Li’l Elder Williams

Wenn man an Comics denkt, denkt man an Zeichnungen. Es geht aber auch ohne.

Viele kennen vielleicht die Simpson-Episode, in der Bart an ein Funkgerät kommt, das in einen alten Brunnenschacht fällt. Passanten hören die Stimme Barts aus dem Brunnen, und Bart tut so, als wäre er ein Junge, der in den Brunnen gefallen ist, worauf sich eine große Hilfsaktion entwickelt.
Das Kind, das in den Brunnen fällt, ist ein alter amerikanischer Topos, glaube ich.

Shane Simmons ist ein kanadischer Autor von, unter anderem, Comics. Ich habe schon über seine Longshot Comics geschrieben. Er hat sich in Li’l Elder Williams des Kindes im Brunnen angenommen. Auf der Titelseite des nur etwa postkartengroßen Heftchens sieht man gerade noch, wie Li’l Elder Williams mit einem “Whoops!” in den Brunnen fällt; darauf folgen 16 kurze Geschichten über das Kind am Boden des Brunnenschachts. Jede Geschichte besteht aus einer Titelzeile (mit jeweils einem wechselnden Ausspruch des Knaben) und aus neun einzelnen, jeweils gleich angeordneten Panels: Alles ist schwarz, man sieht nur weit oben das Ende des Brunnens, und unten die im Dunkeln leuchtenden Augen des Jungen, dazu die Sprechblasen. Anders gesagt, das Comic enthält keine Zeichnungen. Aber die braucht es auch gar nicht. Hier ein Beispiel:

Shane Simmons verzichtet bei Li’l Elder Williams auf bestimmte Elemente der Comic-Sprache: Auf Zeichnungen, aber auch auf Anzahl, Form, Anordnung und Rahmenform der einzelnen Panels. Man sollte meinen, es bliebe nicht genug übrig, um noch ein interessantes Comic produzieren zu können. Stattdessen sieht man aber deutlicher, welche anderen Elemente der Comicsprache es noch gibt: der Text natürlich, aber auch die Form der Sprechblasen (1. Panel), die geschlossenen Augen des Jungen durch einfaches Weglassen (1. Panel), Soundwörter und wie sie geschrieben sind (7. Panel). In anderen Episoden wird der regelmäßige Takt durch die regelmäßige Anordnung der Panels deutlich; einzelne Panels ohne Sprechblasen markieren Pausen.

Li’l Elder Williams kann man neben anderen Minicomics für einen Dollar kaufen bei Shane Simmons.

Sobald mir etwas einfällt, wie ich diese Idee klauen kann, will ich solche Comics auch mal mit Schülern entwerfen. Wo ist es denn noch so dunkel, dass man fast nichts sieht? Oder so hell, dass alles weiß ist? Nachts ist es überall dunkel, okay. Aber ein weiterer Vorteil des Brunnenschachts ist, dass die Form der Panels auch der Form, der Enge des Brunnenschachts entspricht. Bei einer Serie “Nachts auf dem Schulgelände” wären die Grenzen der Panels willkürlicher gesetzt. Außerdem enthält die Idee mit dem Brunnen natürlich – siehe Simpson-Episode – auch ein dramatisches Moment, mit dem man arbeiten kann. Statt Brunnenschacht vielleicht Gespräche in einem Aufzug, die Sprechblasen durch die geschlossene Aufzugtür gehört? Aber Sprechblasen vor einer gezeichneten Tür sind etwas schwieriger zu positionieren als Sprechblasen vor schwarzer Fläche.
Vielleicht fällt mir ja noch etwas ein.

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