Horace McCoy, They Shoot Horses, Don’t They?

Spannendes Wettrennen: was kommt zuerst, Sommerferien oder Zusammenbruch? Noch eine Woche.

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Vielleicht doch mal als Schullektüre? Beim ersten Lesen vor einigen Jahren hat mich das Buch noch mehr beeindruckt, aber gut fand ich es auch diesmal noch. Interessant ist die Gattung: Das Buch läuft unter novel, ist aber schon sehr kurz, 120 Seiten, sehr großzügig gesetzt. Nur ein Handlungsstrang, strenger Aufbau – eine Novelle eben.

Das Buch erschien 1935, mitten in der Depressionszeit. Robert und Gloria versuchen erfolglos, in Hollywood Arbeit in der Filmbranche zu finden, aber es gibt keine Arbeit. Sie lernen sich zufällig kennen und beschließen, an einem Tanzmarathon teilzunehmen.

Dieser Tanzmarathon sieht so aus: 144 Paare treten an und tanzen. Rund um die Uhr. Eine Stunde und fünfzig Minuten tanzen, dann zehn Minuten Pause – um zu essen, zu schlafen, auf die Toilette zu gehen, sich zu rasieren. Nach einer Woche sind nur noch die Paare dabei, die es wirklich ernst meinen, gut siebzig. Nach und nach werden es immer weniger, nach 879 Stunden sind noch 20 Paare dabei. Das sind 36 Tage.

Warum machen die Teilnehmer mit? Ein paar hoffen auf die 1000 Dollar Preisgeld, vielen geht es nur um das regelmäßige Essen; Robert nimmt zweieinhalb Kilo zu während des Turniers.
Was springt für die Veranstalter heraus? Die Zuschauer zahlen Eintritt. Damit sich das Geschäft lohnt – Arzt, Lebensmittel, Krankenschwestern, Ansager, Saalmiete wollen bezahlt werden -, müssen viele Zuschauer kommen. Zum einen hofft man auf die Zugkraft durch Stars unter den Besuchern. Ruby Keeler (42nd Street) schaut vorbei und Alice Faye (Alexander’s Ragtime Band), von beiden habe ich einige Lieder auf dem iPod. (Weitere Namen in Kapitel 10 und 11, zum Recherchieren für Referate.)
Zum anderen lässt sich die Leitung Gimmicks einfallen: ein Paar wird – gegen Bezahlung – während des Marathons heiraten. Täglich gibt es Ausscheidungsrunden, eine Art Wettrennen, „derby“ genannt. Fünfzehn Minuten traben die Paare um einen Parcours, die Männer müssen gehen, die Frauen halten sich mit einer Art Geschirr an ihnen fest und dürfen gehen oder rennen, wie sie wollen.

Ein Paar scheidet aus, weil der Mann ein gesuchter Verbrecher ist. Ein anderes wird unauffällig entfernt, weil die Frau minderjährig ist („jailbait“) und der Mann das Weite suchen muss. Eine Frau ist schwanger, der örtliche Moralverein protestiert.

Glorias Niedergeschlagenheit und Bitternis wächst kontinuierlich. Man erfährt ein paar Details aus ihrer Vergangenheit, mehr als über Robert. Zum Schluss bittet sie Robert, sie zu erschießen. Er macht das auch; daher die angedeutet Rahmenhandlung mit einem Todesurteil für Robert vor Gericht. Deutsche Übersetzung des Titels: „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss“.

— Leicht zu erkennen die novellentypische Symbolik: Das Leben als eine „Rennebahn“, wie es in dem dem Gryphius-Sonett heißt; ein Tanz, bei dem man nicht gewinnen kann, sondern sein Bestes geben muss, allein um nicht auszuscheiden; die Entmenschlichung der Teilnehmer.
Der Aufbau ist zwingend und unerbittlich, einmal durch die immer wieder angedeutete Rahmenhandlung, die das Ende vorwegnimmt, außerdem durch die stetige Reduktion in der Anzahl der Paare, das Mitzählen der Stunden.

— Zur Geschichte der Tanzmarathons: Ja, es hat solche Veranstaltungen gegeben, und zwar in dieser Form und mit jeweils vergleichbaren Regeln und Einlagen. Unbestätigten Quellen zufolge (besser bekannt als: das Web) dauerte der längste 22 Wochen; eine zuverlässigere Quelle spricht von 1638 Stunden, mehr als zwei Monaten.
Zuerst, noch in den 20er Jahren, war diese Tanzwettbewerb noch Ausdruck des Strebens nach mehr oder weniger albernen Rekorden: flagpole sitting oder Alleinflüge über den Atlantik. Als aber klar war, dass man damit – anders als bei anderen Rekordversuchen – als Veranstalter Geld verdienen konnte, und als es in den 30er Jahren immer mehr arbeitslose und verzweifelte Menschen gab, wurden die Tanzmarathons zu den beschriebenen menschenunwürdigen Veranstaltungen.

— Siehe auch Hands on a Hard Body, ein Dokumentarfilm von 1997 über eine jährliche Veranstaltung in Texas: 24 Teilnehmer legen eine Hand auf einen niegelnagelneuen Pickup-Truck, und wer die Hand am längsten dort lässt, ohne sich an das Auto zu lehnen oder in die Hocke zu gehen, der gewinnt das Auto. 1995 waren das 77 Stunden. Also wirklich harmlos im Vergleich zu den Marathontänzen. (Ich kenne den Wettbewerb aus dem bei Wikipedia verlinkten NPR-Radiobeitrag.)
Der Vergleich zu aktuellen Reality-Shows bietet sich an. Aber im Vergleich zur Depressionszeit geht es uns noch richtig gut.

(Die Sidney-Pollack-Verfilmung mit Jane Fonda kenne ich nicht. Klingt aber gut.)

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