denen man im Internet Radio hören kann.)

Nachtrag: Ähnliches online bei der Welt.

Nachtrag: Kurzer Audio-Beitrag dazu (nur ein paar Minuten) bei National Public Radio.

„Yes“ – Alec Has Bought Me A Pint (1st May 1986)

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Beim Aufräumen gefunden, ein Mitbringsel von meiner ersten England-Fahrt im Sommer 1986. Das war ein Aufkleber – wohl einer von vielen – in einer kleinen Lokalbahn in Cornwall, wenn ich mich richtig erinnere, den ich flugs abgemacht und mitgenommen habe.

Da steckt doch sicher eine Geschichte dahinter. Eine Wette? Oder ein notorisch spendierfauler Alec? Eine Angelegenheit von zumindest lokalem Interesse.

Marmite

„Marmite“ ist ein Hefe- und Pflanzenextrakt und geradezu ein englisches Grundnahrungmittel. Es ist reich an Vitaminen und solchen Sachen (4g entsprechen 60% des Tagesbedarfs an Vitamin B12) und ein Musterbeispiel für den englischen Begriff „acquired taste“, „erworbener Geschmack“. Marmite ist nichts, was einem beim ersten Mal schmeckt.
Tatsächlich kann man es beim ersten mal gar nicht schmecken, sondern allenfalls riechen. Erst nach zwei oder drei Riechversuchen wagt man sich an das Kosten, und dann wartet man wieder ein bisschen, und irgendwann, nach einem halben Jahr etwa, denkt man sich so: „Ach, so eine Scheibe Toast mit Marmite wäre gar nicht übel.“
Mich hatte damals in England ein englischer Mitstudent behutsam an Marmite herangeführt. Man bedient es so:

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Eine Scheibe Toast wird dünn gebuttert oder mit Margarine bestrichen. Darauf kommt dann mindestens so dünn etwas Marmite. Vier Gramm pro Scheibe, rät die Packung. Ich habe mit einer Messerspitze angefangen und bin gerade bei einer großen Messerspitze. Der Gewöhnungseffekt.

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Ich finde Marmite inzwischen ziemlich lecker. Es schmeckt und riecht aber ungewohnt, und sieht auch nicht wirklich lecker aus. In England ist das aber ein übliches Frühstück, vor allem für Schulkinder, und gilt als enorm gesund. Viele Exil-Engländer schwören darauf und haben ein Gläschen im Gepäck. Bei uns kann man es in den Lebensmittelabteilungen großer Kaufhäuser finden.

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(Mehr sicher bei der englischen Wikipedia.)

Uniformen der Britisch-Indischen Armee

Princely States Report begann als Seite für Briefmarkensammler mit dem Sammelgebiet princely states. (Wikipedia war hilfreich: Das waren mehrere hunderte von unabhängigen indischen Königreichen/Fürstentümern unter britischem Protektorat.) Bald kam weiteres Material dazu, Münzen und Zigarettenbildchen etwa. Unter kann man dort die Zigarettenbildchen-Serie Military Uniforms of the British Empire Overseas sehen, genauer: nur die Bilder der Indischen Armee, herausgegeben von John Player’s.

Hier geht’s zu den Bildchen.

Card No.14 The Scinde Horse
The Scinde Horse (14th Prince of Wales’s Own Cavalry) is one of the twenty-one Cavalry regiments of the Indian Army. It had its origin in two regiments of Scinde Irregular Horse raised at Hyderabad in 1839 and ’46 respectively. These two regiments were absorbed into the regular forces about 1860 and ultimately became the 35th Scinde Horse and the 36th Jacob’s Horse. They saw active service in Northern and Central India, Persia and Afghanistan and, during the Great War, in France and Palestine. They were amalgamated in 1921. The present regiment is recruited from Pathans, Sikhs and Musalman Rajputs of the Punjab. We show the Risaldar-Major in Full Dress; a scene on the N.W. Frontier appears in the background.

(Wo ich doch gerade den letzten Flashman gelesen habe.)

Kate Fox, Watching the English

Kate Fox sitzt in einem Pub, vormittags, einen Brandy vor sich: Teils um sich Mut anzutrinken, teils als Belohnung. Die letzten zwei Stunden hat sie damit verbracht, Passanten im Vorbeigehen anzurempeln und zu zählen, wie oft die Angerempelten „Sorry“ sagen. Die nächsten zwei Stunden wird sie damit verbringen, sich in Warteschlangen vorzudrängeln und zu notieren, wie sich die Wartenden daraufhin verhalten. Kate Fox ist Anthropologin und schreibt ein Buch über: The Hidden Rules of English Behaviour, so der Untertitel.

(Die Sache mit dem „Sorry“-sagen ist tatsächlich ein auffälliges Merkmal: Engländer entschuldigen sich, wenn sie jemanden versehentlich anrempeln, und entschuldigen sich vor allem auch, wenn sie angerempelt werden. Das gilt für die meisten Altersgruppen und sozialen Schichten und ist äußerst liebenswert. Bei uns ist das nicht üblich. Wir haben andere Vorteile, zugegeben.)

Letztlich will Fox untersuchen, was Englishness ausmacht. Zu diesem Zweck beobachtet sie das Verhalten von Engländern und versucht, die bewussten oder unbewussten Regeln herauszuarbeiten, nach denen sie reden, leben, arbeiten, sich kleiden, feiern, essen. Zum Schluss abstrahiert sie noch einmal aus den gefundenen Regeln bestimmte Eigenschaften: Einen Nationalcharakter der Engländer. (Engländer im präziseren Sinn: Also ohne Schotten und Waliser.)

Das macht sie auf vergnügliche Weise. Das Buch ist unterhaltsam, umfangreich, über 400 Seiten, und lehrreich für, äh, zum Beispiel Englischlehrer. Ich war mal mit einer deutschen Lehrergruppe in einem englischen Pub, frage nicht. Englandfreunde erkennen viele Details wieder, und selbst wer sich nicht sehr für England interessiert, kann die Regeln des eigenen Landes besser sehen vor dem Kontrast der Beschreibung Englands.

Wenn man feststellen will, welche Regeln typisch englisch sind, hilft es zu wissen, welche Regeln typisch menschlich sind. Es ist keine große Erkenntnis, herauszufinden, dass es in England ein Klassensysten gibt: In jeder menschlichen Gesellschaft gibt es das. Die spezifisch englische Ausprägung ist allerdings sehr wohl interessant. Fox zitiert eine Liste ihres Vaters Robin Fox („a much more eminent anthropologist“) solcher Universalien menschlicher Kulturen:

Laws about property, rules about incest and marriage, customs of taboo and avoidance, methods of settling disputes with a minimum of bloodshed, beliefs about the supernatural and practices relating to it, a system of social status and methods of indicating it, initiation ceremonies for young men, courtship practices involving the adornment of females, systems of symbolic body ornament generally, certain activities set aside for men from which women are excluded, gambling of some kind, a tool- and weapons making industry, myths and legends, dancing, adultery and various doses of homicide, suicide, homosexuality, schizophrenia, psychsoes and neuroses, and various practicioners to take advantage of or cure these, depending on how they are viewed.

Fox bietet auch eine vollständigere, aber weniger amüsant formulierte Liste an.

Interessante Kleinigkeiten, die mir vorher nicht so klar waren:

  • „No sex please, we’re British“ ist eine oft gehörte scherzhafte Floskel. Das liegt aber nicht daran, dass das Verhältnis zu Sex puritanisch ist wie in den USA: Sex ist keineswegs sündhaft, lediglich awkward. (Dennoch hat England die höchste Rate an Schwangerschaften unter Teenagern in Europa.)
  • Der englische Premierminister darf nicht „Gott“ sagen – ganz anders etwa als der amerikanische Präsident, der das Wort ständig im Mund führt. (357)
  • „[T]he effects of alcohol on behaviour are determined by social and cultural rules and norms, not by the chemical actions of ethanol.“ (261) Mir hat man ja in der Schule beigebracht, dass Alkohol enthemmend wirkt. Das ist sicher richtig. Aber wie man sich unter Akoholeinfluss verhält, hat viel mehr damit zu tun, was die gesellschaftlichen Regeln für das Verhalten unter Alkoholeinfluss vorschreiben. Wenn die Regeln pöbelhaftes Verhalten vorschreiben, benimmt man sich unter Alkoholeinfluss so (Fußball), ansonsten nicht (Pferderennen). Die Umwelt signalisiert Anerkennung für das akzeptierte Verhalten, und deshalb verhält man sich so.
    Das finde ich hoch interessant!
  • Wieso reden die Engländer ständig vom Wetter? Fox zitiert Bill Brysons Verwunderung darüber, da doch das Wetter in England so völlig unspektakulär gemäßigt ist. Fox zitiert eine Replik, laut der eben dieses Undramatische des Wetters die Nuancen so interessant und spannend macht. (Das schöne am Wetter ist übrigens, dass es vielleicht wirklich jeden Tag ein bisschen regnet, dass aber auch jeden Tag ein bisschen die Sonne scheint.) In Wirklichkeit, so Fox, reden die Engländer natürlich über das Wetter, weil das eine unkomplizierte, einfache, normierte, verpflichtungslose Konversation mit Fremden erlaubt. Das Wetter selber ist dabei nur sekundär. Die Normen regeln das Gespräch, es gibt aber auch Fallstricke: „Snow is also socially and conversationally a special and awkward case, as it is aesthetically pleasing, but practically inconvenient.“ (p. 33)
  • She interessant die Verhaltensregeln im Pub: Wie man ein Bier bestellt, wie man sich am Tresen in die unsichtbare Warteschlange einreiht.
  • Überhaupt, das Verhalten in Warteschlangen, hochspannend. Wie man einen potentiellen Vordrängler wittert, quasi mit den Füßen scharrt – das ist bei uns ähnlich.

Für die Schule wichtig ist das, wenn es um die Frage geht: Was heißt Abendessen auf Englisch? Was sollen wir den Schülern da beibringen? „Tea“ ist das Abendessen der working class um halb sieben. „Dinner“ ist lower-middle/middle-class und eine halbe Stunde später. „Supper“ ist das Abendessen der upper-middle/upper class (für die „dinner“ ein festliches Abendessen ist), jeweils noch etwas später.
Was sollen wir unseren Schülern sagen, wenn die wissen wollen, was Abendessen heißt?

Manchmal übersieht Fox meiner Meinung nach das Ungewöhnliche am Englisch-Sein: Sie sagt, „there is little about the format of an average English wedding that would seem odd or unfamiliar to a visitor from any other Western culture: we have the usual stag and hen nights […]; bridesmaids […]; best man“ (371). Englische Hochzeiten unterscheiden sich meiner Meinung nach aber nicht nur im Detail von etwa deutschen, spanischen oder französischen.
Oder zum Thema Klassenbewusstsein (406):

All human societies have a social hierarchy and methods of indicating social status. What is distinctive about the English class system is (a) the degree to which our class (and/or class anxiety) determines our taste, behaviour, judgements and interactions; (b) the fact that class is not judged at all on wealth, and very little on occupation, but purely on non-economic indicators such as speech, manner, taste and lifestyle choices; (c) the acute sensitivity of our on board class radar systems; and (d) our denial of all this and coy squeamishness about class: the hidden, indirect, unspoken, hypocritical/self delusional nature of English class consciousness (particularly among the middle classes).

Klassenzugehörigkeit erkennt man also nicht am Reichtum, sehr wenig am Beruf, sondern an Redeweise, Geschmack und Lebensstil. Gleichzeitig bestimmt die Klassenzugehörigkeit diese Eigenschaften. Das kann doch aber nicht alles sein? Das klingt nach einem „separate, but equal“, aber sind nicht doch einige gleicher als andere?

Zum Schluss des Buches gibt es ein sehr knappes und überschaubares Diagramm zum Englisch-Sein. Fox entschuldigt sich wortgewandt dafür, dass sie das nicht sehr gut kann (und illustriert damit gleich einen herausgefundenen englischen Wesenszug). Und weil sie dieses Diagramm während des ganzen Buches immer wieder ankündigt, will ich ihr das Privileg des Präsentierens nicht nehmen und nur wenig zum Diagramm sagen.
Während des Lesens dachte ich manchmal, die herausgefundenen Wesenszüge seien so universell, dass sich wie in einem Horoskop jede westliche Nation darin wiedererkennen müsste. Das stimmt aber nicht. Ein deutsches Diagramm sähe ganz anders aus, mit ganz anderem zentralen Begriff – und während der Humor in England in jeder Situation eine Rolle spielt, ist die Anwendung in Deutschland abgegrenzt und geregelt. Deswegen glauben die Engländer auch, die Deutschen hätten keinen Humor.

(Beitrag stammt aus der Kiste, ich bin immer noch am Stundenplanen und sehr, sehr müde.)

Cricket

Gestern war ich hier und habe bei einem Cricket-Spiel zugeschaut.
(Den brillanten Magnifier habe ich von hier. Die Lupe läuft unter Firefox, Netscape, IE; bei Opera und Mac-Browsern weiß ich’s nicht bei Mac unter Safari, IE und Firefox, aber nicht zumindest manchmal unter Opera. Es funktioniert mit zwei Bildern, einem großen und einem kleinen. Das große ist fürs WWW arg komprimiert.)

cricket

Cricket wäre die englische Nationalsportart, wenn das nicht eigentlich Fußball wäre. Aber Cricket hat mehr Geschichte und ist vor allem durch das Britische Empire und das Commonwealth in die ehemaligen Kolonien gelangt, so dass auch heute noch in Australien, Neuseeland und Indien viel Cricket gespielt wird.

Die Regeln erkläre ich vielleicht später mal ausführlich. Eine längere Erklärung gibt es bei der Wikipedia, hier meine Kurzfassung:

Zum Spiel:

  • 20 Meter von einander entfernt werden zwei wickets aufgebaut: je drei Holzstäbe nebeneinander, verbunden durch zwei oben liegende Holzstückchen. Ein Werfer (bowler) versucht, ungefähr vom einen Wicket aus, das andere mit einem Ball so treffen, dass die Holzstückchen herunterfliegen. Vor dem Wicket steht allerdings ein Spieler der anderen Mannschaft und versucht, den Ball mit einem Schläger (bat) möglichst weit wegzuhauen.
  • Trifft der Bowler das Wicket, ist der Batsman draußen und der nächste Batsman kommt an die Reihe. Das heißt dann „wicket“. Sobald 10 der 11 Spieler als Batsmen an der Reihe waren, ist das innings (sic) zu Ende und die Rollen werden getauscht: Die andere Mannschaft darf an den Schläger.
  • Der Bowler trifft das Wicket allerdings nur selten. Davor steht ja der Batsman, und der versucht, den geworfenen Ball weit weg zu hauen, und dann Punkte durch runs zu machen: Während die Spieler der Gegenmannschaft versuchen, den Ball zurück zu holen, laufen der Batsman und sein Partner gegenüber hin und her (ähnlich wie beim Baseball, nur dass dort in einem Quadrat gelaufen wird). Ein Batsman kann dabei herausfliegen, wenn er nicht rechtzeitig vor dem Ball wieder in seinem Heimatbereich ist. Je öfter die beiden hin- und herlaufen, desto mehr runs erzielen sie.
  • Der Bowler wirft insgesamt sechsmal (mehr, wenn der Schiedsrichter Würfe für ungültig, weil zu weit seitlich, erklärt), dann ist ein over zu Ende und ein anderer Spieler wirft. Die Anzahl der Overs kann je nach Spielregeln begrenzt sein.
  • Wer am Schluss am meisten Runs hat, gewinnt.
  • „Wkts 1“: Ein Wicket; das heißt, ein Batsman ist bereits abgeschlagen worden (weil der Bowler das Wicket getroffen hat, oder aus anderen Gründen, etwa wenn der Batsman den Ball nicht mit dem Bat, sondern mit einem Fuß abgewehrt hat).
    „Ovrs 5“: Fünfmal wurden schon je 6 Bälle pro Werfer geworfen. Das heißt, es wurden 30 legale Bälle geworfen. (Mit einem dieser Würfe wurde ein Wicket getroffen. Siehe oben.)
    „Runs 25“: Bei den anderen 29 Bällen konnte der Batsman den Ball abwehren, und so oft so weit wegschlagen, dass er und sein Partner (bzw. der vorherige Batsman, einer ist ja rausgeflogen) insgesamt 25 mal zwischen den Wickets hin- und herlaufen konnten.

Zum Stil:

  • Cricket wird traditionell in weiß gespielt, oft in extrem schicken Pullovern.
  • Cricket-Spiele können, je nach Vereinbarung, Tage dauern. Jedenfalls ist es so oder so relativ normal, sich eine Tasse heißen Tee oder ein Bier zu holen, mitgebrachte Sandwiches zu essen oder mal schnell eine Portion Chips zu besorgen. Das macht mir das Spiel schon mal viel sympathischer als Fußball. (Oder ist das da auch so?)

Das gestern war allerdings erst das zweite Cricket-Spiel, das ich je gesehen habe. In England hat mich ein Freund und Cricket-Enthusiast mal mitgenommen; viel war aber nicht hängen geblieben. Das Spiel gestern im Englischen Garten hatte leider schlechtes Wetter, viel Regen. Für die Sportler tut es mir leid, aber das andere Ziel der Veranstaltung war ja die deutsch-indische Freundschaft, das Indien-Institut und überhaupt die Sportart Cricket bekannter zu machen, und das hat wenigstens geklappt.

(Es gab Samosas und Pakoras, indischen Tee – süß, mit Milch und Gewürzen – und deutsche Kuchen. Kein Bier. Sehr viele Zuschauer waren nicht da, ich bin schlecht im Schätzen: vielleicht hundert, die meisten davon Inder oder indischstämmig. Vier Euro Eintritt. Ein buntes Gemisch aus Deutsch, Englisch und vielem, das ich nicht verstanden habe – Hindi vermutlich.)

Mehr Bilder: „Cricket“ weiterlesen

Kingmaker

Als ich vor sechzehn oder siebzehn Jahren beim Abklappern der Jugendherbergen in Großbritannien auch nach Harlech in Wales kam, da kannte ich diese kleine Stadt schon. Ich kannte überhaupt schon eine ganze Menge Städte dort. Das lag an diesem Spiel:

Kingmaker. Ursprünglich von Gibson Games, später von Avalon Hill, und vermutlich gab es das Spiel zwischendurch auch mal für den Computer. So schön Computerspiele sein können: Mit ein paar Leuten um einen Tisch sitzen und kleine Pöppel oder Kärtchen auf einem bunten Spielfeld herumzuschieben, ist noch viel schöner. Auch wenn eine Partie Kingmaker, so wie wir sie spielten, selten unter acht Stunden zu Ende war.

Kingmaker spielt in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in England. König ist Heinrich VI aus dem Haus Lancaster, als Wappen eine rote Rose. Wer regiert statt seiner, oder nach ihm? Da ist seine Frau, Margarete von Anjou, und der allerdings noch sehr junge Sohn Edward. Keine gute Position für das Haus der roten Rose. Denn da ist noch Richard Plantagenet, Herzog von York, mit der weißen Rose im Wappen. Er will König werden (und hat auf Grund der Thronfolgeregelungen auch einen gewissen Anspruch darauf), wird aber geschlagen, sein Sohn Edmund hingerichtet. Sein ältester Sohn Edward wird später tatsächlich König, stirbt aber bald. Seine beiden Söhne werden von Richard, Herzog von Gloucester im Tower von London gefangen gehalten; sie verschwinden unter ungeklärten Umständen und werden vermutlich ermordet. Richard wird darauf König – jener Richard III, den man aus Shakespeare kennt. Aber das Haus von Lancaster hat noch ein Ass im Ärmel: Henry Tudor, um zwei Ecken in der Thronfolge, aber immerhin. Aus Henry wird dann auch Heinrich VII.
Dazwischen interessierte Adlige, die sich mal auf die eine, mal auf die andere Seite schlagen. Eine ganz wichtige Figur war Neville, Earl of Warwick mit dem Spitznamen „Kingmaker“.
Das alles heißt „Wars of the Roses“ und ist eine Zeit des Bürgerkriegs im ausgehenden Mittelalter. Viel mehr dazu gibt es etwa beim Wikipedia-Eintrag dazu.

In Kingmaker übernimmt jeder Spieler die Rolle einer Interessengruppe, zu der mal die einen, mal die anderen Adligen gehören. Die Kandidaten auf den Thron sind eher machtlose Spielsteine auf dem Brett, die mit den eigentlichen Spielfiguren mitziehen; der Spieler, der den letzten überlebenden Kandidaten in seiner Fraktion hat, gewinnt das Spiel. Man beschützt mit seiner kleinen Armee den eigenen Thronanwärter und versucht, den anderen den ihrigen abzujagen. Wer sich in einer Stadt verschanzt, ist sicherer, sofern nicht die Pest kommt. Gestört wird man vor allem durch Hungersnöte oder Bauernaufstände, die es nötig machen, dass einzelne Adlige sich in ihre Heimatburg begeben müssen, und den eigenen Trupp schutzlos zurücklassen.

Ein schönes Spiel. Auch wenn im historischen Harlech nicht 200 Mann Garnison waren wie im Spiel, sondern nur 30. Hieß es jedenfalls dort in der Jugendherberge.

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