Georges Perec, A Void

Das Buch, das ich kürzlich zurück in das Schrankfach tat, ist im Original französisch und trägt dort als Inschrift “La Disparation”. Die Fassung Das Buch aus London hat aber dafür “A Void” vorn am Umschlag. Und darum rankt sich manch’ Arkanum. Und zwar nämlich:
(Das ist anstrengend. Ich geb’s auf! Weiter ganz normal.)

Ich mag Kuriositäten, und als Kuriosität ist mir dieses Buch begegnet: La Disparation von Georges Perec. Gelesen habe ich es in der englischen Übersetzung A Void von Gilbert Adair. Der gesamte Text des Buches enthält kein einziges Mal den Buchstaben “e” – den häufigstenBuchstaben im Französischen, Englischen und Deutschen.

Das ist gar nicht so einfach. Kein “he”, kein “she”, kein “yes”, kein “when”, kein “the”; keine past-tense-Formen wie “looked, asked, wanted”. Da ich nicht mehr viel Französisch kann, habe ich die englische Version des Buches gelesen, und meine Beispiele stammen daraus. Die deutsche Ausgabe besitze ich ebenfalls, Anton Voyls Fortgang, übersetzt von Eugen Helmlé. Im Gegensatz zur englischen Version ist die deutsche Ausgabe mühsam zu lesen (wofür der geniale Übersetzer nichts kann), da der Verzicht auf den Buchstaben im Deutschen zu Notbehelfen und uneleganten Konstruktionen führt.
Anderes erlaubt die englische Sprache. Das Lesen fühlt sich anders an als gewohntes Lesen, ist aber nicht beschwerlich. Ich musste nach manchen Absätzen, in denen es um “sleep” oder “police” ging, anhalten und mich fragen, wie es dem Autor beziehungsweise dem Übersetzer gelungen war, mir diese Inhalte zu vermitteln, ohne die Wörter verwendet zu haben.

Zu meiner Überraschung ist das Buch dann sogar spannend. Anton Vowl, die Hauptperson am Anfang, leidet unter Schlaflosigkeit und Visionen. Er fühlt eine Leere, eine Lücke, weiß aber nicht, was ihm fehlt. Er träumt von Bücherregalen mit 25 Bänden, nummeriert von 1 bis 26. Niemand sonst scheint zu bemerken, dass irgend etwas fehlt in der Welt. Und plötzlich verschwindet Vowl. Sein Freund Amaury Conson sucht nach ihm und stößt auf eine Verschwörung. Geheimdienste verschiedener Nationen scheinen beteiligt zu sein, der Kreis der Eingeweihten wächst – und schrumpft dann schließlich wieder, als Todesfall sich an Todesfall reiht. Die Geschichte ist eine hanebüchene Räuberpistole, nimmt halsbrecherische Wendungen, eine Reihung exotischer Schauplätze. Einige Personen scheinen sich klar darüber zu sein, dass ein Verhängnis über ihnen liegt: Aber was genau es ist, können sie nicht in Worte fassen:

This is what I think. Within a Logos, in its marrow, so to say, lurks a domain that for us is off-limits, a zonal injunction that nobody can broach and to which no suspicion can attach: a Void, a Blank, a missing sign prohibiting us on a daily basis fromt alking from talking, from writing, from using words with any thrust or point, mixing up our diction and abolishing our capacity for rigorous vocal articulation in favor of a gurgling mumbo jumbo. (Kapitel 11, ähnlich Anfang Kapitel 14 und 20)

Bei aller Unterhaltsamkeit: Das Buch ist nur für geübte Leser.
Im Nachwort erklärt Perec (immer noch ohne e’s) seine Vorstellungen und Erfahrungen beim Schreiben. Er beschreibt sein Vergnügen an Reihungen, am Zitieren, am Spielen. “Constrained writing” heißt das Prinzip, nach dem man sich beim Schreiben eines Textes zusätzliche Bedingugnen auferlegt, die man einhalten muss. Derlei constraints gibt es viele.

Ein besonderes Vergnügen ist Kapitel 10. Es enthält sechs Gedichte, und zwar Neufassungen bekannter Gedichte, die versuchen, sich möglichst nah am Original zu halten, ohne dabei natürlich den Buchstaben e zu verwenden.
In der englischen Fassung ist das etwa der Hamlet-Monolog, beginnend: “Living, or not living: that is what I ask: / If ‘tis a stamp of honour to submit / To slings and arrows waft’d us by ill winds, / Or brandish arms against a flood of affliction…”
Ozymandias: “I know a pilgrim from a distant land / Who said: Two vast and sawn-off limbs of quartz / Stand on an arid plain…”
Dazu etwas Milton, Hood, Rimbaud im französischen Original, und als Meisterstück: “Black Bird”, alle 18 Strophen:

‘Twas upon a midnight tristful I sat poring, wan and wistful,
Through many a quaint and curious list full of my consorts slain -
I sat nodding, almost napping, till I caught a sound of tapping…

Poe selber hat “The Raven” nach strengen selbst gegebenen constraints geschrieben. (Und einen ähnlich mathematisch strengen Ansatz vertritt er auch in seiner Poetik.) Letztlich sind Vers- und Strophenformen ja auch solche constraints. “The Raven” scheint aber so etwas wie ein besonderer Prüfstein für Wortbastler zu sein. Vor einiger Zeit habe ich ja mal über The Anagrammed Bible geschrieben. Auf der Homepage des Autors gibt es eine Version des Gedichts, das die Zahl pi als Grundlage des constraint hat, und außerdem eine Anagramm-Fassung des Originals. Daneben gibt es dort eine Anagramm-Version eines anderen Poe-Gedichts (“To Helen”), die auf vertrackte Weise ein Foto von Poe in digitaler Form kodiert. Selber lesen zum besseren Verstehen.

(Eine ähnliche Leistung wie “Black Bird” ist in der deutschen Übersetzung von La Disparation nicht enthalten. Die Gedichte dort scheinen direkte Entsprechungen des französischen Originals zu sein.)

Zuletzt und der Vollständigkeit halber: Mit den ungebrauchten Buchstaben “e” schrieb Perec den Kurzroman Les Revenentes (dt. Dee Weedergänger). Darin ist das e das einzige Vokalzeichen, es tauchen also keine aiou auf. Das geht nur mit Tricks.)

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