Pädagogischer Tag 2011/12, und Leseempfehlung: Günther Hoegg, Wie Schüler denken

Dieses Jahr haben wir unseren Pädagogischen Tag schon gehabt. Und zwar nicht am üblichen Buß- und Bettag, sondern an zwei Freitagnachmittagen. Der Inhalt: an unserer Schule haben Lehrer ein Konzept zur Förderung von Lern- und sozialen Kompetenzen entwickelt, das allen Kollegen vorgestellt wurde, da es von der Schule gemeinschaftlich umgesetzt werden soll, von den aktuellen 5. Klassen an langsam aufbauend. Das darf ich hoffentlich öffentlich hier so schreiben, auf der Schulhomepage steht nämlich noch nichts davon. Deshalb halte ich mich mit mehr Details etwas zurück.

Unter anderem habe ich in diesem Zusammenhang auch Ausschnitte aus Treibhäuser der Zukunft von Reinhard Kahl von 2004 gesehen. Die kannte ich zuvor schon. Hm, ja. Ich bin da immer ein bisschen skeptisch. Die Vorzeigeschule des Films, die katholische Bodenseeschule, würde mich als Konfessionslosen schon mal gar nicht als Lehrer annehmen. Überhaupt sind diese Treibhäuser allesamt Orchideenschulen mit jeweils ausgesuchter Klientel, deshalb halte ich viele der Erfahrungen nicht für übertragbar. (Kritisches zum Thema Archiv der Zukunft und Harmut von Hentig auch bei von @ciffi bei der TAZ.) Dennoch sind sie wichtig um uns zu zeigen, was prinzipiell alles möglich ist – wir haben nämlich auch am Gymnasium viel mehr Spielraum, als wir tatsächlich nutzen. Nicht als einzelner Lehrer, aber als ganze Schule.

Mich stört an pädagogischen Konzepten allgemein, dass da sehr wenig experimentell belegt ist, angefangen mit Allvater Piaget. Das sage ich allerdings als absoluter Laie, der lange nicht mehr ernsthaft versucht hat, sich mit wissenschaftlicher Pädagogik zu beschäftigen, vielleicht ist das inzwischen alles ganz anders. Dass etwas einleuchtend klingt und eigentlich logisch ist, reicht mir nicht als Bestätigung. Von Harmut von Hentig habe ich nur sein Bildung gelesen, und die meisten der Beispiele für tolle Lernerfahrungen darin stammen aus der Fiktion: Heidi (Spyri), Kim (Kipling), Simplicissimus (Grimmelshausen), aber auch Autobiographien. Hervorgehoben ist dabei Joan Lowell, „die in ihrem Buch Ich spucke gegen den Wind ihre Kindheit als Kapitänstochter auf einem Segelschiff kurz nach der Jahrhundertwende schildert“ – von der sich beim Recherchieren herausstellt, dass sie von vorn bis hinten erfunden ist.

Empfehlen möchte ich als pädagogische Ergänzung Wie Schüler denken …und was Lehrer darüber wissen sollten von Günther Hoegg. Vom gleichen Autor – Jurist und Schullehrer – hatte ich schon ein Buch über Schulrecht gelesen. Auf dieses Buch kam ich durchs Web, weiß aber keine Details mehr, sonst würde ich verlinken.

Dieses Buch benutzt – bei allem Wohlwollen gegenüber Schülern – andere Metaphern als Treibhäuser der Zukunft. Da geht es eher um Revierverhalten und die Rangordnung in der Gruppe. Der Ausgangspunkt ist aber schlicht der: statt immer wieder den Kopf darüber zu schütteln, dass die Schüler nicht so sind, wie man sie als Lehrer gerne hätte (rational, vernünftig, einsichtig – was selbst Erwachsene nicht immer sind), sollte man herausfinden, warum sie sich nicht so verhalten – und dann damit umgehen. Aktuelles Beispiel aus meinem Unterricht: wenn man Schülern etwa sagt, sie sollen einem bis zum Donnerstag in einer Woche (der nächsten Stunde) Ihre Email-Adresse schicken, dann macht ein Großteil der Klasse das wann? Am Donnerstag spät abends und keinen Tag früher. Beim ersten Mal darf man da noch überrascht sein, danach muss man damit leben, dass die so sind – und herausfinden, warum das so ist. Dann kann man vielleicht etwas daran ändern oder das nächste Mal einen früheren Termin nennen.

Einige Erkenntnisse aus dem Buch für mich:

  • Schüler möchten auch eine emotionale Beziehung zum Lehrer – schon mal, weil der ein Erwachsener zum Kennenlernen ist.
  • Das Aufteilen in abgeschlossene Einheiten führt dazu, dass man weiß, ab wann man etwas vergessen darf, und das dann auch tut.
  • „Löschen funktioniert besser als Strafen“ haben wir alle so gelernt. Dann muss man Autoraser einfach nicht beachten und sie stellen das Verhalten ein?
  • Vorschlag von Manfred Spitzer, der auch in Treibhäuser der Zukunft zu Wort kommt, aber sicher nicht damit: Klassenarbeiten a) nicht ankündigen und b) über alles prüfen, außer dem Stoff der letzten Wochen.
  • Lügen und Leugnen ist menschlich und natürlich. Also nicht wundern oder ärgern über ein „Aber ich habe doch gar nichts gemacht.“
  • Der Hinweis auf die Untersuchung von Karpicke und Blunt (2010, Purdue University), hier die FAZ dazu, dort etwas von Purdue auf Englisch. Der Versuch: Zwei Lerngruppen erhielten Texte mit unbekanntem Inhalt. Die einen verbrachten danach Zeit damit, Mindmaps dazu anzufertigen. Die anderen sollten den Stoff einfach auswendig lernen („practicing retrieval“). Nach einer Woche wurde dann geprüft, wer wieviel verstanden hatte. Die Auswendiglerner lagen weit vorn, auch bei Zusammenhangsfragen.

    „When students have the material right in front of them, they think they know it better than they actually do,“ [Karpicke] said. „Many students do not realize that putting the material away and practicing retrieval is such a potent study strategy.“

    Das passt jetzt aber gar nicht ins aktuell populäre Kompetenzverständnis. Allerdings könnte man argumentieren, dass die Geprüften ja wohl nicht ihre Mindmap mitnehmen durften zur Prüfung.

  • Sehr schön auch: Regeln muss man nicht groß aufstellen, Regeln entstehen durch die Wiederholung eines bestimmten Verhaltens, und zwar nur so. Allein dafür möchte ich das Buch küssen.

Ich würde es ja gerne verleihen, aber ich habe es schon einem meiner Zehntklässler versprochen. Vielleicht sollte man einfach mehr solche Bücher lesen. Es gibt wohl zuhauf solche Bücher wie „Das ist okay, dein Körper verändert sich“, aber vielleicht braucht es auch einfach mal ein Gehirnerklärbuch.

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18 Thoughts to “Pädagogischer Tag 2011/12, und Leseempfehlung: Günther Hoegg, Wie Schüler denken

  1. Danke für den Buchtipp, bin gespannt auf das Urteil einer Expertin (Tochter, 14) :)
    Päd. Tage finden bei uns inzwischen (Unterrichtsausfall -> Elternbeschwerde…) an einem Freitag Nachmittag und dem darauf folgenden Samstag Vormittag statt.

  2. „Sehr schön auch: Regeln muss man nicht groß aufstellen, Regeln entstehen durch die Wiederholung eines bestimmten Verhaltens, und zwar nur so.“

    Klappt aber nur, wenn ein gewisses moralisch-normatives Grundgerüst besteht, das die Möglichkeiten der Regelfindung in den sozialen Kontext einebnet.

    In Summerhill – dem Mekka des schulischen self-government – werden dreimal wöchentlich meetings abgehalten, in denen die Schulregeln festgesetzt oder geändert werden können. Zyklusmäßig kommt es auch zu einer Abschaffung sämtlicher Regeln (bis auf gesundheitsbedingte, schulverwalterische oder sicherheitstechnische, die stehen mittlerweile einfach mal so fest). Das Ergebnis: pure Anarchie.

    Kurze Zeit später erfolgt dann ebenfalls mit schöner Regelmäßigkeit der Antrag der Wiedereinführung, weil die Schüler merken, dass es eben doch nicht so toll ist, wenn jeder macht, was er will. Und nur, weil dir jemand dreimal hintereinander bei den Mahlzeiten ins Porridge spuckt, wird aus einer Regelmäßigkeit noch keine verbindliche Regel.

    Aber eigentlich wollte ich dem Grundgedanken zustimmen, man muss nicht über alles diskutieren. Auch wenn man es könnte ;-)

  3. Hoegg ist wirklich ein toller – habe vor einigen Monaten mal über ihn bzgl. Schulrecht gebloggt. Das Buch ist wirklich zu empfehlen. :-)

  4. Frau Weh, das ist eher so gemeint: wenn einer dreimal ins Porridge spuckt und nichts passiert, dann ist die Regel etabliert, dass man ins Porridge spucken darf. Egal was vorher gesagt wurde oder was als Regel in Schönschrift an den Wand hängt. (Summerhill: danke für die Erinnerung an die vielen schönen Geschichten, die noch kommen werden.)

  5. Das ist ja mal ein toller Buchtipp. Allein die Erkenntnisse, die Sie da angeben, kommen mir so bekannt vor und kann ich echt unterschreiben. Besonders interessant finde ich den Mindmap versus Auswendiglernen Test. Das hätte ich alledings auch nicht gedacht. Das Buch ist schon bestellt.

  6. Auf der Schulhomepage steht natürlich noch nichts von dem Lernkompetenz- und dem Sozialkompetenzprogramm. Es muss sich doch erst einmal zeigen, was aus den schönen Plänen wirklich wird. Im entsprechenden real-analogen Lehrerzimmer wird jedenfalls diskutiert…

  7. “Löschen funktioniert besser als Strafen”
    naja nicht besser im Sinne von schneller aber beser im Sinne von nachhaltiger (wobei bei einem Löschungsversuch damit zu rehcnen ist, dass das gezeigte nichterwünschte Verhalten in der Anfangsphase verstärkt auftritt bevor es dann „verlernt“ wird). Tritt das Verhalten trotzdem längerfristig auf, war es eben keine Löschung sondern eine Positive/negative Verstärkung. Mist.
    Das buch werd ich mir trotzdem zulegen allein wg. dem Auswendig-lernen-Testergebniss.
    Meine Schüler schaffens leider nichtmal bis donnerstagabend die Mail zu schicken. Ein Teil macht es dann in der Nacht auf Freitag („Aber ich habs abgegebn, ich schwör“)dem anderen Teil ist es egal. Peace und Gute Nacht

  8. Stimmt, zugegeben. Also sagen wir: Nichtbeachtung durch den Lehrer ist noch kein Löschen, und manches Vehalten ist seine eigene Verstärkung.

    Und *alle* Schüler schicken mir natürlich auch keine Mail. Einfach so, oder mit Grund: in der Mailadresse vertippt, Mail funktioniert gerade nicht.

    Das mit dem Auswendiglernen ist nur eine Fußnote, viel steht dazu nicht, aber es ist im Kapitel „Lernen durch Pauken“. Und Quellenangaben zum Weiterforschen im Web.

  9. Meinungen: Was meint ihr, würde passieren, wenn man der Mind-Map-Gruppe sagt, sie sollten nun ihre selbstgezeichnetn Karten auswendig lernen, statt einfach den Text selbst? Ich tippe, dass das bessere Ergebnisse zeitigen würde, als den Text alleine lernen zu lassen.

  10. Interessantes Buch. Muss ich mir auch zulegen.

    Zu den Mail-Adressen der Schüler – total steinzeitlich angehen. Ein Blatt Papier durch die Klasse gehen lassen und jeder soll Name plus Mailadresse draufschreiben ;-) Man kriegt alles in Echtzeit.

  11. Boller: Habe ich auch schon so gemacht – mich dann aber daheim sehr über die vertane Zeit beim konzentrierten Abtippen geärgert. Schätzen Sie mal, wie viele Schüler anschließend auf „Prüf-Mail – bitte unbedingt antworten, damit ich sehe, ob alles funktioniert“ geantwortet haben…

  12. @kecks
    Das erscheint mir sehr erfolgversprechend, denn eine Mindmap kann man ja eigentlich gar nicht einfach so auswendig lernen. Man muss die Zusammenhänge zwischen den Begriffen auch mitlernen, sonst ergibt’s keinen Sinn.

  13. Zahlreiche Funktionsskizzen im Fach Geographie sehen ganz ähnlich aus wie Mental Maps. Und sie können von Schülern völlig exakt bis ins Detail, aber ohne das geringste Verständnis für einfachste Zusammenhänge, reproduziert werden. Das gilt selbst dann, wenn man den Schülern ausdrücklich sagt, dass sie den sich ergebenden Sinn mitlernen müssen. Warum sollte ein zeichnerisch begabter Bewohner eines engen Himalayahochtals die Funktionsweise eines Straßenfahrrads erklären können, auch wenn er es genau zeichnen kann?
    Schüler sind rätselhafte Wesen, Lehrer auch.

  14. @Beelzebub Bruck
    Ich habe es schlicht und ergreifend nie geschafft, mir irgendwelche Skizzen zu merken, wenn mir nicht klar war, worum’s da eigentlich ging (-> Folge: grauenhaft schlechte Noten in Chemie. U.a.)…ich dachte eigentlich, das wäre das „Standardverfahren“. Offensichtlich geht’s anders auch. :-)

  15. @Beelzebub ja, freilich bringen schlicht hirnlos auswendig gepaukte mind-maps ebenso wenig. hier ging es aber doch darum, dass die schüler zuvor die besagten karten selbst erstellt haben sollten, oder?! jeder die eigene ein klein wenig anders. zumindest sollte so eine gewisse geistige beschäftigung mit dem gegenstand ja stattgefunden haben (eher als beim abpinseln der karte von folie und tafel) und sich dadurch der lerneffekt erhöhen.

    (und man darf nicht vergessen, dass das umsetzen eines altersgerechten sachtextes in eine mind-map für die meisten schüler zumindest in der mittelstufe noch eine gewaltige überforderung darstellt).

  16. @kecks
    Ja, aber dann müssten die Kinder ja auch eine andere Lernstrategie und -haltung haben als die derzeit angesagte Bulimie-Variante am Turbo-Gymnasium. Viele Schüler können doch nach vier Wochen schon oft nicht mal mehr lesen, was sie da aufgeschrieben haben, geschweige denn einen Sinnzusammenhang konstruieren. Der eingeklammerten Bemerkung mag ich zustimmen, was dann aber die Frage aufwirft, inwieweit dieses Verfahren für einen Großteil der Schüler überhaupt geeignet ist. Wenn das mit der Überforderung stimmt, ist die Mindmap zumindest in Teilen doch wieder das Ergebnis einer übergeordneten Vermittlungsinstanz, also des Lehrers oder ein Arbeitsergebnis der ganzen Lerngruppe. Was letzteres wiederum bedeutet, sieht man dann am Prüfungsergebnis. Nach der TEAM-Formel (Toll ein anderer macht’s)haben dann die Macher die guten Ergebnisse, die anderen eben nicht, weil sie mit der Methode überfordert waren.

  17. Ihre letzten beiden Sätze entsprechen sehr zumindest meinen eigenen Erfahrungen mit Gruppenarbeiten und Mind-Maps in der Unter- und Mittelstufe am Schnellschnellgymnasium. Wobei ich vor allem die GA im Verdacht habe… Da kann man noch so sehr trainieren und vorher kleinschrittig einführen: Dann verbessert sich zwar der organisatorische Ablauf, aber die Lernergebnisse sind auch nicht wirklich anders. Man kann Begabungsunterschiede schlichtweg nicht wegdiskutieren, und Lernen in Gruppen („Teams“) ist für die Schwachen überfordernd, für die Starken ausbremsend und für den Mittelhaufen meist schlicht nervig (wie Schule im Jahrgangssystem eben so ist).

  18. Mit zweijähriger Verspätung habe ich mir’s jetzt auch bestellt. Aber besser spät als nie, oder? (rhetorical)

    Danke für den Tipp auf Twitter und die Besprechung hier. LG

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