Rudyard Kipling & Wardrobe Worlds

Bei Lewis Carroll kommt Alice entweder durch ein Kaninchenloch oder durch einen Spiegel ins Wunderland. Die Kinder in C.S. Lewis‘ Der König von Narnia gelangen durch einen Wandschrank nach Narnia, und einen Wandschrank benutzt auch Erich Kästner in Der 35. Mai.

Es geht um magische Reiche und wie man dorthin gelangt.

Bei den unvergleichlichen TV Tropes, wo ich mich schon wieder für Stunden festgelesen habe, gibt es eine ausführliche, aber keineswegs vollständige Liste solcher magischer Länder.
Auch zu Toren, die in diese Reiche führen gibt es dort eine Liste.

Offhand fallen mir folgende Beispiele ein:

  • Lewis Caroll, Die beiden Alice-Bücher (Methode: Kaninchenloch und Spiegel)
  • C.S. Lewis, Die Narnia-Romane (Methode: Wandschränke und Ringe)
  • Salman Rushdie, Haroun and the Sea of Stories (Methode: Ein magischer Wiedehopf erscheint und nimmt einen mit)
  • Michael Ende, Die unendliche Geschichte (Methode: Magisches Buch)
  • Michael Chabon, Summerland (Methode: habe ich vergessen. Es geht jedenfalls um Baseball.)
  • Norton Juster, The Phantom Tollbooth (Methode: Einmal durchfahren.)
  • Lev Grossman, The Magicians (Methode: Knöpfe)
  • Raymond Chandler, „The Bronze Door“ (um mal einen Außenseiter zu nennen)
  • Andre Norton, die Hexenwelt-Romane – stellvertretend für Abraham Merritt und viele andere klassische Fantasy-Autoren. Als Zitat verfremdet bei Harlan Ellison, „The Place With No Name“. (Methode: Magische Steine, magische Reisebüros, magische Schiffsmodelle, magische Fluchthelfer.)
  • Old Time Radio series The Cinnamon Bear
  • Jonathan Carroll, Bones of the Moon, und andere
  • Neil Gaiman, A Game of You (Sandman Heft 32-37)
  • E.T.A. Hoffmann, „Nussknacker und Mausekönig“: Marie und der Nussknacker gehen durch einen Kleiderschrank ins Puppenreich.
  • Überhaupt, der Großvater aller Wege ins Traumreich: das Märchen. Bei Frau Holle fällt ein Ball in den Brunnen, und wer dem Ball nachklettert, kommt in das Reich von Frau Holle. Jack klettert die Bohnenranke nach oben ins Wolkenreich. Ein Unterschied ist vielleicht der, dass im Märchen das andere Reich als relativ normale Fortsetzung unserer Welt angesehen wird (müsste man diskutieren), ein anderer der, dass dort das Tor außerhalb des Hauses ist – eine Höhle, eine Pflanze, ein Brunnen. Türen und Fenster sind moderner und innerhalb der eigenen vier Wände zu finden, und vielleicht deshalb um so fantastischer.

Und dann gibt es die Sonderform der Traumwelten – Welten, die explizit nur in Träumen existieren und in die man fast nur schlafend und träumend kommt. Für mich war der Urvater immer:

  • Lord Dunsany mit seinen Geschichten „Idle Days on the Yann“, „A Shop in Go-By Street“ und andere Tales of Three Hemispheres.
  • H.P. Lovecraft schrieb einige Geschichten, die sehr an Dunsany erinnern und die in den Dreamlands spielen. Und Lovecrafts Geschichten waren wieder Ausgangspunkt für viele andere Autoren. Darf ich in diesem Zusammenhang auf den H.P. Lovecraft Literary Podcast hinweisen? Die zwei Autoren nehmen sich in chronologischer Folge jede Woche eine Geschichte von Lovecraft vor und plaudern darüber. Jetzt sind sie gerade bei den interessanten Geschichten angekommen, „The Outsider“ etwa, aber die klassischen Lovecraft-Geschichten kommen alle erst noch.
    Zu den Dreamlands gehören die Steps of Deeper Slumber, die Hafenstadt Dylath-Leen, Ulthar, die Ruinen von Sarnath, Celephaïs, das Unbekannte Kadath im Norden, und viele weitere Orte.

Ich erwähne das deshalb so ausführlich, weil ich eine solche Traumwelt auch von Rudyard Kipling entdeckt habe, und zwar in:

  • Rudyard Kipling, „The Brushwood Boy“ (1899, glaube ich).

Wie es sich für exotische Länder gehört, gibt es auch eine Karte dazu:

Die Geschichte selber ist gar nicht so spannend; es passiert nicht viel. Ein kleiner Junge träumt regelmäßig von einem fantastischen Land. Er träumt so detailliert, dass er eine Karte dieses Landes zeichnen kann; jedenfalls von den Bereichen, die er kennt. Er trifft dort auch gelegentlich auf ein Mädchen („Annieanlouise“), mit dem er sich gut versteht und kleine Abenteuer erlebt.
Als Erwachsener wird er Offizier, ist erfolgreich und beliebt. Gelegentlich kommen seine Träume wieder. Eines Tages trifft er im realen Leben auf eine junge Frau, die dieselbe Traumwelt kennt wie er; sie ist schließlich das kleine Mädchen von damals. Hochzeit und Happyend.

Orte in dieser gemeinsamen Traumwelt sind die Lilienschleuse, jenseits von Hong-Kong und Java (beides steinerne Lilien im Traumozean); ein großes Haus, in dem Es stirbt; es gibt Policeman Day und die Stadt des Schlafes; ein magisches Pony und den Dreißig-Meilen-Ritt – genauso fantastisch wie in späteren Traumwelten.

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3 Thoughts to “Rudyard Kipling & Wardrobe Worlds

  1. Da fallen mir sofort die Mathemagie-Bücher von L. Sprague deCamp ein – Wechsel in mythologische Welten mittels Vertiefen in mathematische Formeln (endlich ergibt der Mathe-Unterricht Sinn…)

  2. Eine gewisse Abwandlung solcher Tore gibt es in vielen Texten von Stephen King. Zwischen der „normalen“ Welt und dem „Horror“ gibt es häufig gewisse Übergänge.

    Bei „Es“ der Gang in die Kanalisation.
    Bei Stand By Me die Eisenbahnbrücke.
    Bei Green Mile eben diese „Meile“.
    usw.

    Fiel mir nur gerade ein, ansonsten schöner Artikel, mehr davon! (Mir fällt sowas selten in dem Umfang auf, deswegen freu ich mich immer über solche Hinweise…)

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