Lehrerblogumfrage beim Lehrerfreund, und Bücher (Weyand, Carr)

Ich lese gerade, dass ich bei der Umfrage zum Lehrerblog 2009 auf dem 1. Platz gelandet bin, gefolgt von den sehr geschätzten Kollegen Teacher und Jochen Lüders. Das freut mich natürlich. Vielen Dank denen, die mir ihre Stimme gegeben haben; ich will mich auch weiter bemühen. (Im Moment ist aber nicht viel los.)

Sofort habe ich aber auch ein schlechtes Gewissen, weil sehr viele der anderen Lehrerblogs dem meinen in manchen Aspekten weit überlegen sind. Vielleicht braucht es beim nächsten Mal tatsächlich Teildisziplinen. So oder so war die Aktion vom Lehrerfreund Berthold Metz eine gute Idee, weil sie viele Blogs bekannt gemacht hat. Unter Lehrersleuten bekannt jedenfalls: Wenn ich mir die wirklich halbwegs bekannten Blogs in Deutschland anschaue, dann ist da kein Lehrerblog dabei. Entweder, es interessiert sich keiner so recht für das Thema, oder – gut möglich – es fehlt noch der richtige Schreiber, der genauso viele Leute für ein Thema interessieren kann wie etwa das Bestatterblog. Ich bin dieser Schreiber jedenfalls auch nicht.

Ansonsten: Heute nachmittag war Colloquiumsprüfung, ich als Protokollant und Beisitzer. Im sehr warmen Klassenzimmer; die versprochene Kühlung des Schulhauses funktioniert noch nicht.

Gelesen: zwei Romane zum Lehrersein:

Kai Weyand, Schiefer eröffnet spanisch, deutsch, 2008. Eine Lehrergroteske mit bitter-sentimentalen Zügen. Ein Ex-Lehrer nimmt einen Referendar als Untermieter auf, sieht ihn als Experiment an und beobachtet methodisch (Notizbuch und so weiter), wie er mehr und mehr verfällt, krank wird, verzweifelt wird, desillusioniert wird. Schließlich beschließen sie eine Rettungsaktion, eine Verweigerung des Systems, die zwar auch nicht so recht klappt, aber wenigstens geht es dem zukünftigen Ex-Referendar besser dabei. Lieblingsszene: Nachdem es der Referendar gelassen zur Eskalation kommen lässt, sind die Schüler der Klasse ruhig. Einige sitzen merkwürdig auf dem Stuhl. Als wieder einer zu plärren beginnt, stehen sechs andere geübt auf und fesseln ihn rasch und geschickt, ähnlich wie die anderen Störer, mit Klebeband an den Stuhl. Eine Utopie natürlich, aber man wird doch träumen dürfen.

Außerdem: The Harpole Report von J. L. Carr, englisch, 1972. Lustig. Ein Schulleiter macht Urlaub und wird von einem anderen Lehrer für einige Monate vertreten. Am Schluss dieser Zeit ist wohl irgendetwas vorgefallen. Der Roman selber besteht aus einer Sammlung von privaten Tagebuch- und dienstlichen Klassenbucheinträgen, offiziellen und privaten Briefen, Notizen, Protokollen und Dienstanweisungen – der Kommunikation zwischen Eltern, Schülern, Lehrern, Sozialarbeitern, dem Ministerium, dem Schulleiter, dem Hausmeister und anderen Gestalten. Zentrale Figur ist der Aushilfs-Schulleiter. Kommentiert wird diese Sammlung vom fiktiven Herausgeber, dem die Aufgabe zugefallen ist, einen Bericht über die Vorkommnisse zu geben. Das ganze ist insofern satirisch überzeichnet, als die Personen das absurde Geschehen mit mehr Fassung über sich ergehen lassen als in der Wirklichkeit. Besonders schön an diesem Buch ist, dass alle Personen fehlerhaft sind und doch irgendwo liebenswert und am Schluss gar nicht so schlimm, wie man eigentlich gedacht hat. Man merkt das erst, als die Kommission der Schulaufsicht einen Bericht verfasst, der eher positiv ist – was die Lehrer ebenso überrascht wie den Leser. Aber so ist es heute vielleicht auch noch.

(Für die Pfingstferien: Wenn es im ZUM-Wiki noch keine Bibliographie zu Lehrer-Romanen gibt, eine anlegen. Sonst beisteuern.)

Nachgetragene Fußnote: Gerade The Battle of Pollocks Crossing von J. L. Carr wiedergelesen, das ist vor zwanzig Jahren mal in mein Bücherregal gewandert. Spielt 1929/30. Ein junger britischer Lehrer verbringt ein Jahr in einer kleinen Stadt in South Dakota; erzählt wird wieder rückblickend, wieder weiß man von Anfang an, dass zum Schluss etwas Dramatisches geschehen wird, eben jene Schlacht des Titels und Grund dafür, dass man fünfzig Jahre danach noch jemanden nach England schickt, um diesen Lehrer zu interviewen.

11 Antworten auf „Lehrerblogumfrage beim Lehrerfreund, und Bücher (Weyand, Carr)“

  1. Lieber Thomas,

    Gratulation zu diesem von mir eigentlich erwartetem Ergebnis. Hoffe, es ist dir Motivation weiter zu machen – du etablierter Veteran der Lehrerbloggingszene…

    Torsten aka herrlarbig

  2. Herzlichsten Glückwunsch zur verdienten Prämierung, Herr Rau! Ich lese dein Blog immer mit großem Interesse und bedauere es, dass ich es erst so spät entdeckt habe.

  3. Ich gratuliere und finde, dass die Platzierung durchaus verdient ist.
    Außerdem, Dankeschön für die Literaturempfehlung. Dem ZUM-Wiki fehlt tatsächlich eine ordentliche Bibliographie mit Lehrerromanen.

  4. Freue mich, dass Sie diese Platzierung erreicht haben. Wenn ich mir ab und zu verschiedene Lehrerblogs ansehe, so klicke ich Ihren Blog mit zuerst an und ich muss sagen, dass ich häufig Anregungen für meine Arbeit bekomme.

  5. Ja, ich komme hier auch immer mal wieder vorbei, wenn ich über den Tellerrand gucken will. Ich frage mich nur, warum ich nicht einmal nominiert war ;)

  6. Danke für die vielen Wünsche. Dafür passiert hoffentlich auch bald mal wieder Bloggenswertes in der Schule. Im Moment ist alles ruhig, zumindest das, über das ich bloggen darf.

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