The Great Depression

Der Anlass: Die Library of Congress, bei der es ohnehin unglaublich viel an Material zu finden gibt, hat vor ein paar Tagen über 3000 Fotos bei flickr eingestellt. Ich finde den Gedanken schon mal toll, dass staatliche Institutionen ihr Material öffentlich zugänglich machen, und dass die dazu dann auch noch die Mittel nutzen, mit denen man heute Publikum erreicht. (Lobenswert ist bei uns die Bundeszentrale für politische Bildung, die viel anbietet – die Texte der Informationen zur politischen Bildung etwa, auch wenn mir das ganze Heft als pdf lieber wäre.)

Es gefällt mir, dass die USA so ein sammelwütiges Verhältnis zur Geschichte haben. Die Geschichte der USA mag nicht so lang sein wie die Deutschlands, aber sie wird gelebt. Nur so kann man zum Beispiel Lieder wie „The Presidents“ (Youtube) von Jonathan Coulton erklären, ein Lied, in dem alle Präsidenten der USA aufgezählt und kurz kommentiert werden.

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Bei den Bildern handelt sich um Fotos aus den 1910er und aus den 1930er-1940er Jahren. Die Bilder sind lizenzfrei (ich nehme an, dass sich das auch auf nicht-amerikanische Nutzer bezieht), man kann sie kommentieren und bewerten – Web 2.0 halt. Die Library of Congress bittet sogar um Kommentare und Mithilfe bei der Identifizierung.

Die 1930er Jahre sind eine für mich sehr spannende Zeit. Die Depressionszeit kennen wir aus der Fernsehserie Die Waltons. „Gute Nacht, John-Boy“ sagt selbst meinen LK-Schülern noch etwas.
Nach dem Börsenkrach 1929 ging es den USA wirtschaftlich sehr schlecht, die Arbeitslosenquote stieg auf bis zu 25%. Ikonisch geworden sind Suppenküchen und die bread lines, an denen man anstehen konnte, um etwas zu essen zu kriegen.

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(Franklin Delano Roosevelt Memorial, Washington.
Beim USA-Aufenthalt mit Schülern aufgenommen.)

Tolles Buch dazu: They Shoot Horses, Don’t They von Horace McCoy. Ein Klassiker der schwarzen Serie, gar nicht lang. Rückblickend wird die Geschichte zweier Teilnehmer an einem Tanzmarathon erzählt. So ein Tanzmarathon sah so aus: Paare meldeten sich an, in der Hoffnung, einen eher mageren Preis zu gewinnen. Und dann wurde getanzt, rund um die Uhr, mit fünf Minuten Pause pro Stunde und einer ganzen Stunde Pause pro Tag. Und das Tag um Tag um Tag um Tag. Das letzte Paar auf den Beinen kriegt den Preis. Drumrum immer wieder Zuschauer, und wenn es denen zu langweilig wurde, gab es eine kleine Einlage – drei Runden um die Bahn etwa, und das letzte Paar musste ausscheiden. Dschungelcamps gab es früher also auch schon.

Ein anderes Phänomen: Taxi Dancing. Das waren Etablissements, in denen man als zahlender Herr mit den dort angestellten Damen tanzen konnte. Am bekanntesten ist das geworden durch das Lied „Ten cents a dance“ gesungen von Ruth Etting, noch schöner allerdings in der Version von Doris Day aus der verfilmten Lebensgeschichte von Etting. („Love Me Or Leave Me“, zusammen mit James Cagney. Das war ein paar Jahre, bevor sich Doris Day zur braven Filmhausfrau entwickelte.)

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Ten cents a dance, that’s what they pay me
Gosh how they weigh me down.
Ten cents a dance, pansies and rough guys, tough guys who tear my gown.
Seven to midnight I hear drums, loudly the saxophone blows,
Trumpets are tearing my ear-drums, customers crush my toes.
Sometimes I think, I’ve found my hero
But it’s a queer romance;
All that you need is a ticket,
Come on big boy, ten cents a dance.

(Da das Lied inzwischen nicht mehr bei Youtube ist, hier eine schöne Version bei Vimeo.)

Gerne im Vergleich dazu: „Nachtcafé“ von Gottfried Benn, ein Gedicht, das ich sehr oft im Unterricht vorstelle.

(Ganz am Rande: Ich suche den Titel einer Kurzgeschichte, die ich irgendwo mal gelesen habe. Ein Mann kommt in ein Tanzlokal, trifft dort Tanzdame oder Zigarrettenmädchen, die erzählt von ihrem Ex, den sie sitzen lassen hat; der Mann erledigt sein eigentliches Geschäft dort – irgendeine Schießerei? – der Exfreund kommt und holt sie raus. Der Titel war irgendein Eigenname, glaube ich. Die üblichen Verdächtigen: Irgendwas aus der Pulp-Zeit; lange glaubte ich, es sei „Cigarette Girl“ von John M. Cain, das war’s aber doch nicht. „The Dancing Detective“ von Cornell Woolrich auch nicht.)

Der aberwitzigste Film zur Depressionszeit ist Sullivan’s Travels von Preston Sturges (1941). Ein erfolgreicher Regisseur und Autor von Filmkomödien entdeckt sein Gewissen und möchte ein relevantes, sozialkritisches Werk verfassen. Dazu zieht er mittellos durch Amerika und erlebt Abenteuer. Der Film ist genial. Einen solchen Tempowechsel von Slapstick, screwball comedy, Beziehungsdrama, Sozialdrama, Gefängnisfilm kenne ich sonst nur aus chinesischen Filmen. Am Schluss ist der Regisseur jedenfalls geläutert und will weiterhin Komödien drehen. People mutht be amuthed. Seinen geplanten sozialkritischen Film macht er nicht, er hätte „O Brother, Where Art Thou“ geheißen.

(Was zu einem anderen Film überleiten könnte, der in der Depressionszeit spielt, der köstliche „O Brother, Where Art Thou“ der Coen-Brüder.)

Seichte Unterhaltungsfilme: Die Dreißiger waren auch ein Höhepunkt der Unterhaltung, der Radiosendungen, der Pulp-Magainze, von Film und Hollywood-Musical. Fred Astaire und Ginger Rogers sangen und tanzten ganz wunderbar, als ob um sie herum nicht Armut und Leid herrschten. Again: People mutht be amuthed.

Überhaupt waren die 30er eine große Zeit für Musik. Das war die Zeit noch vor Jazz und Swing (nichts gegen Swing), und noch war genug Potential im gemeinen Schlager, um tolle Lieder zu schaffen. Cole Porter, George und Ira Gershwin, Irving Berlin und und und. Ich habe einige CDs mit „Great Songs of the Depression“; in vielen populären Schlagern dreht es sich ums tägliche Brot und Arbeitslosigkeit. Einige Titel:

There’s no depression in love
What have we got to lose?
Supper time
I’m in the market for you
Banking on the weather
I’m an unemployed sweetheart
The boulevard of broken dreams
If I ever get a job again
Are you making any money?
Halleluja, I’m a bum
If I had million dollars
Let them eat cake
We’re out of the red
We’re in the money
Just a gigolo (das Gegenstück zu Ten cents a dance)

Und viele, viele mehr. Gibt es das heute auch noch, dass die populäre Musik in solchem Umfang Themen aufgreift, oder geht es nur um Herz und Schmerz? Damals haben natürlich Erwachsene die Musik gehört und gekauft und noch keine Teenager.

Schließen will ich mit der Hymne der Depressionszeit, „Brother, can you spare a dime“. Ein tolles Lied. Ich weiß, man muss ein Lied hören, um etwas dazu sagen zu können, der Text allein reicht nie. Aber falls euch das Lied irgendwann mal begegnen sollte, hört gut hin. (Aufnahmen gibt es viele Dutzend, alte und moderne. Es soll eine Tom-Waits-Version davon geben, derer ich aber noch nicht habhaft werden konnte. Die George-Michael-Version interessiert mich weniger.)

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(Viele andere Fassungen zum Reinschmecken bei Youtube.)

They used to tell me I was building a dream
With peace and glory ahead —
Why should I be standing in line, just waiting for bread?

Once I built a railroad, I made it run,
Made it race against time.
Once I built a railroad, now it’s done —
Brother, can you spare a dime?

Interpretation, Songtext und Real Audio zum Anhören
Texte weiterer Lieder aus der Zeit

Und dann ist da noch Studs Terkel. Studs Terkel ist, grob vereinfacht, ein amerikanischer Historiker, der unter anderem viele Sammlungen von oral histories verfasst hat. Hard Times (1970) ist eine lesenswerte derartige Sammlung von Erinnerungen an die Depressionszeit. Informationen dazu gibt es bei den Seiten von Studs Terkel. Unter anderem interpretiert dort auch Yip Harburg, Autor von „Brother, can you spare a dime“, das Lied sehr nachvollziehbar. Man kann diesen Text als gestreamtes real audio anhören, am Anfang der Aufnahme hört man eine schöne Version von den Weavers.

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(Woody Guthrie und John Steinbeck wollte ich auch noch unterbringen im Text, habe das aber nicht mehr geschafft. Zum wirtschaftlichen Hintergrund der Depression habe ich auch nichts geschrieben, und nichts über Franklin Delano Roosevelt, über den New Deal und die Programme, mit denen die Arbeitslosigkeit bekämpft wurde, nichts über den Zweiten Weltkrieg, der die USA erst wirklich aus dieser Phase holte.)

Links:


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9 Thoughts to “The Great Depression

  1. Not depressing at all – such a wealth of material :-)
    Vielen Dank für den schönen Artikel, da war mir manches neu. Auch die Zusammenstellung der Einzelteile ist sehr sinnig.
    Have a nice weekend.

  2. Danke für den Hinweis. Kannte flickr bisher nur vom Hörensagen.
    Bisher dachte ich immer, da wären nur uninteressante Urlaubsfotos eingestellt. ;-)

  3. @Mari: Bei Flickr gibt es bestimmt noch viel mehr Schätze zu heben. Allerdings treibe ich mich da nicht oft herum und bin auch auf Tipps von anderern angewiesen.

  4. Lieber Herr Rau,
    das hier ist ein denkwürdiges Erlebnis: der erste Blogeintrag meines Lebens. Bin gegen 23.00 aus Dillingen heimgekehrt (bin die aus NW) und brannte heute mit dem ersten Hahnenschrei darauf, den Dillingen-Blog aufzurufen. Kam so in Ihr Lehrerzimmer, klickte rum und habe erst einmal den President-Song in mein Portal eingefügt.
    http://www.bid-owl.de/index.php?object=53099
    Das Seminar war ein Meilenstein für mich, totale Bestätigung und „Kognitivierung“dessen, was ich seit Jahren gefühlt und verfolgt hatte. Es war der Auftakt zu einer neuen Epoche in Gemeinschaft und Solidarität, nach einer langen Phase des alleine Herumpröddelns. Herrlich!
    Herzlichen Gruß aus Gütersloh und hoffentlich bis nächstes Jahr,
    Ihre Anne Steinhaus

  5. Ich habe auch viel mitgenommen aus dem Workshop: Links, Ideen, Motivation. Gestern kam ich auch erst um Mitternacht nach Hause, heute habe ich korrigiert, bald kann ich wohl meine Gedanken ordnen. Hoffentlich entwickelt sich aus diesen Anstößen etwas. Ich habe jedenfalls die feste Absicht, daran mitzuwirken. Wäre schön, wenn sich quasi was Jährliches daraus entwickelt.

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