Schule in der Presse: Grammatik und das Verhältnis Eltern-Lehrer

By | 19.4.2007

Schon vorgestern bei TeachersNews.Net, heute in der Süddeutschen:

Katastrophale Ergebnisse brachte ein Test über die Grundlagen der Schulgrammatik zutage, der im Wintersemester 2006/2007 an allen bayerischen Universitäten durchgeführt wurde. Die Befragung von über 1000 Studienanfängern im Fach Germanistik ergab ein schulgrammatisches Grundlagenwissen, das dem Stand von Fünft- und Sechstklässlern entspricht.

Das dürfte niemanden überrascht haben. Wieviel Grammatik zur Bildung gehört, weiß ich nicht; vielleicht ist die gar nicht so wichtig. Allerdings sollten zumindest die Germanistikstudenten mehr von der Sprache verstehen als der durchschnittliche Abiturient.

Im Lehrplan steht Grammatik nur für die ersten Jahre, wird nur dann behandelt und geprüft und dient vor allem auch als Beitrag zum Fremdsprachunterricht: gewisse grammatische Konzepte will ich im Englischunterricht voraussetzen können. Vielleicht nutzt die Grammatik den Schülern wenigstens beim Erlernen der Fremdsprache, und kann danach mit nur mäßig beunruhigten Gewissen vergessen werden. Ein bisschen schade um die viele darauf verwandte Zeit ist es aber schon. (Und außerdem sollen die Lehrpläne dann nicht so tun, als verfügten die Schüler in der Oberstufe über gesicherte Grammatikkenntnisse. Wenn man das wollte, müsste man mir Zeit dafür geben. Zugegeben: Vielleicht habe ich die schon und nutze sie nicht. Mal sehen. Ich könnte mal meine 11. Klasse Grammatik wiederholen lassen.)

Echtes Interesse an Grammatik haben vielleicht auch die wenigsten Germanistikstudenten, und das gilt wohl auch für Deutschlehrer: Sie sind eher Literatur- als Sprachwissenschaftler. Ich selber diskutiere lange und gerne darüber, ob man im Deutschen sagen sollte, dass „schnell“ ein Adjektiv ist, das als Adverb verwendet werden kann, oder dass es ein Adverb „schnell“ neben dem gleichlautenden Adjektiv gibt. (Ich bin für letzteres, schließlich sagt man auch „Relativpronomen“ und nicht „bestimmter Artikel, der wie ein Relativpronomen verwendet wird“.) Und Possessivbegleiter… gibt’s in der Schulgrammatik inzwischen die Kategorie „Begleiter“?

Ebenfalls heute in der SZ: „Bürokratie statt Bildung: Wie Eltern mit Prozessen und Beschwerden das Klima an den Schulen vergiften“. Mehr dazu bei norberto42.

30 thoughts on “Schule in der Presse: Grammatik und das Verhältnis Eltern-Lehrer

  1. Pingback: Kreide fressen » Blog Archive » Unterrichtsausfall

  2. Beelzebub Bruck

    Bevor die Verwirrung einsetzt: es gibt ein Adjektiv „schnell“, das entweder adverbial (komparierbar) oder attributiv (deklinierbar, komparierbar) gebraucht wird. Wortart und -kategorie sind doch zu unterscheiden. Bei Relativpronomen (Wortart) wurde zumindest in meinen Linguistikseminaren der Begriff Nebensatzeinleitung verwendet, weil er die Funktion auch von Ausdrücken bezeichnet, die Relativsätze einleiten, aber eben keine Pronomen sind. (z.B. „wo“ als Nebensatzeinleitung). Artikel (Wortart) wurden in dem Zusammenhang als Attribute (Funktion) bezeichnet, was sie ja auch sind, sie sind in vollem Umfang von attribuierten Ausdruck abhängig. Um Artikel wieder von anderen Attributen zu unterscheiden, muss man leider wieder auf die Wortart zurückgreifen. Naja…

    Was soll der Leser übrigens mit dem obigen Kommentar von „Kreide fressen…“ anfangen?

  3. Herr Rau Post author

    Der Kommentar oben ist ein Trackback oder Pingback. Wenn ein anderes Blog auf diese Seite verlinkt und wir beide unsere Trackbackfunktion eingeschaltet haben, wird automatisch ein Kommentar mit der verweisenden Zeile bei mir generiert. So vernetzen sich Blogs gegenseitig.

    Und mit deiner Analyse – mit der ich natürlich vertraut bin – bin ich eben nicht zufrieden. „Schnell“ gehört zu einer Wortart (Adjektiv), aber „die“ zu dreien (Artikel, Demonstrativ-, Relativpronomen)? Dafür gibt es allenfalls historische Gründe.

  4. Beelzebub Bruck

    Ist es nicht so, dass natürliche Sprachen an der Oberfläche zu einer gewissen Ökonomie tendieren, um den Preis einer gewissen Komplexität? Wozu drei verschiedene Ausdrücke, wenn man mit der Wortstellung oder Intonation alle drei ausdrücken kann? Es ist diese Ökonomie, welche indoeuropäische Zeichensysteme dem Chinesischen im Alltag himmelhoch überlegen macht. Zugegeben: Das geht auf Kosten der Genauigkeit, aber da sind ja andere Sprachen wesentlich weiter als Deutsch.

  5. Beelzebub Bruck

    Ach so, mein Kommentar zu Adverben und Attributen war weniger für dich bestimmt, als für Leser deines Blogs, mit denen ich unter Umständen sonst diskutieren muss, „dass aber der Herr Rau mal gesagt haben soll, dass… „.
    Die Wirrnis bei den angehenden Germanistikstudenten könnte ja auch daher stammen, dass sie weder (die für die deutsche Sprache nicht passende) lateinische Schulgrammatik beherrschen, noch irgendein anderes halbwegs pragmatisches Modell, das über die reine Deskription hinausgeht, sondern eben nur Rudimente der Schulgrammatik und ein paar Fragestellungen kennenlernen, die beweisen, dass die Schulgrammatik bei der deutschen Sprache sehr schnell an ihre Grenzen stößt. Dann wären gar nicht nur die (meist schulgrammatisch) geprägten Manichäer von der Mediävistik-Fraktion schuld, sondern auch die TFG-&cetera-Grammatiker, die zwar hervorragende Bilderstürmer waren, aber eben keine brauchbare neue Schul-Konstruktion aufstellen konnten.

    Deren universitäre Erben wiederum formulieren heute Tests, mit denen sie die Studenten auf die Beherrschung untauglicher Grammatikmodelle prüfen. Diese Modelle, welche an den Universitäten, an denen die Lehrer der heutigen Studenten ausgebildet wurden, sind genau von diesen Leuten entweder gründlich diskreditiert oder durch andere Modelle ersetzt worden, um die die Mehrzahl der Deutschlehrer einen möglichst weiten Bogen gemacht hat, weil die Lehrqualität dieser Forscher so miserabel war…

    Schlusswort: „Herr, die (Artikel) Not ist groß! Die (Relativpronomen oder Demonstrativpronomen?) ich rief, die (Artikel) Geister, Werd‘ ich nun nicht los.“

  6. cindie

    Meine Chinesischkenntnisse sind ja begrenzt, vielleicht hat der obige Schreiber ja bessere, aber ich finde bei Sprachen die Kategorie „überlegen“ nicht so schlüssig.

    Meine Grammatikausbildung war nicht so prickelnd an der Uni, ich hätte mich lieber eingehend mit der Schulgrammatik befasst und dafür einige andere Grammmatikmodelle nur so im Vorbeigehen mitgenommen.

    Gibt es denn-hier lesen ja viele gymnasiale Deutschlehrer mit, eine gute Begründung dafür, sich mit der Grammatik tiefer auseinanderzusetzen (Also der Wert für das Erlangen einer Fremdprache und Sprache als System erkennen und richtig ordentlich sprechen und sich ausdrücken können-das ist mir schon klar…)

    Ich meine so einen echten Grund. So einen fürs Leben.

  7. Herr Rau Post author

    Ist es nicht so, dass natürliche Sprachen an der Oberfläche zu einer gewissen Ökonomie tendieren, um den Preis einer gewissen Komplexität? Wozu drei verschiedene Ausdrücke, wenn man mit der Wortstellung oder Intonation alle drei ausdrücken kann?

    Dass Sprachen zur Ökonomie tendieren, stimmt wohl, auch wenn es zumindest Ausnahmen gibt: Die 15 Kasus des Finnischen sind zu zwei Dritteln aus Verschmelzungen mit Postpositionen entstanden und haben die Sprache wohl nicht vereinfacht.

    Aber das hat überhaupt nichts mit der Analyse zu tun. Die Frage ist nicht, warum sich „die“ (Relativpronomen), „die“ (Artikel) und „die“ (Demonstrativpronomen) ähnlich sehen, sondern warum es sinnvoll ist, zu behaupten, das seien drei verschiedene Wortarten. Und warum das für „schnell“ (Adjektiv) und „schnell“ (Adjektiv, das als Adverb verwendet wird) nicht gelten soll.

    @cindie: Mir fallen einige Gründe ein, sich mit Grammatik auseinanderzusetzen. Manche gelten für Schüler, manche für Lehrer, manche für mich allein – ich weiß nicht genau, an welcher Gruppe du interessiert bis.
    Grammatik macht Spaß, ist intellektuell reizvoll, hilft beim Sprachenlernen. Außerdem muss ja irgendwer Babelfisch und andere Übersetzungssoftware programmieren. Man kann Grammatik natürlich auch dazu gebrauchen, das Analysieren an sich zu üben. Wenn ich eine Meinung zu einem Gedicht oder einem Werbespruch – als Texter in einer Agentur – begründen muss, helfen grammatische Kategorien.
    Für die Hirnforschung, die Medizin, die Sprachtherapie, Anthropologie ist interessant, wie Grammatik im Hirn repräsentiert ist oder mit welcher Grundgrammatik der Mensch geboren wird. Das interessiert auch mich, weil ich mich dafür interessiere, was der Mensch ist und wie er funktioniert.
    Grammatik hilft dabei, zu verstehen, dass und wie Sprachen unterschiedlich sind. („Wie? Es gibt Sprachen ohne Numerus? Es gibt Sprachen, in denen Genus nichts mit Geschlecht zu tun hat?“) Und diese Einsicht braucht man, wenn man eine begründete Meinung zum fortschreitenden Aussterben von Sprachen haben will.

    Wieviel davon in die Schule oder Lehrerausbildung gehört, ist eine andere Frage.

    Einen echten „Grund fürs Leben“ kann ich aber nicht anbieten. Das impliziert nämlich, dass das Leben ein Ziel hat: Reich sterben, glücklich sterben, spät sterben, oder was auch immer. Dann muss man schauen, ob Grammatikkenntnisse diesem Ziel förderlich sind. Sag mir, welches Ziel ein Leben hat, dann kann ich sagen, ob es einen Grund für Grammatik gibt.

    Das gilt nicht nur für Grammatik, sondern für so ziemlich alles, was man in der Schule lernen oder nicht lernen kann. Trotzdem trifft die Schule natürlich eine Auswahl, glaubt also, dass Grammatik sinnvoller ist „fürs Leben“ als Häkeln. Welches Ziel demnach das Leben nach Sicht der Schule hat…
    Der Bildungsgbegriff und die Aufgabe der Schule werden ja auch immer wieder diskutiert. Oft meint man – und meinen vor allem viele Schüler – mit fürs Leben: „Wird es mir nützlich sein im Beruf, werde ich damit Geld verdienen können?“

    Das ist traurig. Der erste Gedanke sollte schließlich sein: „Wird es mir nützlich sein, wenn es darum geht, Mädchen zu beeindrucken und eine von diesen tollen Frauen zu kriegen, die ich immer im Fernsehen sehe?“

    :-)

  8. teacher

    Neben der Frage, ob Grammatik überhaupt Bedeutung für die Menschen hat, muss ich halt die Frage stellen, was die Kinder in den Schulen heute statt Grammatik lernen?
    Sollte das wichtiger sein (z.B. Kommunikation, Präsenation, Rhetorik …), dann sollte es zumindest einen Basiskonsens darüber geben, was jeder Abiturient wissen muss, um in seiner Muttersprache einen positiven Abschluss bescheinigt zu bekommen.
    Bleibt die Frage, warum Leute, die geringe Grammatikkenntnisse haben, Germanistik studieren wollen: Vielleicht um Grammtik zu lernen? :-)

  9. Beelzebub Bruck

    @cindie
    Präzisierung: Ich (persönlich) halte eine Schriftsprache, die mit 26 Zeichen zu ihrer schriftlichen Darstellung auskommt, für überlegen, weil sie bereits Kinder in einem Alter an einer umfassenden schriftlichen Kommunikation teilhaben lässt, in dem chinesische Kinder noch beim „Bildchenmalen“ (Pauken) sind. Das chinesische Zeichensystem schließt mutmaßlich ziemlich viele Chinesen von der Teilhabe an einer (großartigen!) Schriftkultur aus. Dafür gibt es jetzt Fernsehen, auch großartig!? Wo schreiben und lesen zu können Herrschaftswissen ist, da sieht es meistens auch schlecht für die Menschenrechte aus. In diesem Zusammenhang fehlt mir dann halt das relativistische Gen. Gesellschaften, die ihre (jeweils spezifische Variante von) Aufklärung nicht durchlaufen können, halte ich für „unterlegen“, vielleicht besser ausgedrückt, für „benachteiligt“(?) . Als Geograph könnte ich Dutzende von Fällen anführen, die eine Korrelation zwischen Analphabetentum, Unterentwicklung und totalitären Strukturen belegen.

    Noch ein paar Einfälle:
    Die Ökonomisierung wird anscheinend durch die Verschriftung unterbrochen, wie man an der fortschreitenden Reduktion etwa des Kasussystems im gesprochenen Deutsch sehen kann.
    Wer Sprache analysiert, muss die reduzierte Komplexität wieder rückgängig machen (sozusagen das Paket aufschnüren) und die Funktionen beschreiben. Mit Wortart scheint eher ein Potential eines Ausdrucks beschrieben zu werden. Der Ausdruck „schnell“ gehört zur Klasse der Ausdrücke, welche die Funktionen a, b und c übernehmen können, nicht aber d. Was stört daran? Ein Fußballspieler ist ein Fußballspieler, auch wenn er nur im Tor steht und vor allem seine Hände zum Spiel gebraucht.

  10. Herr Rau Post author

    Das hast du alles schon geschrieben. Bezieh doch mal Stellung zur unterschiedlichen Behandlung Adjektiv/Adverb und Artikel/Pronomen.

  11. cindie

    @beelzebub bruck: Die erklärung ist aus interkultureller sicht meiner meinung nach nicht haltbar, aber ich will mich da auch nicht weiter streiten, zumal meine chinesischkenntnisse auch sehr begrenzt sind, ich denke aber dass solch eine „kulturelle Überheblichkeit“ in wenigen Jahren obsolet sein wird.

    „Dafür gibt es jetzt Fernsehen, auch großartig!? Wo schreiben und lesen zu können Herrschaftswissen ist, da sieht es meistens auch schlecht für die Menschenrechte aus.“ Der kollege wird an einem gymnasium mit gutem ruf, in guter gegend und mit vielleicht ganz geringer ausländerquote unterrichten. An anderen schulen, in anderen städten ist es keine seltenheit, auch in deutschland funktionelle Analphabeten zu finden.

    Was meine frage nach der grammatik bei mir bewirkt hat, ist die erneute feststellung, dass auch lehrer in keinem fall über einen kamm zuscheren sind – euer blick auf das leben ist meinem doch sehr fremd.
    Ich bin eben lehrerin und nicht germanistin und würde mich auch vor eltern nicht als frau studienrätin bezeichnen… Ich möchte meinen schülern dinge zeigen, die ihnen nur bedingt im fernsehen begegnen.(ziemlich „kleiner“ anspruch, aber wir wissen ja, wir sollen die schüler da abholen, wo…) Ich möchte ihnen zeigen, wie man über die peergruppe hinaus kommuniziert, dazu ist die normgerechte nutzung der deutschen sprache schon hilfreich….

    @herr rau: naja, ich meinte eben schon so was in richtung gehirntraining und so.
    Aber mal ehrlich, was ist denn im begrenzten bereich schule wichtiger: schulgrammatik oder Überlegungen zur generativen grammatik mehrere semester lang zu verfolgen. Aber ich stelle wahrscheinlich hier die absolute ausnahme dar – denn als ich nach der Universität im referendariat grammatik zu unterrichten hatte, da musste ich zweimal ins buch schauen, denn meine universitären überlegungen halfen mir nicht viel..

  12. Beelzebub Bruck

    Welche Chance zur Partizipation haben funktionale Analphabeten in unserer Gesellschaft? Sind die nicht benachteiligt oder unterlegen? Beseitigt man diese Tatsache, indem man sie einfach nicht benennt, oder ist das Relativieren vielleicht nicht doch eine Teilursache genau dieses Problems? Außerdem: Darf eine Gesellschaft keine Ansprüche darauf stellen, dass sich ihre Mitglieder, auch wenn sie aus anderen Kulturen stammen, gefälligst um kommunikative Kompetenz bemühen? Wo in der Welt ist das anders? Stellt eine relativistische Position, die sich gern als „interkulturell“ bezeichnet, nicht eine Missachtung der Leistung der Ausländer(mehrheit?) dar, die sich erfolgreich um kommunikative Kompetenz bemüht? Was ist daran überheblich?

    Abgesehen davon sind unsere Positionen ja gar nicht weit auseinander. Ich finde auch, dass universitäre, meist deskriptive, Grammatiken da nicht weiterhelfen, wo ein normativer Anspruch besteht.

    Nachgeschaut in Bußmann, H. Lexikon der Sprachwissenschaft, Stuttgartt 1983 (es gibt eine neuere und verbesserte Auflage): Artikel und Relativpronomen entwickelten sich beide (historisch) aus dem Demonstrativpronomen, also nur aus einer Wortart. (Vorgang der funktionalen Differenzierung, dem die Linguistik mit einem entsprechenden Fachvokabular nachfolgt?)

    Unter einem Adverb wird dort eine Wortart (!) zur semantischen Modifizierung von Verben, Adjektiven, Adverbialen und ganzen Sätzen verstanden. Weiter heißt es da, dass A. auch als Untergruppe der Partikeln verstanden werden können, da sie nicht flektierbar sind. Außerdem wird gesagt, dass A. eine sehr heterogene Gruppe mit Überschneidungen mit zahlreichen anderen Wortarten darstellen. (Könnte man das einen Vorgang der funktionalen Integration nennen, dem nach und nach immer mehr Wortarten angegliedert werden?)

  13. Ina

    Nur am Rande: Die „funktionalen Analphabeten“ an unseren Schulen stammen – anders als von Beelzebub Bruck impliziert – auch zu einem nicht geringen Anteil aus deutschen Elternhäusern.

  14. Beelzebub Bruck

    Nein, nicht von mir impliziert, sondern von Ina unterstellt. Hier sieht man mal wieder die Grenzen schriftlicher Kommunikation. Es ist leicht etwas hineinzulesen, was gar nicht dasteht.

    Kein Zweifel aber, dass Ina faktisch recht hat, die Mehrzahl der funktionalen Analphabeten dürften Deutsche sein. Für letztere müsste mindestens der gleiche Anspruch gelten und sie sind in unserer Gesellschaft ebenfalls erheblich benachteiligt. Oder um meine Formulierung von vorhin zu gebrauchen: die meisten Verfasser und Leser dieses Blogs verfügen über weit größere Partizipationschancen in unserer Gesellschaft. Macht sie das nicht den anderen überlegen?

  15. cindie

    Warum „überlegen“? Finde ich schwierig, es kam ja auch schon die Frage nach dem Ziel des Lebens…Die, und hier meine ich alle Analphabeten, sind halt ziemlich arm dran, da hilft es nicht arrogant zu sagen, sie müssten sich mal bemühen. In der „Kinderwoche“ der ARD gab es leider viele erschreckende Beispiele dafür, warum es für viele Kinder schwer sein wird, sich aus einer Enge, die auch eine geistige ist, zu befreien.

    Persönliche Frage an beelzebub Bruck: Ist Ihre mündliche Kommunikation auch von so einer Vielzahl von Fremdwörtern durchdrungen? Sicher sehr anspruchsvoll und wissenschaftlich, aber auch ein Beitrag zur Sprachpflege?(Partizipation=Teilhabe, sagt doch auch alles aus) Werden Sie von allen immer verstanden? Bitte die Frage nicht missverstehen, ich kenne halt keine Leute, die sich auf einer relativ privaten Ebene wie hier so ausdrücken.

  16. Beelzebub Bruck

    Ja, ich verwende viele Fremdwörter, wenn es um komplizierte Sachverhalte geht. Das Beispiel „überlegen“ zeigt aber auch, dass im scheinbar einfachen Ausdruck Schwierigkeiten stecken können. „Teilhabe“ statt „Partizipation“ ist wohl besser, wenn man nicht mit politischer Theorie vorbelastet ist. Ich verwende halt mal dies, mal jenes. Und so ganz privat ist die Situation hier ja auch nicht. Herr Rau und ich führen so nebenbei auch ein Fachgespräch… Wenn man dabei nicht immer von allen verstanden wird macht das gar nichts. Ich verstehe auch nicht alles, was um mich herum gesagt wird.

    Bezüglich des Vorwurfs der Arroganz oder der Überheblichkeit: Ich war mehrfach mehrere Monate zu Gast bei außereropäischen Kulturen (Cree, Navaho), die eigentlich überhaupt nicht über eine Schriftkultur verfügen, also nur mündlich tradieren. Da wird man aus einem anderen Blickwinkel höchst bescheiden. Deren soziale Kontrolle bei der Vermittlung kommunikativer Fähigkeiten und die Strafen (Sanktionen) sind allerdings wesentlich strenger (müssen es sein) als alles, was bei uns gefordert wird. „Schlechten“ Sprechern wird z.B. schlichtweg der Mund verboten, die öffentliche Rede ist ihnen also oft nicht erlaubt.

    Bei den Analphabeten würde ich auch etwas genauer hinsehen. Da gibt es die Kinder, die sich in aller Regel im Rahmen ihrer Möglichkeiten bemühen. Da gibt es die Jugendlichen, die – weil ohne Perspektive – ihre Bemühungen eingestellt haben. Da gibt es Erwachsene, die seit zehn oder zwanzig Jahren in Deutschland leben, aber aus bestimmten Gründen immer noch kein Deutsch gelernt haben. Wer da jeweils welchen Teil an Verantwortung trägt, kann man diskutieren, die Tatsache, dass die Möglichkeiten zur Teilhabe erweitert werden, wenn man nicht nur mitmachen will, sondern auch kann, belegt jeder Rollstuhlfahrer.

    Wo steht eigentlich, dass ein begründeter Anspruch und Einfühlungsvermögen (Empathie) oder Entgegenkommen einander ausschließen? Weil man die Realitäten kennt, muss man doch seine Ansprüche nicht unbedingt aufgeben, man muss lernen den Widerspruch auszuhalten.

  17. cindie

    Weil man die Realitäten kennt, muss man doch seine Ansprüche nicht unbedingt aufgeben, man muss lernen den Widerspruch auszuhalten.

    Hm, das finde ich hier nicht unbedingt schlüssig. Was nützt mir mein gymnasialer Anspruch aus Studium und Ausbildung? Wenn ich dann vor einer Hauptschulgruppe sitze? Dann kann ich aushalten und aushalten, aber weder mir noch den Schülern bringt dieses Aushalten etwas … Dem kann man entgegensetzen, dass man so nicht unterrichten könne, aber wenn man doch Lehrerin sein möchte? Und nicht nur Wissensvermittlerin?

    Ich merke gerade, dass ich vielleicht den oben genannten Satz falsch verstanden haben könnte, ach was soll`s, ich schick den Kommentar doch mal ab.

  18. Beelzebub Bruck

    Jeder Lehrer merkt doch ziemlich schnell, dass er etwas studiert hat, was dann nicht geprüft wurde, was zu einem Referendariat führt, das nichts mit Studium und Examen zu tun hat, woraufhin man eine Note verpasst bekommt, die wieder nichts mit dem Vorhergehenden zu tun hat, nur um dann in einen Beruf einzusteigen, der seinerseits wenig Berührungspunkte mit Examen, Prüfung, Referendariat, Beurteilung und dem wirklichen Leben aufweist. Widersprüche (manchmal sogar stellvertretend für die Schüler) aushalten zu können und zu müssen, scheint mir eine Grundbedingung des Berufs zu sein.

    Hallo, Herr Rau,
    hab ich dein Problem vom Anfang immer noch nicht richtig verstanden, dass du mich keiner Antwort würdigst?

  19. cindie

    Jeder Lehrer merkt doch ziemlich schnell, dass er etwas studiert hat, was dann nicht geprüft wurde, was zu einem Referendariat führt, das nichts mit Studium und Examen zu tun hat, woraufhin man eine Note verpasst bekommt, die wieder nichts mit dem Vorhergehenden zu tun hat, nur um dann in einen Beruf einzusteigen, der seinerseits wenig Berührungspunkte mit Examen, Prüfung, Referendariat, Beurteilung und dem wirklichen Leben aufweist.

    Auch auf die Gfahr hin, ausgelacht zu werden:Ich habe diese Erfahrungen nicht gemacht, zumindest, was das Referendariat angeht und die Beurteilung und das wirkliche Leben.

    Abschließend: Mein Leben ist ziemlich wirklich und die Welt des Herrn Beelzebub und meine liegen doch sehr weit auseinander, mehr als Bayern und Berlin, das heißt, eigentlich sind Bayern und Berlin eben nicht nur geografisch weit entfernt…arm aber sexy:)

  20. rip

    Wie jetzt? Bayern ist arm, aber sexy? Interessant ;-)

    Die Perpetuierung von Vorurteilen macht nicht notwendigerweise glücklich.

  21. cindie

    Ich dachte, man könne auch mal einen Witz machen, ich beziehe mich auf ein Zitat des Regierenden Bürgermeisters von Berlin-Klaus Wowereit-. Natürlich ist Berlin gemeint, welches von der ganzen Republik druchgebracht werden muss, damit dann unter anderem viele Studenten hier mal richtig einen drauf machen können.:)

    Und Männers: Ja, ihr habt alle gewonnen, ja ihr könnt mit der deutschen Sprache vortrefflich umgehen und beweist eure Germanistenqualitäten hinreichend. Ich bin stolz auf euch.

  22. Beelzebub Bruck

    Beelzebruck Büßerhaltung einnehmend, selbstbezichtigend, mit gebrochener Stimme ein Schluchzen unterdrückend: Wir sind hier alle immer so ernst …

  23. cindie

    Ne, vielleicht ja gar nicht, kommt aber so rüber, wenn man sich die Kommentare der letzten Tage und Stunden anschaut.
    Denn es ist Ihnen nicht gelungen, die eventuell von ihnen beabsichtigte Lebensfreude und Fröhlichkeit zu vermitteln.
    Kollege Beelzebub, keep cool!
    Zum Rätseln, hier ein Lebensmotto:Без кайфа нет лайфа!

  24. Beelzebub Bruck

    Ich habe gerade einen Fünftklasskorrekturmarathon hinter mir (Aufsatzart Bericht), der nicht unbedingt komisch war, einzig unterbrochen von gelegentlichen Blicken auf dieses Blog und den notwendigen warmen Mahlzeiten natürlich. Jetzt spuckt der Drucker gerade 31 halbseitige Aufsatzbemerkungen aus, das Ergebnis eines Arbeitstages. Da ist man nicht mehr so lustig. Abgesehen davon: während ich die Entfernung zwischen Berlin und Bayern als nicht so groß einschätze, besteht ein himmelweiter Unterschied zwischen dem, was da und dort als lustig gilt. Über einiges, was ich da oben geschrieben habe, dürften einige Leute ziemlich gelacht haben.

  25. Herr Rau Post author

    Hallo, Herr Rau,
    hab ich dein Problem vom Anfang immer noch nicht richtig verstanden, dass du mich keiner Antwort würdigst?

    Manche von uns haben ein echtes Leben zu führen und können nicht ständig im Internet surfen! :-)
    Tatsächlich war ich auf einem Wein-und-Käse-Seminar, und da habe ich soviel… Käse gegessen, dass ich danach Feierabend gemacht und den Computer nicht mehr angeschaltet habe.
    Außerdem ist es gut, wenn ich vor dem Kommtentieren ein wenig Pause mache und nicht gleich losschreibe. Ich melde mich wohl heute Abend wieder.

  26. Hokey

    (Bemerkenswert, diese Fitness am frühen Morgen – und das nach einem… ähm… Käse-Seminar.)

  27. Herr Rau Post author

    Verzeihung, ich hatte noch nicht auf Sommerzeit umgestellt. Soooo früh war’s also doch nicht. (Das mit der Zeit hatte ich nicht gemerkt, da meine Blogeinträge alle ohne genaue Uhrzeit laufen.)

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  29. Norbert Tholen

    Das Problem liegt z.T. zumindest darin,
    dass „Grammatik“ sinnlos gelernt wird (Kl. 5-7 am Gumminasium), wenn man sie nicht braucht,
    und dass sie nicht „gekonnt“ wird, wenn man sie brauchte, z.B. bei der Gedichtanalyse: Auflösung einer schwierigen Passage…
    Ich habe zwar mit einem Fußballvergleich (Borussia Mönchengladbach in der Nähe!) versucht, die Dreiheit „Wortart / Wortform / Funktion im Satz“ anschaulich zu machen, aber auch dieser Versuch scheiterte, wenn ich ehrlich bin. Die Modalität habe ich im Zusammenhang mit Bestimmungen der Schulordnung usw. vorgeführt – letztlich vermutlich umsonst.
    Richtig ist: Die meisten Kollegen (Deutsch) haben von Grammatik keine Ahnung und sind auf dem Stand ihrer Schulzeit – und sie sehen vor allem nicht den „Sinn“ von Grammatik, außer dass man sie können muss und prüfen kann. Ich habe im Kollegium mal versucht, die 2. Auflage des Studienbuchs Lingustik zu verkaufen (weil ich die 3. hatte): Na, das war ein Problem! Und wenn man sieht, welchen Schrott Cornelsen auf den Markt wirft… Die beste deutsche Gebrauchsgrammatik (Walter Jung: Dt. Grammatik, 10. Aufl. 1990) ist im Zug der deutschen Einheit von Duden gekauft worden und später verschwunden; wer noch eine der von Günter Starke bearbeiteten Auflagen – ca. ab 1972? – antiquarisch kaufen kann, sollte zugreifen!).
    Na, und jetzt sage ich mal ketzerisch: Wozu Grammatik, wenn man auch „Standbilder bauen“ kann – das ist doch viel netter!

  30. Cindie

    „Die beste deutsche Gebrauchsgrammatik (Walter Jung: Dt. Grammatik, 10. Aufl. 1990) ist im Zug der deutschen Einheit von Duden gekauft worden und später verschwunden; wer noch eine der von Günter Starke bearbeiteten Auflagen – ca. ab 1972? – antiquarisch kaufen kann, sollte zugreifen!).“

    Danke für den Hinweis, ich wollte eigentlich wirklich in den nächsten Tagen meine „alte“ Studienlektüre verscherbeln, dies werde ich wohl jetzt erst einmal nicht tun, sondern vielleicht doch mal wieder hinein lesen…

    Viele Grüße von der Cindie

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