Jahrgangsstufentests 2007/08

Diese Woche fanden bayernweit die Jahrgangsstufentest in Deutsch, Englisch und Mathematik in verschiedenen Jahrgangsstufen von 6 bis 10 statt. (Ich habe schon mal darüber geschrieben.)
Diese Tests werden zentral gestellt, die Musterlösung wird vorgegeben, man hat kaum Spielraum bei der Korrektur. Auch die Punkteskala ist vorgegeben, also die Skala, die angibt, mit welcher Punktzahl man noch die Note 1 oder noch die Note 3 oder 5 kriegt.

Das hat den Vorteil, dass die Tests bayernweit vergleichbar werden. Der Nachteil ist, dass man Defizite bei den Tests selber nicht ausgleichen kann: Manchmal fallen sie nämlich schwer aus, manchmal leicht, manchmal kommen gute Noten heraus, manchmal schlechte, und nicht immer sind es die Noten, die die Schüler verdienen. (Glaubt man zumindest.)

Im Saarland gibt es ähnliche Tests, und weil es da wohl so viele Pannen gab (Mathe ist zu schlecht ausgefallen), finden sie nächstes Jahr ohne Benotung statt.

Der Vorsitzende der Landeselternvertretung der Gymnasien Joachim Klesen sagt dazu: “Wir haben bereits bei der Einführung der Vergleichsarbeiten darauf hingewiesen, dass durch die Benotung in erster Linie nicht die Leistung der Schule sondern die Leistung der Kinder abgeprüft wird, was aber nicht Sinn der Sache ist.” (Quelle)

Hm. “Durch die Vergleichsarbeiten soll Qualität von Schule bewertet werden und nicht die individuelle Leistungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler. Die Schulen sollen dadurch besser Defizite und Schwachstellen aufdecken können. Sinn ist es festzustellen, wie es im Einzelfall zu dem Ergebnis der Vergleichsarbeiten vor Ort gekommen ist. Die Stärken und Schwächen der Schulen müssen genau analysiert werden. Nur dann machen weitere Vergleichsarbeiten Sinn.”

So deutlich habe ich diese Meinung in Bayern noch nicht gehört. Ich dachte tatsächlich immer, die Schülerleistungen würden geprüft. Und gleichzeitig, ja, auch die Schulen, um sie vergleichen zu können und tatsächliche Mängel aufzudecken.
Wenn nicht die Schüler geprüft werden, wieso sollten sie sich dann überhaupt anstrengen? Dazu müsste von Schülern und Eltern Leistung und Lernen auch ohne unmittelbare Belohnung geschätzt werden. Es stimmt allerdings, dass in Bayern die Benotung erst dann eingeführt wurde, als der Test ohne sie zu schlechte Ergebnisse gebracht hatte.

26 Antworten auf „Jahrgangsstufentests 2007/08“

  1. Der Jahrgangsstufentest in Englisch war dieses Jahr sogar zu schaffen. Der Text war nicht so dämlich wie der im letzten Jahr. Im Moment mache ich Blockpraktikum an einem Gymnasium und habe das ganze hautnah miterlebt. Die strenge, vorgegebene Bewertung der Tests fällt in manchen Fällen sehr ärgerlich aus. Die Lehrer haben absolut gar keinen Spielraum. Da dieses mal kein Text verfasst werden musste, lag der Spielraum bei Null. Sechs Schüler sind mit einem Punkt an der heißbehgehrten Eins vorbeigerauscht. So ist das leider. Mir taten die Schüler ein wenig leid, denn es waren teilweise echt fiese Fallen bei der Grammatik dabei. Auch ich bin hineingetappst.

    Einen vergleich der Schulen finde ich an sich aber nicht schlecht.

  2. Eines der tiefsten Geheimnisse dieser Tests ist, warum die Verfasser solcher Tests offenbar eine Fetzengaudi damit haben, die Aufgabentypen so zu wählen, dass die Schüler (und die Lehrer) sich vera‑, pardon, auf den Arm genommen fühlen müssen.
    Standardaufgaben waren in Englisch jahrelang das Hörverstehen und die Textproduktion. Ist ja auch sinnvoll, gehört zum Grundwissen, sollte jeder Schüler üben und beherrschen. Was war nun diesmal überhaupt nicht dabei? Hörverstehen und Textproduktion.
    Standardaufgaben in Deutsch waren jahrelang das Bestimmen von Wortarten und Satzgliedern. Ist ja auch sinnvoll, gehört zum Grundwissen, sollte jeder Schüler üben und beherrschen. Was war diesmal überhaupt nicht dabei? – Der eifrige Leser kann’s erraten.
    Dafür durften die Sechstklässler sich mit einem Text aus dem 19. Jahrhundert vergnügen, durften Sätze und Wörter paraphrasieren, deren Bedeutung ihnen zum Teil nur schleierhaft bekannt war. Was damit überprüft und bewiesen werden soll, das weiß nur das ISB allein.

    Ein besonders pikanter Aspekt in dieser Frage ist die Öffentlichkeit dieser Tests. Als die bayernweiten Jahrgangsstufentests eingeführt wurden, bekam man allerorten versichert, dass die Ergebnisse nur und bloß zur internen Verwendung seien, man werde sich hüten, Schulen gegeneinander auszuspielen. – Doch was vollzieht sich vor dem staunenden Auge? Jede Regionalzeitung wird von stolzbrustgeschwellten Schulleitern mit Infos gefüttert, falls die eigene Schule ein Ergebnis unter den obersten 25 Prozent erzielt hat. Jubel! Unterrichtserfolg! Tolle, tolle Schule!
    Das allein ginge ja noch an. Aber was geschieht nun? Fachbetreuer und nicht zuletzt Fachlehrer bekommen von den Schulleitern, die in den unteren 75 Prozent gelandet sind, ordentlich was zu hören: “Wie? Kann es sein, dass unsere Schüler soviel schlechter sind? Das würde ja bedeuten, dass unser Unterricht schlechter ist?! Das kann nicht sein, und das darf nicht sein!”
    Was geschieht nun? Die Fachbetreuer oder Fachlehrer werden beim Jahrgangsstufentest des folgenden Jahres vielleicht schon mal einen Tag (oder eine Woche) früher in den Umschlag sehen … und vielleicht (man will den lieben Schülern (und sich selbst) ja nur Gutes tun) schon mal die eine oder andere Bemerkung fallen lassen über den Inhalt des Tests, vielleicht auch mal die eine oder andere Unterrichtsstunde darüber halten … und schon – wer hätte es gedacht! – ist die eigene Schule auch mal unter den obersten 25 Prozent! Jubel!
    etc. pp.
    Wir kommen uns an unserer eigenen Schule ziemlich seltsam vor, wenn wir von manchen anderen Schulen hören, wie der Test und die Tage davor verlaufen.

    Wie es dazu kommt, und warum das beim Abitur anders ist? Beim Abitur werden die Aufgaben in ausreichender Stückzahl in versiegelten Umschlägen geliefert, und erst am Morgen der Prüfung eröffnet der Schulleiter in Anwesenheit der Kursleiter die Umschläge.
    Bei den Jahrgangsstufentests wird gespart. Da bekommt jede Schule nur ein einziges Exemplar – und die Schulen müssen selbst (und auf eigene Kosten natürlich) hunderte von Kopien anfertigen.

    Im Prinzip, ganz grundsätzlich, finde ich bayernweite Vergleichstests nicht schlecht. Aber wie es momentan läuft, erkenne ich nicht, wofür sie gut sein sollen.

  3. In der Schule des Herrn Rau werden die Tests erst am Tag vor der Prüfung von einem (!) Fachbetreuer geöffnet, der die Klassen in diesem Jahr zum Beispiel gar nicht unterrichtet und erst in den letzten Unterrichtsstunden des Tages beginnt die Kopiererei. Ein größerer Vorlauf oder eine gezielte Aufgabenvorbereitung (mit “Hintergrundwissen” der Lehrer) findet nicht statt. Umso ärgerlicher sind dann die jeweils neuesten Eier, die da gelegt werden. In diesem Jahr dürfte der Deutschtest für die 8. Jahrgangsstufe den Oscar in den Kategorien “thematische Zusammenhangslosigkeit”, “Guinea-Pig-Faktor” und außerfachliche In-Kompetenz bekommen. (Nur weil jeder über den Klimawandel redet, heißt das doch nicht, dass jeder etwas davon versteht, aber das hat sich anscheinend bei Deutsch-Test-Entwicklern noch nicht ‘rumgesprochen.)
    Kollege R. gibt zu bedenken, dass die objektive Erschwernis möglicherweise das Ziel einer breiteren Noten-Streuung verfolgt. Tatsächlich hatten die bisherigen Tests eine Macke: sie nivellierten die Ergebnisse mit wenigen Ausnahmen im Notenspektrum auf Noten zwischen 2 und 4. Vermutlich verschiebt sich aber mit diesen Verfahren lediglich das Gesamtbild Richtung Note 4 und Note 1 (bzw. auch 6) kommen wieder nicht vor.

  4. Ich bin Fachbetreuer für das Fach Englisch und kopiere “meine” Tests am Nachmittag, um das Kopiergerät für die Kollegen am Vormittag nicht zu blockieren. Ich hatte in diesem Jahr ebenfalls keine der zu testenden Klassen selbst im Unterricht.
    Bis man jeweils zwischen 75 und 90 Sätze (bei drei Parallelklassen) à fünf bis sechs Blätter kopiert und anschließend zusammengeheftet hat, vergehen locker zwei bis drei Stunden. Das möchte ich nicht erst am Tag vorher machen, das Risiko, dass plötzlich der Kopierer kaputtgeht, ist mir zu groß.
    Dass an Eurer Schule alles klappt mit der Geheimhaltung, finde ich tröstlich. Leider scheint das nicht überall so zu sein.

  5. Ich nehme an, man hat beim Englischtest die Textproduktion rausgenommen, um 100%ig vergleichbare Ergebnisse zu bekommen und den Faktor “Lehrer A bewertet anders als Lehrer B” auszuschalten. An sich nachvollziehbar – und so richtig blöde war der Test ja nicht, z.B. im Vergleich mit Listening-Comprehension-on-Speed 2004 und Ähnlichem.

  6. Bei uns kopiert das Sekretariat die Blätter, und das nicht erst am Tag zuvor, sondern in der Woche zuvor. Laut ihrem Verband gehört das auch zu ihrem Aufgabenbereich. Deren Ablauf bringt die Kopieraktion natürlich auch durcheinander.

    Ich habe mich inzwischen damit angefreundet, dass die Lehrkräfte die Tests erst wenige Minuten vor der Prüfung kriegen. Wenn’s sein muss. Dass die Fachbetreuer den Test aber auch erst einen Tag vorher kriegen, halte ich für dämlich. Wenn die Schulleitung den Fachbetreuern nicht traut, hätte sie sie nicht einsetzen sollen. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das bei uns reflektiertes Handeln ist oder ein Automatismus, weil’s halt immer so war. Jedenfalls: Wenn die Fachbetreuer die Tests auf Fehler durchsehen sollen, was durchaus nötig sein kann, und die anderen Lehrer über Sonderregelungen informieren sollen, dann müssen die das früher zu sehen kriegen.

    Vielleicht sollte ich an dieser Stelle, verborgen in den Kommentaren, anmerken, dass ich (wenn nichts Unerwartetes geschieht) ab dem nächsten Durchgang bei dem Team dabei bin, das die Englischtests entwirft. Ich werde bloggen darüber, soviel ich kann, aber viel wird es vielleicht nicht sein. :-)
    Insofern setzt bei mir gleich vorauseilend die Verteidigungsreaktion ein…
    Auf fehlende Textproduktion kann ich tatsächlich bei einem Test von vielen anderen das Jahr über verzichten. Zugegeben: Ich kann mich an legendär schlechte Hörverstehensübungen erinnern.

    Für Englisch gibt es am ISB zumindest ein pdf-Dokument mit Beispielen zu möglichen Aufgabenformen; Deutsch ist da weniger großzügig.

  7. Herr Rau,

    Gratulation zu diesen höhren Weihen!
    Dann können wir ja versuchen, Sie über das Blog zu infiltrieren…

  8. @Herr Rau:
    Ah, sehr schön :-) Dann schick ich dir schon mal meinen Protestbrief, den ich 2005 ans ISB geschickt hab (per PM).
    Inwieweit du da durch Vorgaben gebunden bist, wirst du jetzt wohl auch noch nicht wissen.
    Zur Frage der Verzichtbereitschaft: Natürlich können wir alle auf schlechte Hörverstehensaufgaben verzichten, und auch um die Korrektur der Textproduktion reißt sich niemand. Aber wenn die Alternative ist, Buchstabenratespiele zu korrigieren, dann *bitte* lieber wieder Textproduktion.
    Und, bitte: FALLS die Frage der Orientierung an lebensnaher Sprachverwendung eine Rolle spielen sollte: Dann ist mir die gute alte Übersetzung (auch wenn sie “Mediation” heißen sollte) immer noch zehnmal lieber als ein “C‑Test”.

  9. kannst du mir bitte helfen ????
    Denn unser lehrer auf dem gymi will so in der art wei ein jahrgangstufentest test schreiben und ich möchte den von letzten jahr vom anfang der 6. den jahrgangsstufentest Üben aber ich weiß mnicht wo den mer runterladen kann helf mir !!!!!!!!

  10. Ich selbst bin Schüler und morgen erwartet mich der Jahrgangsstufentest der 10. Klassen bayrischer Gymnasien im Fach Mathematik. Wie Melanie schon gesagt hat, war der Test für die 10. Klassen in Englisch wirklich zu schaffen.
    Hörverstehen und sonst Multiple Choice.
    Dem Mathematiktest hingegen blicke ich eher skeptisch entgegen.
    Wir haben seit der ersten Mathematikstunde diesen Jahres nichts mehr anderes getan als den prüfungsrelevanten Unterrichtsstoff der letzten Jahre zu wiederholen und die Jahrgangsstufentests der letzten Jahre zu lösen. Das Niveau dieser Tests scheint mir ein ganz anderes zu sein, als das der Englischtests.
    Eine zweite Sache, die mir Bauchschmerzen beschert ist, dass dieser Test aufgrund der schlechten Ergebnisse der letzten Jahre nicht mehr nur so gewertet werden soll wie eine Extemporale, nein, unsere Schulleiterin und die Fachschaft Mathematik haben sich darauf geeinigt, den Test zu werten wie eine Schulaufgabe. Ist die Aufgabe dieser Tests nicht zu prüfen, ob die Schüler den Stoff der letzten Jahre beherrschen? Verfälscht ein solches Verhalten nicht die Ergebnisse solcher Tests?
    Steht es den Schulen wirklich frei, die Tests so zu gewichten, wie sie möchten?
    Muss man einen solchen Test wirklich nachschreiben, wenn man krank ist?

    Ich entschuldige mich für diese Flut von Fragen und freue mich auf Antworten.

  11. Wow, noch ein Test mehr. Ich habe mal eine Arbeit geschrieben, in der es um Tests und Noten ging (Amerika). Ein Mädchen (um die 10 Jahre) lies während den Frühstück ihren Kopf in die Cornflakes fallen und konnte nicht mehr aufhören zu weinen. Sie war vom vielen testen total am Ende.
    Wahrscheinlich führt das über kurz oder lang zu einer Art Schulranking, und das zu Fluchtbewegungen, diese zu Ghetto-Bildung (usw).

  12. @1000Sunny: Solche Einzelberichte sind halt nicht sehr aussagekräftig. Vielleicht hat in Amerika mal ein Mädchen geweint, und das war schlimm für das Mädchen – aber was sollte man daraus folgern können?
    Dass zuviel getestet wird, das sehe ich eher. Aber ich würde da viel lieber die schulinternen Tests reduzieren.

    @bonaparte: Fragen beantworte ich immer gerne.

    >Ist die Aufgabe dieser Tests nicht zu prüfen, ob die Schüler den Stoff der letzten Jahre beherrschen?

    Ja. Aber auch zu benoten. (Das ist etwas anderes als überprüfen.) Und viele andere Aufgaben, teilweise widersprüchliche: zum Beispiel die, neue Aufgabenformen unter die Lehrer zu bringen.

    >Verfälscht ein solches Verhalten nicht die Ergebnisse solcher Tests?

    Vermutlich. Deswegen finden die Tests ja so früh im Schuljahr statt, dass nicht so viel geübt wird. Wird aber doch. Bei Mathe kenne ich mich nicht aus; bei Deutsch kann vermutlich punktuell geübt werden – bei den Satzgliedern?; bei Englisch kenne ich mich am besten aus – aber ich glaube nicht, dass da kurzfristiges Üben viel hilft.
    Schüler sollten allerding schon wissen, dass man Aufgabenstellungen gründlich liest – und das muss man tatsächlich üben.

    >Steht es den Schulen wirklich frei, die Tests so zu gewichten, wie sie möchten?

    Sie haben zur Zeit nur die Wahl zwischen kleiner Note (Ex) oder 1/2 große Note (Schulaufgabe, zusammen mit einem zweiten, meist hausinternen Test später im Jahr). Dieses Jahr konnte in der 8. Klasse, also bei D und M, entschieden werden, ganz auf den Test zu verzichten, da im März ja noch einmal getestet wird.

    >Muss man einen solchen Test wirklich nachschreiben, wenn man krank ist?

    Ja. Das kann allerdings auch in Form einer mündlichen Prüfung geschehen: ganz sicher in E, wohl auch in D, vielleicht auch in M. (Wie sinnvoll das in M ist, kann ich nicht beurteilen.)

  13. Ich habe diese herausgenommen, weil ich mich noch besonders gut an sie erinnerte. Allerdings habe ich auch ein bisschen die “Einzelfall-Antwort” provozieren wollen. Also es sind echt viele. In Amerika gibt es ein neues Programm (mittlerweile nicht mehr so neu), das heißt “No child behind”. Darunter leiden die Kinder sehr stark, weil den Schulen Mittel entzogen werden, falls sie nicht bestimmte Kriterien erfüllen.
    Ein bisschen Schade finde ich immer diese Einzelfall-Argumentation, weil sie zeigt, dass wir doch komplett vergessen haben, was hinter dem einzelnen Menschen steckt. Und wir Leid und Unrecht erst feststellen, sobald es sich demoskopisch erfassen lässt. Als Minderheit würde mir ein bisschen Angst und Bange werden. Denn anscheinend muss man heutzutage nur unter eine willkürlich festgelegte kritische Masse rutschen.
    Ich hätte mit diesem einen Mädchen Mitleid, und ich würde mich fragen: “Wenn es einem Mädchen so geht – und von diesem einen Mädchen habe ich erfahren – Wie viele gibt es dann da draußen noch, von denen wir nie erfahren?”

  14. Ich bringe meinen Schülern beim Erörtern bei, was sachliche Argumentationstechniken sind und was nicht. Sie lernen den straw man als nicht sachlich erkennen, ebenso die slippery slope, den mashed potato und schließlich auch anecdotal evidence. Diese Einzelfälle sind nicht aussagekräftig bei kleinen Mädchen, nicht bei Homöpathie (“aber meinem Onkel haben sie auch geholfen”), nicht im Schüleraufsatz, wo Schüler gerne als Argument heranziehen: Aber meiner Tante haben sie auch mal im Urlaub das Auto gestohlen.

    Nachtrag, weil vergessen: “No child left behind” ist tatsächlich ein Misserfolg. Aber ein Schulranking muss ja nicht gleich so aussehen wie dieses Projekt. Aber bitte, mein Herz hängt nicht daran.

  15. Die meisten von uns wissen ja auch, was sachliche Argumentationstechniken sind – vielleicht sogar dank unserer Lehrer. Aber woher wissen wir eigentlich, dass nur diese Techniken sachlich sind. Und nicht auch die Anekdoten? Es scheint ja ein Consensu omnia zu sein. Woher kommt aber dieses Wissen? Also auch Ihres? Das was sie den Schülern beibringen. Nur aus dem Lehrplan? Oder gibt es Literatur, auf die sie uns verweisen können?

  16. @1000sunny
    Dass Anekdoten nicht Grundlage rationalen Argumentierens sein können, ist eine relativ triviale Konsequenz aus erkenntnistheoretischen Erwägungen. Anekdoten können exemplarisch für einen Sachverhalt sein, sie sind es aber nicht unbedingt. Aus diesem Grund kann man sie nicht als Prämissen verwenden, um daraus logische Schlussfolgerungen mit allgemeinem Gültigkeitsanspruch zu ziehen. Nichts anderes ist aber eine rationale Argumentation.

    Für den Adressaten der auf Anekdoten beruhenden Argumentation steht “ex falso quodlibet” als Möglichkeit im Raum, weswegen das Argument mangels Überzeugunskraft untauglich ist.

    Deshalb sorge ich in meinem Unterricht auch immer dafür, dass die Schüler nicht nur “kraft meiner Autorität” auswendig lernen, was gute und schlechte Argumentationsstragien sind, sondern dass sie das auch wirklich verstehen. Eine Anekdote hat ihren Platz als rhetorisches Stilmittel – um die Aufmerksamkeit des Zuhörers zu fesseln und sein Interesse zu wecken.

    Nele

  17. @1000Sunny: Eine legitime Frage. Literatur müsste ich heraussuchen (Logik‑, Rhetorikbücher), aber die Frage wäre dann ohnehin wieder, wie diese Behauptungen in die Literatur kommen und wieso ich diese Bücher als Autorität anerkennen sollte. Letztlich läuft es auf das hinaus, was Nele schon gesagt hat: Ein Weltbild der Logik, das vermutlich aus den griechischen Wurzeln unserer Kultur stammt (ich sage: vermutlich, weil ich Laie bin und mir diese Kultur-Geschichte auf Basis meines schmalen Wissens so erzähle), und ein Weltbild der wissenschaftlichen Methode und Skepsis, das darauf aufbaut.

    Diese Weltsicht halte ich für eine erstrebenswerte. Tut man das nicht, dann kann man in der Tat statt der oben angesprochenen Grundlagen andere fordern und erproben.

    Konkret: Aus einem Einzelfall kann man nicht auf eine allgemeine Regel schließen. Natürlich – weil das in der Natur des Menschen liegt – ist man trotzdem geneigt, das zu tun. Das wird wohl früher wohl auch ein evolutionärer Vorteil gewesen sein, in einer anderen Welt. Aber wenn es um große Zahlen, große Datenmengen geht (und unsere Welt ist unüberschaubar), da versagt die Intuition, da irrt man sich zu leicht => cognitive dissonance, observation bias.

    Etwas anderes ist es, Ausnahmen und Einzelfälle für wichtiger zu halten, als das vielleicht geschieht – nicht, weil man mit ihrer Hilfe etwas beweisen oder eine Regel ableiten möchte, sondern weil es Schicksale sind.

    Tut mir leid, wir sind wohl vom Thema abgekommen, das ursprünglich wohl war: Wird zuviel getestet? Möglicherweise ja. Zufrieden bin ich mit dem aktuellen Testwesen jedenfalls auch nicht. Aber wenn ein Mädchen weint, dann will ich – aufgrund meines Weltbildes – erst wissen, warum, und ob das Weinen wirklich schlecht für das Mädchen ist, und ob das Verhalten übertragbar ist auf einen anderen Kontinent, und bei all dem würde ich meiner Intuition vielleicht nicht misstrauen, aber doch mit einem Rest Skepsis begegnen.

  18. Bei dem Wichtig-Halten von Einzelfällen, weil es Schicksale sind, da bin ich ganz einverstanden. Der Trend geht so stark zur Verstatistikung der Menschen, dass wir am Ende vergessen, dass auch ein Einzelfall eine Tragödie sein kann. Es wäre schön, wenn ein Politiker, der die Einzelfall-Argumentation bemüht, doch sich dann auch bei dem Einzelfall (oder den Einzelfällen :) ) persönlich entschuldigen müsste.

    Das wir aus konkreten Situationen (Einzelfällen) unsere Erfahrung aufbauen ist zumindest Grundlage von Piagets Erkenntnistheorie. Eine Erfahrung wird hier in das aktuelle Weltbild integriert – führt zu einem Ungleichgewicht, und erst, wenn eine Theorie entsteht, die diesen Einzelfall mit einschließt entsteht ein Gleichgewicht auf höherer Ebene. Man versucht eben zu theoretisieren. Mit Logik (im mathematischen Sinne) hat die Menge an Fällen nichts zu tun. In der Prädikatenlogik (z.B. in Prolog) gibt es eine statistische Erweiterung, falls man unsicher schließen will.

    Zum eigentlichen Thema: Die Anzahl der Tests ist wahrscheinlich irrelevant. Nein eigentlich kennen wir ja den Spruch: Mehr Feedback, mehr Flow – Freude. Also umso mehr Tests umso besser. Warum bewirken die aktuellen Tests aber die gegenteilige Wirkung? Z.B. haben wir bei Computertests (Spiele, Rechtschreibprüfung usw.) keinen der eine Prüfungsangst entwickelt. In der Schule scheint es dieses Phänomen aber zu geben. Weniger Tests würde diese Angst nur steigern, denn die verbleibenden Tests wären umso entscheidender. Und genau diese entscheidenden Tests sind im Gegensatz zu informativen Tests verheerend. Das Problem ist auch noch, dass wenige entscheidende Tests zu einer Verallgemeinerung führ(t)en. Also auch nicht entscheidende Tests (nur zu Feedback-Zwecken) werden als entscheidend wahrgenommen. Somit testen wir nicht zu viel, sondern wir testen zu wenig, aber dafür zu falsch – als Quellenangabe bemühe ich mal Anita Woolfolk, Mihaly Czsikszentmihalyi, Edward Deci, Richard Ryan :)

  19. Das man aus Einzelfällen ein Weltbild aufbaut, ist nicht nur Piaget, das ist selbstverständlich. Aber je komplizierter die Welt wird, desto leichter ist es, sich bei induktiven Schlüssen zu vertun. Und wenn man dann eine falsche Regel gefunden hat, gibt es Mechanismen, die dafür sorgen, dass man zu ihr hält.

    (Piaget gegenüber bin ich auch sehr skeptisch, wie Sie nicht überraschen wird. Ein verbreiteter Vorwurf: Zu geringe Datenbasis. Experimentelle Widerlegung mancher Behauptungen. Aber ja, auch Bestätigung anderer. Und formaloperationales Stadium ab 12 Jahren? Nicht in meiner Welt. Ähnlich wie bei Freud rechne ich Piaget an, Konzepte ins Spiel gebracht zu haben und Gedankenwelten erschlossen zu haben, aber die Theorien selber zweifle ich an. Bin aber natürlich nur interessierter Laie.)

  20. Die Jahreszahlen bei Piaget sind de facto überkommen. Sie kursieren aber immer noch in den Einführungen seines Phasenmodells. Piaget habe ich hier ja auch nicht als Entwicklungspädagogen angeführt, sondern als Erkenntnistheoretiker (was er selber auch für sich beanspruchte). Heute hat er aus pädagogischer Sicht nicht mehr so viel Bedeutung – eher Lev Wygotsky. Na ja, darum geht es hier nicht.
    Die anekdotische Belegführung (+Theorien, Hypothesen usw) ist ja eigentlich der qualitative Ansatz, während der Sie den quantitativen bevorzugen. Ich bin ehrlich gesagt kein Fan des quantitativen Ansatzes. Zu sehr verliert man sich in den Zahlen, den Standardabweichungen usw. und vergisst am Ende nach Ursachen zu suchen. Man springt auf jeden Zug auf, der statistisch relevant ist. Es erinnert irgendwie an die Kindergartenargumentation: “Der hat das aber auch so gemacht”. Ja. Na und? Wahrheitsfindung über Mehrheitsverhältnisse zu regeln hat in der Geschichte noch nie zu guten Ergebnissen geführt.
    Wir konnten also Logik und Hermeneutik ausschließen. Zusätzlich haben wir konkrete Anhaltspunkte dafür, dass eine Begründung durch das Argument der Masse schlicht unwissenschaftlich ist. Was bleibt da noch als sachliche Belegführung?

  21. Meine Tochter hat am Beginn des Schuljahrs (6 Klasse Hauptschule) in Deutsch und Mathe einen Jahrgangsstufentest geschrieben, darf der Lehrer die Noten von diesem Test als mündliche Noten für dieses Schuljahr werten?
    Danke für die info

  22. Bei der Hauptschule kenne ich mich nicht aus. Am Gymnasium muss ein (wohl ähnlicher) Test als Note gezählt werden, ich kann mir also vorstellen, dass das an der Hauptschule auch so ist.

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