Rudyard Kipling

Rudyard Kipling ist aber auch so was von außer Mode. Da hilft der Literaturnobelpreis von 1906 auch nur wenig. Unterhaltungsliteratur, Imperialismus, Verherrlicher eines britischen Weltreichs, blablabla. Schon im vorletzten Jahrhundert träumte J. K. Stephen von einer Zeit, in der die Menschheit erlöst sein würde von billigen Abenteuergeschichten in Magazinen, von einer Zeit,

When there stands a muzzled stripling,
Mute, beside a muzzled bore:
When the Rudyards cease from kipling
And the Haggards Ride no more.1

Der Langweiler mit Maulkorb, das ist H. Rider Haggard: Autor von King Solomon’s Mines, dem berühmten She, und meinem Favoriten Ayesha/The Return of She (weil’s im Himalaya spielt und nicht in Afrika). Das waren alles mal berühmte Sachen, heute kennen viele Allan Quatermain nur aus Moores League of Extraordinary Gentlemen.

Und der kippelnde jüngere Dichter, dem Stephen einen Maulkorb verpassen möchte, das ist natürlich Rudyard Kipling.2 Dabei war der natürlich alles andere als langweilig, sondern vielseitig, spannend, witzig. Ein Freund und Verteidiger des britischen Empire, und deshalb auch dessen Kritiker. Er gab vor allem der Unterschicht eine Stimme. Berühmt war er für seine Armeegeschichten und ‑balladen, aus denen Brecht auch für die Dreigroschenoper plagiiert hat (Kanonensong und andere); diese Texte sind zum Teil für mich heute unlesbar, weil Kipling meinte, den Dialekt der Sprecher auch in der geschriebenen Sprache zum Ausdruck bringen zu müssen.

Ich lese Kipling sehr gerne. Ob er über Indien schreibt oder über public schools, über Alltag in England, über das Meer – er schafft es immer wieder und in wenigen Zeilen, eine eigene Welt aufzubauen. (Anders als sein Zeitgenosse H.G. Wells, dessen Kurzgeschichten bis auf wenige Ausnahmen viel lebloser auf mich wirken.)

Was kennt man denn von Kipling?

If

Wird immer mal wieder in die Liste der beliebtesten britischen Gedichte gewählt, wenn nicht gar auf Platz 1. Etwas bombastisch, aber das kann man ja auch mögen. Die zweite Strophe:

If you can dream – and not make dreams your master;
If you can think – and not make thoughts your aim;
If you can meet with Triumph and Disaster
And treat those two impostors just the same;
If you can bear to hear the truth you’ve spoken
Twisted by knaves to make a trap for fools,
Or watch the things you gave your life to, broken,
And stoop and build ‘em up with worn-out tools:

(Das ganze Gedicht bei Wikipedia.)

A Matter of Fact

Keine besonders bekannte oder außergewöhnliche Geschichte. Ich erwähne sie nur, weil Neil Gaiman sie in einem Heft der Sandman-Reihe verwendet hat. Zwei Journalisten werden bei einer Ozeanüberquerung Zeuge, wie ein Seeungeheuer auftaucht; wieder an Land, erzählen sie die Sensation nicht weiter, weil ihnen doch keiner glauben würde. – Neil Gaiman scheint auch sonst Kipling zu mögen, es gibt mindestens ein Vorwort zu einer Kipling-Ausgabe von ihm.

My Sunday at Home

Eine bizarre kleine Geschichte. Der Erzähler verbringt ein paar Tage in England, lebt anscheinend sonst im Ausland. Und er betrachtet das kleine Geschehen, von dem er berichtet, sehr distanziert: Der Schaffner im Zug teilt den Reisenden mit, dass jemand versehentlich eine Flasche Gift (mit)genommen habe. Ein amerikanischer (lies: busybody) Arzt hört das, missversteht es, hält einen betrunkenen Streckenarbeiter für das Opfer und flößt ihm ein Brechmittel ein.
Der betrunkene Arbeiter lässt den Arzt jetzt aber nicht mehr weg, die Sache kommt ihm nämlich merkwürdig vor. Und es geht ihm jetzt auch gar nicht mehr so gut. Der Zug fährt ohne sie weiter; der Erzähler bleibt ebenfalls da und schaut sich, auch räumlich distanziert auf der Brücke stehend, an, wie der Arzt versucht, dem Klammergriff seines unfreiwilligen Patienten zu entkommen.
Das Absurde an der Geschichte ist die Erzählweise, das freundlich-interessierte, distanzierte Verhalten des Erzählers.

Den meisten Kritikern gefiel die Geschichte nicht. Einige Reaktionen sind hier gesammelt, darunter aber auch diese meiner ähnelnde von Angus Wilson (in: The Strange Ride of Rudyard Kipling):

Here in the humorous story, “My Sunday at Home”, ostensibly a leg-pull of an over-solemn American doctor travelling in England, he wrote the first of those superb impressionistic Constable-like accounts of the English countryside caught in a particular moment of English weather.

Ich glaube, die friedliche Ruhe an diesem sonnigen Sonntagnachmittag ist es, die mir so gefällt.

The White Man’s Burden

Das dürfte – neben George Orwells Essay “Shooting an Elephant” – jedem Englischlehrer mal begegnet sein. Imperialistisch bis ins Mark, aber vielleicht auch ironisch gemeint. Die Geisteshaltung darin lässt sich heute nicht mehr so einfach nachvollziehen.

Take up the White Man’s burden—
Send forth the best ye breed—
Go bind your sons to exile
To serve your captives’ need;
To wait in heavy harness,
On fluttered folk and wild—
Your new-caught, sullen peoples,
Half-devil and half-child.

(Das ganze Gedicht und viel Kommentar bei Wikipedia.)

The Janeites

In Rückblenden erzählt. Ein paar Offiziere einer Einheit im ersten Weltkrieg scheinen einer Art Geheimbund anzugehören, den Janeites. Sie benutzen ständig Codewörter und beziehen sich auf Personen, die sonst keiner kennt. Ein einfacherer Dienstgrad will Mitglied werden und wird mehr scherzhaft in den Club eingeführt, und muss dazu so komische Bücher lesen. Aber er findet dann doch auch Gefallen an diesen Büchern und liest sie regelmäßig. Die meisten Mitglieder der kleinen Gemeinschaft überleben den Ersten Weltkrieg nicht, aber die Jane-Austen-Lektüre hilft ihnen doch.

The Ship that Found Herself

Schiffe gibt es oft bei Kipling. Hier wird eines sehr lyrisch geschildert:

If you lay your ear to the side of the cabin the next time you are in a steamer, you will hear hundreds of little voices in every direction, thrilling and buzzing, and whispering and popping, and gurgling and sobbing and squeaking exactly like a telephone in a thunder-storm. Wooden ships shriek and growl and grunt, but iron vessels throb and quiver through all their hundreds of ribs and thousands of rivets. The Dimbula was very strongly built, and every piece of her had a letter or number, or both, to describe it; and every piece had been hammered, or forged, or rolled, or punched by man, and had lived in the roar and rattle of the ship-yard for months. Therefore every piece had its own separate voice in exact proportion of the amount of trouble spent upon it. Cast-iron, as a rule, says very little; but mild steel plates and wrought-iron, and ribs and beams that have been much bent and welded and riveted, talk continuously. Their conversation, of course, is not half as wise as our human talk, because they are all, though they do not know it, bound down one to the other in a black darkness, where they cannot tell what is happening near them, nor what will overtake them next.

Der Bordingenieur auf diesen Schiffen ist übrigens fast immer ein Schotte. (Schottland hat mindestens seit dem späten 18. Jahrhundert einen guten Ruf im Ingenieurswesen. Viel mehr weiß ich nicht.) Und da kommt natürlich auch unser Scotty von der Enterprise her. “You canna take herr any fasterr, captain!” Der Kessel droht ständig zu explodieren, wenn der Ingenieur ihm nicht gut zuredet.


1 Das vollständige Gedicht von J.K. Stephen:

To R. K.

As long I dwell on some stupendous
And tremendous (Heaven defend us!)
Monstr’-inform’-ingens-horrendous
Demoniaco-seraphic
Penman’s latest piece of graphic.
                               BROWNING.

Will there never come a season
Which shall rid us from the curse
Of a prose which knows no reason
And an unmelodious verse:
When the world shall cease to wonder
At the genius of an Ass,
And a boy’s eccentric blunder
Shall not bring success to pass:

When mankind shall be delivered
From the clash of magazines,
And the inkstand shall be shivered
Into countless smithereens:
When there stands a muzzled stripling,
Mute, beside a muzzled bore:
When the Rudyards cease from kipling
And the Haggards Ride no more.

James Kenneth Stephen (1859–1892)


2 Der Kalauer “Do you like Kipling?” “I don’t know, I’ve never kippled” wurde mal in einer Ausgabe von MAD Magazine verbraten. Die deutsche Übersetzung war ein wenig holprig, aber immerhinque: “Mögen Sie Ibsen?” (Was man sich so alles merkt.)

7 Antworten auf „Rudyard Kipling“

  1. Von der Last des weißen Mannes hat man auch außerhalb anglistischer Kreise schon gelesen, etwa als Untertitel zu Karikaturen in Geschichtsbüchern in der 9. Klasse zum Thema Imperialismus natürlich.
    Aber zu Kipling muss man doch diese unglaubliche Geschichte erwähnen, in der ein Junge mit der Aufgabe heranwächst einen Tiger töten zu müssen. Befreit von dem unsäglichen Disney-Gemütlichkeits-Krampf und mit Blick auf die Tatsache, dass es in Indien tatsächlich “Wolfskinder” gegeben hat, wird das Buch heute wieder lesbar. Außerdem bemerkenswert: der einzige Text, in dem “jungle” als “die Dschungel” und nicht mit “das” oder “der Dschungel” übersetzt wird, und zwar meiner Erinnerung nach immer so, dass man nicht weiß, ob das jetzt als Singular- oder Pluralform zu verstehen ist.
    Und dann ist da noch die andere Story vom “Great Game”, wieder eine Geschichte um einen Jungen, die auch ein Stück weit erklärt, warum heute die NATO am Hindukusch verteidigt wird. Wer weiß eigentlich noch, was ein Kimspiel ist?

  2. “The Man Who Would Be King” habe ich nie gesehen; ich kenne die Kurzgeschichte und Ausschnitte aus dem Film, die sehr gut aussehen. (Und den singenden Michael Caine und Sean Connery habe ich auf einer Mix-Kassette.)

    Die Übersetzung mit der Femininum-Dschungel befindet sich auch in meinem Haushalt. (Leider kein Übersetzer angegeben.( Es heißt tatsächlich zum Beispiel: “Tabaqui wird leicht von Tollwut befallen, viel leichter als irgendein anderes Tier in der Dschungel.”

    Natürlich sind die Dschungelbücher und Kim bekannte und auch lesenswerte Kipling-Bücher. Zu empfehlen.
    Die Städte aus Afghanistan, die man seit Jahren in den Nachrichten hört, denen bin ich bei Arthur Conan Doyle zuerst begegnet, auch noch bei James Hilton und Kipling, und finde das ein wenig gruslig.

  3. Grüß Gott,

    kein Kommentar, sondern eine Frage: kennen Sie eine deutsche Übersetzung zu dem nachfolgenden Gedicht? Danke im Voraus für Ihre Mühe!

    Rudyard Kipling (1865–1936)

    The Female of the Species

    WHEN the Himalayan peasant meets the he-bear in his pride,
    He shouts to scare the monster, who will often turn aside.
    But the she-bear thus accosted rends the peasant tooth and nail.
    For the female of the species is more deadly than the male.
    etc.

  4. Nein, ich kenne leider keine Übersetzung. Vielleicht sieht das hier wer. (Ich habe auch überhaupt nicht viele Bücher mit Übersetzungen von Kipling-Gedichten gefunden. Student müsste man noch einmal sein und täglich in einer großen Bibliothek sein!)

  5. Bei meiner Suche gestern Abend habe ich einen Artikel von Gisbert Haefs gefunden, der auch bestätigt, dass von Kiplings Werken bei uns nur wenig in die deutsche Sprache übersetzt wurde: ganze 5 %.

    Danke für Ihre rasche Antwort!

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