Dynamische Texte

Im Studium saß ich als Hiwi am Englisch-Lehrstuhl nach Jahren des Umgangs mit etwas moderneren Betriebssystemen (Windows 3.1, Atari-TOS) wieder an einem alten Rechner mit monochromem Bildschirm, 80 Zeichen pro Zeile und keiner weiteren Grafik. Auf so einem Gerät hatte ich als Fünfzehnjähriger herumgespielt, ein einfaches Snake programmiert, solche Sachen.
Aus Spieltrieb kramte ich damals meine alten Basic- und Peek&Poke-Kenntnisse heraus und versuchte, ASCII-Lyrik zu schreiben. Im Netz hatte ich schon ein Magazin dieses Namens entdeckt, aber das war nicht ganz das, was ich mir vorgestellt hatte. Zur Erinnerung (alter Blogeintrag): ASCII ist ein Zeichensatz, bei dem die Nummer 65 einem großen A entspricht, die 66 einem großen B und so weiter, bei 97 kommt das kleine a und 122 ist das z. Im Prinzip entsprechen die Nummern 32–126 verschiedenen druckbaren Zeichen, also Buchstaben, Ziffern und Satzzeichen. Wenn man einem kleinen Programm sagt, dass es nacheinander die Zeichen mit den Nummern 72–96-154–154-157 ausdrucken soll, dann kommt “Hallo” heraus. Bislang mäßig lyrisch.

Aber es gab ja auch noch die nicht druckbaren ASCII-Zeichen von 0 bis 31. Die kann man genauso ausgeben wie die anderen Zeichen, nur dass sie sich anders verhalten… Zeichen 7 gibt einen kurzen Piepton aus, bei Zeichen 12 (“Line Feed”) geht man eine Zeile nach unten, bei Zeichen 15 (“Carriage Return”) geht man an den Anfang der Zeile. Wenn man also dem Programm sagt, dass es nacheinander die Zeichen mit den Nummern 72–96-154–154-157–15-74–101 ausdrucken soll, dann schreibt das Program H‑a-l-l‑o, geht zum Zeilenanfang und überschreibt die ersten beiden Zeichen der Zeile mit J‑e, so dass am Schluss J‑e-l-l‑o dasteht.

Damit ausgerüstet, machte ich mich daran, ein Gedicht des japanischen Dichters Arakida Moritake (1452–1540) in ASCII-Lyrik umzuformen. Das Gedicht war mir in einer englischen Übersetzung begegnet und hatte gleich beim ersten Lesen großen Eindruck auf mich gemacht. Hier ist es:

The fallen blossom flies back to its branch:
                A butterfly.
(Moritake)

Die ASCII-Form des Gedichts schrieb zuerst die erste Zeile, wartete dann kurz, und überschrieb danach Teile der ersten Zeile mit der zweiten. Das Gedicht war damit nicht unbedingt besser geworden, aber ich hatte mich an die ASCII-Beschränkung gehalten und das Gedicht dynamisch gemacht; der Text veränderte sich mit der Zeit.

In gedruckter Literatur ist mir einmal ein vergleichbarer Effekt begegnet, in einem ansonsten nicht sehr wichtigen Roman von Philip Roth. In einem späteren Kapitel tauchten Personen auf, die es laut einem früheren Kapitel eigentlich gar nicht mehr geben dürfte. Wie-wo-was? Ich war wirklich verwirrt. Der Text hatte sich für mich umgeschrieben. War dann aber doch nicht so, wie ein kurzes Nachschlagen ergab: der Philip Roth hatte einfach unmarkiert und unauffällig einige Regeln des Erzählens gebrochen, Kapitel 2 war sozusagen nicht die Fortführung von Kapitel 1, sondern die eines Kapitels, in dem die Handlung anders verlaufen war. Wie gesagt, ein kurzes Zurückblättern klärte das.

Bei digitalem sich selbst veränderndem Text lässt sich das aber nicht so leicht überprüfen. Ahem, wenn ich wieder mal meine neue Lieblingstextsorte Interactive Fiction bemühen darf… da fallen mir zwei Spiele ein, die sich genau das zunutze machen. Bei einem davon hat man recht schnell den Verdacht, dass da etwas nicht stimmt, dass die Raumbeschreibung nicht mehr ganz die gleiche ist wie zuvor. (Ein Merkmal von Interactive Fiction ist ja, dass man sich immer wieder Raumbeschreibungen neu geben lässt, weil einem das bei der Orientierung hilft.) Das kristallisiert sich bald als zentrales Element des Spiels heraus. Bei einem anderen Spiel geschieht das unauffälliger, aber ähnlich effektiv. Die Welt bricht um einen zusammen, eines Philip K. Dick würdig, ohne dass man so einfach zurückblättern kann. Aber zugegeben, vielleicht zählt das Speichern und Laden des Spielstands doch als Zurückblättern.

In jungen Jahren wollte ich immer mal eine Geschichte lesen, oder zur Not schreiben, bei der der Name der Hauptperson alle paar Seiten wie durch einen Tippfehler leicht variiert werden würde, und zwar das ganze Buch durch immer mehr. Andere Namen vielleicht auch. Digital kann man so etwas gut machen, und zwar eben auch rückwirkend. Dann war quasi der Name immer schon anders.

Im Übrigen: Schöne Pfingstferien zusammen!

Eine Antwort auf „Dynamische Texte“

  1. Das ist eigentlich ein schönes Projekt für die Schnittstelle Computerlinguistik/Kunst. Eine Geschichte, die sich selbst schreibt, mit Abzweigungen, Umwegen, Unwägbarkeiten. Jedes mal anders. Da ich keine Zeit für eine Umsetzung habe, lasse ich die Idee mal hier auf die Allgemeinheit los. Macht was draus. :)

    Mein Chef, heute Professor, hat in jüngeren Jahren so etwas ähnliches mal gemacht, gekoppelt mit einem interaktiven Kunstwerk. Es war ein Labyrinth, das eine Geschichte erzählte, je nachdem, wie man sich durchbewegte. Wenn ich mich recht erinnere.

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