Jack London, The Road

Nur ganz kurz als Lesetipp diese 1907 erschienenen Erinnerungen von Jack London über seine Zeit als Landstreicher, englisch hobo, in der ersten Hälfte der 1890er Jahre. Darauf gekommen war ich bei diesem Blogeintrag über Hoboes, und es dauert dann oft mal bis zu den nächsten Sommerferien, bis ich dazu komme, ein vorgenommenes Buch zu lesen.

Mein räumliches Vorstellungsvermögen ist nicht sehr gut. Und ich weiß nicht, wie die Teile vom Zug heißen. Trotzdem gelingt es London in einem Kapitel, mir sehr anschaulich zu erzählen, wie man als Hobo so reist. Einfach ist es, wenn man einen Güterwaggon mit offener Tür findet, dann klettert man einfach hinein. Manchmal muss man sich auch unterhalb des Waggons und oberhalb der Räder in die Radaufhängung (oder wie auch immer das heißt) einklemmen. Das ist am schwierigsten. Man kann auch vorne auf dem Schienenräumer oder Kuhfänger sitzen. Komfortabel ist das Fahren in einem blind baggage. An den Enden eines Waggons waren üblicherweise Türen mit einer kleinen Plattform davor und einem Dach darüber, kennt man aus Filmen. Blinds sind Waggons – für Güter oder Post – ohne solche Türen oder mit verschlossenen Türen. Vor so einer verschlossenen Tür lässt sich relativ bequem reisen.

Wenn man nicht herausgeschmissen wird. Es gibt die Eisenbahnpolizei (“bulls”), oder das reguläre Personal – Heizer und Brakemen. (Die fuhren in der caboose, einem an Frachtzügen hinten angehängten Dienstwagen. Sie kümmerten sich um Kupplungen und Weichen und ursprünglich, wenn der Zug bremsen musste, bedienten sie die Bremsen einzelner Waggons, um das Bremsen zu beschleunigen.)

Im zweiten Kapitel beschreibt London, wie so ein Katz- und Mausspiel zwischen “shacks” (den Brakemen) und Hobo aussehen konnte. Hobo schleicht sich auf einen der drei blinds vorne am Zug und wird dabei gesehen. Am nächsten Halt geht ein Brakeman dorthin, um ihn hinauszuwerfen. Also springt der Hobo vorher heraus, rennt nach vorne und wartet, bis der Zug wieder an- und an ihm vorbeifährt, um dann wieder aufzuspringen. Beim nächsten Halt das gleiche. Genervt bleibt ein Brakeman auf einem blind statt in seinem Waggon. Hobo sucht sich anderen blind aus. Das Spiel geht weiter, bis alle Brakemen involviert sind, mit verdunkelten Laternen, Herumklettern auf dem Dach. Spannend und anschaulich.

Interessant auch Kapitel 5: London wird wegen Landstreicherei festgenommen und ohne mehr als eine Spur Gerichtsverfahren für 30 Tage ins Gefängnis gesteckt. Die Korruption und Verhältnisse innerhalb dieses Gefängnisses schildert er eindrücklich – und das ist lange genug her, dass ich das lesen kann. Über heutige Gefängnisse in den USA denke ich am liebsten nicht nach.

Kapitel 7: Da geht es um jugendliche Hoboes. London war selber um die achtzehn, aber auf der Straße traf man oft Dreizehn- oder Vierzehnjährige. Im Gedächtnis ist mir die Schilderung, wie sich zwei Kinderbanden um einen Betrunkenen raufen, den sie ausplündern wollen. Nicht sehr romantisch.

Und vieles mehr. Über eine Google-Bildersuche kann man sich Bilder zeigen lassen, auch wenn die meisten aus der Depressionszeit der 1930er Jahre stammen und nicht aus der Zeit, von der London schreibt. (Hier eine Seite mit weiteren Bildern.)


Das Buch gibt es in verschiedenen Formaten (epub, Kindle) bei Project Gutenberg, und mit Illustrationen als HTML bei der Jack London Online Collection der Sonoma State University.

Die erste deutsche Übersetzung ist laut Wikipedia die von Erwin Magnus von 1924. Er floh vor Hitler aus Deutschland und starb bald danach. Dann wird noch eine Übersetzung von 1937 von Max Barthel genannt (“Einzig berechtigte deutsche Übersetzung”). Die ist zwar noch nicht gemeinfrei, aber schon online beim deutschen Projekt Gutenberg. Barthel war mit Magnus zusammen Übersetzer und Herausgeber einer zwölfbändigen London-Ausgabe, und bei zvab.de finde ich auch Angaben über Barthel als Übersetzer einer Ausgabe von 1926, aber das ist vielleicht ein Fehler. Außerdem gibt es mindestens noch eine Übersetzung von Rudolf Lampert und eine von Lore Strassl. Wie viel Überstzungen braucht man denn? Ist das immer noch billiger als eine Lizenz, oder sind die früheren Übersetzungen nicht zufriedenstellend?

Das Leistungsschutzrecht

Die Regierung hat einen Gesetzesentwurf für ein Leistungsschutzrecht vorgelegt, mit dem viele Leute unzufrieden sind. Ich will hier mal erklären, was dieser Entwurf beinhaltet, so wie ich es verstehe.

Es geht um Suchergebnisse wie das folgende bei Google:

Zu jedem Link liefert mir Google zwei bis drei Zeilen Text, damit ich mir vorstellen kann, worum es auf dieser Seite geht. Diese Zeilen heißen “snippet”, und für die soll Google zahlen. Also, nicht für die in meiner Suchanfrage, weil das amerikanische Fundorte sind, sondern nur für die aus Deutschland. Und auch nur für die von Verlagen. Um Snippets aus meinem Blog geht es im Leistungsschutzrecht nicht, sondern nur um deutsche Zeitungsverlage. Alle anderen Snippets auf der Welt bleiben für Google weiterhin kostenlos.

Wenn man sich den letzten Link anschaut, sieht man übrigens, dass jeder Zeitungsverlag Google verbieten könnte, solche Snippets abzudrucken, und dass sich Google auch daran hält. Man schreibt die Anweisung dazu in eine Datei namens robots.txt auf dem eigenen Server, und das war es. Aber das will ein Zeitungsverlag natürlich nicht.

(Nachtrag: Zu Google News siehe Kommentar unten.)

Dieses Szenario ist bereits jetzt absurd. Dazu kommt noch, dass der Entwurf so schwammig ist, dass nicht klar ist, wer davon alles betroffen ist. Klar, man kann ja nicht direkt reinschreiben: “Gilt nur für Google.” Also geht es um jeden gewerblichen Anbieter. Und gewerblich heißt schon mal, dass man Werbung auf seinem Blog hat, und das gilt für viele Blogs. Darf ich dann noch aus der Zeitung zitieren? Ja, wohl schon, solange ich ein paar eigene Zeilen dazu schreibe. Darf ich dann noch unkommentiert einen deutschen Zeitungsartikel verlinken, im Blog oder auf Twitter? Vermutlich nicht. Und diese Vermutungen allüberall führen dazu, dass man sich nicht mehr traut, aus einer Zeitung zu zitieren, vor allem, wenn die ersten Abmahnungen kommen. Wer kann sich schon leisten herauszufinden, ob die berechtigt sind oder nicht? Also lässt man es lieber.

Lektürelisten für Schüler, und Herr Nickles

Herr Nickles war unser Deutschlehrer in der 11. Klasse, 1984–85. Ich sage bewusst “unser”, den er hat wie kein anderer unsere Klasse geprägt und zu einer Gemeinschaft zusammengeführt. (Der zweite Platz in dieser Hinsicht gebührt dem damaligen Englischreferendar – bei Twitter einigen gut bekannt. Der hat eine ganze Klasse “Goodnight Saigon” von Billy Joel singen machen, und Billy Joel hat den harten Kern dieser 11. Klasse die folgenden Jahre weiter verbunden. Läuft gerade auch wieder.)

Herr Nickles war genau der richtige Lehrer für uns. Ich weiß nicht, wie er das gemacht hat. Aber eine mäßig wilde, reine Jungenklasse hat er für Iphigenie begeistert, die von Goethe. Seitdem mag ich das Drama sehr und verstehe nicht, wieso viele Kollegen das für ein Stück halten, das man unmöglich Schülern schmackhaft machen könne. Und “Hälfte des Lebens” von Hölderlin war beim letzten kleinen Klassentreffens (des harten Kerns dieser 11. Klasse) immer noch Thema. Das Deutschbuch des Jahrgangs ist immer noch mein liebstes Schulbuch. Zumindest bei Hölderlin war die Vorgehensweise so, dass der Lehrer uns das Gedicht erklärte und wir das nachvollzogen. Nicht selber analysieren und interpretieren – das kam später.

Ich erinnere mich, wie Herr Nickles uns demonstrierte, ganz am Anfang, dass wir nicht in der Lage waren, einfachen Anweisungen zu folgen: Blatt herausnehmen, ein paar Wörter an bestimmte Positionen diktieren – konnten wir nicht, und das haben wir als Erkenntnis geschätzt. Außerdem behauptete er, den Namen für die Königsbrunner Gautsch erfunden zu haben, ein Volksfest dort. Aber es ist gut möglich, dass ich da Sachen durcheinander bringe. Alle erinnern sich jedenfalls noch daran, dass er das Bein nachzog – eine Kriegsverletzung, hieß es immer, aber es kursierten wechselnde Geschichten, auch von ihm selber verbreitet. Wie er sich damals, in Kriegsgefangenschaft mit japanischen Soldaten Haikus vortragen ließ, ohne ein Wort zu verstehen – das ist entweder sehr unwahrscheinlich, eine faustdicke Lüge, oder meine schlechte Erinnerung, weil es vielleicht gar nicht er war.

Außerdem, und das hatte ich bis zum letzten Klassentreffen ganz vergessen, gab er uns am Ende der 11. Klasse noch eine Liste mit Lesevorschlägen.

Ein bisschen viel Böll, aber immerhin auch Jack London und Joseph Conrad.

Solche Listen habe ich meinen Schülern auch gegeben, im G9 jedenfalls. Fürs G8 gibt es nur eine Liste, was Schüler für das Fach Deutsch in der Oberstufe lesen könnten, und die ist viel zu lang. Da muss ich doch auch mal eine Liste mit lesenswerten Büchern machen. Manchmal höre ich als Gegenargument, dass man den Schülern doch nicht die Freude nehmen soll, selber Bücher zu entdecken. Aber zum einen liest ja doch niemand die Bücher von solchen Listen (man merkt sich allenfalls die Namen, und das ist schon etwas wert), zum anderen gibt es noch viele gute Bücher, die ich gar nicht kenne, und die Schüler selber entdecken können.

Zum anderen… um ehrlich zu sein: so gut wie der Herr Nickles ist der Herr Rau als Lehrer nicht. Kommt vielleicht noch. Allerdings: so eine Klasse, die ohne Murren Hölderlin auswendig lernt, gibt es auch nicht oft.

– Herr Nickles ist Nummer 27 auf dieser Aufnahme von 1971. 1971 war lang vor meiner Zeit, aber viele Namen und Gesichter kenne ich noch. Die Aufnahme von 1988 zeigt eher, wie die Lehrer zu meiner Zeit aussahen.

Der Arduino: Mein neuer Computer

Sommerzeit ist Hardwarezeit, Teil 2: Ich bin alles andere als ein Elektrolurch. (Fachausdruck von Frau Rau. Fachausdruck vermittelt durch Frau Rau.) Gebt mir die theoretische Informatik, gebt mir Datenstrukturen, gebt mir Informatik und Gesellschaft – technische Informatik war dagegen nie das meine, ich komme entschieden nicht aus der Physik, so wie andere Informatiklehrer, und hatte auch nie das Bedürfnis, mir einen Rechner selber zusammenzuschrauben. Also, nur ein bisschen.

Schon in der Schule war mir das mit der Stärke und der Spannung nie so ganz klar, sehr zum Leidwesen meines technisch versierten Vaters. Dabei hatte ich einen Elektronik-Baukasten, wohl Anfang der 1980er Jahre, mit Alarmanlage und Hupe und Morsetaste und Potentiometer. (Leider kein Bild gefunden, schade. Es war kein Kosmos-Set, soviel weiß ich noch.)

Als mir aber angeboten wurde, dieses Buch zu rezensieren:

Maik Schmidt, Arduino. Ein schneller Einstieg in die Microcontroller-Entwicklung (Amazon) – weiter unten mehr dazu

- da nahm ich das zum Anlass, doch mal etwas elektronischer zu werden. Und jetzt habe ich einen ganzen neuen Computer im Haus, einen Arduino Uno:


(Nachtrag, wegegen besorgter Hinweise: Das Bild des Schlüssels habe ich vorher natürlich manipuliert.)

Wie man hoffentlich sieht, ist dieser Computer recht klein, aber trotzdem ein mehr oder weniger vollständiges Gerät. Kostet auch nur um die 25 Euro. Die verschiedenen Rechner der Arduino-Serie sind speziell für Nichttechniker gedacht, etwa für Künstler, die computergesteuerte bewegliche Plastiken schaffen wollen und dazu einen Minicomputer brauchen, den sie in die Plastik einbauen. Die Hardware und Software dazu sind open source.

Der Mikrocontroller ist dabei das Teil am Gerät, das die Arbeit macht: Er enthält nicht nur den Prozessor (der rechnet, Daten hin- und herschiebt und Programmcode ausführt), sondern auch weitere Steuerungselemente und Arbeitsspeicher, die im heimischen PC auf separate Bauteile aufgeteilt sind. Ein Computer im Kleinen.

Außerdem braucht auch ein kleiner Computer Strom. Der kommt über den Stromanschluss oder über das USB-Kabel, das dazu an einem Rechner oder einem Steckdosenadapter steckt und den Rechner mit den nötigen 5 V Spannung versorgt (und einem halben Ampere Stärke).

Und dann gibt es noch die Ein- und Ausgabepins oben. Das sind sozusagen Augen, Ohren, Mund und Hände des Rechners. Ohne die würden wir nichts davon mitkriegen, wenn der Rechner rechnet.
Man kann jeden Pin als Ausgabe deklarieren, dann kann das Programm an diesen Pin 5 V schicken (einschalten) oder 0 V (ausschalten). Und an diesem Pin kann zum Beispiel eine Leuchtdiode stecken, die dann angeht oder ausgeht.
Oder man deklariert einen Pin als Eingang, dann kann das Programm an diesem Programm überprüfen, ob Spannung anliegt. Und an diesem Pin kann zum Beispiel ein Schalter stecken. Dann schreibt man ein Programm, das immer wieder den Eingangspin auf Spannung überprüft, und wenn dort welche liegt (also der Schalter gedrückt ist), sendet das Programm wiederum Spannung an den Ausgabepin, so dass dort die Diode leuchtet. Schon hat man ein kleines Maschinchen – zugegeben ein so einfaches, dass man dafür keinen Rechner bräuchte.

An diese und die analogen Pins kann man Servomotoren hängen, Leuchtdioden, Summer, Temperaturfühler und Beschleunigungsmesser und alles mögliche sonst. Wie Captain Hook, wenn der statt seiner Hakenhand alle möglichen Küchenutensilien anstecken könnte.

Das Zeug muss man natürlich erst haben. Ich bin dem Rat des Buches gefolgt und habe für unter 70 Euro eine Einsteigerbox gekauft – mit dem Arduino Uno als Rechner und einem Haufen von Käbelchen, Widerständen, Relais, Transistor, Summer, Servomotor, Druckknöpfen, Potentiometer, Temperatur‑, Licht- und Neigungssensor. Ich komme mir schon extrem technisch vor. Das letzte Mal Widerstände gelötet habe ich vor fünfundzwanzig Jahren (ein selbstgebasteltes Mikrophon für die Mundharmonika, lange Geschichte); glücklicherweise muss man zumindest für die Einsteigerspielereien mit dem Arduino nichts löten, sondern kann alle Teile bequem einstecken.


das Fritzing Starter Kit

Das Buch von Maik Schmidt enthält als Projekte unter anderem: Einen Zufallswürfel; das Übersetzen von vom PC gesendeten Text in Morsesignale; Entfernungsmessung mit Ultraschallsensor; das Anschließen eines Wii-Nunchucks; eine Universalfernbedienung. Für mich als Einsteiger eine Nummer zu groß, aber die einfachen Projekte kann ich. Als Nächstes möchte ich alleine etwas ganz Simples ausprobieren: eine Ampel, die man per Knopfdruck weiterschaltet. Dazu muss ich nur eine rote, grüne und gelbe Diode (durch Widerstände geschützt) und einen Schalter an beliebige Pins stecken. Und das mit der Masse, das muss ich noch kapieren, Das Programm, das die Ein- und Ausgabepins dann ampelmäßig steuert, ist dann wieder ganz einfach – ganz der Zehntklassstoff.

Das Buch erklärt nicht die Programmiersprache C++, man sollte sich also etwas damit auskennen, oder zumindest mit Java, das ist recht ähnlich. Die Entwicklungsumgebung nimmt einem dabei viel Arbeit ab. Über die serielle Schnittstelle kann der PC mit anderen Sprachen (Java, JavaScript, Processing, Python) mit dem Arduino kommunizieren.
Das Buch ist für Einsteiger mit einigem Grundwissen geeignet. Ich weiß nicht, was es sonst an Arduino-Büchern gibt; viele, nehme ich an, und online gibt es auch jede Menge Anleitungen. Ich werde jedenfalls nach und nach die Modelle im Buch ausprobieren, soweit ich die Bauteile dazu habe.


Anhang 1: Die Programmierung

Programmiert wird ein Arduino so: Man installiert die Arduino-Entwicklungsumgebung auf dem Rechner. Die ist abgeleitet von und ganz ähnlich aufgebaut wie Processing (Blogeintrag). Man schreibt in dieser Entwicklungsumgebung ein einfaches Programm in der Sprache C++, zum Beispiel dieses:

int pin = 13;

void setup() {
 pinMode(pin, OUTPUT);
}

void loop() {
 digitalWrite(pin, HIGH);
 delay(1000);
 digitalWrite(pin, LOW);
 delay(1000);
}

Beim Aufruf eines Processing- oder Arduino-Progamms wird immer zuerst die setup-Methode einmal ausgeführt, in der hier der Pin Nr. 13 auf OUTPUT gesetzt wird. Das heißt, an diesen Steckplatz sendet das Programm Signale. Dort steckt später zum Beispiel eine Diode.
Die loop-Methode wird dagegen nicht nur einmal, sondern ständig ausgeführt. Zuerst wird an den 13er-Pin ein HIGH-Signal gesendet (5 V), dann eine Sekunde gewartet, dann ein LOW-Signal (0 V), dann wieder eine Sekunde gewartet. Und das immer wieder.

Wenn das Programm geschrieben ist, wird es in den Speicher des Arduino übertragen. Dort bleibt es, bis es irgendwann mal durch ein anderes Programm überschrieben wird. Sobald der Arduino Strom kriegt, lädt ein Bootloader das Programm und startet es – in unserem Fall wird Pin 13 abwechselnd mit einem HIGH- und einem LOW-Signal versorgt. Wenn an Pin 13 dann auch tatsächlich zum Beispiel eine Diode hängt, wird sie blinken.

Tatsächlich versteht unser kleiner Arduino keine so hochentwickelte Sprache wie C++. Die passt da ja gar nicht rein, das wird doch wohl jeder einsehen. Also wird der Progammcode erst einmal übersetzt in eine viel einfachere, primitivere Sprache, die der Arduino-Mikrocontroller dann auch wirklich versteht. Das heißt “kompilieren”, und es ist also gar nicht das C++-Programm, das an den Arduino-Prozessor übertragen wird, sondern der kompilierte Programmcode. Das heißt auch Maschinensprache, und wer will, kann die Maschinensprache oder die Vorstufe dazu, Assembler, gleich selber schreiben, ohne über C++ gehen zu müssen. Dann sieht ein Programm so aus:

LDI R16,2 ; lade die Zahl 2 in Register Nr. 16
MOV R1,R16 ; kopiere den Inhalt von Register Nr. 16 nach Nr. 1

Hier gibt es Tutorien dazu, Und das ist dann auch Stoff der 12. Jahrgangsstufe. Denn nicht nur der Arduino-Prozessor versteht kein C++, das gilt genauso – aber vielleicht weniger nachvollziehbar – für den Prozessor im PC und jedem anderen Rechner. Die verstehen alle nur ihre eigene Maschinensprache.


Anhang 2: Die Ampel

Das ist meine Ampelmaschine. Ich habe dazu nur ein Projekt im Buch minimal abgewandelt… uh, andersfarbige Dioden genommen und einen anderen Schalter eingebaut.

Diese Konstruktion kann Eingaben von außen über einen Schalter entgegennehmen, und über drei Dioden nach außen Ausgaben senden. Was sie mit diesen Möglichkeiten anstellt, liegt am Programm, das Ein- und Ausgabe steuert. Zufallsleuchten, Blinklicht, Ampelschaltung, oder die Berechnung einer komplizierten Formel (grün für ja, rot für nein).

Ist das Informatik? Für mich ist es eher, uh, Elektrolurcherei. Schon mal, weil der Druckknopf nicht so idealisiert funktioniert wie in einer Simulation, sondern mechanisch ist und beim Drucken eine Zeitlang nachschwingt, und das Programm sich darauf einstellen muss.
Die Elektrolurcherei ist aber auch dringend nötig bei mir. Inzwischen weiß ich halbwegs, was Masse ist! Durch das Stecken von Kabeln und das Schreiben von Programmen eigens für die gebastelte Maschine (statt einer Simulation davon auf dem PC) bekommt man vielleicht auch mehr Gespür dafür, was ein Computer eigentlich macht. Ich will schauen, ob ich nächstes Jahr Gelegenheit finde, das mit Schülern auszuprobieren.

Scannerstift C‑Pen

Sommerzeit ist Hardwarezeit, Teil 1: Schon vor einiger Zeit habe ich ein Prüfexemplar des C‑Pen 3.5 geschickt bekommen. (Ich kriege gelegentlich solche Angebote, winke zuerst fast immer ab, und lasse mich danach fast immer überreden.) Den Stift gibt es ab 130 €, Vorgängerversionen sind etwas billiger, trotzdem ist das ganze eher teuer.

Dazu wird zuerst die C‑Span-Software auf dem Rechner installiert; lief problemlos, also ohne unnütze Zusatzsoftware und ohne sich in den Autostarter zu drängeln, wie ich das von anderen Programmen kenne. Wenn der Rechner kein Bluetooth hat, so wie meiner, steckt man das mitgelieferte Bluetooth-Modul in einen freien USB-Slot, dann sind Stift und Rechner kabellos verbunden.

Dann fährt man mit dem textmarkergroßen Stift über die Textzeile, die man scannen möchte, und der Text wird im aktiven Fenster an der Stelle eingefügt, an der sich gerade der Cursor befindet – Textverarbeitung, Wordpress, was auch immer. Die Texterkennung ist sehr gut, sowohl bei Deutsch wie auch bei Englisch.

Man scannt immer zeilenweise, und nach jeder Zeile braucht der Stift eine Sekunde, bis der Text übertragen ist und man die nächste Zeile beginnen kann (signalisiert durch ein Klickgeräusch). Das ist etwas langsamer, als man eigentlich möchte, aber man passt sich da rasch an. Nachbearbeitung erfordern gelegentlich die Zeilenumbrüche, obwohl das Programm in der Regel auch Worttrennungen richtig zusammenführt. Geht auch bei kursiver Zeitungsschrift, funktioniert aber nicht bei iPad.

Lohnt sich das Werkzeug? Nur wenn der Rechner eh immer an und der Stift griffbereit am Tisch liegt. Das ist bei mir beides der Fall. Wenn man eine Zeile aus einem Buch oder der Zeitung im Rechner möchte, ist man schneller, wenn man sie abtippt. Bei ganzen Seiten nimmt man natürlich den Scanner. Für einen Absatz oder so ist der Stift besser – aber für den Preis muss das schon sehr, sehr oft vorkommen, damit sich das lohnt. Für ein Büro mit mehreren Leuten aber eine gute Idee.

Blogparade und anderes Lesenswertes

1. Blogparade

Eine Blogparade: Da schreiben viele Blogger zu einem Thema und verlinken ihre Beiträge zentral. Ausgerufen hat Herr Larbig das Thema Reflektierende Praktiker: Wie sieht für mich als Praktiker meine routinemäßige Reflexion des Unterrichts aus? Schon viele Lehrende haben daran teilgenommen. (Lesen zum Beispiel: Miss Wirtschaft, Abulafia), ich bisher noch nicht, weil – ja, weil ich nicht viel dazu zu sagen habe.

Ich führe kein Arbeitsjournal, in das ich meinen Unterricht eintrage und das ich als Basis für Reflexion nutze. Ich führe sehr selten und keineswegs systematisch Fragebogen-Feedbackrunden mit Schülern durch.

Ich archiviere mein Material gründlich (digital) und notiere mir dabei, was ich beim nächsten Mal anders machen sollte. Das gilt vor allem für Informatik, da sich da der Stoff von Jahr zu Jahr wiederholt und ich zum Beispiel Informatik in der 10. Jahrgangsstufe jetzt zum fünften Mal hintereinander haben werde. Reflexion geschieht durch Gespräche an der Theke im Lehrerzimmer, wie sie wohl jeder führt, und durch unsystematisches Nachdenken. Ich nehme als Maßstab dabei gerne, vielleicht zu gerne, Klassen aus vergangenen Jahren, was mit denen ging und was nicht. Natürlich ist jede Klasse anders, und ich versuche auch selten, etwas direkt zu wiederholen, weil mir die Erfahrung gezeigt hat, dass das nicht klappt.
Trotzdem stelle ich Unterschiede zwischen den Klassen fest. Oder sollte ich das nicht tun und davon ausgehen, dass mit den richtigen Methoden aus jeder Klasse das gleiche herauszuholen ist, und ich die Methoden nur noch nicht gefunden habe?


2. Programmieren wie Hemingway

Via einem Tweet von Ich bin Off: If Hemingway wrote Javascript von Angus Croll. Das Schreiben von Gedichten oder Geschichten und Programmcode ist ja näher verwandt, als man vielleicht glaubt, wenn man sich nur für eines davon interessiert. (Gerade beim objektorientierten Programmieren kann das ein dramatisch Hin- und Her zwischen Akteuren sein, bis endlich klar ist, wer was macht.) “Code is Poetry” lautetder Wordpress-Slogan; und Jon Bentley fragte 1986 provokativ: “When was the last time you spent a pleasant evening in a comfortable chair, reading a good program?”, um zu einer anderen Art des Programmierens aufzufordern.

Croll untersucht, tongue-in-cheek natürlich, wie Ernest Hemingway, William Shakespeare, der Surrealist André Breton, Roberto Bolano und schließlich Charles Dickens Progammcode geschrieben hätten, und zwar jeweils anhand der gleichen Aufgabe: die Fibonacci-Zahlenfolge auszugeben.

Das kann man auf mindestens drei grundverschiedene Arten machen, und man kann knapp und präzise schreiben wie Hemingway, oder mit reichlich Kommentar versehen wie Shakespeare, oder mit irreführenden Variablenbezeichnern wie bei Breton.
Selber neige ich zumindest inzwischen zu Shakespeare, denke ich, und meine Schüler zu Breton.


3. Sollten Schüler Lehrer mögen?

Andreas Kalt stellt die spannende Frage: Sollten Schüler Lehrer mögen? Darin verlinkt ist ein Blogartikel von Michael Kaechele. Dessen Meinung, die Andreas teilt: ja. “Our first job as educators is to build relationships with students. How can students learn from or with us if they do not like us?” Wenn ich an meine eigene Schulzeit denke: Ich kann mich auf jeden Fall besser an den Unterricht erinnern bei Lehrern, die ich gemocht habe. Heißt das, dass ich da auch mehr gelernt habe? Allerdings kann ich mich auch gar nicht an Lehrer erinnern, die ich nicht gemocht hätte. Vermutlich gab es keine solchen; ich war nicht anspruchsvoll. Gemerkt habe ich mir ohnehin vor allem Anekdotisches, also alles, was mit Geschichten verbunden war – unabhängig davon, wie ich zum Lehrer stand. Verehrt habe ich zwei Lehrer.

Ich glaube, dass Schüler gerne zur Schule gehen sollten, und dass dazu unter anderem gehört, dass sie die mindestens ein paar Lehrer mögen. Ich glaube nicht, dass es der Freude an der Schule Abbruch tut, wenn viele Lehrer dabei sind, die den Schülern völlig egal sind. Ich glaube auch nicht, dass man bei solchen Lehrern weniger lernt. Es sollte aber auf keinen Fall so sein, dass Schüler Lehrer aktiv nicht mögen; dann lernt man schlecht.

“But I do believe that teachers should get to know students personally,” schreibt Kaechele. Weiß nicht. Mich hat keiner gekannt, und das war völlig in Ordnung.


4. Schüler Blogs lesen lassen

Auch bei Andreas Kalt (zefix, die anderen schreiben gerade alle viel Interessanteres als ich): Horizonterweiterung und Berufsorientierung mit Blogs.

Der Ausgangsgedanke war, dass Andreas’ berufliche Weiterbildung zu einem Großteil auf Blogs zum Thema Bildungs basiert. Meine übrigens auch. Er erklärte seinen Schülern das Konzept personal learning network und gab ihnen sechs Wochen Zeit, Blogs zum eigenen Interessensgebiet zu verfolgen. Hintergrundwissen: Blog, Blogroll, RSS.
Nach diesem Projekt hat Andreas die Schüler dazu befragt; nun veröffentlicht er die Antworten.

Das habe ich bisher nur mal im Informatik-Kurs gemacht, aber eigentlich gehört das auch in meine nächste Deutsch-Oberstufe.

Hamlet on the Holodeck

Am Anfang steht eine Szene aus Star Trek Voyager: Captain Janeway übernimmt im Holodeck die Rolle von Lucy Davenport, Heldin einer Geschichte aus dem 19. Jahrhundert, und erlebt Abenteuer mit einem Lord Burleigh, der sich in sie verliebt hat.

Murray geht in Hamlet on the Holodeck. The Future of Narrative in Cyberspace der Frage nach, wer wohl diese interaktiven Holodeck-Romane schreibt beziehungsweise wie das geschieht. In den ersten zwei Dritteln des Buches geht es um Vorläufer davon, richtig interessant wurde das Buch für mich erst im letzten Drittel, in dem es konkreter darum geht, wie solche Geschichten geschrieben sein könnten.

Immersion ist dabei ein zentraler Begriff: Der Rezipient solcher zukünftiger Geschichten soll eintauchen in die Geschichte; multimedial wird sie um ihn aufgebaut. Das kann sein über begleitendes Material (Webseiten parallel zu Fernsehserien) oder tatsächlich über umgebende Bildschirme – Murray nennt explizit die Szene aus Ray Bradburys Fahrenheit 451, als die Frau des Helden darüber klagt, dass in ihrem Fernsehzimmer erst drei Wände aus Bildschirmen bestehen und noch nicht die vierte, bei der man sich dann rundum in der Fernsehwelt wähnen kann. Der Bezug zu Janeways Holodeck ist klar: Dort ist die Einbindung in die Geschichte fast vollkommen.

Agency ist ein noch wichtigeres Konzept: Der Rezipient (nennen wir ihn ab jetzt: Interactor) muss in die Handlung eingreifen können, muss Entscheidungen treffen können, die tatsächlich eine Rolle spielen. Bei Janeways Holodeck-Roman heißt das: Ihr Verhalten in der Geschichte – ob sie küsst Lord Burleigh küsst oder nicht – beeinflusst den Verlauf der Geschichte.
Murray nennt Textadventures, Rollenspiele, interaktives Theater als Formen, bei denen Agency eine Rolle spielt.
Oft gibt es meiner Erfahrung nach aber nur eine schwache Version von Agency, vielleicht nur deren Illusion. Murray zitiert leider nicht eine andere Stelle aus Fahrenheit 451, die im Buch bereits angelegt ist, aber erst in der Truffaut-Verfilmung richtig gruslig wird: Mildred, die Frau des Protagonisten, darf in ihrer geliebten Fernsehserie mitspielen. Das sieht so aus, dass sie vor ihren Monitoren sitzt; die Fernsehfiguren diskutieren irgendeine Frage (eine völlig banale, die mit dem Fortgang der Handlung nichts zu tun hat) und zum vereinbarten Zeitpunkt schauen sie in die Kamera und sagen: “Lasst uns Mildred fragen, was sie meint.” Und warten. Nach ein paar Sekunden (unbeeinflusst davon, dass Mildred ihren Text nur notdürftig hinkriegt, wenn ich mich recht erinnere) sprechen sie dann weiter mit: “Ja, Mildred, das ist eine gute Idee. Das hast du klug entschieden, Mildred.”

Anders sieht in vielen Spielen nicht aus. Bei Textadventures findet man eine Kiste und tippt ein: “open box”, worauf die Kiste aufgeht – und man fühlt sich toll, als hätte man Wunder was geleistet. Außerdem spiele ich gerade L.A. Noire, ein Spiel, in dem man Polizeifälle im Los Angeles der späten 1940er Jahre löst. Macht Spaß. Ich kann herumlaufen und ‑fahren und mir viele Orte anschauen, aber das ist ein Fall von Immersion. Wenn es darum geht, Fälle zu lösen und die Geschichte voran zu bringen, habe ich die Wahl, den mehr oder weniger offensichtlichen Hinweisen gleich zu folgen oder später. Einen chten Unterschied macht das nicht.

Und das ist ja auch kein Wunder; ich kann keine ganze Welt simulieren, die alle möglichen Verhaltensweisen des Interactors berücksichtigt – und (das ist die Hauptschwierigkeit) die vor allem für alle Möglichkeiten auch noch eine gute Geschichte produziert. Wie schreibt man eine Geschichte, die eine gute Geschichte bleibt, egal wie sich der Interactor benimmt, und ohne dem Interactor ein Gefühl von Agency zu nehmen?

(Andererseits: Vielleicht wird die Rolle von Agency überschätzt, und es wird keine zukünftige Kunstform geben, die sie als Grundlage hat. Die Geschichte eines Spiels kann interessant genug sein, auch wenn meine Tätigkeit sich darauf beschränkt, zwischen fertig produzierten Szenen weiterzuklicken.)

Eine Möglichkeit, die Murray nennt, besteht darin, dem Interactor nicht die Wahl der Geschichte, sondern die Wahl der Perspektive zu lassen. Ihr Ausgangspunkt sind die drei Theaterstücke von Alan Ayckbourn, The Norman Conquests. Das sind drei Theaterstücke, die am selben Wochenende spielen, mit denselben sechs Figuren und mit kontinuierlicher Handlung. Ein Stück spielt im Esszimmer, eines im Wohnzimmer und eines im Garten. Je nachdem, welches Stück man sieht, kriegt man nur einen Teil der gesamten Handlung an diesem Wochenende mit. Wenn eine Figur im einen Stück die Bühne verlässt (sagen wir, das Wohnzimmer), betritt diese Figur zum gleichen relativen Zeitpunkt im anderen Stück die Bühne (sagen wir, das Esszimmer).

Kann man eine Reihe von Stücken schreiben, in denen der Zuschauer die Perspektive wechseln kann, so dass trotzdem jedesmal – oder zumindest: häufig – eine interessante Geschichte entsteht? ARD und ZDF zeigten immerhin 1991 Mörderische Entscheidung, einen Krimi, der zum Teil aus der Perspektive einer weiblichen Hauptperson, zum Teil aus der Perspektive einer männlichen erzählt wird. Auf dem einen Kanal lief die eine, auf dem anderen die andere Fassung, und der Zuschauer konnte mit der Fernsteuerung zwischen beiden wechseln. Ich habe das damals gesehen und kann mich noch an eine Szene erinnern, als die eine Figur von jemand unbekanntem verfolgt wurde. Wollte man wissen, wer der Verfolger war, musste man auf die andere Fassung schalten.

Im ifwizz-Blog wurde vor kurzem auf Curveship hingewiesen, ein vorläufiges Ergebnis der Dissertation von Nick Montfort (in der Interactive-Fiction-Szene kein Unbekannter). Mehr dazu bei Curveship.com. Die Kurzfassung: Man notiert eine (nicht interaktive) Geschichte in chronologischer Form.
Danach gibt man an, wer die Geschichte wem wie erzählt (die Wache dem Bankangestellten etwa), und das System erzeugt den neuen Text.

(Wie man aus solchen Bausteinen in Form von einer Reihe von Tatsachen automatisch einen ansprechenden Text erzeugen kann, zeigt dieser NPR-Bericht über eine Software, die aus den Fakten zu einem Sportereignis einen akzeptablen Zeitungsartikel schreiben kann.)

Wenn der Interactor aber nicht nur die Perspektive festlegen soll, sondern wenn durch ihn neue Geschichten entstehen sollen, wird das ganze noch einmal schwieriger. Die Welt muss auf den Interactor reagieren. Der Autor solcher Geschichten schreibt deshalb nicht nur eine Geschichte mit Personen, die sich in einer bestimmten Situation verhalten, sondern muss Regeln für alle Elemente aufstellen: wie sie sich in einer Vielzahl von möglichen Situationen verhalten. Hier überschneidet sich das Feld der interaktiven Geschichte mit dem der automatisch erstellten Geschichte – wenn man die Prozesse und Prozeduren definiert hat, nach denen die Geschichte abläuft, spielt es keine große Rolle mehr, ob ein menschlicher Interactor die aktuelle Instanz der Geschichte beeinflusst, oder ob der Computer das alleine macht. Deshalb geht Murray auch auf das automatische Schreiben von Geschichten ein.

Und jetzt sind wir endlich beim letzten Drittel des Buchs angelagt, das mir am besten gefallen hat. Wie kann man von einem Grundgerüst aus viele verschiedene halbwegs interessante Geschichten erzeugen, ohne die Anzahl an Möglichkeiten und damit die erforderliche Rechenleistung ins Uferlose steigen zu lassen? Antwort: Durch Kombination von Bausteinen. Murray nennt als Vorbilder dazu Wladimir Propps Morphologie des Märchens, die Commedia dell’Arte und serbokroatische Epik.

Wladimir Propp: Untersuchte russische Märchen auf wiederkehrende formale Elemente. Stellte eine Liste von 31 grundlegender Elemente (“Narrateme”) auf, aus denen die untersuchten Märchen aufgebaut sind. Die Reihenfolge der Narrateme ist dabei relativ fest, allerdings trifft jede Geschichte eine Auswahl und muss keineswegs alle davon enthalten. (Hier ein Überblick bei TV Tropes. Siehe auch Hero’s Journey nach Campbell.)
Versuche, aus Propps Morphologie automatisert Märchenhandlungen zu erzeugen: Fairy Tale Generator und Bard. Etwas kürzer der Fairy Tale Plot Generator; und der am interessantesten aussehende Proppian Fairy Tale Generator der Brown University ist leider offline: dort wählte man einige der 31 Funktionen Propps aus und bekam ein Märchen dazu erzeugt.
Dann muss ich halt eine Unterstufenklasse als Generator benutzen, wenn ich mal wieder eine habe, und der die Märchenbausteine vorsetzen.

– Commedia dell’Arte: Es gibt feste Rollen und feste Textbausteine, fertig gelernte Zeilen und Reden und Reaktionsmöglichkeiten darauf, auf deren Basis die Schauspieler verschiedene Geschichten improvisieren und vorführen können.

– Die serbokroatische Epentradition und die Homerische Frage. Bei letzterer geht es darum, ob Homer jetzt die Ilias und die Odyssee geschrieben hat, oder nur eine davon, und wie diese Werke überhaupt entstanden sind. Als Zwischenerkenntnis gilt jedenfalls: Grundlage der homerischen Epen ist eine Tradition des mündlichen epischen Improvisierens auf Basis von formelhaften Wendungen und Handlungsbausteinen. Diese oral-formulaic tradition gibt es heute kaum mehr, aber Milman Parry und sein Schüler Albert Lord untersuchten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die noch lebendige Tradition der mündlichen epischen Improvisation in Serbokroatien und übertrugen ihre Erkenntnisse auf griechische Epik. Das Buch dazu, das ich dann, ach, doch einmal lesen werde müssen, ist The Singer of Tales von Albert Lord, 1960 erschienen, und siehe beim Wikipedia-Link zur Homerischen Frage oben den Punkt “Neoanalyse und Oral-Poetry-Forschung”.

Leider weiß ich nicht genug, um hier schon mehr darüber schreiben zu können, aber das sieht alles sehr interessant aus. Als Fußnote will ich noch unterbringen, dass ja gerade auf ZDF neo die Folgen von Die Zwei (original: The Persuaders) mit Roger Moore und Tony Curtis wiederholt werden, mit ihrer bekanntlich sehr freien und flapsigen deutschen Übersetzung. Zu: “Oh, er lässt Spanisches durch die Zähne quellen” und “das klopfen Sie sich mal aus der Denkmurmel” würde sich das homerische “Welche Wort entflog dem Gehege deiner Zähne” doch metaphorisch absolut unauffällig gesellen. Ich kann das gar nicht mehr ohne den Tonfall von Danny Wilde (Tony Curtis) im Ohr lesen.

Murrays Buch ist 1997 erschienen und wirkt auf mich als Laien kaum veraltet. Zugegeben, mobile Endgeräte (Handys) spielen keine Rolle, dafür wird immer wieder von CD-ROMs gesprochen und wie toll die seien. Second Life wird vorausgesehen und überschätzt; die Rolle von Geschichten in spielenden Online-Communities mit zentralen gescripteten Events – lies: World of Warcraft – sagt Murray voraus.

(Fußnote dazu, wie so ein Blogeintrag entsteht: Ich lese ein Buch und mache mir Notizen zum Inhalt und zu Assoziationen. Wenn es genügend Notizen gibt, mache ich einen Blogeintrag daraus und versuche, in ihm alle Notizen unterzubringen, und das möglichst rund und zusammenhängend. Beim Schreiben fallen mir dann noch weitere Gedanken ein. Wenn ich viel Zeit habe, entsteht manchmal ein runder Blogeintrag. In anderen Fällen wirkt der Text etwas zerstückelt.)

Änderungen im G8

Zum Ende des Schuljahrs hat die bayerische Regierung eine Reform des G8 beschlossen. Das heißt, für die einen ist es eine einschneidende Reform, für die anderen sind es kleinere Änderungen als Folge eines kontinuierlichen Monitoring. Soll sein, soll sein.

Die wichtigste Änderung ist das Flexibilisierungsjahr. Am Ende der 8., 9. oder 10. Klasse kann ein Schüler sich entscheiden, das Jahr zu wiederholen. Laut Ministerium sollen und werden das wenige Schüler sein, weil wir ja sonst doch wieder beim G9 wären. Man wiederholt allerdings nicht die ganze Klasse, sondern nur bestimmte Fächer. Hier fehlen allerdings noch Details. Kann sich der Schüler aussuchen, was er in dem Jahr wiederholt? Also Mathe und Latein, und sonst nichts? Muss er eine Mindeststundenzahl haben; muss auf jeden Fall Religion und Sport dabei sein? Steckt man den Schüler in diesen Fächern dann in eine reguläre Klasse oder gibt es Einzelunterricht? Was macht der, sagen wir: Achtklässler während der restlichen Zeit – muss man da für Aufsicht sorgen?
Eigentlich gefällt mir die Idee aber. Ein Ausjahr mittendrin, in dem man sich auf einzelne Fächer beschränkt, könnte Schülern nutzen. In der Mittelstufe täte es vielen gut, ein Jahr wegzubleiben und zurückzukommen, wenn sie wieder lernen wollen.

Außerdem wird in den Jahrgangsstufen 10–12 in der Hälfte der Fächer der Lehrplan gekürzt. In Informatik (allerdings kein zentrales Fach) ist das nur kosmetisch: Das Anwendungsbeispiel heißt in der Überschrift jetzt nur noch Anwendungsbeispiel und nicht mehr “komplexes Anwendungsbeispiel”. Es stellt jetzt nur noch ein Projekt und kein “größeres Projekt” mehr dar, es geht nicht mehr um “schwierige”, sondern – jetzt dann doch – “komplexere” Aufgabenstellungen. Kurz gesagt: null Änderung.

Und schließlich sollen Schüler, deren Versetzung zum Halbjahr gefährdet ist, eine Art schulische Nachhilfe kriegen. Wie das genau gehen soll, bleibt den Schulen überlassen.
Kann man alles gut machen oder schlecht; ich bin gespannt, für welche Variante sich das Ministerium entscheidet. Vermutlich gibt das den Schulen alle Freiheiten und keine Ressourcen, so dass nichts Sinnvolles herauskommt. Es ist entweder als Signal an die Lehrer zu verstehen, zum Zwischenzeugnis keine 5er mehr zu geben, damit niemand gefährdet ist. Oder die Schule kürzt Wahlunterricht und Intensivierungsstunden, um Lehrer freizustellen für Nachhilfe. Dann kann man wieder risikofrei 5er geben, weil Nachhilfe immer noch weniger Arbeit macht als Unterricht. Der Bayerische Eltern-Verband fordert eh, dass Schulen die Kosten für Nachhilfe und Sommerkurse tragen.
Einseits finde ich das sogar verständlich und Teil der Individualisierung der Schule. Andererseits entbindet es Schüler immer weiter von eigener Verantwortung. Man liest nie etwas über die Gründe, warum Schüler das Versetzungsziel nicht erreichen – das sind ganz verschiedene, und nicht immer ist Nachhilfe eine Lösung.

Selbst mit diesen Änderungen ist die Zeit im G8 knapp. Zeit dazu, dass meine Schüler die Abtei aus dem Namen der Rose nachbauen, wird es da wohl nie geben.

Sportminister Spaenle

Nachdem sich in der offiziellen Presseerklärung Nr. 197 des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus unser Minister als “Sportminister Spaenle” bezeichnen lässt, verstehe ich nicht, warum er so gerne “Kultusminister” genannt wird. Klar ist er auch Minister für Sport, und auch für Kultus, also Religion.

Aber am meisten hat man doch mit ihm in seiner Rolle als Unterrichtsminister zu tun. Warum nennen wir ihn dann nicht so? Klar klingt Kultus cooler. Auch Bildungs- oder Schulminister klingt besser als Unterrichtsminister. Aber das Ministerium heißt nun mal StMUK und nicht anders. Und kommt mir nicht damit, dass mit Kultus eh Schule gemeint ist – warum dann die Doppelung mit Unterricht und Kultus? Nur damit es nach mehr Arbeit aussieht? Müsste man dann nicht ehrlicherweise Staatsministerium für Kultus und Kultus sagen?

Außerdem dankt Spaenle der gesamten Schulfamilie für den Einsatz im Jahr 2011/12 (Presseerklärung 198). Das ist auch so ein Wort, mit dem ich Schwierigkeiten habe, “Schulfamilie”. Es soll wohl betonen, dass wir alle zusammenarbeiten, uns alle vertragen, durch Bande miteinander verbunden sind, dicker als Wasser – alles wie in einer Familie auch? Oder soll eher transportiert werden, dass Schulen nun mal undemokratisch sind mit einem pater familias als Hausherrn? Gehört der Unterrichtsminister Spaenle auch zur Schulfamilie, so als reicher Onkel aus Amerika, von dem man sich zu Weihnachten teure Geschenke erhofft? Wenn Spaenle irgendwann mal – Gott behüte – nicht mehr Minister ist, gehört er dann eigentlich noch zur Familie?