John Steinbeck, East of Eden, William Tenn, Pfingstferien

Die Pfingstferien wurden von allen heiß erwartet, für die meisten kamen sie gerade noch rechtzeitig, für einige andere einen Tick zu spät. Schulgeschichten halt.

Wozu und zu welchem Zweck treiben wir Metrik im Deutschunterricht? Na, damit die Schüler auch mal Werbetexter werden und zum Beispiel für Dr. Oetker Texte schreiben können. Im Fernsehen gibt es seit kurzer Zeit Werbung für Fertigkuchen, “ein Gedicht von einem Kuchen” – und so ist auch der Text dazu paargereimt und mit regelmäßigem Metrum. Bis auf eine Zeile, da ist ein Takt zu viel. Das kann man Schüler analysieren oder weiterdichten lassen. Fundstück dazu: beim VLC Media Player kann man – innerhalb vernünftiger Grenzen – die Geschwindigkeit eines Videos verändern, also vor allem: verringern, wobei natürlich auch die Sprechgeschwindigkeit reduziert wird, und zwar ohne dass dabei die Tonhöhe verändert wird. Das macht das Mitschreiben des Kuchengedichts leichter, außerdem hört sich das Gedicht dann gleich etwas grusliger an. (Download des Videoclips hier, taucht auch sicher bald mal bei Youtube auf.

Ich fange an, ein wenig, ein klein wenig, zu entspannen. Das merke ich daran, dass die Bücher in meinem Stapel ungelesener Bücher wieder interessanter aussehen. Auch die dicken, abschreckenden, die ich vor Kurzem gar nicht ansehen wollte. Ein kurzer Rückblick über Gelesenes:

  • East of Eden von John Steinbeck. Ganz toll, und ich müsste viel darüber schreiben und reden. Es liest sich leicht und angenehm, wenn auch nicht schnell. Die Geschichte ist groß angelegt, ein Familienepos im besten Sinn, über mehrere Generationen, über die Erschließung des Salinas Valley in Kalifornien. Zwischendrin gibt es immer wieder kürzere Kapitel mit einem stärker auktorialen Erzähler, mit Zeitraffung und einem Blick über die Hauptpersonen des Romans hinaus. Das, und das Erschließungsthema, hat mich an Ray Bradburys Marschroniken erinnert, aber vielleicht gehen mir die gerade nur so im Kopf herum.
    Ein Muster kehrt in East of Eden als zentrales Motiv immer wieder, auch explizit thematisiert: der Mythos von Kain und Abel. Das Ringen um Anerkennung und das Erfahren von Zurückweisung. Das kann ich nachvollziehen. (Gibt es bei den Griechen, die doch für alles mögliche einen Mythos haben, keine entsprechende Geschichte? Klar, einen liebenden oder auch strengen Vatergott gibt es da nicht, der einen zurückweisen konnte. Man war froh, wenn einen die Götter in Ruhe ließen. Aber Zurückweisung als solche? Ich glaube mich nur an Geschichten zu erinnern, in denen es eher um beleidigte Götter ging als zurückgewiesene, und Menschen schon gleich gar nicht.)
    Das Herz des Buchs sind seine vielen interessanten Figuren. Cathy, Samuel Hamilton, Adam Trask, und natürlich Lee. Lee ist ein Chinese, in den USA geboren, hochgebildet, der aber brav Zopf trägt und meist Pidgin-Englisch spricht, so wie Hop Sing aus Bonanza – weil das so von ihm erwartet wird. Privat spricht er natürlich perfekt Englisch, ähnlich wie der chinesische Freund von Kaiser Norton in Neil Gaimans Sandman-Heft Nr. 31.
    Chinesen im Westen der USA kennt man sonst natürlich aus der Fernsehserie Kung Fu mit David Carradine als Kwai Chang Caine (man beachte den Nachnamen: Caine ist auch ein ausgestoßener Wanderer).

    Der Schriftsteller Bret Harte, bekannte für seine Kurzgeschichten über den Westen, machte sich 1870 mit dem Gedicht “The Heathen Chinee” über Vorurteile gegenüber Chinesen lustig. In dieser Ballade geht es um eine Kartenrunde, in der ein unscheinbarer,aber betrügerischer Chinese die Mitspieler über den Tisch zieht:

    Which I wish to remark,
    And my language is plain,
    That for ways that are dark
    And for tricks that are vain,
    The heathen Chinee is peculiar,
    Which the same I would rise to explain.
    […]

    Wie so oft bei Satire wurde auch diese missverstanden und als Unterstützung rassistischer Vorurteile herangezogen. Das Gedicht von Harte, selbst eine Parodie, ist wiederum oft parodiert worden, etwa in A. C. Hiltons “The Heathen Pass-ee”, in dem es um die Tücken und Ränke spickender Studenten geht:

    […] In the crown of his cap
    Were the Furies and Fates,
    And a delicate map
    Of the Dorian States
    And we found in his palms which were hollow,
    What are frequent in palms, – that is dates.

    Which is why I remark,
    And my language is plain,
    That for plots that are dark
    And not always in vain,
    The heathen Pass-ee is peculiar,
    Which the same I am free to maintain.

  • William Tenn, Dancing Naked. Tenn muss man hier nicht kennen, er war Science-Fiction-Autor und Universitätsdozent. Das sind seine gesammelten Essays, Vorworte und Interviews. Sehr interessant dabei ein Aufsatz zu Mark Twains geschätztem “A Connecticut Yankee at King Arthur’s Court”, in dem Tenn einen Überblick über die Rezeption der letzten hundert Jahre gibt. Anscheinend hat man beharrlich das Ende dieses Romans als aufgesetzt empfunden und ignoriert. Gelesen wurde der Roman derart, dass nicht einmal die Fortschritte der Technik es schaffen, aus den Menschen im Mittelalter zivilisierte Leute zu machen, und keinesfalls als Kritik an eben diesen technischen Fortschritten.

    Ein andere Aufsatz hat mich dazu gebracht, mir einen Borges-Essay zu besorgen, der interessant klingt. Später mehr dazu.

    Und in einem weiteren geht es um Science Fiction. In den späten 1950er‑, frühen 1960er-Jahren bemühte sich die englischsprachige Science Fiction nämlich – einigermaßen erfolgreich – darum, salonfähig zu werden. Und Tenn hält das für keine gute Entwicklung. Für ihn sind Science Fiction und Literature zwei schwer zu vereinbarende Konzepte. (Anders Isaac Asimov: “[W]enn es schlechte Literatur ist, dann ist es auch schlechte Science Fiction.” In: “Was ist gute Science Fiction?”, 1977.)
    Für Tenn ist das Science in Science Fiction wichtig. Damit meint er nicht nur die Naturwissenschaften, sondern auch die Gesellschaftswissenschaften, und vor allem Geschichte. Geschichte ist für ihn die Wissenschaft, die am meisten mit SF zu tun hat: Reisen in die Vergangenheit, in die Zukunft, Veränderungen in der Gesellschaft und deren Auwirkungen. SF nimmt am besten, sagt Tenn, eine Idee, ein wissenschaftliches Konzept, und spinnt darum eine Geschichte, indem sie sieht, wie weit sie mit dieser Idee kommt.
    Ich neige dazu, Tenn recht zu geben. Deutlich wird Tenns Gedanke, finde ich, wenn man die Silben im Begriff anders betont: nicht auf dem zweiten Wort, auf dem ersten sollte die Betonung liegen. SCIENCE fiction, nicht Science FICTION.
    Allerdings: wird dann nicht jeder Roman, der mit wissenschaftlichen Konzepten spielt, zu SF? Auch The Goal von Eliyahu M. Goldratt, in dem betriebswirtschaftliche Konzepte den Hintergrund bilden? Und sind dann nicht die Romane von Michael Crichton und Frank Schätzing beste SF in Tenns Sinn? (Zugegeben, die habe ich nicht gelesen. Aber da scheint es jeweils darum zu gehen, mit Konzepten zu spielen, und nicht um literarischen Anspruch.) Wenn ja: bin ich dann einfach raus aus dem Alter für SF, verdorben? Andererseits: die Satiren von William Tenn kann ich immer noch lesen.

  • George R. Stewart, Names on the Land. Das lese ich gerade, liegt schon länger im Regal, aber endlich habe ich Lust darauf: 450 Seiten über die Geschichte von Ortsbezeichnungen in den USA. Und hier ist der Einfluss von Bradburys Marschroniken nicht zu leugnen. Die hat er zwar später geschrieben, und ich halte es für nicht unwahrscheinlich, dass Bradburys das Stewart-Buch gekannt hat, also vermutlich hat Bradbury sich inspirieren lassen. Aber schließlich können ja auch späte Autoren Auswirkungen auf die Interpretation früherer haben. David Lodge macht sich in Small World lustig darüber, indem er Persse eine Arbeit schreiben lässt über den Einfluss von T.S. Eliot auf Shakespeare. Genau darum geht es auch bei dem Borges-Aufsatz, den ich oben kurz erwähnt habe.

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