Die liminale Phase: Kasperltheater in den letzten Wochen vor den Sommerferien

By | 16.7.2009

An sich mag ich die liminale Phase der letzten Schulwochen.

Liminale Phase: Schwellenzustand, in dem sich Individuen oder Gruppen befinden, nachdem sie sich rituell von der herrschenden Sozialordnung gelöst haben. (Wikipedia)

Individuen und Gruppen: das sind Klassen, Schüler und Lehrer. Da sind tatsächlich einige dabei, die man unbedingt als „Individuum“ bezeichnen muss.
Die herrschende Sozialordnung: das sind die GSO, die Hausordnung, das regelmäßige Abhalten von und Erscheinen zum Unterricht, und weitere Regeln.
Die rituelle Ablösung: findet seit Wochen statt. Ritual folgt Ritual. Abistreich, die Abiturfeier, die Kursfahrten der Kollegstufe, die Extrawünsche diverser Alphatierchen, die Abwesenheit der Schüler durch Chorproben, Ökumenischen Arbeitskreis, sonstige AGs, zuletzt (oder auch nicht zuletzt) der Notenschluss und die Zeugniserstellerei – alles höchst liminalisierend. Irgendwas ist ja immer, und zwar gleichzeitig.

Heute war der Lateinmarsch. Der ist schon seit Jahren nicht mehr so unsäglich wie früher, als die Schüler noch fröhlich Bücher verbrannt und sich nichts dabei gedacht haben. Heute feierten sie ihre humanistische Bildung, indem sie auch für sich einen Abistreich en miniature und eine Auszeit vom Unterricht reklamieren. (Die außerschulische Feier am Vorabend hat Nachwirkungen, von denen ich leider nichts erzählen darf. Muss mal fragen, ob das Bücherverbrennen einfach nach draußen verlegt wurde.) Komm mir noch ein Lateinlehrer mit dem Argument, dass die Schüle da irgendetwas Humanistisches mitnehmen.

Man kann es vielleicht zwischen den Zeilen herauslesen: Ich unterstütze diesen Lateinmarsch nicht. Als mich heute in der Pause einige in Betttücher gewickelte Elftklässlerinnen durchaus höflich baten, ihnen „alle Lateinlehrer, die gerade da sind“ zum Spielen hinauszuschicken, bot ich mich an, den anwesenden Lateinlehrern das auszurichten. War aber keiner da. Der Bitte, ihnen die Räume zu nennen, in denen diese Lehrer gerade unterrichteten, auf dass man sie aus dem Unterricht holen könne, kam ich allerdings nicht nach. Da waren die Grazien enttäuscht.

Ich habe gar nicht mal so viel gegen Schüleraktionen. Aber ein bisschen Widerstand müssen wir Lehrer ihnen noch bieten. Soll die Schule jetzt tatsächlich eine Liste mit Räumen und Lehrern anbieten? Ein bisschen was müssen sie schon auch selber machen.

Zurück zur liminalen Phase. Alles geht durcheinander, Unterricht findet sehr viel spontaner statt. Das gefällt mir. Ich komme auch gut zurecht, mache halbwegs sinnvolle Sachen. Und zeige keine Filme. Unterrichtsbesuche der Schulleitung sollten allerdings zu diesem Zeitpunkt nicht mehr stattfinden, finde ich.

Im Kollegium breitet sich Galgenhumor aus. Kollege Z. hatte gestern Kasperlfiguren dabei, um mit der Unterstufe Kasperltheater zu spielen. Das ist gar schönes Spielzeug für Erwachsene. Über unsere Kaffeetheke gelehnt lässt sich hervorragend mit diesen Puppen kommunizieren. Sehr therapeutisch, brauchen wir unbedingt mehr davon. Die entstandenen Dialoge kann ich hier nicht wiedergeben.

Trotzdem freue ich mich schon auf die Ferien. Die Schüler sind in Ordnung, aber bei aller Liebe: Ein paar Wochen lang keine Kollegen, das kann mir nur gut tun.

Nachtrag: Ach ja, Papierstapel. Ich halte halbwegs Ordnung. Aber so in der ersten oder zweiten Juliwoche, da gebe ich auf, und staple nur noch. Das ist dann so die letzte Sprintstrecke bis zu den Ferien, die halte ich ohne Ablage durch. Danach ist dann Ausmisten.

19 thoughts on “Die liminale Phase: Kasperltheater in den letzten Wochen vor den Sommerferien

  1. Herr Rau Post author

    Nachdem es jetzt in der Zeitung steht, kann ich es auch nennen: „Saufexzesse auf Schülerparty“. Unwahr ist natürlich, dass die Party von der Schulleitung in irgendeiner Form genehmigt worden wäre (abends, außerhalb des Schulgeländes, ohne Lehrer), aber das örtliche Blättchen schreibt ohnehin eher meist Schlechtes über uns. Das sind die gleichen Zeitungen, die maulen, dass man den Schülern keinen Abistreich gönnt.

  2. Estara

    Interessanterweise schreibt unsere örtliche Zeitung überhaupt nicht über uns. Egal welcher Anlass, welch hoher Besuch oder nicht – die Mädchenrealschule und die Schulen der Umgegend werden genannt, das Gymnasium und die Hauptschule auch – nur wir nicht.
    Ein Besuch der Schulleitung bei den Vorgesetzten in Augsburg hat auch nichts gebracht.
    Ich mach jetzt halt PR auf myheimat.de, wenn es mein Auge zulässt.

  3. Stolle

    Welch ein Wort: liminale Phase.
    Und so treffend. Bloß bei uns wird das Kasperltheater mit realen Personen gespielt.

  4. étoile_filante

    Da ich mich auch unter den „in Betttücher gewickelten Elftklässlerinnen“ befand, halte ich eine Richtigstellung durchaus für angebracht, denn Ihre Reaktion war keineswegs, dass Sie sich anboten, unsere Bitte an die Lateinlehrer weiterzureichen. Die Antwort die wir von Ihnen bekamen war lediglich, dass Sie gereizt zu verstehen gaben, wir „sollen das jemandem erzählen, den das interessiere “ . Zudem hatten wir auch nicht die Gelegenheit, Sie nach dem Aufenthaltsort der Lateinlehrer zu fragen, denn Sie befanden sich ja offensichlich auf dem Weg aus dem Lehrerzimmer heraus…

  5. Herr Rau Post author

    Eben, da war ich gerade auf dem Weg *aus* dem Lehrerzimmer, um zu arbeiten. Einige Zeit später kam dann die nächste Damenrunde, und da hatte ich Zeit, ausführlich zu antworten. Und, wie stellen Sie sich zu den Saufexzessen aus der Zeitung?

  6. étoile_filante

    Im besagten Zeitungsartikel wird die private Veranstaltung der Schüler ja als schulische und zudem genehmigte Party betitelt, was Frau Hübler in ihrem Leserbrief ja richtigstellte.Ich möchte hier keinesfalls bestimmte Schülergruppen diffamieren,doch war bei diesem besagten „Saufexzess“klar zwischen den beteiligten Jahrgangstufen zu unterscheiden. Einige Schüler (weshalb ich auch das Wort „Exzess“ für übertrieben halte) hatten offensichtlich Spaß daran, die Wirkung von hochprozentigem Alkohol auszutesten, und auch die von Herrn Schuster verordnete Aufräumaktion halte ich für richtig, doch muss hier wie gesagt zwischen den Klassenstufen differentiert und nicht, wie es die Zeitung tat, alle Schüler in einen Topf geschmissen werden.

  7. Gerd Battmer

    Werter Kollege Rau,
    vielen Dank für den Hinweis auf die „Liminalität“. Ich bin nicht ganz sicher, ob Sie nicht den Artikel und die darum herum liegenden selbst erfunden haben, aber immerhin scheint mir das eine tragfähige Beschreibung von Prozessen zu sein, die sich in der Schule (und nicht nur da) abspielen. Ich fürchte nur, das Kasperltheater beschränkt sich mittlerweile nicht mehr auf die letzten Wochen vor den Sommerferien. Kann es sein, dass diese Veranstaltung insgesamt in diesem von Ihnen so beschriebenen Schwellenzustand sich befindet? Meine Beobachtungen in den letzten Monaten (in denen ich nicht mehr selbst unterrichtet habe, aber dafür viele Unterrichtstunden im Raum Hannover und Nienburg gesehen habe) lassen mich das befürchten. Ich weiß auch nicht, wie man aus diesem Dauerschwellenzustand herauskommen kann; – in Niedersachsen hat man den Laden m. E. gegen die Wand gefahren. – Ich bewundere Ihre Ausdauer und wünsche Ihnen erholsame Ferien: schauen Sie sich mal bei mir Klaus Voormann an, – das hilft auch schon!
    Mit besten Grüßen
    Gerd Battmer

  8. Kezzy

    Eine genauere Differenzierung der Klassen wäre in dem Artikel zwar angebracht, aber es weicht von dem aktuellen Thema hier ab. Nämlich von der Tatsache, dass Lehrer der besagten Schule weder Schüler bei Planung und Durchführung des besagten Lateinmarschs unterstützten (außer wenigen Ausnahmen), um so eventuellen Meinungsverschiedenheiten entgegenzuwirken, noch den Mut haben, sich dafür zu verantworten. Ich habe nach der 2. Pause enttäuschte 11./10. Klässler gesehen, die sich gefragt haben, wozu die Planung gut war und ebenso die Unter- und Mittelstufe mit einer so schlechten Einstellung zu der ganzen Sache, dass diese Tradition wohl nicht mehr lang weiterleben wird (womit Sie ja dann wohl ihr Ziel erreicht haben)… und vom Abistreich will ich garnicht erst anfangen.

    Tatsächlich habe ich von mehreren Leuten, die mit der Schule direkt zu tun haben, und dadurch wenig beeinflusst durch Presse sind, gehört, die die Meinung dieser teilen. Ob die Zeitungen tatsächlich nur „maulen“ oder auch trotz allem ein großer Teil Wahres dahintersteckt, bleibt wohl dahingestellt!

  9. Herr Rau Post author

    @Gerd: Die liminale Phase kenne ich aus der Ethnologie – angefangen bei technisch weniger fortgeschrittenen, außereuropäischen Kulturen (Südsee, Afrika). Passt hier aber auch. Und sie wird inzwischen immer mehr verlängert. Früher war das nur die letzte Schulwoche mit den SMV-Tagen, dieser Schwundstufe des ehemaligen Projektgedanken. Inzwischen beginnt sie fast schon mit den Feierlichkeiten zur Facharbeitsabgabe, spätestens mit dem Ende des Abiturs.

    @étoile_filante: Na, wenn auf der Party nur die jüngeren Schüler zuviel getrunken haben, dann trifft die älteren ja tatsächlich keine Schuld. – Ist das wirklich so gemeint?

    @Kezzy: Eben. Ich möchte tatsächlich (und das ist meine private Meinung, ich spreche hier keinesfalls für alle Lehrer oder die Schule), dass diese Traditon nicht mehr lange weiterleben wird.

    Nicht mal so sehr wegen der Party am Vorabend, sondern aus anderen Gründen. Respektlosigkeit gegen Latein – ein Fach, das ich nicht sehr unterstütze, das diese Sonderbehandlung aber nicht verdient hat. Zu viele Spaßveranstaltungen statt Unterricht zum Schuljahresende. (Feiern bald die Siebtklässler Abschied von Naturundtechnik?) Die Tatsache, dass ich diesen Lateinmarsch in meinem ersten Jahr, noch unter anderer Schulleitung, als Bücherverbrennung erlebt habe, die in den Jahren darauf allerdings an einen Ort außerhalb der Schule verlegt wurde. Ich nehme an, dass sich dieses Ritual inzwischen ganz gelegt hat, sonst müssen wir gar nicht weiterreden.

    Ein gutes Argument ist allerdings, dass Lehrer die Schüler bei der Planung und Durchführung nicht unterstützt haben. Was heißt das konkret; welche Vorschläge der Lehrer waren gewünscht, welche wären tatsächlich angenommen worden? Gilt das auch für die Party am Vorabend, oder geht es nur um die Beschaffung der Sportgeräte?
    Ich hätte jedenfalls Vorschläge. Einer davon: sich klarmachen, was der Zweck der Veranstaltung sein soll. Wenn da lediglich herauskommen sollte: a) war schon immer so, b) Unterrichtsausfall, c) Spaß für Schüler – dann ist klar, warum ich etwas dagegen habe.

    „Dass Lehrer nicht den Mut haben, sich dafür zu verantworten.“ Ich halte jedenfalls ebenfalls viel davon, Stellung zu beziehen. Ich sage hier ja auch deutlich, was ich davon halte, und freue mich über jeden Lehrer im (echten) Lehrerzimmer, der das auch tut. Das sind sicher nicht alle. Über Schüler freue ich mich genauso, aber die sind meiner Erfahrung nach weniger an einer solchen Auseinandersetzung interessiert. Ich bin schon mal froh, dass ich hier etwas höre, und danke dafür.

  10. étoile_filante

    Es ist so gemeint, dass für den „Saufexzess“ und das anschließende Chaos die älteren Schüler,also die Elftklässler, nicht zu verantworten sind, da die Party der Elftklässler ursprünglich an einem anderen Ort im Hölzl stattfand.Als wir dann unsere Feier mit der der restlichen Klassen zusammenlegten, herrschte am besagten Sportplatz schon das buchstäbliche Chaos, inklusive zerbrochener Flaschen und diversen Schnapsleichen. Auch wurden keineswegs Bücher verbrannt, was ich persönlich ebenfalls für ein geschmackloses Ritual halte.

  11. Kezzy

    Also zu allererst:
    – Latein und NuT sind nicht miteinander zu vergleichen, was den Schwierigkeitsgrad betrifft
    – Den Abschluss den man nach Absolvieren erhält, ist wichtig für viele Studiengänge und somit für die Zukunft eines jeden von uns entscheidend
    – Es entfällt dabei kein Unterricht, da sowohl die 10. als auch die 11. Klassen im Unterricht anwesend waren (wobei wir uns dabei absichtlich einen Termin nach Notenschluss ausgewählt haben)
    – Ich verstehe nicht, wieso Sie als Lehrer, den ich eigentlich immer geschätzt habe, Spaß an der Schule (v.a. in der Pause) nicht gutheißen. Es war für niemanden der Schüler vorgeschrieben zu kommen und dennoch war das Amphitheater mehr als voll. Jedoch ist ein Großteil dieses Spaßes, derbe gesagt, draufgegangen, da sich keiner der Lehrer mit einer Ausnahme bereit erklärt haben, sich dem Spiel anzuschließen. Keines dieser ist zur Demütigung gedacht gewesen (Schnellübbersetzen für Lateinlehrer?…)

    Ich finde es echt nicht gerecht, dass sie den Schülern wieder einen Teil ihrer Freude nehmen wollen, nachdem bereits durch die neue Schule sehr viele Einschränkungen getroffen wurden. Es wurde bei dem Lateinmarsch nichts kaputt gemacht und niemand ist zu Schaden gekommen. Anders gesagt, war es eine erfrischende Veranstaltung, die vor allem die jetzigen 9. Klässler inspirieren soll, dass sie diese Tradition nicht aussterben lassen!

  12. Herr Rau Post author

    Das ist gut argumentiert. Vielleicht muss ich noch einmal darüber nachdenken. Allerdings: Mit gerecht oder ungerecht hat das nichts zu tun. Wenn Lehrer sich nicht so verhalten, wie Schüler das gerne hätten, dann ist das mitnichten eine Frage von Gerechtigkeit. Es gibt kein Recht darauf, dass Lehrer bei lustigen Spielen mitspielen. Wenn die das nicht wollen, muss man sich überlegen, warum.

    (Zum einen haben die Jahrgänge vor diesem viel kaputt gemacht. Zum anderen waren an diesem Tag außer der einen Lehrkraft, die ich im Theatron gesehen habe, nur eine einzige weitere mit dem Fach Latein an der Schule, soweit ich weiß.)

    Für Lehrer sieht das so aus: die Schüler feiern, dass sie ein verhasstes Fach nie wieder haben werden. Solange ich diesen Eindruck habe, werde ich das nicht gutheißen können. Der Eindruck ist auf Grundlage der letzten zehn Jahre entstanden. Wenn er inzwischen nicht mehr zutrifft, muss ich umdenken. Trifft er tatsächlich nicht mehr zu?
    Dann bitte mit entsprechender Vorankündigung, statt Überraschung, und mindestens einer kurzen Rede auf Latein. So als Friedensangebot. Wenn man das Gefühl hätte, die Schüler feiern stolz, dass sie jetzt das Latinum haben – das wäre etwas anderes.

    Die jetzigen Neuntklässler werden aber vor allem, fürchte ich, dazu inspiriert, dass sie sich ebenfalls nachts treffen und betrinken. Oder meinen Sie das nicht?

  13. Kezzy

    In der Tat waren durchaus mehrere LAteinlehrkräfte im Haus. Ich sage nicht, dass es ungerecht von den Lehrern ist, nicht mitzuspielen, aber mir ist bereits bei mehreren Lehrern aufgefallen, dass sie sämtlichen Humor und Interesse in ihre Schüler verloren haben. Und ich sehe es tatächlich als ungerecht an, den besagten Lateinmarsch hier schlechtzureden um somit den nachfolgenden Schülern (sollten es welche davon lesen) zusätzlich entmutigt sein, ein solches Event nochmals ins Leben zu rufen.

    Zum Fach Latein: Ich gebe zu, dass ich nicht unbedingt die Beste in diesem Fach war und es nicht bevorzugt habe, wie einige andere Fächer auch. Doch ich werde mich für einen Studiengang Recht entscheiden, wofür das Latinum durchaus nicht ganz unwichtig ist. Ich bin wahrhaftig stolz, dass ich nicht einmal gefährdet war in diesem Fach, und auch bin ich stolz, dass ich dieses Ziel nun erreicht habe… und ich bin der Meinung, dass dies ein Grund zum Feiern (zwar nicht zum „saufexzess“) ist. Und selbst wenn es nochmal zu so einem übertriebenen Exzess kommt, wäre es dennoch nicht Sache der Schule, da diese Party privat stattgefunden hat. Ich möchte niemanden von den richtig Betrunkenen in Schutz nehmen, aber es fand in der Freizeit statt und selbst wenn die Zeitung zu gut deutsch „mist“ schreibt, muss die Schulleitung das klarstellen!

  14. punktcken

    DANKE an Kezzy.Eigentlich wollte ich gegen den obenstehenden Artikel selbst protestieren, allerdings wurde es mir ja abgenommen.Alles was gesagt werden musste wurde gesagt.

  15. Herr Rau Post author

    Wir werden uns wohl vorerst damit abfinden müssen, dass wir verschiedene Ansichten haben. Meine Meinung hat sich nur ein wenig geändert. Es hängt viel von meiner oben gestellten Frage ab – Feiern aus Stolz oder wegen verhasstem Fach. Und davon, wie sich der Lateinmarsch den Lehrern darstellt. Denn: ein Recht auf einen Lateinmarsch sehe ich nirgendwo. Wenn Lehrer dabei mitmachen, dann entweder, weil das dienstlich angewiesen wird (unwahrscheinlich) oder weil sie es einsehen beziehungsweise den Schülern einen Gefallen tun. Die Lehrer machen das freiwillig. Oder eben auch nicht: das ist die Definition von freiwillig. Möglichkeiten, die Akzeptanz bei Lehrern (zumindest: bei mir, ich spreche immer nur für mich) zu erhöhen, gibt es genug, wenn das erwünscht ist.

    Die Schule sollte sich in Zukunft fragen: Ist der Lateinmarsch Ausdruck des Bedürfnisses nach einem abschließenden Ritual oder sinnentleerte Tradition? Wenn das Bedürfnis da sein sollte, wie könnte man es stillen? So oder so sollte man die liminale Phase kurz halten: Was spricht gegen Lateinerei in der letzten Schulwoche, am Dienstag bis Donnerstag?

    Selber will ich allerdings nächstes Mal bereits bei den ersten Schülerinnen freundlich bleiben. Ablehnend, aber freundlich. Das stimmt, das war nicht souverän von mir.

  16. Regina M

    Acht Jahre später bin ich zufällig auf diesem Blog gelandet. Ich bin 44 und Mutter von Gymnasialschülern, habe aber sonst weder mit dem Ort, dieser Schule, noch mit einem der Beteiligten zu tun. Vielleicht gerade wegen dieses Blicks von außen möchte ich gratulieren zu dieser Art der Diskussion und Auseinandersetzung. Ich finde, es ist ein gutes Stückchen Internetkultur, das hier gelebt und gelehrt wird.

    Persönlich bin ich übrigens der Meinung, dass ich in den liminalen Phasen durchaus nützliche Dinge gelernt habe, allerdings eher solche, die sich leider so nicht direkt in den Lehrplänen finden.
    Weiterhin ärgere ich mich regelmäßig über das wahllose (!) Vorführen von Filmen zur Beschäftigung/ Besänftigung von Schülern. Ich wünsche mir da oft, dass Pädagogen, die u.a. von meinem Geld bezahlt werden, ihre Aufgaben ernster nehmen.
    Und ich verbiete (nach eigener 5jähriger Erfahrung) meinen Kindern ganz klar, Latein zu wählen.
    Danke, Herr Rau, für den erfrischenden Blog.

  17. Herr Rau Post author

    Freut mich, wenn Sie das gerne gelesen haben. Ich hab’s mir auch wieder angeschaut, so ein Blog ist ja auch zum Erinnern da. Im letzten Jahrzehnt, da ging noch mehr mit Diskussion in Blogs, inzwischen ist das nach Twitter oder Facebook abgewandert oder hat ganz aufgehört.

  18. Lempel

    Gibt es den Lateinmarsch noch an Ihrer Schule?

  19. Herr Rau Post author

    >Gibt es den Lateinmarsch noch an Ihrer Schule?

    Da bin ich mir gar nicht sicher. Ich habe die letzten Jahre nichts davon mitgekriegt; wenn es ihn überhaupt noch gibt, dann in reduzierter Form. Es gibt aber regelmäßig einen Oberstufen-Lateinkurs. Der sprachliche Zweig (mit einer dritten Fremdsprache) verliert an Teilnehmern, aber als zweite Fremdsprache ist Latein immer noch vertreten.

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