Alles über: Gymnasialschüler (in Bayern)

Ein kurzer Überblick darüber, wie sich das Kultusministerium beziehungsweise die Bayerische Regierung einen Schüler am Gymnasium vorstellen. Es geht hier übrigens nicht um das Abitur, sondern um das Gymnasium – zum Abitur führen ja auch andere Wege.

Gymnasialanforderungen

2004 (der aktuelle Lehrplan):

Das Gymnasium sieht seine Aufgabe darin, alle Schüler gezielt zu fördern, die sich aufgrund ihrer Begabung, ihrer Einsatzfreude, ihres Leistungsvermögens und ihrer Leistungsbereitschaft für ein Studium und für herausgehobene berufliche Aufgaben eignen.
Schüler des Gymnasiums sollen geistig besonders beweglich und phantasievoll sein, gern und schnell, zielstrebig und differenziert lernen sowie über ein gutes Gedächtnis verfügen. Sie müssen die Bereitschaft mitbringen, sich ausdauernd und unter verschiedenen Blickwinkeln mit Denk- und Gestaltungsaufgaben auseinanderzusetzen und dabei zunehmend die Fähigkeit zu Abstraktion und flexiblem Denken, zu eigenständiger Problemlösung und zur zielgerichteten Zusammenarbeit in der Gruppe entwickeln.

1990 (der vorherige Lehrplan):

Gymnasialbildung entfaltet die Fähigkeit zur Ordnung der Vorstellungswelt, zu Abstraktion und Theoriebildung. Sie entwickelt die musischen Fähigkeiten und leitet zu einem angemessenen Umgang mit den Emotionen an. Sie fördert in besonderem Maß Verantwortungsbereitschaft und Verantwortungsfähigkeit auf der Grundlage eines geschichtlich begründeten Verständnisses der abendländischen Kultur. Das Gymnasium ist deshalb eine Schule für Kinder und Jugendliche, die sich als in besonderem Maße geistig beweglich, lernbegierig und phantasievoll erweisen, die schnell, zielstrebig und differenziert lernen können, ein gutes Gedächtnis haben, sich gern selbständig, ausdauernd und von verschiedenen Seiten mit Denk- und Gestaltungsaufgaben beschäftigen und in allem die Bereitschaft erkennen lassen, die Anstrengungen auf sich zu nehmen, die der Bildungsweg des Gymnasiums ihnen abverlangt.

Grundschulinformation 1978 (meine Schule damals)

– Schön wären natürlich noch ältere Lehrpläne, aber die habe ich leider online nirgendwo mehr gefunden. Das wäre doch ein schöner Vergleich; gerne auch als Leseverstehensaufgabe für Schüler.

Natürlich entwickeln sich die Schüler in den einzelnen Jahrgangsstufen. Deshalb hier ein Überblick, wie sich der aktuelle Lehrplan – fachunabhängig – Schüler altersabhängig vorstellt.

Erwartungen an die einzelnen Jahrgangsstufen

Jahrgangsstufe 5:

Der Wechsel von der Grundschule ans Gymnasium bringt für die Schüler große Veränderungen mit sich: Sie besuchen eine neue Schule mit einem noch ungewohnten Schulleben und neuen Mitschülern. Häufig gehen damit auch Änderungen im Freundeskreis einher. Zudem müssen sie sich anders als bisher auf stündlich wechselnde Fächer und Lehrkräfte mit je unterschiedlichen Anforderungen an Vorbereitung, Mitarbeit und Arbeitsweisen einstellen. Erst im Lauf des Schuljahrs gewinnen die Kinder eine gewisse Sicherheit bei der Lern- und Arbeitsorganisation.
Die Schüler zeigen in der Regel eine ausgeprägte Wissbegierde, Freude am Entdecken, hohe Motivation und Leistungsbereitschaft. Allerdings stehen dem eine begrenzte Ausdauer und Konzentrationsfähigkeit gegenüber.

Jahrgangsstufe 6:

Den Schülern sind im Unterschied zur vorhergehenden Jahrgangsstufe das Schulleben und die schulischen Abläufe vertraut, was ihnen zunehmend Sicherheit verleiht. In der Regel nimmt die Bedeutung der Klassengemeinschaft – auch im Zusammenhang mit einzelnen Gruppen – nun deutlich zu. Dabei kann die Zugehörigkeit zu diesen Gruppen sehr schnell wechseln.
Durch das Einsetzen neuer Fächer, insbesondere die zweite Fremdsprache, stellen sich den Kindern zusätzliche Herausforderungen. Dies kommt ihrer nach wie vor ausgeprägten Neugier und Wissbegierde sowie der Begeisterungsfähigkeit für Neues entgegen, bedeutet aber auch eine Mehrbelastung.
Die vielfältigen neuen Anregungen tragen zu einer verstärkten Wahrnehmung der Lebenswelt bei.

Jahrgangsstufe 7:

Die meisten Schüler dieser Altersstufe befinden sich in der Pubertät oder treten in diese Entwicklungsphase ein. Dies hat Auswirkungen sowohl auf die Beziehungen der Jugendlichen untereinander im schulischen wie im privaten Umfeld als auch auf die Einstellung und das Verhalten gegenüber den Erwachsenen. Wenn in diesem Alter mitunter große Stimmungsschwankungen auftreten oder rigide Positionen vertreten werden, so ist dies ein Spiegel der Unsicherheit in dieser Phase des Umbruchs.
Gleichzeitig vollzieht sich bei vielen der Übergang vom anschaulichen zum abstrahierenden Denken, was ihnen ein zunehmend systematisches Herangehen an Frage- und Aufgabenstellungen ermöglicht und sie Gesetzmäßigkeiten leichter wahrnehmen und beschreiben lässt.
Ausdauer und Konzentrationsfähigkeit beginnen sich nun stärker auszuprägen.

Jahrgangsstufe 8:

In dieser Jahrgangsstufe zeigt sich ein häufig sehr uneinheitliches Bild bei den Jugendlichen. Entwicklungsunterschiede, insbesondere zwischen Mädchen und Jungen, werden sichtbar hinsichtlich Selbständigkeit, körperlicher Entwicklung sowie emotionaler und sozialer Reife.
Viele Schüler suchen stärker als bisher nach Orientierung und Identität, nicht selten zeigen sie auch Verhaltensauffälligkeiten. Sie beginnen, bisher Akzeptiertes grundsätzlich infrage zu stellen sowie eigene Standpunkte zu entwickeln und zu vertreten. Zudem ist vielfach ein wachsendes Interesse an Kausalzusammenhängen und differenzierteren Fragestellungen zu beobachten.

Jahrgangsstufe 9:

Die meisten Schüler dieser Jahrgangsstufe entwickeln eine wachsende Bereitschaft zur Reflexion und damit einhergehend in steigendem Maß die Fähigkeit zu logischer Argumentation.
Im Selbstbild oft noch schwankend, neigen viele Jugendliche dieser Altersstufe, z. B. infolge mangelnder Akzeptanz der eigenen Körperlichkeit, zu scheinbar widersprüchlichen Gefühlen und Verhaltensweisen: Einerseits wollen sie ernst genommen werden, wollen mitreden und zeigen den zunehmenden Drang, sich selbständig mit Problemen und eigenen Wegen der Problemlösung auseinanderzusetzen. Andererseits wird der Einsatz für schulische Belange häufig je nach Neigung dosiert zugunsten außerschulischer Interessen. Tradierte Werte und Autoritäten werden immer mehr infrage gestellt; die Abgrenzung von der Erwachsenenwelt ist deutlich. Das Interesse an weltanschaulichen und politischen Fragen wächst.

Jahrgangsstufe 10:

In dieser Altersstufe zeigen die jungen Menschen in der Regel ein zunehmendes Bewusstsein für die Konsequenzen des eigenen Handelns; ihr Verantwortungsbewusstsein bildet sich weiter aus. Noch spielt die Anpassung an die Gruppe eine wichtige Rolle, jedoch gewinnt das Eingehen partnerschaftlicher Bindungen eine größere Bedeutung. Diese Veränderungen beeinflussen häufig das Interesse am schulischen Lernen. Die Auseinandersetzung mit Autoritäten dient auch als Mittel zur Selbsterfahrung.
Die Aufgeschlossenheit gegenüber logischer Argumentation sowie das Interesse an komplexen Zusammenhängen und Sinnfindung wachsen mit der Selbständigkeit im Denken: Prioritäten werden immer mehr nach eigenen Wertmaßstäben gesetzt, was manchmal mit Fehleinschätzung, auch der eigenen Person, verbunden sein kann.

Jahrgangsstufe 11/12:

Mit der gestiegenen geistigen Leistungsfähigkeit in den letzten beiden Jahrgangsstufen am Gymnasium geht bei den meisten Schülern ein zunehmend selbständigeres Denken und Arbeiten sowie ein zielgerichteteres und verantwortungsbewussteres Handeln einher.
In diesem Zusammenhang kristallisiert sich bei ihnen eine große Bereitschaft und Offenheit heraus für psychologische und philosophische Fragen, die das Selbst- und Weltverständnis betreffen. Sie differenzieren ihre bisherigen Wertvorstellungen weiter aus, auch im Hinblick auf die eigene Lebensplanung (Ausbau eines eigenen sozialen Netzes, beginnende Ablösung vom Elternhaus, Berufs- und Studienwahlentscheidung). Bei vielen Schülern gewinnen das strategische Verhalten in Bezug auf die Schule und außerschulische Aktivitäten weiter an Bedeutung.

Die unteren Jahrgangsstufen sehe ich ganz gut getroffen. Die höheren sind vielleicht etwas optimistisch. Wie ist denn das gemeint: “Bei vielen Schülern gewinnen das strategische Verhalten in Bezug auf die Schule und außerschulische Aktivitäten weiter an Bedeutung”? Ist das tatsächlich als Eupehmismus zu verstehen für: “Schule ist weniger wichtig als der Nebenjob und Partys und man macht nur das Nötigste” oder war das anders gemeint? Das muss doch wohl anders gemeint gewesen sein, oder?

Für jedes Fach gibt es für jede Jahrgangstufe eine eigene Beschreibung. Hier nur ein Beispiel, alle Lehrpläne hier.

Fachspezifische Erwartungen

Deutsch 12:

Im Deutschunterricht der abschließenden Jahrgangsstufe des Gymnasiums vertiefen die Schüler ihre sprachlich-literarische und geistesgeschichtlich-kulturelle Bildung; sie stellen eigene Erfahrungen und Einstellungen in größere Zusammenhänge und finden dadurch zu fundierten Standpunkten und Werthaltungen.
Die Schüler verstehen, analysieren und nutzen Sprache zunächst als Medium zwischenmenschlicher Kommunikation; sie üben sich in den unterschiedlichen Formen des Vortragens und des Gesprächs, stärken ihr Selbstvertrauen in der Anwendung ihrer rhetorischen Fähigkeiten und entwickeln Freude an mündlicher Sprachgestaltung.
Erschließende und argumentative Formen des Schreibens stellen für die Schüler sicher beherrschte Mittel dar, ein eigenes, durchdachtes Verständnis von literarischen Texten und Sachtexten zu formulieren und mitzuteilen sowie Thesen und Positionen abwägend und wirksam darzulegen. Die in den Vorjahren erworbenen soliden orthographischen, grammatischen und stilistischen Fertigkeiten bilden hierfür eine unverzichtbare Voraussetzung.
Die jungen Erwachsenen erfahren auch, dass Sprache das wichtigste Medium für die Teilhabe am kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Leben ist. Sie erweitern ihr Verständnis von Sprache und erkennen deren Leistung ebenso wie ihre Offenheit für Veränderungen und die Notwendigkeit von Normierungen.
Bei der wissenschaftspropädeutisch ausgerichteten Behandlung literarischer Werke vor allem des 20. Jahrhunderts erwerben die Schüler Aufgeschlossenheit für Themen und Stoffe der Literatur, erschließen sich weitere kulturelle Zusammenhänge und erweitern ihren literaturhistorischen Orientierungsrahmen. Offenheit für Fragen der Ästhetik und eine ausgeprägte Wahrnehmungsfähigkeit werden zur Basis für eine differenzierte Weltsicht und für die Identitätsfindung, aber auch für eine lebenslange Lesebereitschaft. Die methodenbewusste Beschäftigung mit anspruchsvollen Sachtexten verhilft den Schülern dazu, sich reflektierend mit den eigenen Wertvorstellungen wie mit fremden Standpunkten und Fragen von grundsätzlicher Bedeutung auseinanderzusetzen und sich für die Gestaltung der eigenen Lebenswelt zu engagieren.
Elektronische Medien werden als Werkzeug der Information und Kommunikation geläufig verwendet. Die erworbene Medienkompetenz stützt sich besonders auf ethische und ästhetische Beurteilungskriterien. Die Schüler erkennen und erfahren den wesentlichen Beitrag, den die Schulung der Wahrnehmungsfähigkeit und eine prinzipielle Offenheit für Fragen der Ästhetik für die Persönlichkeitsbildung und das Weltverständnis leisten.

Nachtrag: Es gibt keinen aktuellen Anlasse für diese Zusammenstellung. Meine Gedanken haben angefangen als Kommentar bei einem Skolnet-Blogeintrag.

17 Antworten auf „Alles über: Gymnasialschüler (in Bayern)“

  1. Vielen Dank für den aktuelle Lehrplanauszug, da die Übertrittsphase langsam in die wärmere Zone kommt. Wenige Sätze, die hoffentlich manche Elternträume erden helfen. Aber auch mal ehrlich: Die SchülerInnen, die ich in den letzten 10 Jahren vertrauens- und hoffnungsvoll in gymnasiale Hände übergeben habe, entsprachen zur Zeit des Übertritts selten diesem Anforderungsprofil (2004). Trotzdem sind die meisten recht erfolgreich (facebook sei Dank kann ich das ja heutzutage gut nachverfolgen) am Gymnasium, haben diese Eigenschaften also wohl noch entwickelt? So kurz vor Weihnachten mein Wusch für Ihren Blog: Ein Beitrag mit dem Thema: Ihre Weihnachtswünsche an den Viertklasslehrer. Was kann ich für Sie tun? Aber Achtung, ich sehe mich immer noch nicht als Vorbereiter fürs Gym!

  2. “Bei vielen Schülern gewinnen das strategische Verhalten in Bezug auf die Schule und außerschulische Aktivitäten weiter an Bedeutung”?

    Nun ja, strategisches Verhalten kann auch das zielgerichtete und effiziente Zeit- und Aufwandsmanagement bedeuten, das den Schülern überhaupt erst erlaubt, die ganzen Privatinteressen auch noch gut unter den Hut zu kriegen. Diese Schüler chillen nicht zu Hause oder vertrödeln nicht ihre Zeit mit sonst was Sinnlosem, sondern setzen sich gezielt an den Arbeitsstoff, damit sie sich anschließend ihren andern Aktivitäten widmen können (die ihnen genauso wichtig sind). Also nicht Party trotz unerledigter Hausaufgaben, sondern Party nach den klug erledigten Hausaufgaben.

    So ist das bestimmt gemeint. So MUSS das gemeint sein. Ich glaube an das Gute im Menschen.

  3. – “Also nicht Party trotz unerledigter Hausaufgaben, sondern Party nach den klug erledigten Hausaufgaben.” Salomonisch.

    – “Aber auch mal ehrlich: Die SchülerInnen, die ich in den letzten 10 Jahren vertrauens- und hoffnungsvoll in gymnasiale Hände übergeben habe, entsprachen zur Zeit des Übertritts selten diesem Anforderungsprofil.”

    Und das tun sie auch nicht unbedingt alle für die Zeit des Abschlusses. Die gefühlte Dienstanweisung lautet: einmal auf dem Gymnasium, immer auf dem Gymnasium, notfalls mit Nachhilfe und Intensivierungsstunde. Gar so nötig, wie im Lehrplan angegeben, sind diese Eigenschaften in der Praxis nämlich nicht.

    Und das ist das Problem des Gymnasiums: soll es die vollmundigen Worte (selbst mit dem wiederholten “in der Regel”) ernst nehmen? Die Konsequenzen wären klar.

    Wünsche fürs Blog nehme ich gerne an. (Einen habe ich noch, komme hoffentlich bald dazu.) Und gern schreibe ich etwas zur Grundschule… muss mal Kollegen fragen, ob die etwas wissen, was sie sich vom Grundschullehrer – Rektor Skinner mit der Nikolausmütze – wünschen.

  4. Sofort aufgefallen: Im neuen Anforderungsprofil geht es nur noch um Leistung, Leistung, Leistung. Die sozialen Aspekte sind komplett weggefallen: „… Sie entwickelt die musischen Fähigkeiten und leitet zu einem angemessenen Umgang mit den Emotionen an. Sie fördert in besonderem Maß Verantwortungsbereitschaft und Verantwortungsfähigkeit…“ – Geht es nur mir so, dass ich das extrem traurig finde? Wenn man nur die Unterschiede betrachtet, heißt das für mich: Bringt den Kindern die Ellenbogengesellschaft bei! Ich bin wirklich schockiert und will mir unsere Gesellschaft in 20 Jahren gar nicht vorstellen.

  5. @a.l.

    “Strategisches Verhalten” bedeutet sicher nicht, ich zitiere:
    “Frau X, sagen Sie uns, ob wir eine Ex schreiben?”
    “Das sag ich Euch am Stundenende.” (-> Exen wurden angesagt.)
    “Boa, gemein, da weiß ich jetzt ja gar nicht, ob ich aufpassen muss.”

    Kommt sicher ganz selten vor, sowas.

    Ansonsten: immer wieder lieb, dieses Anforderungsprofil zu lesen. Und dann mit den realen Pappenheimern zu vergleichen. Oder mit sich selbst. Oder mit uns bekannten Mitarbeitern des KM.

  6. Ich wünsche mir von den Grundschullehrern, dass sie…

    1. Noten erteilen, die den sehr treffenden Wortgutachten ihrer Übertrittszeugnisse entsprechen. Bei Problemen zu Beginn der Schullaufbahn sehen wir uns diese Zeugnisse nämlich u.U. genau an und stellen erfreut fest, dass unsere Vorgänger schon genau(er!) gewussst haben, was da eigentlich nicht passt.

    2. den Eltern schon im Vorfeld eines Übertritts ans Gymnasium deutlich zu verstehen geben, dass am Gymnasium die Schule und die Lehrer die Ansprüche stellen und nicht von vornherein die Eltern (siehe die präambulare (?) präambulative (?) Ansage des oben angeführten Lehrplans).

    3. den Eltern vermitteln, dass die den Übertritt begleitenden Strategien nicht zwingend auch Erfolg am Gymnasium verheißen.

    4. um der Kinder willen, die bei uns landen, versuchen im letzten Drittel der 4. Jahrgangsstufe ein nach Leistung differenziertes Unterrichtsangebot in Deutsch zu verwirklichen. Die derzeitigen Ansätze zur Textproduktion (Grammatik, Rechtschreibung) sind nur bedingt brauchbar. (Mir ist bewusst, dass das viel verlangt ist, aber ich habe versucht mich höflich auszudrücken.)

    5. Wenn 30 – 50% aller Grundschüler auf ein Gymnasium wechseln sollen, wollen, müssen, sollten Grundschullehrer der vierten Klassen sich vielleicht zu 30 – 50% als Vorbereiter auf das Gymnasium sehen…

  7. @BIA Ja, der Vergleich mit der Realität ist auf allen Seiten ernüchternd. Auch bei “Vielzahl von Wahlfächern und Arbeitsgemeinschaften”, und ein Satz beginnt gar mit: “Insbesondere in den Intensivierungsstunden” (dem Herzstück des G8).

    @DJH: Ich weiß nicht, der angemessene Umgang mit den Emotionen klingt schon ein bisschen danach, dass sie still im Unterricht sitzen und nicht, naja, unangemessen emotional sind.
    In weiteren Teilen des Profils steht schon auch etwas zu “Wertorientierung”, “Ästhetitsche Bildung”, Verantwortung. Man möchte heulen, so gut klingt das:

    (4) Der gymnasiale Unterricht vermittelt nicht nur Kenntnisse und Fertigkeiten, sondern begleitet die Schüler auch bei ihrer Suche nach Sinn und Orientierung; dazu gehört auch die Wahrnehmung der religiösen Dimension des menschlichen Lebens. Durch die Begegnung mit der europäischen Kultur, die in der griechisch-römischen Antike und in der jüdisch-christlichen Tradition ihre Wurzeln hat, aber auch durch Kontakte mit dem arabischen Kulturraum befruchtet wurde, entwickeln die Schüler ebenso wie durch die Auseinandersetzung mit aktuellen Fragen Maßstäbe, mit deren Hilfe sie ihr Leben selbstbewusst und urteilssicher meistern können. Die ästhetische Bildung, die das Gymnasium vermittelt, ermöglicht es den Heranwachsenden, durch differenziertes Wahrnehmen, Erleben und Gestalten Zugänge zu künstlerischen Leistungen zu entwickeln, die das Leben und die eigene Persönlichkeit bereichern. Sie hilft den jungen Menschen auch, sich der Bedeutung von Stil und Form für die persönliche Lebensgestaltung bewusstzuwerden.

    5) Ein wichtiger Bestandteil gymnasialer Bildung ist das Anliegen, den Kindern und Jugendlichen ihre Verantwortung für sich selbst und für andere bewusstzumachen. Die Schüler sollen die Bedeutung angemessener Verhaltensweisen gegenüber ihren Mitmenschen erfahren und dabei auch die Achtung, den Respekt und die Rücksichtnahme lernen, die im Zusammenleben von Menschen erforderlich sind. Sie werden damit auf ihre spätere Rolle als verantwortungsbewusste Bürger in einer von Individualisierung und Wettbewerb bestimmten Gesellschaft vorbereitet.

    (6) Der Schüler, der ein Gymnasium besucht, erfährt somit eine Persönlichkeitsentwicklung ganzheitliche Bildung. Das Gymnasium vermittelt ihm ein breites kulturelles, ethisch-religiöses und ökonomisches Wissens- und Wertefundament und macht ihm ästhetische Maßstäbe bewusst. Gleichzeitig bleibt die Förderung personaler Kompetenzen wesentlicher Auftrag gymnasialer Bildung. Als lebensbejahende und weltoffene Persönlichkeiten sollen Schüler, die ein Gymnasium besuchen, dazu befähigt werden, später den Beitrag zu leisten, den Staat und Gesellschaft von ihnen erwarten dürfen.

  8. Seien wir doch mal ehrlich – früher hieß es, Papier ist geduldig.

    Es kommt doch darauf an, wie Lehrer, Schüler und Eltern mit den Lehrplänen, Kerncurriculae und sonstigen Absonderungen aus den Ministerien umgehen.
    Schüler unterscheiden sich heute sicherlich nicht so sehr in ihrem Innenleben wie man auf den ersten Blick annehmen sollte. Facebook, SchülerVZ, Internet – alles nur äußere Tünche.
    Führerschein machen, die erste Liebe, Klausuren schreiben, genau wie zu meiner Zeit.
    Der größte Sprung bei den Kindern ist tatsächlich der von der 10. in die 11. Körperlich ziehen jetzt auch die Spätzünder nach.(Bei meinem Kleinen lagen zwischen Realschulabschluss und Eintritt in die Sekundarstufe II am Technischen Gymnasium nicht nur 7 Wochen verlängerte Sommerferien, sondern auch fast 15 cm Wachstum). Und geistig stellen viele Schüler um vom Müssen auf das Wollen. Das ist an den Berufsbildenden Schulen noch klarer zu erkennen als an einem allgemeinbildenden Gymnasium.
    @Beelzebub
    In Niedersachsen war die Orientierungsstufe als eigenständige Schule so verpönt, dass man sie ersatzlos abgeschafft hat vor 8 Jahren (nochmals herzlichen Dank an die CDU, Ironie off!) Hier haben die Lehrer bestens einschätzen können, wohin ein Kind gehen sollte. Mein Großer hat sich zu 100% so entwickelt, wie seine damalige Klassenlehrerin vorausgesagt hatte. Ich glaube, dass eine Aufteilung nach der 4. Klasse einfach zu früh ist.

  9. Hallo Thomas!

    Ein sehr interessanter Beitrag! Der historische Rückblick hat mir Appetit gemacht, das auch mal für den Grundschulbereich zu verfolgen. :-)

    Grüße
    Marek

  10. @Petra
    Bin ich missverstanden worden? Mein Eindruck ist, dass die Grundschullehrer in Bayern hervorragend einschätzen können, wer für das Gymnasium geeignet ist und wer nicht, und zwar zum Ende der 4. Jahrgangstufe. Wer das nicht einschätzen kann, das sind die Eltern, die unter allerlei Drohgebärden Lehrer zu numerischen Stellungnahmen zwingen, die mit der Wirklichkeit der Wortgutachten in Einklang zu bringen einigermaßen Phantasie erfordert.
    Eine Orientierungsstufe braucht nur ein Bruchteil der Kinder, die zu uns ans Gymnasium kommt. Wenn ich die derzeitigen Unterstufenjahrgänge realistisch einschätze, sind etwa ein Siebtel, vielleicht sogar ein Fünftel an der falschen Schule, nicht wegen der Gutachten der Grundschullehrer, sondern trotz ihrer Einschätzung. Ich bin ganz und gar nicht der Auffassung, dass eine Orientierungsstufe der Königsweg zur Lösung des eigentlichen Problems, nicht nur in Bayern, ist: die mangelnde Durchlässigkeit des Schulsystems “nach oben”. Gute Haupt- und Realschüler (jetzt auch Gemeinschaftsschüler) erreichen den Einstieg ins Gymnasium zu einem späteren Zeitpunkt sehr häufig nur um den Preis der Wiederholung einer Klasse. Alle anderen am Gymnasium für diese eher kleine Gruppe an Spätzündern mit bezahlen zu lassen ist aus gymnasialer Perspektive einfach ungerecht.
    Hätte ich deutlicher sein sollen, dann hätte ich mir “mehr Rückgrat” von den Grundschullehrern gewünscht. Ich weiß aber auch, dass Last und Belastung von Grundschullehrerinnen einem derartigen Wunsch entgegenstehen.

  11. @HerrRau: Na zum Glück steht das doch noch drin – ich hatte schon wirklich befürchtet, dass das weggefallen ist. Weniger der Umgang mit den Emotionen, mehr der Punkt mit der Verantwortung. Aber es stimmt schon, es kommt drauf an, was daraus gemacht wird, von den einzelnen Lehrern, aber auch von der Schulleitung, und schlussendlich auch, wie viel Raum für die Persönlichkeitsbildung gelassen wird, zeitlich und budgettechnisch (auch personell) – das ist aber dann wieder Sache des Ministeriums. Und bekanntermaßen spart man am liebsten an Dingen, deren Erfolg man nicht messen kann…

  12. @Beelzebub
    Hatte ich schon richtig verstanden. Das ist natürlich hier in Niedersachsen einfacher als in Bayern, da wir hier die freie Schulwahl haben und unsere Eltern am liebsten ihr Kind ans Gymnasium schicken. Allerdings – Ihre relativ “kleine Gruppe von Spätzündern” macht bei uns im Landkreis an den Berufsbildenden Schulen die allgemeine oder fachgebundene Hochschulreife. Und das sind von rund 1.000 Abiturienten jedes Jahr immerhin ca. 300 Schüler.
    Andererseits verlieren die Gymnasien innerhalb der Sekundarstufe I meist eine ganze Klasse eines Jahrgangs an die Realschulen.

  13. Bei neuerlicher Lektüre von und Meditation über die Anforderungen (-> besonders bitter nach erfolgter Korrektur eines nicht besonders brillianten Klassensatzes von Klausuren) fiel mir auf: ich habe keine Ahnung, was DAS heißen soll:

    “[Elektronische Medien werden als Werkzeug der Information und Kommunikation geläufig verwendet.] Die erworbene Medienkompetenz stützt sich besonders auf ethische und ästhetische Beurteilungskriterien.”

    Ethische und ästethische Beurteilungskriterien???? So im Sinne von: “Diese Computergraphik ist aber schon ziemlich verpixelt?”????

    Ideas, anyone?

  14. Zur Orientierungsstufe: In der vierten Klasse ist zumindest semi-entscheidbar, wer in ein Gymnasium passt. Das heißt, bei manchen – gar nicht mal wenigen – kann man das ziemlich sicher sagen, auch schon in der vierten Klasse. Bei anderen zeigt sich das vielleicht erst später – “vielleicht” nur deshalb, weil ich diese Schülergruppe nie zu Gesicht kriege.

    “Elektronische Medien werden als Werkzeug der Information und Kommunikation geläufig verwendet. Die erworbene Medienkompetenz stützt sich besonders auf ethische und ästhetische Beurteilungskriterien.”

    Erstens muss ich bei Lehrplanen immer über den pädagogischen Indikativ lachen: “Medien werden… die Schüler sind…” Sind das Ist- oder Soll-Angaben, zu Anfang oder am Ende des Jahres? Ich fürchte nämlich – man traut es sich nicht zu sagen – dass das dann nicht immer, äh, stimmt. Facebook wird geläufig genutzt, sonst nichts.

    Die ethischen und ästhetischen Beurteilungskriterien sind, glaube ich, Code für: haben erkannt, dass Ego-Shooter böse sind.

  15. “Medien werden…”, “Schüler sind…” ich glaube, das sollen Zustandsbeschreibungen sein, die aber, hm ja, mehr dem Wunschdenken entspringen als irgendeiner Realität.
    Zur Medienkompetenz: Meine Schüler nützen i. d. Regel Facebook, ihre Lieblingscomputerspiele und natürlich Wikipedia für Referate und Recherchen (auch Youtube wird recht kritiklos herangezogen). Youtube natürlich reichlich. Kino.to, als es Kino.to noch gab, jetzt nutzt man vergleichbare Seiten. Ein paar Seiten und Foren je nach persönlichem Interesse. In der Schule eher nichts davon, recht viel kritische Reflexion findet in der Schule (und zu Hause) auch nicht statt; sollen wir es als Sieg werten, dass immerhin nicht mehr in der Quellenangabe bei Referaten “google.de” steht?

  16. @BIA
    Es gibt da noch das Bloggerportal von overblog.de (da lese ich immer mal mit, wenn mir Herr Rau zu informatisch wird).
    Und es gibt gutefrage.net, eine Seite der Firma Holtzbrinck. Hier kann man (auch als Erwachsener) Fragen stellen und bekommt in minutenschnelle mehr oder weniger fundierte Antworten. Bei Referaten und wenn in den bayrischen Realschulen die GFS anstehen, kommen da oft sehr verzweifelte Hilferufe. Meist haben die armen Schüler “stundenlang” gegoogelt und nichts gefunden. Die meisten wissen nicht mal, dass man in Wikipedia auch in anderen Sprachen suchen kann und dass sich die Artikel dann auch noch unterscheiden. Manchmal frage ich mich wirklich, was den Schülern in Bezug auf Medienkompetenz beigebracht wird.
    Was mein Kind über das Internet weiß, weiß es von mir.

  17. @Petra
    Die “Gute-Frage”-Posts, über die stolpere ich immer wieder mal und muss mich ziemlich oft darüber wundern. Meist steht da sowas wie “Hab morgen REferat/Prüfung/Klausur und muss dringend wissen…! Helft mir schnell!” Nicht einmal in der dunkelsten bayerischen Provinz muss jemand von einem Tag auf den nächsten sein Referat machen! Da hatte jemand seine Zeitplanung absolut nicht im Griff (und hat auch von der Schule keinen Zeitplan vorgegeben bekommen).
    Darüber hinaus sehe ich das auch so – Medienkompetenz wird in vielen Fällen nicht besonders tiefgehend vermittelt, trotz wohlklingender Absichtserklärungen. Ich denke, die Schüler hören zwar immer wieder, wie’s ginge, aber letztlich ist das eine Frage des Übens, Übens und Übens, idealerweise vor Ort im Unterricht und nicht allein im stillen Kämmerlein. Aber wer hat die Zeit?

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