Ungewöhnliche Lesesituationen 2: Sokrates im Grünen

Der junge Phaidros hat den Athener Stadtmenschen Sokrates hinaus ins Grüne gelockt, um dort zu lesen und zu philosophieren. Sokrates ziert sich erst und klagt ein bisschen. Danach schwärmt er wie ein Tourist von dem schönen grünen Fleckchen. So unähnlich ich Sokrates sonst bin, da habe ich mich wiedererkannt.

Sokrates: Doch, Freund, nicht zu vergessen, war dies nicht der Baum, zu dem du uns führen wolltest?
Phaidros: Ja eben dieser.
Sokrates: Bei der Here! dies ist ein schöner Aufenthalt. Denn die Platane selbst ist prächtig belaubt und hoch, und des Gesträuches Höhe und Umschattung gar schön, und so steht es in voller Blüte, dass es den Ort mit Wohlgeruch ganz erfüllt. Und unter der Platane fließt die lieblichste Quelle des kühlsten Wassers, wenn man seinen Füßen trauen darf. Auch scheint hier nach den Statuen und Figuren ein Heiligtum einiger Nymphen und des Acheloos zu sein. Und wenn du das suchst, auch die Luft weht hier willkommen und süß, und säuselt sommerlich und lieblich in den Chor der Zikaden. Unter allem am herrlichsten aber ist das Gras am sanften Abhang in solcher Fülle, daß man hingestreckt das Haupt gemächlich kann ruhen lassen. Kurz, du hast vortrefflich den Führer gemacht, lieber Phaidros.
Phaidros: Du aber, wunderbarer Mann, zeigest dich ganz seltsam. Denn in der Tat, wie du auch sagst, einem Fremden gleichst du, der sich umherführen lässt, und nicht einem Einheimischen. So wenig wanderst du aus der Stadt über die Grenze, noch auch selbst zum Tore scheinst du mir herauszugehen.
Sokrates: Dies verzeihe mir schon, o Bester. Ich bin eben lernbegierig, und Felder und Bäume wollen mich nichts lehren, wohl aber die Menschen in der Stadt. Du indes, dünkt mich, hast um mich herauszulocken das rechte Mittel gefunden. Denn wie sie mittelst vorgehaltenen Laubes oder Körner hungriges Vieh führen, so könntest du gewiß, wenn du mir solche Rollen mit Reden vorzeigtest, mich durch ganz Attika herumführen, und wohin du sonst wolltest. Nun wir aber an Ort und Stelle angekommen sind, werde ich mich wahrscheinlich hier niederlegen; du aber, in welcher Stellung du am besten lesen zu können glaubst, die wähle und lies.

(Platon, Phaidros, Übersetzung von Friedrich Schleiermacher 1826)

Ungewöhnliche Lesesituation selber: Mit Frau Rau im Café das Gastmahl von Platon laut vorgelesen (na ja, zumindest das erste Drittel), jeder mal eine Seite, dann drüber reden.

In einem verlassenen Klassenzimmer habe ich vor ein paar Tagen ein herumliegendes Arbeitsblatt aus dem Religionsunterricht entdeckt, Thema Schöpfungsmythen. Darauf unter anderem etwas Biblisches zu Adam und Eva, und der Kugelmensch-Mythos aus dem Gastmahl. Nach diesem sahen die Menschen ursprünglich so aus:

Ferner war damals die ganze Gestalt jedes Menschen rund, indem Rücken und Seiten im Kreise herumliefen, und ein jeder hatte vier Hände und ebenso viele Füße und zwei einander durchaus ähnliche Gesichter auf einem rings herumgehenden Nacken, zu den beiden nach der entgegengesetzten Seite von einan der stehenden Gesichtern aber einen gemeinschaftlichen Kopf, ferner vier Ohren und zwei Schamteile, und so alles übrige, wie man es sich hiernach wohl vorstellen kann.

Weil die Menschen den Göttern zu mächtig und zu gefährlich werden, zerteilt Zeus sie in zwei Hälften zu jeweils nur zwei Armen und Beinen (mit der Option, sie noch ein weiteres Mal zu spalten, falls das nötig werden sollte) – so entsteht der heutige Mensch.

Als nun so ihr Körper in zwei Teile zerschnitten war, da trat jede Hälfte mit sehnsüchtigem Verlangen an ihre andere Hälfte heran, und sie schlangen die Arme um einander und hielten sich umfaßt, voller Begierde, wieder zusammenzuwachsen […] Seit so langer Zeit ist demnach die Liebe zu einander den Menschen eingeboren und sucht die alte Natur zurückzuführen und aus zweien eins zu machen und die menschliche Schwäche zu heilen.

Die spannenden Sachen hat das Arbeitsblatt den Schülern allerdings vorenthalten. Ursprünglich gab es bei diesen Kugelmenschen nämlich drei Geschlechter, ein männliches (der Sonne zugeordnet), ein weibliches (Erde) und ein mannweibliches (Mond). Entstammt ein Mann dem ursprünglich rein männlichen Geschlecht, fühlt er sich als ursprüngliche Hälfte davon zu anderen Männern hingezogen, beim Frauen aus dem ursprünglichen Erdgeschlecht ist es analog. Nur wenn ein Mann oder eine Frau aus dem gemischten Erdgeschlecht stammt (und davon gab es am wenigsten), fühlt er oder sie sich zum anderen Geschlecht hingezogen – “die meisten Ehebrecher sind von dieser Art, und ebenso wiederum die Weiber, welche mannsüchtig und zum Ehebruch geneigt sind.”

(Lesetipp: Im hurra!-Blog hat Eva für ihre Abiturprüfung ein grobes Best-of ihrer Vorbereitung aufs Philosophie-Abitur zusammengefasst. Mit den schönen Kategorien “Das werde ich mir nie merken können” und “Das werde ich nicht mehr vergessen”.)

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