Lesereise (im Papierweb mit König Artus)

Wenn ich diesen Blogeintrag nicht bald schreibe, läuft er mir noch ganz davon. Also: Ich lese gerade viele Bücher, die ich schon einmal gelesen habe. Das vierte in Folge. Und das macht Spaß. Klar ist es toll, neu erschienene Bücher zu lesen, über aktuelle Trends Bescheid zu wissen und mit dem Feuilleton mitreden zu können. Wer das beruflich macht, für den ist das auch wichtig. Aber es gibt so viele schöne nicht aktuelle Bücher, schon gelesene oder nicht.

Angefangen hat das mit David Lodge, Changing Places. Das ist ein (launiger) Universitätsroman, ein Genre, das es in Deutschland fast gar nicht gibt. Inhalt: ein englischer und ein amerikanischer Dozent unterschiedlichen Charakters tauschen Ende der 1960er Jahre für ein Semester die Plätze, und teilweise auch die Rollen und Ehefrauen. Auch als Schullektüre zu empfehlen, man kann viele Symmetrien herausarbeiten, und jedes große Kapitel ist sehr bewusst in einer anderen Technik geschrieben. Außerdem unterhaltsam.

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Danach spielte ich kurz mit dem Gedanken, mit Lucky Jim von Kingsley Amis weiterzumachen: fünfzehn Jahre früher, weniger technisch verspielt, sentimentaler und zorniger, ein Urvater des (immer noch launigen) Universitätsromans. Aber er hatte keine echte Chance, zuerst war Small World von David Lodge dran. Das ist insofern eine Fortsetzung des ersten Romans, als die beiden Professoren wieder mitspielen – aber nicht nur die. Aber jetzt kommt erst mal das Schaubild für heute:

lesereise

Small World ist als Schullektüre weniger geeignet. Die Struktur ist diesmal der Artusepik entnommen: Statt Rittern, die auf Questen durch alle Herren Länder ziehen und dem heiligen Gral nachjagen oder den Fisher King von seinem Fluch befreien, gibt es Universitätsdozenten, die durch alle Herren Länder von Konferenz zu Konferenz ziehen, dort amouröse und andere Abenteuer erleben, dem neu eingerichteten UNESCO-Lehrstuhl für Literaturkritik nachjagen oder dem alten, geschwächten, nicht mehr produktiven Meisterkritiker Arthur Kingfisher wiederbeleben. Viele Nebenhandlungen, viele Personen, viele Schauplätze; gelehrte, nicht ganz ernst gemeinte Literaturtheorie – warum das Epos dem männlichen Orgasmus entspricht, die Romanze dem weiblichen und welches Körperteil der Komödie zuzuordnen ist. (Der Anus.) Wenn man von einer Hauptperson sprechen kann, dann ist das der unerfahrene Percy (get it?), der seiner großen Liebe nachjagt und sie doch nicht erreicht. Liebenswerte Nebenfiguren sind die Frau am Flughafen-Schalter, die Romanzen liebt und gezielt nette Menschen neben andere nette platziert, und nervige neben Kleinkinder setzt; der Autor, der nicht mehr schreiben kann, seit eine Computeranalyse ergeben hat, dass sein Lieblingswort „grease“ ist; der paranoide Professor, der dem Dialog mit Eliza verfällt.

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Danach erinnerte ich mich an John Steinbeck, Tortilla Flat. Das Buch erzählt die Abenteuer einer Bande von Herumtreibern und Streunern in Monterey, Kalifornien. Auch hier dienen wieder die Ritter der Tafelrunde als Vorbild – nur dezent, aber unverkennbar. Die episodenhafte Struktur, die ritterromanhaften Untertitel der Kapitel, angeredet wird zwischendurch immer wieder mit „thou“, es geht um eine Gemeinschaft, die – más o menos – gute Taten verüben will; es geht um heilige Objekte und zum Schluss auch um den Untergang dieser Gemeinschaft. Und so heißt der letzte Satz des Romans dann auch:

And after a while they turned and walked slowly away, and no two walked together.

Ich hatte immer vermutet, der Satz sei direkt aus der Artusepik geklaut, aber möglicherweise ist er tatsächlich echt Steinbeck. Er passt jedenfalls hervorragend zum Stoff.

Ich mag den Tafelrunden-Stoff nämlich sehr. Die eigentliche Geschichte ist für mich die: Ein wildes, gesetzloses Land. Eine Runde von Rittern, die erst mal mit der gröbsten Ungerechtigkeit aufräumen, aber das eher aus Abenteuerlust. Dann eine zweite Stufe der Zivilisierung, ein größeres Ziel. Und danach der unausweichliche Zusammenbruch der Tafelrunde und aller ihrer hehren Ziele (auch wegen Lancelot und Guinevere, lange Geschichte) – und die Frage, inwiefern sich das ganze überhaupt gelohnt hat, inwiefern die Tafelrunde überhaupt eine Rolle gespielt hat. Das ist der Stoff, den ich immer wieder auf die eine oder andere Art erzählt bekommen möchte, und deshalb haben mich die ganzen Artus-angehauchten-Verfilmungen der letzten Jahre überhaupt nicht interessiert.

(Ich finde das völlig in Ordnung, immer wieder die gleiche Geschichte neu erzählt zu bekommen. Das gilt für Theaterstücke und für Opern ebenso. Und für Spider-Man: seine Geschichte ist die von „with great power comes great responsibility“, vom ethischen Dilemma. Die Fantastic Four haben ihre Geschichte: Familie entdeckt neue Welten. Frank Miller hat Daredevil zu seiner Geschichte verholfen; Peter David hat die von Hulk definiert; Thor hat immer noch keine.)

Der Stil von John Steinbeck ist episch wie bei Don Camillo (und damit anders als Garrison Keillor) und komisch-heroisch wie wie bei Damon Runyon, hat ein bisschen was von magic realism ohne Magie. Bekannter ist sein Roman Cannery Row in ganz ähnlichem Tonfall. Den hätte ich auch fast als Nächstes gelesen, aber dann entschloss ich mich doch, die Artus-Spur zu verfolgen.

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Und die führte mich zu Mark Twain, A Connecticut Yankee in King Arthur’s Court. Auch hier wird wieder meine Geschichte vom Scheitern einer Idee erzählt.
In der kurzen Rahmenhandlung behauptet ein moderner Amerikaner, die Zeit der Artussritter miterlebt zu haben; als Beweis liegen seine Aufzeichnungen, eine Art Tagebuch vor, die den eigentlichen Roman ausmachen:

Under the old dim writing of the Yankee historian appeared traces of a penmanship which was older and dimmer still – Latin words and sentences: fragments from old monkish legends, evidently.

Es ist vor allem Malorys Le Morte D’Arthur, der als als Vorlage durchscheint – mehr dazu unten.

Hank Morgan, der Yankee, will die abergläubische und feudale Welt der Ritter und Leibeigenen auf den Stand des aufgeklärten, demokratischen 19. Jahrhunderts bringen – oder was er dafür hält. Er gibt die ersten Zeitungen heraus. Der erste Reporter schreibt noch eher ungelenk: Sein erster Bericht von einem Turnier (Kapitel IX) liest sich sehr trocken und wie eine schlechte Aufzählung im Lokalblättchen, wo in wenig abwechslungsreichem Stil möglichst viele Namen erscheinen müssen. Kunststück, er ist wörtlich aus Malory entnommen (Buch VII, Kapitel XXVII). (Ähnlich Sandys Erzählung in Kapitel XIX, diesmal sogar mit Malory als Quelle in einer Fußnote.) Überhaupt, die Zeitungsausschnitte: müssen ein Albtraum für jeden Setzer sein, so voll mit Satz-Fehlern, wie sie im Buchdruck vorkommen können. Wie das wohl in der deutschen Übersetzung aussieht?
Der Erzähler macht sich in bisschen über die Sprache lustig, die er als Urvater des deutschen Satzbaus ansieht. Hier stammt auch das bekannte Twain-Zitat her:

Whenever the literary German dives into a sentence, that is the last you are going to see of him till he emerges on the other side of his Atlantic with his verb in his mouth.

Allerdings färbt die Sprache auch auf den Yankee ab. „It was plain I had undergone a considerable change without noticing it. I found myself unpleasantly affected by pert little irreverencies which would have seemed but proper and airy graves of speech at an earlier period of my life.“

Twains Ritter sind ähnlich naiv und planlos wie die paisanos bei John Steinbeck:

They alway put in the long absence snooping around, in the most conscientious way, though none of them had any idea where the Holy Grail really was, and I don’t think any of them actually expected to find it, or would have known what to do with it if he had run across it.

Sie werden mit Narren verglichen und ihre ewige Zum-Kampf-Herausforderei mit dem Verhalten von Kindern. Und doch:

Yet there was something very engaging about these great simplehearted creatures, someting attractive and lovable. There did not seem to be brains enough in the entire nursery, so to speak, to bait a fishhook with; but you didn’t seem to mind that, after a little, because you soon saw that brains were not needed in a society like that, and […] perhaps rendered its existence impossible.

Der Yankee – und mit ihm Mark Twain – greift Aristokratie und Kirche an, bekämpft Leibeigenschaft und Sklaventum. Auch für Frauen will er das Wahlrecht einführen, zumindest „to all mothers who at middle age should be found to know nearly as much as their sons at twenty-one“. Große Religionsgemeinschaften will er abschaffen: „We must have a religion – it goes without saying – but my idea is, to have it cut up into forty free sects, so that they will police each other, as had been the case in the United States in my time.“
Das ist Teil eines new deal, den er den Bürgern des Landes vorschlägt. Franklin D. Roosevelts soll seinen New Deal danach benannt haben. (Und seinen Sommersitz hat er „Shangri-la“ genannt – nach James Hilton.)

Allerdings ist der Yankee keinesfalls ausschließlich ein Sprachrohr Mark Twains. So modern Hank Morgan ist, so sehr ist er in seiner eigenen Welt gefangen. Er glaubt daran, mit Technik letztendlich alles lösen zu können. Er ist: „practical; yes and nearly barren of sentiment […] or poetry“, seine Ausbildung sah so aus: „[I] learned to make everything; guns, revolvers, cannons, boilers, engines, all sorts of labor-saving machinery. Why, I could make anything a body wanted – anything in the world, it didn’t make any difference what“. Homo faber, anyone?
An dem Säulenheiligen, der sich tagaus tagein ständig zu Boden beugt und wieder aufrichtet, befestigt er Gummizüge, um mit der Energie eine Nähmaschine zu betreiben, und beschreibt stolz, wie viel Hemden damit produziert werden konnten (Kapitel XXII). Er ist siegessicher, weil er sich für „the best-educated man in the kingdom“ hält. Die Ausbildung einer neuer Generation von selbstständig denkenden Bürgern geschieht in einer „Man Factory“ (Kapitel XIII), „it’s a Factory where I’m going to turn groping and grubbing automata into men“ (Kapitel XVII).

Er arbeitet mit verschiedenen Methoden daran, Kirche und Ritter lächerlich aussehen zu lassen. Nach einer längeren Sequenz, in der er und Artus sich verkleidet unters Volk mischen und als Sklaven verkauft werden (eine Sequenz, die mich sehr an die Erziehung Artus‘ durch Merlin bei T.H. White erinnert), versetzt er dem Rittertum den Todesstoß: In einem Turnier besiegt er seine Gegner mit dem Lasso, und als ihm sein Konkurrent Merlin das stiehlt, schließlich mit dem Revolver – er erschießt erst einen, und dann acht weitere Ritter, bis diese den Schwanz einziehen und aufgeben.
Daraufhin errichtet er letztlich eine Diktatur (wer nicht mitmacht, stirbt), macht seine geheim gehaltenen Schulen und Fabriken bekannt. Er führt Dampfschiffe ein und Eisenbahnen, will bald Ameika entdecken, und veröffentlicht eine Herausforderung an die gesamte Ritterschaft Englands: er und fünfzig Assistenten, jederzeit, gegen alle, bis auf den Tod.

Und dazu kommt es dann auch. Das Dreieck Lanzelot-Guinevere-Artus ist Auslöser; die Kirche belegt den Yankee mit einem Bann, die Leute folgen der Kirche, auch die eben erst befreiten Sklaven. Die Kriegsberichterstattung in Kapitel XLII stammt wieder direkt von Malory (Buch XXI, Kapitel IV):

Then the king looked about him, and then was he ware, of all his host and of all his good knights, were left no more alive but two knights; that one was Sir Lucan the Butler, and his brother Sir Bedivere, and they were full sore wounded. Jesu mercy, said the king, where are all my noble knights become?

Der König ist tot, Guinevere im Kloster. Die Ritter Englands greifen im Namen der Kirche an; der Yankee und seine Anhänger verschanzen sich hinter elektrisch geladenen Zäunen und Maschinengewehren und Minen. Innerhalb einer Nacht sterben alle 25.000 Ritter blutigst durch Stromschlag, Sprengstoff, Gewehrfeuer oder Ertrinken. Eine gruslige Sequenz:

One could make out but little of detail; but he could note that a black mass was piling itself up beyond the second fence. That swelling bulk was dead men! Our camp was enclosed with a solid wall of the dead – a bulwark, a breastwork, of corpses, you may say.

Wenn der Yankee schon Giftgas gehabt hätte, er häte auch das eingesetzt. Seine Truppe ist kampflos Sieger, aber eingemauert von den Leichen, die zu verwesen beginnen. „We had conquered,; in turn we were conquered.“ Merlin schleicht sich in das Lager und Hank Morgan, der Yankee am Hof König Artus‘, versinkt – man erfährt nicht, wie – in einen todesähnlichen Schlaf. Ende.

Wieder ist eine Vision vernichtet, eine kurze Blütezeit zerstört. Nur kommt in diesem Fall hinzu, dass die Vision Hank Morgans wenig besser war als die Barbarei vor ihm; dass die Technik des 19. Jahrhundert dem 6. Jahrhundert keinen Fortschritt gebracht hat. Offen bleibt, ob das am zu schnellen Vorgehen und der Person des Yankee liegt, oder ob, pessimistischer, der Mensch unverbesserlich ist: „Well, there are times when one would like to hang the whole human race and finish the farce.“

(Und was gab es in Deutschland zu dieser Zeit zu lesen? Effi Briest.)

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Zwischendurch griff ich zum Urvater der modernen Artus-Geschichten. Le Morte d’Arthur von Thomas Malory. (Fußnote: „Mallory“ nannte Raymond Chandler den Detektiv seiner ersten veröffentlichten Geschichte.) Gedruckt im 15. Jahrhundert von William Caxton. In jungen Jahren habe ich das mal ganz gelesen, wenn auch in deutscher Übersetzung. Was man halt so macht in seiner Freizeit.
Interessant ist das Nachwort meiner Ausgabe, das unter anderem die Entwicklung des Artus-Stoffes umreißt. Ich habe hier mal vieles davon in einem Diagramm dargestellt, wichtig war mir vor allem, wie nach und nach die verschiedenen Elemente, die für mich heute den Stoff ausmachen, hinzukamen:

artus-stoff

Müsste man eigentlich mal ein W-Seminar dazu anbieten. Warum es englische und französische Versionen des Stoffes gibt, ist klar: ausgeformt wurde der Stoff zur anglonormannischen Zeit, teils als Vorbild für den Hof dort, dann nach der Lösung von Frankreich als veraltet betrachtet.

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Wie geht es jetzt weiter mit meiner Lesereise? Sicher nicht zu Marion Zimmer Bradley. Ihr Die Nebel von Avalon habe ich in jungen Jahren gelesen, ich habe ihn als historischen Roman in Erinnerung, und die mag ich nicht sehr. Humorlos, ohne Übertragung auf spätere Zeiten. Nicht meine Geschichte. Viel eher die Artusversion von T.H. White: The Once And Future King, die meine Sicht auf den Stoff sehr geprägt hat. Sie ist wunderbar anachronistisch – die stärkeren oder schwächeren Ritter, die man sich für mehr oder weniger Geld als Streiter für die eigene Sache engagiert, werden mit heutigen Anwälten verglichen. Sie ist sentimental und hält die Wage zwischen Optimismus und Pessimismus. Auch da geht am Ende alles kaputt, und Artus fragt sich, ob es die ganze Sache wert war, ob die Tafelrunde irgendwelche bleibende Auswirkungen haben wird. Am Vorabend der letzten Schlacht schickt er den jungen Tom (Thomas Malory) fort, damit der die Geschichte von Artus‘ Idee weitererzählen kann.

Andererseits: Vermutlich hat mich der kurze Schlenkerer zu Chandlers Mallory auf eine andere Spur geworfen: ich mache jetzt mal wieder mit Chandler weiter.

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4 Thoughts to “Lesereise (im Papierweb mit König Artus)

  1. Vielen Dank für diesen wundervollen Blogeintrag! Ich mag die Artussage selbst auch sehr, kannte Small World und Tortilla Flat aber noch gar nicht und habe beide nun auf die Leseliste gesetzt. Auch die Zusammenstellung der Entwicklung der Sage finde ich sehr gelungen und habe sie gleich mal für mich selbst abgespeichert, weil sie alles so schön auf einen Blick zusammenfasst. Danke dafür!

  2. Danke, Herr Rau, für den Schubser. Ich habe gestern abend meinen Mark Twain aus dem Regal geholt (musste dafür extra die Leiter holen, hat sich ganz oben im Regal versteckt). Allerdings die deutsche Ausgabe. Für die Artus-Geschichte habe ich auch viel übrig, ich muss aber gestehen, mich interessiert allerdings Merlin (bin halt Fantasy-Fan…)

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