Pferderennen in England

Unsere Schüler sollen laut Lehrplan auch lernen, Diagramme und Tabellen zu lesen. Im Englischunterricht sind das fast immer Fahrpläne. Ist ja ganz sinnvoll, aber warum nicht mal Pferederennen?

Wie manche Leute wissen, war ich die letzte Woche in England, Urlaub machen und Landeskunde auffrischen. Unter anderem war ich beim Pferderennen. Das heißt in England schlicht „racing“. (Das mit dem Pferd versteht sich von selbst, ähnlich wie die Fuchsjagd dort zumindest in upper-class lingo „hunting“ heißt – der Fuchs ist dabei selbstverständlich.)

Die Renntage während der Saison heißen „meetings“, in Brighton finden die zwei- oder dreimal im Monat statt. An jedem solchen Tag gibt es mehrere Rennen (bei mir waren es sieben, mit jeweils 8-16 Pferden am Start). Da gibt es das Rennen der zweijährigen maidens (Pferde, die noch nie ein Rennen gewonnen haben), das Rennen der bis zu vier Jahre alten Stutenfohlen, die Hauptdisziplin sind aber die Rennen der Vierjährigen (und älteren).

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Zum Pferederennen gehen ganze Familien; feine Damen führen dort ihre neuesten Hüte vor, den kleinen Kindern gibt man ein paar Pfund für den Buchmacher. Der racecourse in Brighton ist dabei eher schlicht, aber sehr schön gelegen; 13 Pfund Eintritt sind happig, innen gibt es eine Bar, man trinkt Bier oder Tee mit Milch und Zucker, große weiße Kacheln erinnern an Bahnhöfe oder Schwimmbäder.

Gewettet wird natürlich auch. Gewettet wird in England viel, auf alles mögliche, öffentlich; betting shops gibt es überall.
Die häufigsten Wettarten beim Pfererennen sind „win“ und „place“: Beim ersten setzt man darauf, dass das Pferd als erstes durchs Ziel läuft, beim zweiten darauf, dass es unter den ersten zwei, drei oder vier Pferden ist, abhängig von der Anzahl der Pferde in diesem Rennen. „Each way“ heißt, dass man gleichzeitig auf „win“ und „place“ setzt. Daneben gibt es noch weitere gängige Wettarten. (Fußnote: In den USA sind Details und Terminologie ein wenig anders.)

Wenn man wetten will, sagt man zum Beispiel einfach: „Ten pounds on number one to win“. Das klappt. Ich hab’s ausprobiert.

Man kann entweder über den Totalisator wetten oder bei einem Buchmacher. Beim Totalisator setzt man seine zehn Pfund (oder auch nur eines) und kriegt einen Beleg darüber. Welche Quote man hat, wieviel man also gewinnt, wenn man gewinnt, errechnet sich jeweils aus allen anderen Totalisatorwetten bei diesem Rennen. Auf einem Bildschirm kann man vorher die aktuelle Quote sehen, aber die kann sich natürlich noch ändern, wenn plötzlich noch viel gesetzt wird.
Wenn man dagegen bei einem Buchmacher wettet, gibt der eine Quote vor (16:1, 2:1, 50:1), und zu dieser Quote wettet man. Ein paar Minuten später hat der Buchmacher seine Quote vielleicht nach unten oder oben korrigiert, aber das beeinflusst die bereits gemachten Wetten nicht mehr.

So sieht zum Beispiel der Stand eines Buchmachers aus, aufgebaut direkt zwischen Rennstrecke und Tribüne, links und rechts davon weitere Stände. Auf der Tafel sieht man die aktuellen Quoten, die dieser Buchmacher anbietet:

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Diese Buchmacher sind zuverlässig; unlizenzierte/illegale Buchmacher dürfen nicht auf den Platz. Gedichte wie G. Rostrevor Hamiltons „On a distant prospect of an absconding bookmaker“ sind heutzutage nicht mehr aktuell.

Vor dem Rennen schaut man sich zumindest die race card an, wenn man nicht gleich mit der Pferderennzeitung unter dem Arm erscheint. Die Daten dort muss man erst einmal lesen und verstehen:

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Das Pferd heißt „Art Currency“, Startnummer 1, es ist zum letzten Mal vor 10 Tagen gelaufen. Der Jockey trägt grün und weiß.
Zum Alter steht hier zwar nichts, aber dieses Rennen war nur für Zweijährige. (Als Geburtstag gilt dabei für jedes Pferd der 1. Januar.)
Das Pferd Der Jockey wiegt 9 stone und 3 pounds. (Für Menschen wird das Gewicht in England in stone angegeben. Ein st sind 14 lb, etwa 6.35 kg.)
Die ausgeloste Startposition („draw“) ist 6, der Jockey Chris Catlin.
„B“ (bay) oder „Br“ (brown) gibt die Farbe des Pferdes an, danach kommt das geschlecht: c für „colt“, f für „filly“, h für „horse“ („thoroughbred age of 5 or older“), g für „gelding“ und m für „mare“. Die Mutter des Pferdes („dam“) ist Lady in Silver, der Vater („sire“) Street Cry.
Zu „Form“ steht normalerweise mehr als hier: Die 6 heißt, dass das Pferd einmal den 6. Platz gemacht hat und sonst noch nicht gelaufen ist. 050553 hieße, dass das Pferd dreimal 5. war, zweimal ferner liefen, aber immerhin beim letzten Rennen den dritten Platz gemacht hat.

Weitere Details: Learn how to read a race card.

Art Currency ist übrigens in einem photo finish knapp geschlagen worden. Das war schon spannend. Vielleicht hätte ich doch auch „place“ statt auf „win“ setzen sollen, aber ich hatte mir extra eine Quote ausgesucht, bei der die Wahrscheinlichkeit zu gewinnen nicht allzu hoch war. Sonst hätte ich ja nochmal an den Schalter zu den fremden Menschen gehen und meinen Gewinn abholen müssen.

Das wäre doch mal eine Alternative zu den ewigen Fahrplänen in der Unterstufe. Racing forms verteilen und erklären. Quoten angeben. „You have got 10 pounds. How do you want to bet? Give reasons for your answer.“

Na ja, oder zumindest vielleicht mal ein Referat.

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7 Thoughts to “Pferderennen in England

  1. Während meines ersten England-Besuchs war ich mehrmals in irgendwelchen Spielhöllen zu Gast, die seltsamerweise keine Zugangsbeschränkungen für Jugendliche hatten. Wenn die Schüler neben Pferdewetten noch die Regeln für Black Jack, Roulette und die unzähligen Automatenspiele lernen, sind sie fürs Leben sicher gut gerüstet… ;-)

  2. Ich war mal in Spanien auf einer Pferderennbahn. Unglaublich was das für ein Lärm ist, wenn dei Rennen.

  3. Gibt es die Fuchsjagd in England eigentlich noch? Sie war ja lange Zeit umstritten, es wurde davon gesprochen, dass sie verboten werden soll.

  4. Ich glaube, Fuchsjagden sind inzwischen tatsächlich verboten. Außer zu wissenschaftlichen Zwecken, und während des Oktoberfests.

  5. Es wird nicht mehr nach Füchsen gejagt sondern nur zum Spaß, also die Füchse werden nicht aussterben!
    Danke für den Text über Pferderennen!
    Hat mir sehr viel bei meinem Vortrag in englisch geholfen!

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