Unterrichtsmaterial im Internet? und andere Fundsachen

By | 1.2.2010

1. Digitales Denken. Wie verändert uns das Internet?

Eine Themenseite in der FAZ. Interessant der Beitrag von Wolfgang Kemp mit unter anderem diesem Gedanken: die – geisteswissenschaftlich arbeitende – Generation nach uns wird das Internet nicht so gut nutzen können wie wir, die wir an Büchern und Bibibliotheken geschult wurden und dort die wichtigen Techniken üben konnten. Für uns ist das Internet eine Goldgrube.


2. Schüler-Union fordert: Unterricht muss online sein.

Aus der Pressemitteilung:

Wenn Lehrer krank sind, muss […] die Möglichkeit geschaffen werden, dass der Unterrichtsstoff der ausfallenden Stunden auf andere Weise vermittelt wird. Außerdem muss ein fehlender Schüler Gelegenheit zum Nachholen des Stoffes erhalten. Die Schüler Union Deutschlands fordert daher Online-Arbeitsplätze, zu denen Schulleitung, Lehrer und Schüler Zugang haben, so dass der Unterricht vernetzt werden kann. Dort können Unterrichtshilfen wie Arbeitsblätter, Stundenprotokolle und Klausurübungen, aber auch Organisationsstrukturen wie Stunden- und Vertretungspläne abrufbar sein.

Ein Intranet hat sich in vielen Unternehmen bewährt. […] Vor allem bei der Vorbereitung auf Abschlussprüfungen sind stets vorhandene Lernmittel nützlich. Die Schüler Union Deutschlands setzt sich dafür ein, dass jeder Lehrer verpflichtend seine Unterrichtsinhalte Online [sic] für alle Schüler zugänglich machen muss. Diese Offenlegung steigert zudem die Qualität der Unterrichtsvorbereitung bei den Lehrkräften enorm.

Ich denke, da ist was dran. Ob das realistisch ist, so etwas jetzt zu fordern, bezweifle ich, aber man muss ja auch mal was fordern, das erst später verwirklicht werden kann. Aber langfristig halte ich das für sinnvoll. Weniger deswegen, weil Schüler so die Lücken durch erkrankte Lehrer schließen könnten. Daran haben jetzt schon wenig Schüler Interesse, und ich glaube nicht, dass sich das so einfach als Fernkurs machen lässt. Aber von mir aus. Wichtiger ist mir, dass fehlende Schüler den Stoff nachholen können. Das sollen sie jetzt auch schon, aber nur wenige Schüler kümmern sich wenigstens darum, den Hefteintrag vom Nachbarn abzuschreiben. Aber es wäre tatsächlich für den Schüler einfacher, wenn Arbeitsblätter, Einträge, Materialien online wären – und vielleicht würden wir Lehrer dann das Nachholen auch mehr einfordern, als wir es jetzt tun.
Und ja, die Qualität der Unterrichtsvorbereitung würde tatsächlich erst mal steigen, denke ich. Weil mein sein Material ordentlicher aufbereitet, entdeckte Tippfehler korrigiert (so mache ich das jedenfalls immer vor dem Hochladen in den Moodle-Kurs), das ganze präsentabler macht. Früher oder später würde man dann allerdings immer wieder auf das bereits erstellte Material zurückgreifen, auch das von anderen. Das hieße, es entsteht quasi ein Moodle-Kurs pro Semester. Das kann dem Unterricht Flexibilität nehmen, muss aber nicht. Schließlich kann man ja weiterhin auswählen, welches Material man wann verwendet.

Früher oder später landet man so bei digitalen Schulbüchern, selbst zusammengestellten oder fertig gekauften. Damit können die Schüler genauso gut oder schlecht arbeiten wie mit gedruckten Büchern, nur dass sie halt auf sämtliches Material zugreifen können, und das ist beim bisherigen Unterricht, in dem der Lehrer das Buch mit vielen Arbeitsblättern und Audio- oder Videomaterial ergänzt, nicht so leicht möglich.

Bildungspolitisch hieße das vielleicht, dass der Lehrerberuf abgewertet wird. Man muss die Schüler dann ja nur vor das digitale Material setzen, den Rest schaffen sie schon alleine, so wird der Gedanke gehen, und man kann Stellen einsparen. Das ist ein Trugschluss, denke ich. Die Möglichkeit, ganz ohne Schule oder Lehrer Abitur zu machen, gibt es ja ohnehin bereits – als externer Bewerber kann man in Bayern relativ leicht an Abiturprüfungen teilnehmen, egal woher man kommt. Leicht ist es nicht, irgendeine Art von Schule steckt immer hinter der Vorbereitung.

Außerdem würde es vielleicht dazu führen, dass manche Schüler noch weniger zum Unterricht erscheinen. Ich könnte prinzipiell damit leben, wenn man Schülern der Oberstufe das Erscheinen im Unterricht oder zumindest in Teilen davon freistellt. Klar, auf anderen Stunden aufbauender Unterricht – oder Zusammenarbeit – wäre dann nur schwer möglich. Eher Vorlesung mit Tutorien. So oder so: die Klausuren müssten genauso bestanden werden. Und da befürchte ich, dass sehr viele Daheimbleiber versagen würden, und das kann sich ein Bundesland nicht leisten.

Urheberrechtliche Sicherheit hätte ich natürlich auch gerne. Im Moment bin ich mir nicht sicher, was ich alles digital online stellen darf und was nicht. Ja, auch in einem Intranet.

Chancengleichheit: Schüler ohne Internetanschluss – oder auch nur welche ohne DSL, und davon gibt es in ländlichen Gegenden noch einige – dürften nicht benachteiligt werden. Also ist das schon richtig mit dem geforderten Online-Arbeitsplätzen. Aber wie man die organisieren und finanzieren kann? Mehr Computerräume (leicht machbar), mehr Aufsichten (schwerer – aber Raum für pädagogische Hilfskräfte), mehr Wartung. Oder doch ein Laptop pro Kind? Kaum durchsetzbar.

Trotz allen Problemen: als Fernziel sinnvoll.

(Tut mir leid, etwas wirr heute. Aber wie heißt es so schön: ich hatte leider nicht die Zeit, mich kürzer zu fassen.)

15 thoughts on “Unterrichtsmaterial im Internet? und andere Fundsachen

  1. Jan

    Ich habe mit Kollegen eine solche Art Netzwerk gegründet: Wir können zu jeder Zeit den gesamten Unterricht unserer Kollegen einsehen – uns dient das als Inspiration. Für Schüler können sicher die o.g. Vorteile gelten.
    Das Projekt läuft ziemlich gut und kostet (abgesehen vom Internetzugang und Office) gar nichts: http://halbtagsblog.wordpress.com/2009/09/11/ein-anfang/
    Interessant sind solche Dinge aber wohl eher für Berufseinsteiger – nach zwanzig Berufsjahren kann ich kaum von jemandem fordern, dass er sein gesammeltes Material digitalisiert…

  2. DJH

    Ich kenne das aus dem Studium, dass man seine Inhalte „im Netz“ hat: Arbeitsblätter, Skripte usw. Das ganze in einem geschützten Bereich, auf den nur die Studenten des jeweiligen Studiengangs zugreifen können, zwecks Urheberrecht. Dazu braucht man natürlich eine Art Rechtemanagement, und dafür jemanden, der das verwaltet. An sich ist das aber super:
    1. spart das der (Hoch-)Schule jede Menge Ressourcen (Zeit, Papier, Toner für den Kopierer… -> Geld)
    2. können die Studenten/Schüler selbst entscheiden, ob sie lieber die gedruckte Fassung möchten (-> Ausdrucken) oder direkt am Laptop arbeiten (mein persönlicher Favorit)
    3. kann man sich jederzeit mit den erforderlichen Unterlagen eindecken.

    Fraglich ist aber wirklich, ob das für die Schule allgemein schon so geeignet ist – denn die Selbstverantwortung zum Lernen kann man gerade den „Kleinen“ noch nicht auftragen. Für die Oberstufe aber auf jeden Fall ein gutes Konzept – und auch eine gute Vorbereitung fürs Studium. Eine Abwertung des Lehrers sehe ich da auch nicht, ich denke, es macht keinen Unterschied, ob die Schüler aus/mit Büchern oder Online-Dokumenten arbeiten. Im Gegenteil: Der Lehrer hat dann auch die Möglichkeit, noch einfacher Schwerpunkte zu setzen, da er Herr über seine eigene Zusammenstellung ist; unabhängig von den vorhandenen Büchern und den kritischen Blicken, wenn Kollege XY schon wieder zwei Klassensätze à 3 Seiten kopiert. Auch Aktualisierungen sind einfacher und billiger handzuhaben: Insbesondere in gesellschaftspolitischen Fächern sind ja Bücher schon fast veraltet, wenn sie erscheinen.
    Ein großes Problem sehe ich in der Infrastruktur – denn darum muss sich ja jemand kümmern, und es kostet einiges an Geld, um das einzurichten (Flächendeckendes WLAN, funktionierendes Intranet, Schulungen für die Lehrer, …). Und die Akzeptanz bei allen Kollegen ist natürlich auch fraglich.

  3. StephanZ

    Zu der JU-Forderung

    Man sollte den Aufwand zum Ergebnis sehen. Ein Lehrer ist vielleicht zweimal im Jahr krank, deswegen soll er 36 -mal erhöhten Aufwand betreiben.

    Das die Sorgfalt steigt, bestätigst Du für dich selber. Aber sollte deine Sorgfalt nicht auch ohne öffentliche Kontrolle gegeben sein?

    Ist dir der Druck, dass es die Schüler sehen, nicht genug? Den Schülern hinwerfen, wenn andere draufschauen, dann glänzen?

    Stephan
    Advocatus diaboli

  4. apanat

    Manches Unterrichtsmaterial lebt vom Kontext. Den im Netz mitzuliefern, ist ein Aufwand, der schwerlich mit allem anderen inzwischen geforderten Mehraufwand zu verbinden ist.
    Aber einiges geschieht schon in dieser Richtung, vgl. 4teachers, ZUM-Wiki …

  5. Mathematiklehrer

    Wenn die Schüler dann noch seltener zum Unterricht erscheinen, wird das Erteilen von mündlichen Noten eine sehr interessante Herausforderung, zumal deren Gewichtung im G8 extrem hoch ist.

  6. apanat

    Mündliche Noten erfassen jede Mitarbeit, die nicht durch die Benotung in den Klausuren erfasst wird. Da gibt es in Internetzeiten vieles; aber die Schüler können auch vieles verpassen. Dann sollte die Notengebung leicht fallen.

  7. Herr Rau Post author

    @Stephan: Das mit der Krankheit des Lehrers sehe ich genauso, ein ganz nebensächliches Argument. Ich denke, es geht wirklich eher um Schüle, die zu Hause bleiben wollen.

    Was die Ordentlichkeit betrifft: ich bezog das wohl eher auf Tafelbilder. Die sind oft auf einen Zettel gekritzelt, der dann vielleicht noch gescannt und auf Festplatte abgelegt wird. Für Schüler würde ich das dann schon ordentlicher machen. Aber es stimmt, der Aufwand wäre enorm, für Tafelbilder sicher zu groß. Und meine Arbeitsblätter… die sind allerdings tatsächlich schon sehr sauber und präsentabel, die Sorgfalt würde bei mir also gar nicht wirklich steigen. Aber vielleicht bei anderen.

  8. Beelzebub Bruck

    Gab es da mal nicht das didaktisch-methodische Dreieck (Wissen, Methode, Person)? Ist dieses Modell nicht mehr sinnnvoll, weil jetzt der Computer am Netz die universelle Lernmaschine sein soll? Wird hier nicht dauernd die eigene digitale Kompetenz mit der der Schüler verwechselt? (Siehe ersten Teil des Beitrags, den ich woanders auch schon gelesen habe) Mir kommt dieser ganze Internetbildungsmessianismus mit seinen digitalen Arbeitsblättern vor wie die Euphorie einer studentischen Hilfskraft, die den unbegrenzten Zugang zum Institutskopierer mit dem Lesen der Texte verwechselt, die eigentlich studiert werden sollten. Wer einen Eckpunkt des Dreiecks (Wissen) mittels Internet in die Unendlichkeit verlegt, erzeugt für den Betrachter kein dreieckiges Lernfeld, sondern einen Strich unter dem nichts mehr herauskommt. Statt dass die Schülern lernen, wie man in einer Bibliothek recherchiert, wird jeder Unsinn aus dem Netz für die nächste Wissensrevolution gehalten. Im Endergebnis können die meisten Schüler weder ordentlich im Netz recherchieren noch in einer Bibliothek.
    Für diesen Mist soll man laut JU, bekanntlich immer schon ein Hort revolutionären Denkens mit ausgewiesener Expertise in Bildungsfragen, seine eigenen Materialien verschenken? Nur im freien Wettbewerb: ein von mir entworfenes Arbeitsblatt kostet 5 Euro (pro Download!). Nette Kollegen und Schüler bekommen es umsonst, wenn ich ihnen persönlich begegnen sollte, selbst wenn sie zur Jungen und Schüler-Union gehören sollten.

  9. Fontanefan

    Bravo B. Bruck für das anschauliche Bild! Ich habe mir gestattet, es in meinem Blog zu zitieren (http://fontanefan.blogspot.com/2010/02/lernen-ubers-internet.html).
    Doch Kooperation von Lehrers übers Internet halte ich für eine wichtige und fruchtbare Sache. Und wenn eigenes Arbeitsmaterial fremden Unterricht befruchten sollte, würde mich das nicht stören.
    Freilich, Lehrer dazu zu verpflichten, neben ihrem eigenen Unterricht auch noch Lehrbuchtexte für sämtliche Klassen derselben Jahrgangsstufe auszuarbeiten und mit den entsprechenden kontextunabhängigen Aufgabenstellungen zu versehen, das kann nur Personen einfallen, die von Lernsituationen nur wenig begriffen haben.

  10. Peter

    Erstens:

    Ich finde das Modell an sich sinnvoll, eine Mindeststundenanzahl an Präsenz finde ich aber trotzdem erforderlich. Welcher Lehrer macht schon seine Arbeitsmaterialien so, dass sie auch ohne Lehrer bearbeitet werden können? Beispiel Sozialkunde: Eine Karikatur zum Einstieg, ein Text (z.B. aus der SZ), ein Tafelbild. Da müsste ich ja ein vielfaches an Arbeit aufwenden, um alle meine im Unterricht gestellten Fragen, Erläuterungen, Ergänzungen auch noch schriftlich zu erstellen. Kurzum, aus der Karikatur, dem Zeitungsartikel und dem Tafelbild würden dann auf einmal die 3 genannten Dinge plus eine „Anleitung“, die pro Unterrichtsstunde wohl so 2 DIN-A4 Seiten umfassen dürfte.
    Trotzdem fände ich das mit dem „Online-Stellen“ extrem gut, so dass erkrankte Schüler eben nix mehr abschreiben oder kopieren müssen (heutzutage Zeitverschwendung), sondern eben nur noch mit Klassenkameraden sprechen müssen.

    Zweitens:

    Nach meinem Wissensstand ist das wegen dem tollen unterrichtsbehindernden Urheberrrecht völlig unmöglich. Eine Karikatur aus der SZ einscannen, auf die richtige Größe bringen und auf eine Folie drucken? Kein Problem. Die gescannte Bilddatei in ein Netzwerk stellen? UNMÖGLICH! (das alles gilt meines Wissens in Bayern für sämtliche nicht vom Lehrer selbst erstellte Materialien). Sämtliche Verlage finden eben, dass ihr Material in Netzwerken nix zu suchen hat, und somit werden wir in Schulen die Vorteile von Netzwerken eben auch nicht nutzen können, Schule verbleibt bis auf unbestimmte Zeit dank Urheberrrecht im analogen Zeitalter. An unserer Schule beispielsweise gab es vor ein paar Jahren eine Rüge vom MB, weil Material wie Cartoons im schulinternen INTRANET war. Pragmatische Lösung der Fachschaft: Alles auf eine USB-Platte, alles bestens. Fazit: Solange es für Schulen kein gesondertes Urheberrecht gibt, wird sich an der Verbreitung von Materialien in Intranets und erst recht im Internet GAR NIX ändern, auch wenn 50 Jahre vergehen sollten.

    Nachdem Lehrer aus didaktischen, Fähigkeits- und auch Zeitgründen auch immer auf fremdes Material zugreifen MÜSSEN (Sozialkundeunterricht mit vom Lehrer selbst gezeichneter Karikatur? (kann ich nicht), mit selbst geschriebenem Zeitungsartikel? (will ich nicht, es sollen doch ’normale‘ Artikel aus der echten Welt gelesen werden)), bleibt der Wunsch (auch meiner Schüler) nach downloadbarem Unterricht auf absehbare Zeit Illusion.

    Endfazit: Ich will, dass Schule (abgesehen von Material, dass speziell von Verlagen nur für den Schulbereich erstellt wurde) komplett von der Bremse Urheberrecht befreit wird!!!

  11. Estara

    Hah, jetzt wollt ich dir dieses Video grad irgendwo in die Kommentare einbetten und da ist doch gleich ein passender Post dazu:

    Africanische Muster und Gesellschaftsstrukturen und Glauben, die auf Fraktalen basieren – übrigens auch mit einem Hinweis auf eine Website wo man mit Kindern Applets bearbeiten kann, die ihnen Fraktale und deren Mathematik näher bringen. Wieder mal ein TED-Vortrag (von Ron Eglash), total interessant:

  12. Herr Rau Post author

    Danke für das schöne Bild, Beelzebub. Und Peter: ja, soweit ich weiß, ist das mit dem Urheberrecht so, und damit wird das Arbeiten schwer möglich. Aber ich blicke inzwischen nicht mehr durch bei den vielen Regelungen. Früher ging eine digitale Kopie jedenfalls gar nicht.

    Estara, danke für den Link. (Aber den Zusammenhang sehe ich gerade nicht. Muss aber auch nicht sein. Außer das TED immer wieder schönes Online-Material liefert.)

  13. Estara

    Ich hab den Titel falsch gelesen: Unterrichtsmaterial AUS dem Internet – weil Eglash die Applets erwähnt mit denen seine Mathe IT Schüler an diesen Fraktalen arbeiten, wenn ich das richtig verstanden habe – der Teil war ja sehr kurz.

  14. Pingback: Learning via Web – Lernen und Lehren im Netz - Unterricht muss Online sein? Hoffnung und Skepsis auf Lehrerblogs

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