Wie motiviert man Unmotivierte? (fragt Fontanefan)

Fontanefan Walter Böhme stellt an andere bloggende Bildungsinteressierte die Frage, wie man unmotivierte Schüler motiviert. Mit der Vorgeschichte der Frage (einer Sitzung auf einer Tagung) habe ich mich nicht beschäftigt, vielleicht sind meine wenigen Gedanken dazu bereits dort in ähnlicher Form vorgebracht worden.

Ich halte die Frage für eine wichtige Frage, aber eine andere Frage noch für wichtiger: Wo kommen denn die unmotivierten Schüler her? Ich habe in Klassen unterrichtet voller motivierter Schüler, und in unmotivierten Klassen. In einer Klasse mit motivierten Schülern ist alles leichter. Die Schüler lernen mehr und haben mehr Vergnügen an der Schule, und das relativ unabhängig vom Lehrer. In solchen Klassen lernen die Schüler von jeder Lehrkraft. Man kann in der Schule gerne versuchen, unmotivierte Schüler zu motivieren, aber es bringt so viel mehr, wenn die Schüler selber schon mal motiviert sind. Vielleicht sollte man Ressourcen eher darauf verwenden herauszufinden, woher diese Motivation kommt?

(Übrigens sind die meisten Schüler an meiner Schule eher motiviert.)

Dann ist es an meiner Schulart so, dass die Schüler dort laut Gymnasialer Schulordnung motiviert sind – sonst sind sie nicht für diese Schulart geeignet. Warum muss ich sie dann besonders motivieren? Muss ich de facto natürlich schon, weil das Papier, auf dem die Schulordnung gedruckt ist, natürlich geduldig ist und die Realität nicht viel mit dem pädagogischen Indikativ zu tun hat. Wenn ich im Lehrplan schon immer lese “Der Schüler kann…” und “Der Schüler hat…” – Aber dann muss man bitteschön den Schulordnungstext anpassen.

Kinder und Jugendliche wollen lernen, klar. Davon trennen möchte die ich die Vorstellung, dass der Mensch immer lernt. Das stimmt schon, aber der Begriff des Lernens in der Lernpsychologie geht weiter, als man so meint. Man kann lernen, dass Zigarettenpausen etwas mit guter Stimmung zu tun haben, man kann lernen, dass beständiges Händeklatschen Elefanten vertreibt, man kann lernen, eine Tafel Schokolade zu essen, wenn es einem schlecht geht, und man kann lernen, in Werbepausen sich ein Bier zu holen. Aber: Kinder und Jugendliche wollen lernen. Noch mehr wollen sie Erfolgserlebnisse, beim Lernen oder anderswo. Wenn ihnen die Schule keine Erfolgserlebnisse gibt, demotiviert das. Man motiviert sie, indem man ihnen Erfolgserlebnisse verschafft.

Aber es kann für chronisch unmotivierte Schüler auch andere Gründe geben: Alle motivierten Schüler sind einander ähnlich; aber jeder unmotivierte Schüler ist auf seine besondere Art unmotiviert. Manche davon müssen erst mal heraus aus der Schule; man kann nicht jeden jederzeit zu allem motivieren. Geht nicht.

Denkbar ist natürlich, dass eben nicht alle zur gleichen Zeit das gleiche lernen, sondern jeweils das, was sie wollen, wann sie wollen. Aber dann lernen sie nicht unbedingt das, was die Gesellschaft sagt, dass sie lernen sollen. Ob das gut oder schlecht ist, ist ein anderes Thema.

Für alle Schüler, nicht nur die unmotivierten, gilt sicher, dass man eine angenehme Lernatmosphäre schafft, Berechenbarkeit erzeugt, Vertrauen weckt, und interessante Aufgaben stellt.

44 Antworten auf „Wie motiviert man Unmotivierte? (fragt Fontanefan)“

  1. “Dann ist es an meiner Schulart so, dass die Schüler dort laut Gymnasialer Schulordnung motiviert sind – sonst sind sie nicht für diese Schulart geeignet.”

    … hahaha!
    Ich weiß ja nicht, wer sich das ausgedacht hat, aber meinen Abi-Jahrgang hat derjenige sicher nicht gesehen. *lach*

    Meiner Meinung nach braucht Motivation nicht nur Erfolgserlebnisse, sondern auch Herausforderungen (die richtigen bzgl. Niveau und Art der Aufgabenstellung zu finden ist dann wohl die Kunst) und Themen/ Wissensgebiete, die (wenn auch rein subjektiv und vielleicht auch nicht immer logisch erklärbar) einen echten Nutzen erfüllen.

    Ein grundsätzliches Problem in Sachen Motivation ist, dass wir den Luxus haben, so viele Dinge so unterschiedlicher Natur erleben können, ohne uns dafür anstrengen zu müssen. Uns fliegt so vieles zu. Warum also sollten wir uns ins Zeug legen, wenn es immer neues zu entdecken gibt, für das wir uns nicht anstrengen müssen?

  2. Maria, ich kannte ja nur einen Teil Ihres Abi-Jahrgangs, aber der war gar nicht dass, was man als unmotiviert bezeichnet. Es geht nicht darum, jeden Tag springend und tanzend zur Schule gehen. Es reicht ja, wenn man da ist, undab und zu mal den Kopf von der Tischplatte hebt.

    Das mit den Herausforderungen sehe ich genauso. Billige Erfolgserlebnisse sind wenig wert. Und das mit dem echten Nutzen… für wen und wann? Computerspiele sind für viele Menschen motivierend, haben Herausforderungen und Erfolgserlebnisse, aber keinen echten Nutzen. Es geht also auch ohne. Aber ja, man sollte schon einen Sinn darin sehen. “Warum muss ich das lernen?” ist eine verständliche Frage.

    Das mit dem Luxus: ja, sehe ich auch so.

  3. Ein Problem schient mir zu sein, dass Motive, Motivieren und Motivation mittlerweile einseitig den Schulen aufgebürdet werden. Dabei scheint mir, dass dies vorwiegend Aufgabe der Eltern und Schüler selbst ist. Dazu kommt ein sehr einseitiges Verständnis dieser schwierigen Sachverhalte. Es ist keineswegs so, dass im weltweiten Maßstab allein Spaß und Erfolg die Kategorien sind, mittels denen in der Bildung motiviert wird. Natürlich will niemand in zu den Zeiten zurück, in denen die Vermeidung von Strafe der Hauptantrieb für das Lernen von Lateinvokabeln war; doch dieses permanente Geschwätz vom “Spaß am Lernen” oder “damit du später mal einen sicheren, hochbezahlten Beruf ergreifen kannst” als entscheidend für den Lernerfolg, scheint mittlerweile die einzige Eltern-Rechtfertigung für die Auseinandersetzung mit Lerninhalten zu sein, die blöderweise aber oft eben keinen Spaß machen.
    Die beste (aber auch härteste) Art Jugendlichen deutlich zu machen, dass Spaß und Erfolg nicht die einzigen und vielleicht nicht einmal die wichtigsten Antriebe sind, etwas zu lernen, wäre sicherlich ihnen auf Zeit all die für selbstverständlich gehaltenen Annehmlichkeiten zu entziehen, welche die billige Selbsttäuschungsstaktik mit “Erfolgserlebnissen” voraussetzen. Manchmal glaube ich fast, den aktuellen Schülergenerationen mangelt es nicht am Erfolg, sondern an Misserfolgserfahrungen.

  4. Um dem Kollegen B. Bruck zu widersprechen, der hier regelmässig seine Frustration über die unintelligenten und unmotivierten und undisziplinierten SchülerInnen, in die allzu seichten Gewässer der hilflosen Jammerei über die Schlechtigkeit der heutigen Jugend, vom Stapel lässt.

    Nein, diese SchülerInnen sind nicht generell dümmer als Kollegen wie Sie. Nein, diese SchülerInnen sind nicht generell unmotiviert. Und nein, diese SchülerInnen haben nicht zuwenig Misserfolgserfahrung.

    Wenn wir uns die Lebenswirklichkeit an unseren Schulen ansehen, dann dürfen wir folgendes feststellen:
    Wir haben es häufen mit larmoyanten Kollegen zu tun, die ihren Frust über das G8 an ihren Schülern ablassen. Denn diese Kolleginnen sind weder bereit noch in der Lage, einen Unterricht durchzuführen, der sich jenseits des 45. Minuten dauernden Frontalunterrichts bewegt.
    Diese Kollegen verbringen so wenig Zeit wie möglich in der Schule und sollten sie mehr als einmal für Nachmittagsunterricht eingeteilt sein, dann geht für sie die Welt unter.

    Dass jedoch viele ihrer Schülerinnen 40 Stunden in Schulen verbringen, in denen man, ob ihrer lieblosen Ausgestaltung, selbst eigentlich nicht länger als eine Stunde am Tag zubringen will und dann nach 6 Stunden im 45 Minutentakt, die 7. und 8. Stunde nicht mehr motiviert und fröhlich, einem dieser überforderten Kollegen, im öden Frontalunterricht folgen, scheint mir folgerichtig.

    Diese Kolleginnen jammern gerne über die Unruhe und Unkonzentriertheit dieser Schüler, die ihrer Meinung nach nicht fürs Gymnasium geeignet sind, sollten sich jedoch besser selbst fragen, ob ihre eigene wahre Berufung möglicherweise eher ausserhalb der Schule liegt.

    Hätten diese Kollegen, wie in Schweden, 35 Stunden pro Woche Präsenzpflicht an der Schule, dann würde sich evtl. mancher dieser blinden Flecken selbst erledigen und sie würden sich mehr Gedanken darüber machen, wie denn die Schule zu einem Ort der motivierenden Freundlichkeit werden könnte, der nicht ermüdet und frustriert, sondern belebt und anregt.

    Leider ist die Realität noch immer diese, dass nicht Lernfortschritte benotet und belobigt werden, sondern Fehler bestraft und sanktioniert werden.
    Gerade in Latein, aber auch in den neuen Sprachen, sieht diese Realität häufig so aus: 1 Fehler 1, 2 Fehler 2, 3 Fehler 3, 4 Fehler 4, 5 Fehler 5, 6 Fehler 6. Selbst wenn 20 Fehler gemacht werden könnten.
    Bei 50% der möglichen Punkte, so die gängige Praxis, ist die Note 5, bei besonders motivierten Kollegen manchmal auch die Note 6, die Regel.
    Ob diese Leistung nun in der 9. und 10. Stunde, am Tag der Zeitumstellung, in einer pubertären Phase oder nach der Stunde eines besonders unfähigen Kollegen, erbracht werden soll, interessiert dabei nie.

    Man, oder auch Kollegin, wundert sich im besten Fall lediglich über die Unruhe oder Unmotiviertheit und versucht das Beste daraus zu machen. In der Regel urteilen die Kollegen jedoch schnell nach Kategorien wie dumm, unmotiviert und undiszipliniert, ohne ihre eigene Minderleistung in Frage zu stellen.

    Meine Erfahrung zeigt, das G8 kann gelingen, wenn der Stundenplan ordentlich strukturiert ist, durchgängig und qualifiziert in Doppelstunden unterrichtet wird und sowohl Noten als auch Lehrplan locker gesehen werden und die Vorgaben unserer Kultusbürokraten nicht sklavisch erfüllt werden.
    Ich kann nur sagen: Kollegen macht euch locker, vertraut dem Potential der SchülerInnen. Je weniger sitzenbleiben, umso besser die Schule.
    Und in der Pubertät plädiere ich für die Notenfreiheit und eine komplett andere Unterrichtsgestaltung.
    Erfolgreiche Beispiele gibt es dafür. Man muss nur die Augen aufmachen.

  5. Stammen Ihre Erfahrungen tatsächlich aus dem regelmäßigen eigenen Unterricht an einer öffentlichen Schule? Ich frage nur, weil meine Welt so anders ist. Larmoyanz kenne ich allerdings auch, aber nicht von einem Großteil der Kollegen. Und 40 Stunden in der Schule, wo gibt es denn das, außerhalb der Regenbogenpresse, die 45 Minuten nicht von 60 unterscheiden kann. Die Kritik an den 50% als Grenze zwischen 5 und 6 halte ich für naiv; was soll sich dadurch ändern, wenn man die Prüfungen schwerer macht, so dass die Grenze bei 40% liegt?

  6. Woher wissen der Herr (vermutlich, weil so eine Tirade selten von einer Frau stammt), dass ich ausschließlich frustriert bin und meine Schüler für dümmer als mich halte? Auch die Verallgemeinerung bezüglich der Bereitschaft und Fähigkeit zu etwas anderem als Frontalunterricht ist dummes Zeug. Unsere Schule ist nicht lieblos ausgestaltet. Mein Zeitaufwand in und für die Schule und auch der vieler Kollegen liegt deutlich über der Präsenzpflicht schwedische Kollegen mit eigenem Büro in der Schule. Meine Schüler werden für ihre Fortschritte gelobt, aber nicht für jedes Kinkerlitzchen undifferenziert beklatscht und bejubelt. Ich lasse mich auf Diskussionen ein und verschiebe lang vorbereitete Prüfungen, wenn ein läppisches Turnier-Fußballspiel am Abend vorher die Leistungen der Schüler am folgenden Tag zu beeinträchtigen droht, auch wenn mir das nicht gefällt. Bei Unruhe und Unmotiviertheit frage ich sehr wohl nach und stelle meinen Unterricht um. Über den apodiktischen Quatsch zum G8 kann ich mich nur wundern, so reden die echten Kollegen, auch Befürworter des 8, die ich kenne, und das sind viele, an mehr als nur einer Schule, nicht daher.

  7. Und ja, denken hilft tatsächlich. Vorurteile sind dagegen genau das Gegenteil von Denken, der Mensch benutzt sie, weil er dann nicht denken muss.

  8. Ach ja und, wenn von 100% der Schülerinnen am Anfang der Gymnasialzeit am Ende ca. 65% dieses erfolgreich verlassen, was in Bayern keine Seltenheit darstellen soll, dann kann man von Klassenstärken sprechen, die nicht nur abstürzen, sondern aussortiert werden.

    Und von denen, die nicht aussortiert werden konnten, manchmal zum grossen Bedauern von Kollegen, sind leider viele auch nicht wirklich brillant und hätten in den Augen der besten Kollegen, am unteren Ende der Skala von unserem Herrn Gauss, das Abitur auch nicht verdient.

    Das, mein lieber Beelzebube, ist genau das Gegenteil von Vorurteil, das ist schlichte Statistik.

  9. Ganztags: Mo – Do = 4 x 8h 15min = 33h + Fr 7h 10min = 40h 10min reale Anwesenheit.

    Natürlich gibt es dazwischen die eine oder andere Pause und ein mehr oder weniger liebloses und geschmacklose Mittagsmahl für 2€ bis 4€ in der pädagogischen Kuschelecke von Kollege Bruck.

  10. Vorher war das G8 noch ganz großartig, wenn nur die Lehrer nicht wären… und jetzt zwingt es angeblich zu 40 Stunden Brutto-Anwesenheiten mit schlechtem Mittagessen in pädagogischen Kuschelecken und ist deshalb bäh? Derartige Stundenpläne gibt es an unserer Schule weder für Schüler noch für Vollzeit-Lehrer.
    Und die 35%, die das Gymnasium verlassen, waren natürlich lauter kleine Einsteins?
    Diese Statistiken zeugen allerdings von einer gewissen Schlichtheit.
    In einem echten Lehrerzimmer würde das Gelächter die Diskussion jetzt beenden. Meinerseits: scho’ gscheng.

  11. Ich muss mich dem Herrn Beelzebub anschließen und auch Herrn Rau.
    Dieses Zerrbild von DENKEN HILFT! kann ich so nicht bestätigen – ich sehe im Gegenteil Kollegen, die täglich versuchen, das Beste aus der Situation zu machen, die den Schülern sehr positiv gegenüberstehen, die viel Zeit in Vorbereitung usw. stecken. Schule scheint mir sehr wenig effizient zu sein (zu viele erfinden täglich das Rad neu und sind dann zu erschöpft, um im Unterricht völlig präsent zu sein) und die bayerische Lehrerschaft scheint mir sehr ministeriumshörig zu sein. Da wird noch der größte Mist zu 110% erfüllt. Aber sei’s drum.

    Nicht jeder will immer das lernen, von dem andere meinen, er sollte es lernen. Das ist bei Erwachsenen so, warum soll das bei Kindern anders sein? Das sind ja keine Automaten, bei denen man auf die richtigen Knöpfe drückt, und dann entsteht ein widerspruchsloses “der Schüler kann…” und “der Schüler hat…”.
    An dem, was Beelzebub sagt, ist was dran. Es fehlen aber nicht die Mißerfolgserfahrungen, sondern die Erfahrungen, dass man sich reinhängt, und dass mit der Intensität der Arbeit die Zufriedenheit und oft auch das Interesse kommt – auch bei einem an sich ungeliebten Thema.
    In der Mittelstufe sollten übrigens alle Klassen mindestens 2 Wochen Pfadfinderlager absolvieren – mit Holzhacken, Zeltaufbau, Feuermachen, Wandern und allem was dazugehört. Da geht die Gleichung “Hart arbeiten = positives Ergebnis = Zufriedenheit” gut begreifbar auf.

  12. Wer Susann ist, weiß ich nicht, aber hier wird genau beschrieben, was ich abstrakt formuliert habe: eine Lernumwelt, ohne die Voraussetzungen (Annehmlichkeiten), die immer als selbstverständlich betrachtet werden. Ein Feuer bei Regen anzünden kann eben nicht der, der es einfach nur will oder versucht, sondern nur der, der weiß wie. Und es funktioniert unter realen Bedingungen außerhalb des Schutzraums Schule eben nicht alles sofort, automatisch, und notfalls zündet dann halt jemand anderes das Feuer an. Bei einem Mittelstufenprojekt dieser Art wäre ich sofort dabei, schon allein um all die Fehler zu vermeiden, die man als Gruppenleiter bei den Pfadfindern so gemacht hat. Einer neunten Klasse habe ich mal am praktischen Beispiel (!) erklärt, dass das Braten einer Gans (offenes Feuer, Gans im Lehmmantel) strukturell genau so abläuft, wie das Schreiben eines Aufsatzes. Hat gut geklappt (Ganz gut, Aufsatz auch). Die Fotodokumentation ging leider verloren… Übrigens ist auch im G8 in den Seminaren der Oberstufe (P‑Seminar) ausdrücklich auch das Scheitern eines Projekts als Möglichkeit vorgesehen. Nur da finde ich es ein bisschen sehr spät.

  13. @ Beelzebub & Barbara.

    Glaubt Ihr, dass man eine realistische Chance hat, so etwas in Bayern anzuleiern? Nach dem ausgebrochenen Stundenentfallsreduktionsfetischismus der letzten Monate und dem massiven Rechtfertigungszwang den man hat, selbst wenn man die Klasse auf eine Exkursion mitnehmen will, zweifle ich an der Umsetzbarkeit.

  14. Es ist schwieriger geworden, so etwas ins Rollen zu bringen, das glaube ich auch. Andererseits: “A bissl was geht imma”, wenn man eine kritische Masse organisieren kann, die bereits vorhandene Ansätze mit neuen Impulsen belebt und von der Schulleitung unterstützt wird. In unserer Schule könnten das zum Beispiel die sogenannten Orientierungstage sein (10. Klassen) oder das “Schnupperpraktikum” (9. Klasse). Auch der zweite Wandertag steht bei uns zur Zeit in der Diskussion, weil sich bei uns die seit einigen Jahren übliche fachspezifische Ausgestaltung in manchen Jahrgangsstufen nicht mehr so attraktiv darstellt. Auch ein alternatives Angebot, für alle diejenigen, die bei Sprachaustauschprogrammen aus unterschiedlichen Gründen nicht zum Zug kommen, wäre zumindest denkbar.
    Konzepte dafür gibt es haufenweise: Outward Bound (mehr so die kommerzielle Variante der traditionellen Erlebnispädagogik), Discovery (gefällt mir am besten, da von und mit Ureinwnohnern entwickelt)und natürlich auch die Pfadfinderei (davon lieber die französische und bündische Variante als die königlich-bayrischen oder angelsächsischen Spielarten). Die Fächer Sprachen, Religion/Ethik oder Wirtschaft, die bei uns für die obengenannten Potenziale verantwortlich sind, müssten dabei keineswegs den vollständigen Rückzug antreten, sondern Alternativen Raum geben. Discovery zum Beispiel kennt verschiedene Varianten des “Solos”: Ein Jugendlicher verbringt nach gründlicher Vorbereitung mal einen ganzen Tag für sich, draußen und völlig allein, und denkt über sich und seine Umwelten nach. Da kann man als erwachsener Beobachter manchmal Erstaunliches erleben… und eine gute Gelegenheit für Schüler sich auch über die eigene ethische und religiöse Orientierung klar zu werden.
    Ich muss aber zugeben: das geht über die Kräfte eines Einzelnen, und Lehrer zu organisieren fehlen mir zum Beispiel die Geduld und in bestimmten Bereichen vielleicht auch das Talent.
    Andererseits habe ich gerade auch ein Problem mit zahlreichen Sonderveranstaltungen und Unterrichtsausfällen in der 10. Klasse und fürchte um den konzeptionellen und inhaltlichen Zusammenhang meines Unterrichts (dies ganz ohne Stundenentfallsreduktionsfetischismus).

  15. Bitte nicht noch eine Exkursion. Dann sollte man lieber die vorhandenen umbauen, Beelzebub deutet das an. Das sehe ich nicht kommen. Es müsste schon ein starker Anarch her, der das mal in die Hand nimmt.

  16. So meinte ich das auch. Nicht noch eine Exkursion, stattdessen: bündeln, reduzieren aber qualitativ an den tatsächlichen Bedürfnissen statt an vermeintlichen Traditionen ausrichten. Was sollen bitte Sightseeing-Studienfahrten mit Q11/12-Schülern, die schon die halbe Welt gesehen haben, bevor sie die Oberstufe erreichen? Was soll ein “Schnupperpraktikum”, häufig auch noch abgleistet im elterlichen Betrieb?

  17. Und ja: das bezieht sich ausdrücklich, und trotz entschiedener Kritik meinerseits, auch auf von mir selbst durchgeführte Studienfahrten. Nicht dass da jemand glaubt, man müsse das nur einfach anders wollen, dann würde es schon so, wie man möchte.

  18. Liebe Susanne, lieber Beelzebube,

    richtig LESEN HILFT!, denn in der obigen Ausführung steht nichts davon, dass ALLE Kollegen so wären, aber doch ein Gutteil. Natürlich gibt es wunderbare und fähige KollegInnen.

    Wer aber behautet, ich hätte vom G8 in seiner aktuellen Verwirklichung geschwärmt, dem muss eine veritable Schwäche im Textverständnis attestiert werden.

    Schön, dass es an Ihrer Schule weder dieses Stundenpensum gibt, noch KollegInnen, die besser Fernunterricht am Erwachsenenkolleg halten sollte. Sollte Ihre Schule eines schönen Tages eine gebundene Ganztagsschule werden, dann werden auch Sie sich mit dieser Stundenrealität auseinander setzten müssen.

    Und dass die Mittagsmahlrealitäten in Bayern überwiegend bessere wären, als im aktuellen Schülermensaskandal, ist zumindest mir völlig neu.

    Oder Sie sind an derjenigen Schule in Bayern, an der Milch und Honig fliessen und an der s’Wolferl mit’m Lammerl kuschelt! Und halleluja singen alle im Schülerchor, HALLELUJA, ’s isch so schee in unsrer Schul herin, HALLELUJA, ja so schee.
    G’lacht hama, woant hama. Pfundig sama.

    Und wie genau ist denn die Statistik Ihrer Schule z.B. beim letzten Abiturjahrgang? Wie viele des Eingangsjahrgangs haben das Abitur erfolgreich abgelegt? Wie viele Einsteins haben in toto Ihre Schule erfolgreich verlassen?

    Nun denn. Es scheint sie zu geben, die Beispiele, bei denen was geht, in Bayern:

    Bitte googeln nach:

    Innovative Wissensvermittlung

    Schule der offenen Türen

    Lernlandschaften statt Sitzreihen, Teamwork statt Lehrermonolog: Das Gymnasium in Oettingen geht komplett neue Wege der Wissensvermittlung – mit viel Erfolg. Das Projekt ist so besonders, dass sogar der Bildungsausschuss des Landtages in der Schule tagt.

  19. Lieber Denken Hilft,

    Vom G8 in seiner aktuellen Ausprägung hat wohl keiner geschwärmt, der klaren Geistes ist – wobei das G8 in seiner aktuellen Ausprägung vom G8 in optimaler Form so weit entfernt ist wie Erde und Mond. Das gilt auch von der Qualität der Mensaverpflegung und den halbherzigen Ganztagsschulen, wo die Kinder zwar nachmittags aufbewahrt, aber beileibe nicht optimal gefördert werden – das überlegte Konzept klingt immer gut. Woran es scheitert, ist die Umsetzung, die allzuoft von oben angeordnet, aber nicht mit Geld, Ressourcen, Rat & Tat begleitet wird.

    GENAU DASSELBE SCHICKSAL DROHT den von Ihnen angesprochenen Konzepten wie

    Innovative Wissensvermittlung

    Schule der offenen Türen

    Lernlandschaften statt Sitzreihen, Teamwork statt Lehrermonolog

    - das sind Konzepte, die dann funktionieren, wenn sie über lange Zeit unterstützt werden, wenn Kollegen fundiert ausgebildet werden, wenn funktionierende Kollegenteams entstehen, wenn Geld & Raum vorhanden & sinnvoll eingesetzt werden.
    Dann sind sie gut.
    Was hier in Bayern (das auch keine Insel der Seligen ist) gerne passiert: irgendwer schreibt eine coole Verordnung und lässt die Schulen dann allein mit einer gewünschten Neuerung. Und dann wurschtelt die Schule sich durch und versucht möglichst billig und personalschonend eines der Konzepte so durchzuführen, dass das Ministerium nicht rügt. Halbe Sachen also.

    Übrigens, Oettingen. Die Kollegen dort haben bei einem Gespräch mit Kollegen von mir sehr deutlich gemacht, dass auch die Lernlandschaften Grenzen haben und beileibe nicht immer gleich gut funktionieren. Der Heilige Gral also höchstens und NUR dann, wenn Mittel, Personal, Willen und langer Atem zur ordentlichen Umsetzung vorhanden sind.

    Was ich meine: Schulinnovation ist möglich, ABER nicht allein Verantwortung der Lehrer. Wenn Schulinnovationen scheitern, dann kann es eine Reihe von Gründen geben, sehr oft STRUKTURELLE, die über die Schule hinausgehen.
    Und dann gilt für mich immer noch der Satz, dass nicht jeder immer und überall motivierbar ist, egal, wie toll das Konzept ist, egal, wie engagiert der Lehrer ist, egal, wie genial ausgestattet die Lernlandschaft. Ich warte auf ein Schulkonzept, dass auch dem Rechnung trägt und Schülern gerade in der Mittelstufe die Möglichkeit gibt, sich aus dem Regelunterricht für einen gewissen Zeitraum auszuklinken und konkret greifbare andere Dinge zu tun.

    Unsere Abiturstatistik ist übrigens ziemlich gut, dank der Nachfrage. Wobei das Ablegen eines erfolgreichen Abiturs einen noch nicht gleich zum Einstein ermächtigt.

  20. Na also Denken Hilft: Jetzt hört sich Ihr Beitrag schon genauso an, wie die angebliche Larmoyanz der “Kollegen, die ihren Frust über das G8 an ihren Schülern ablassen”. Oettingen und anderen gelungenen Beispielen zum Trotz: Es gibt ihn nicht, den pädagogischen Himmel, sondern nur das langsame Bohren dicker Bretter, wie man früher so schön sagte. Dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit der veränderten Schüler-Motivationslage und ihren Ursachen. Und wenn ich mir Ihr Schulelendspanorama so anschaue, frage ich mich, wie unsereins unter wesentlich schlechteren Bedingungen dann eine halbwegs erträgliche Schulzeit überleben konnte. (Ich war kein guter Schüler und würde in das Gymnasium der 70er Jahre auch nicht zurückwollen, andererseits: ein Motivationsproblem hatte ich auch nicht.)

    Man hat seither die Lehrer umgekrempelt (weniger frontal), den Lehrplan auf Nullkommamoritz zusammengestrichen (“Gerümpel”), die Schulgebäude saniert, um‑, oder wie bei uns, neugebaut, den Stundenplan anders getaktet (bei uns, jawohl, deutlich mehr Doppelstunden!), mancherorts die Ganztagsschule oder die Nachmittagsbetreuung (bei uns auch) erzwungen, aber das hat bisher nicht viel geholfen. Könnte es sein, dass diese ganze Zwangsbeglückung nichts bringt, weil sie an der Mehrheit der Schüler und Eltern vorbeigeht?

    Könnte es sein, dass eine bestimmte Lobby im Verein mit ohnehin privilegierten Eltern Änderungen erzwungen hat, deren Folgen und deren Kosten sie aber bitte lieber vergesellschaftet sehen möchte? Nur ist die Gesellschaft nicht so dumm (oder mittlerweile schlauer geworden) etwas zu finanzieren, was den Doppelarbeitsplatzbesitzern in der freien Wirtschaft nützt, andere aber vielleicht gar nicht wollten, jedenfalls so nicht. Dann sollen die doch mal ein gutes Mensa-Essen, Schul-Sozialarbeiter und Ausstattungsetats und bitte, bitte, bitte ein eigenes Büro für jeden Lehrer in der Schule finanzieren. (Letzteres, damit ich in Zukunft nicht ein Viertel der Wohnfläche meines Eigenheims unentgeltlich für Schulzwecke vorhalten muss).

  21. Welch erstaunliche Hybris, in dieser Breite von “unmotivierten” Schülern zu sprechen! Zumal wenn es um die Gruppe der bayerischen Gymnasiasten geht. Womit die weiterführenden Schulen in erster Linie zu kämpfen haben, das ist ja wohl die fehlende Bereitschaft der jungen Leute, sich im Anschluss an die Kindheit nun auch in den Jugendjahren in der bis dahin praktizierten Form unterzuordnen, sich widerspruchslos dressieren zu lassen. Angesichts dessen ganz generell von einem Mangel an Motivation zu sprechen, das wird der pädagogischen Dimension des Problems nun wirklich nicht gerecht!

  22. Bitte um Antwort auf folgende Fragen:
    Heißt das jetzt, dass Schüler, die kein Motivationsproblem haben, bereit sind, sich an einem bayerischen Gymnasium widerspruchslos dressieren zu lassen?
    Soll das heißen, dass bayerische Gymnasien so etwas wie Dressuranstalten sind?
    Bedeutet das, dass bayerische Schüler vor dem Übertritt an das Gymnasium in ihrer Kindheit schon dressiert wurden?
    Worin besteht die pädagogische Dimension des Problems?

  23. Lieber Beelzebub Bruck, sie fragten dies: “Heißt das jetzt, dass Schüler, die kein Motivationsproblem haben, bereit sind, sich an einem bayerischen Gymnasium widerspruchslos dressieren zu lassen?” Nicht alle, aber vermutlich eher mehr als weniger. Jedenfalls genug von denen, damit es sich lohnt, die sogenannten Motivierten ob ihres Antriebes (und vielleicht auch der Motivation HINTER der Motivation) genauer unter die Lupe zu nehmen. Wo das im Unterrichtsalltag nicht möglich ist, würde ich mir das in den Erörterungen dieses Blogs wünschen.

    “Soll das heißen, dass bayerische Gymnasien so etwas wie Dressuranstalten sind?” Spätestens seit Einführung des G8 steht die Schulform zumindest im Verdacht, zu einer solchen zu verkommen. Dazu eine kurze Anekdote vom „Vorstellungsabend der weiterführenden Schulen“ an einer Grundschule unweit des Starnberger Sees. Die Vertreterin des vorgestellten Gymnasiums präsentierte den andächtig lauschenden Eltern eine 20 Punkte-Liste, welche Kompetenzen, Charaktermerkmale und Bekenntnisse von einem Fünftklässler mit Gymnasialbefähigung an ihrer Schule erwartet würden. Als ich in das betretene Schweigen hinein die Frage formulierte, mit welchen Beiträgen denn im Gegenzug das Kollegium die jungen Leuten beim Umstieg unterstützen werde, wurde mir etwas spitz verdeutlicht, dass nach dem Übertritt andere Zeiten anbrächen. Wer nach Unterstützung suche, sei am Gymnasium dann womöglich doch am falschen Platze. Innerlich gingen mir da die Hacken zusammen.

    “Bedeutet das, dass bayerische Schüler vor dem Übertritt an das Gymnasium in ihrer Kindheit schon dressiert wurden?” Ergebnisse und Erkenntnisse der Kleinkindforschung (à la „Der kompetente Säugling“, M. Dornes) wurden von manchen Bildungspolitikern katastrophal missverstanden und führten einerseits zur Herabsetzung des Einschulungsalters (was zum Glück derweil teilweise korrigiert wurde) und zu zweifelhaften Vorschulkonzepten, die heute von dafür unzureichend ausgebildeten ErzieherInnen mit dünnen Ergebnissen umgesetzt werden. In dem Alter kooperieren Kinder, egal, was für ein entwicklungspsychologischer Unsinn mit ihnen veranstaltet wird. In Grundschulen ist es auch im Jahre 2012 noch üblich, Sechs- (teilweise, siehe oben, Fünf-) bis Achtjährigen Toilettengänge nur in den Pausen zu gestatten. Und natürlich darf auch nur in den Pausen Flüssigkeit (auch Wasser!) zu sich genommen werden. Wo so wenig über die kindliche Entwicklung, die Fähigkeit des Kindes zur körperlichen und psychischen Selbstregulation bekannt ist, dass solche Regeln erdacht und durchgepeitscht werden, dort wird unweigerlich dressiert.

    “Worin besteht die pädagogische Dimension des Problems?” Die pädagogische Dimension des Problems liegt darin begründet, dass Lehrer sich so weitgehend für die Innenwelt ihrer Schüler interessieren müssen, wie es erforderlich ist, um das Kind oder den Jugendlichen bei der (Wieder-)Herstellung seiner grundlegenden Arbeitsfähigkeit zu unterstützen. Gemeint ist hier natürlich nur: soweit Störungen auf der Lehrer-Schüler-Beziehungsebene der Arbeitsfähigkeit des Schülers im Wege stehen. Ein Grundschüler, der die ganze Zeit nur Angst hat, noch vor der Pause in die Hose zu machen und dabei noch vor Durst eingeht, ist nicht arbeitsfähig. Dasselbe gilt für einen 15-Jährigen, der sich, gequält von den emotionalen und sonstigen Abgründen der Hochpubertät, durch phantasierte, missverstandene oder tatsächliche Äußerungen seines Lehrers getroffen fühlt. Eine Schule, die sich an der Stelle für pädagogisch unzuständig erklärt und/oder ihre Verweigerung mit einem Mangel an Ressourcen begründet, wird in erheblichem Umfang mit dem passiven Widerstand ihrer Schüler zu kämpfen haben. – Das wäre dann übrigens ein weiterer denkbarer Anlass für das vordergründige Phänomen des Motivationsmangels.

  24. Oh, ich kan mir gut vorstellen, wie ein 20-Punktekatalog bei den Eltern aus der Anspruchselite im Landkreis Starnberg ankommt, der seit Jahren die Statistik der Übertrittsquoten ans Gymnasium anführt, obwohl die Schüler in Niederbayern keineswegs dümmer als die Kinder aus Starnberg und Tutzing sind.
    Und ich kann mir gut vorstellen, welche Perspektiven auf die Motivation von Schülern in einem Erziehungsreparaturunternehmen gewonnen werden können, für deren Leistung die ehrgeizigen Eltern erstmal Bares hinlegen müssen. Das motiviert die Eltern sicher mehr, als die 7300 € jährlich, die der Steuerzahler pro Gymnasiast derzeit in Bayern aufbringt, weil ersteres an den eigenen Geldbeutel geht, letzteres hingegen nicht. Dies sei nur angemerkt, damit das auch alle Mitleser richtig verstehen.

    1. Meine Wahrnehmung ist eine völlig andere. Widerspruch und der dazugehörige Geist scheint mir geradezu ein Gradmesser der Motivation zu sein. Und selbst der Versuch zu Widerspruch gegen die Zumutungen des Schulalltags wird nicht nur bei mir, sondern auch bei vielen anderen Lehrern teilweise sogar mit guten Noten honoriert, wenn das irgendwie zu rechtfertigen ist. Die Anpasser und Wegducker sind es vor allem, denen die Motivation zu fehlen scheint. Der Mehrheit der Gymnasiasten eine derartige Geistesverfassung zu unterstellen, halte ich für gewagt. Man sollte die Probe aufs Exempel vielleicht mal auf einer Abiturfeier machen, dies den Abiturienten und ihren Eltern ins Gesicht sagen und sehen, ob sich da nicht doch ein wenig Widerspruch regt…

    Auf diesem Blog kommentieren die Mitleser vorwiegend zum Gymnasium, weniger zur Grundschule. Was Trinken und die physiologische Konsequenz im Unterricht anbelangt könnte man aus Sicht der weiterführenden Schulen sicher einiges beisteuern, nur hat das ja nichts mit Motivation zu tun. Für die verunsicherten Eltern im Grundschulkontext scheinen mir die Gymnasien nicht verantwortlich zu sein, denn an den Ansprüchen des Gymnasiums hat sich mit dem G8 inhaltlich weniger geändert, als man als Nicht-Lehrer meint, eher wurden vielleicht die Standards abgesenkt.

    Zeitmangel am G8 ist wirklich ein Problem. Aber das G8 haben sich ja nicht die Lehrer an sich ausgedacht, sondern ganz bestimmte Leute, darunter natürlich auch Lehrer. Alle Lehrer pauschal dafür verantwortlich zu machen, dass ihnen die Quadratur des Kreises (Mehr Abiturienten in weniger Zeit, aber bitte ohne Niveauverlust und subito!)immer wieder misslingt, führt leider auch nicht weiter.
    “Störungen auf der Lehrer-Schüler-Beziehungsebene” gibt es natürlich, und die Lehrer sind selbstverständlich auch gefordert an deren Beseitigung mitzuwirken. Wenn man aber mitbekommt, dass die Eltern mit gestörten Beziehungen zu Lehrern ebensolche Lehrer für larmoyante Dressurbeauftragte halten, weil das gut fürs Geschäft oder für die Beibehaltung des bequemen Erziehungs-Outsourcings ist, dann regt sich bei mir regelmäßig das Mitleid für die betroffenen Schüler.
    Und natürlich will ich meinen Vorschlag zur Entkrampfung der Mittelstufe (mehr Primärerfahrungen, auch auf die Gefahr von mehr Misserfolgserlebnissen statt Pseudo-Erfolgen)schon so verstanden wissen, dass man dort den Freiraum schafft, der für den späteren Schulerfolg notwendig sein kann. Mit der Billiglösung eines “Flexibilisierungsjahrs” wird das meiner Einschätzung nach aber kaum funktionieren, womit wir wieder beim Ressourcenmangel angekommen wären.

  25. Darf ich da noch einhaken?
    Diese Punkteliste, die könnte doch eigentlich dem Lehrplan entnommen sein, in dem das MINISTERIUM, NICHT DIE LEHRER aufschreiben, was der bayerische Gymnasiast zu sein, vorzuweisen und zu können hat.
    Irgendwie klingt das verdammt danach.

    Motivation – ich halte die meisten unserer Schüler gerade ab Jgst. 10 NICHT für unmotiviert, wenn es darum geht, das Gymnasium zu schaffen. Ich halte wesentlich mehr für unmotiviert, wenn es darum geht, sich den Lehrstoff anzueignen und zu verinnerlichen, der außerhalb ihrer Interessensgebiete liegt.
    Das ist für mich verständlich und ich frage mich, in welcher Welt die Jeder-muss-immer-motivierbar-sein-Fraktion lebt. Jemand, der sich nicht die Bohne für Physik interessiert und weiß, dass er mal Jus studieren will, verhält sich lediglich rational, wenn er sich in Physik auf das absolute Minimum an Arbeit beschränkt.* Das ist, denke ich, so eine neue Erscheinung nicht. Und wer glaubt, dass jemand, der jeden Tag alle 45 Minuten ein neues Motivationsfeuerwerk miterleben darf, sich dann für alles begeistert, was ihm vorgesetzt wird, soll das doch mal bei sich selbst ausprobieren.

    *Ja, natürlich ist der bayerische Gymnasiast mit besonders hohem Interesse an einer breiten Allgemeinbildung gesegnet, aber der deutsche Staatsbürger setzt sich ja im wirklichen Leben auch pausenlos so für Demokratie und soziale Gerechtigkeit ein, wie ihm das das Grundgesetz nahelegt.

  26. Ja, es ist ein Skandal, dass die Übertrittsquote in bestimmten bayerischen Regionen, namentlich in bestimmten Münchener Stadtbezirken, diese Größenordnungen erreicht. Aber ist es nicht der noch größere Skandal, dass solche Verhältnisse von der Ministerialbürokratie, den Schulen, ja, und ihrem Personal um des lieben Rechtsfriedens willen in Kauf genommen werden? Da wünscht man sich nicht zuletzt als Vater zweier schulpflichtiger Kinder klammheimlich mehr Sabine Czernys, die, wer hätte das für möglich gehalten, mit einer einzelnen Stimme gehörig was ins Wackeln brachte. Auf die Großkopferten und nicht-öffentliche Initiativen zu schimpfen ermöglicht Abfuhr, bringt aber in der Sache nicht weiter.

    Wenn ich oben Rekurs auf die Grundschule nahm, dann geschah das deshalb, weil viele der Probleme am Gymnasium eben auch mit einer leicht angestaubten Kindergarten- und Grundschulpädagogik zu tun haben dürften. Es ist nun mal so, wo Anpassung und Unterordnung von früh an honoriert werden, wird es am anderen Ende mehr “Anpasser und Wegducker” (Beelzebub Bruck) geben. Vielleicht, der Eindruck drängt sich mir nach vielen Supervisionen mit Pädagogen auf, täte dem Pädagogischen mehr Interdisziplinarität gut. Nicht zuletzt um den Blick vom Phonomen mehr auf die Hintergründe, vom Gegenwärtigen auf größere zeitliche Zusammenhänge zu lenken. Und um die Wichtigkeit organisatorischer, struktureller Gegebenheiten für die so wichtige Befindlichkeit herauszuarbeiten. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass das Selbstverständnis der Gymnasien sehr wohl Spuren in den Grundschulen und ihren Protagonisten hinterlässt. Wo Menschen involviert sind, sollten wir nicht zu reduktionistisch denken.

    Ein Wort noch zum G8-bedingten Zeitmangel. Mir erscheint die Bedeutung des fehlenden Schuljahrs (also die des volleren Wochenplans) mitunter nachrangig gegenüber der zeitlichen Vorverlegung mancher Themen in jüngere Jahre. Namentlich solcher Themen, die eine gewisse Reife verlangen. Lernstoff wird von jungen Leuten besonders dann als unattraktiv erlebt, wenn es ihnen und dem Unterricht nicht gelingt, persönliche Lebensbezüge herzustellen oder zumindest erahnen zu lassen. (Was im Übrigen jedem Menschen so gehen dürfte, und weshalb, da stimme ich Ihnen zu, Susann, die ungeliebte Physik oder sogar die Juristerei in späteren Jahren plötzlich zur spannenden Lektüre werden kann.) Je jünger den Schülern “Bahnwärter Thiel”, „Iphigenie“, “Faust” & Co. kredenzt werden, desto größer die Wahrscheinlichkeit verdrehter Augen, verschränkter Arme und unter der Tischplatte aktivierter Smartphones. Ohne erste Erfahrungen in partnerschaftlicher Liebe und Sexualität, und vielleicht auch die Ahnung einer ersten existentiellen Krise, muss unweigerlich rätselhaft bleiben, welches Gewese die Altvorderen um diese Themen machen.

  27. Am “Fall Czerny” meine ich gelernt zu haben, dass man Lehren und Lernen grundsätzlich personell und zeitlich entzerren, wenn nicht gar völlig trennen sollte. Unsere Schule entwickelt sich mit kleinen Schritten auch dahin, mit gemeinsamen und zeitgleichen Prüfungsaufgaben, Korrekturkonferenzen von Jahrgangsstufenteams und ähnlichen Ansätzen. Was den Übertrittswahnsinn in bestimmten Regionen anbelangt, habe ich aber schon Verständnis dafür, dass da manche Grundschullehrerinnen irgendwann vor den Anwälten, dicken Geldbeuteln und Dauer-Drohgebärden kapitulieren. Ich habe aber auch schon den umgekehrten Fall erlebt: die beste Schülerin im Fach Deutsch in meiner 10. Klasse wurde plötzlich in ein westasiatisches Land verfrachtet, damit sie die sozialen Verbindlichkeiten ihrer Familie erfüllt. In Niederbayern wurde eine Schülerin in der 6. Klasse abgemeldet mit der Erklärung, die brauche kein Abitur, “weil die heiratet ja später eh”. Auch da steht man auf verlorenem Posten.
    Das mit der Interdisziplinarität ist schwieriger als man meint, selbst wenn guter Absicht ist. Manchmal ist es schon erschreckend, was Grundschullehrerinnen meinen, was wir am Gymnasium mit den Kindern anstellen. Um ihre Entscheidungen zur rechtfertigen, scheinen mir so manche Grundschullehrerinnen eine Abschreckungskulisse aufzubauen, die so gar nicht stimmt. Andererseits: Als verantwortlicher Lehrer für den Probeunterricht sehe ich dann immer wieder Kinder buchstäblich ins offene Messer laufen, weil die Grundschullehrerinnen jenseits der Drohkulisse vermutlich jegliche Verantwortung ablehnen.
    Mit Ihrem letzten Absatz bin ich schon einverstanden, denn das deckt sich mit meinen Beobachtungen und auch Erkenntnissen etwa zu Leserbiographien. Dennoch bleibt ein ziemlich großer Rest derer, die erst im Erwachsenenalter vielleicht die Chance ergreifen noch einmal auf diese Texte zurückzukommen. Das sind dann die 2% der Bevölkerung, die man als echte Leser bezeichnen kann und das sind, wen wundert das, nahezu ausschließlich Frauen. Das wäre im Übrigen die Quotendiskussion, die ich gerne mal führen würde.

  28. Wie genau sieht, Ihrer Meinung nach, der Übertrittsskandal aus, wo findet er angeblich statt und wie wirkt sich dieser im Schulalltag dann aus?

  29. Nun wieder zurück zur mangelnden Motivation:

    Hier scheint mir Susann die eindeutig reflektierendste in dieser Runde zu sein.

    Mein bisheriges Resümee aus den hier getätigten Aussagen dazu:

    1. Das G8 in seiner jetzigen Ausprägung ist für die Tonne!
    2. Für die Mittelstufe (vielleicht schon ab der 7. Klasse) wünschen wir uns eine komplett, zumindest in weiten Teilen, andere Form des Unterrichts.
    3. Der 45 Minuten-Unterricht ist nicht die Lösung.
    4. Die Schulmahlzeiten dienen selten der Motivationsförderung.
    5. Ab der 10. steigt die Motivation generell, partielle Demotivation erklärt sich aus lernökonomischer Sicht von selbst und sollte eher belohnt als mit Sitzenbleiben bestraft werden.
    6. Wir stellen fest, dass die Niederbayern nicht dümmer sind als die Starnberger, müssen jedoch zur Kenntnis nehmen, dass 53% der niederbayrischen Realschüler zwar eine Gymnasialempfehlung haben, diese jedoch nicht wahrnehmen. Was lernen wir daraus?
    7. Es gibt im Kollegium zu viele, die die Realität, dass das G8 de facto eine Ganztagsschule (zumindest für die Schüler) darstellt, noch immer nicht zur Kenntnis genommen haben.
    8. Es gibt Kollegen, die die Notwendigkeit von Eltern, eine qualifizierte Ganztagsbetreuung für ihre Kinder zu benötigen, als Luxusproblem von asozialen Doppelverdienern identifiziert haben und deren Kinder deshalb, für das staatliche Gymnasium, als ungeeignet empfinden.
    9. Die Tatsache, dass sich in der Pubertät der Schlafrhythmus verändert, ist zwar seit langem bekannt. Die Jugendlichen schlafen später ein und deshalb müssten sie am Morgen länger schlafen. 1996 wurde jedoch die Sommerzeit eingeführt. Das bedeutet, dass im Sommer dieser Rhythmus sich weiter ins Negative verlagert. Nur 17% fühlen sich am Morgen fit und ausgeschlafen und jeder 5. hat Schlafprobleme, sagt eine aktuelle Studie. Dass Schlafmangel die Leistungsfähigkeit beeinträchtigt und ähnlich wie Trunkenheit wirkt, wissen ausgeschlafene Zeitgenossen.
    10. In der Schule wird jeden Tag, in jeder Stunde, von jedem Kollegen, das Rad neu erfunden.
    Dazu kommen aus der Kultusbürokratie Konzepte, die sich nicht verwirklichen lasse.


    Das sind nur einige Punkte, die noch weiter ergänzt werden können, wie z.B. Probleme im Elternhaus, …

    Nun Fragen wir uns weiter, weshalb sind unsere Schüler so oft so demotiviert?
    Und haben wir als Lehrer wirklich die Pflicht diese Schüler auszusortieren?

  30. Der Übertrittsskandal beginnt gefühlt schon dort, wo sich manche Eltern meistens ein, manchmal aber auch zwei bis drei Jahre mit ihren Grundschulkindern nur noch über Noten und Schulstoff unterhalten müssen. Müssen deshalb, weil in den meisten hiesigen Grundschulen an kurzen Vormittagen nur verkündet wird, das Üben jedoch nach Hause delegiert wird. Und schon hängt der Schulerfolg stark von sozialen Faktoren ab.

    Aber genau genommen formieren sich oftmals schon viel früher, nämlich kurz vor der Einschulung die Netzwerke im jeweiligen Sprengel und feilen (im Fall der Mehrzügigkeit) an der Klassenzusammensetzung. Ich kenne da eine Gemeinde, da fällt einem schon beim Blick auf die Namensliste der Klassen etwas auf, was so eigentlich gar nicht sein dürfte. Der Gerechtigkeit halber sei soll nicht unerwähnt bleiben, dass es nicht wenige Rektoren gibt, die solchen Bestrebungen mit starker Hand entgegenwirken und für eine gesunde Melange aus Zuordnung (Geschlecht, Schulweg) und zufälliger Verteilung (soziale und sprachliche Herkunft) Sorge tragen. Indes, nicht immer und überall ist das sichergestellt.

    In der vierten Klasse entwickeln sich mit Blick auf die Gerechtigkeitsfrage grob vereinfacht zwei unterschiedliche Szenarien. Es beginnt entweder hartes Feilschen oder erbittertes Streiten zwischen Lehrern und Eltern um jeden halben Punkt, um den zur Anwendung kommenden Notenschlüssel, die gebotene oder verwehrte Gelegenheit zum Ausgleich schlechter Proben, um mündliche Noten und dergleichen mehr. In gewissen anderen Regionen bitten die GrundschullehrerInnen frühzeitig um Mitteilung der Eltern, wo denn bitte die Reise für ihr Kind hingehen soll. (Denn es gibt ja durchaus Eltern, die ihr Kind ob dieses Wahnsinns ausdrücklich auf die Realschule schicken.) Dem geäußerten Wunsch wird in solchen Schulen im Übertrittszeugnis dann auch zuverlässig entsprochen. Die politisch eigentlich gewollte Verteilung auf drei Schulformen (siehe dazu auch die sehr klare Darstellung der schulrechtlichen Rahmenbedingungen in Sabine Czernys Buch) wird in diesen Sprengeln ausgesetzt. Die Übertrittsquote auf das Gymnasium nimmt dann mitunter ganz erstaunliche Werte an, die zu denen anderer Stadtviertel auffällig kontrastieren. 2010 beispielsweise streute die Übertrittsquote auf das Gymnasium in München zwischen 16 und erstaunlichen 97 Prozent. Für 2012 wurde mir von Eltern einer Grundschulklasse glaubhaft (aber unverbrieft) berichtet, dass dort ausnahmslos alle Kinder auf das Gymnasium gewechselt hätten. Ist das Skandal genug?

  31. Sind das nur gefühlte Skandale oder haben Sie wirklich valide Daten auf dem Tisch? 16% wo? 97% wo?

    Ich denke viele Zahlen sind nur vom Hörensagen bekannt und die Hintergründe dazu nicht.

    Auch halte ich diese juristischen Drohungen für absolute Einzelfälle.

  32. Die genannten Zahlen sind dem Münchener Bildungsbericht 2011 entnommen. Eine Zuordnung zur einzelnen Schule ist durch offizielles Zahlenwerk nicht möglich, weil die Zahlen nicht veröffentlicht werden. Laut Rechtsstelle des staatlichen Schulamts gibt es dafür keine juristischen Hürden, sondern “schulorganisatorische”. Die Zahlen würden auch deshalb zurückgehalten, weil sie erkärungsbedürftig seien.

    Und ja, zu expliziten Drohungen kommt es womöglich gar nicht allzu oft. Ist ein System erst einmal hysterisiert, baut sich der erforderliche Druck von selber auf.

  33. Zur Motivation und Demotivation habe ich diese Woche in der SZ folgendes gefunden, die die von den Kollegen hier geäusserten Frustrationsnotwendigkeiten zumindest in Frage stellen, für mich jedoch ziemlich plausibel erklären, wieso bei uns in Bayern so viele am Gymnasium scheitern.

    Meine heimlich gehegte These, dass nicht die Dummen, sondern die Sensiblen verstärkt aussortiert werden, wird durch diesen Artikel positiv bestätigt.

    (Der Artikel wurde stark gekürzt, durch die Suchfunktion kommt man jedoch an den ganzen Artikel!)

    Unzufriedenheit bewirkt Lähmung:
    .…
    Eine Gruppe bekam fünf Minuten aus einem Programm für den Mathematikunterricht zu sehen, die andere durfte über Comedy-Sketche lachen. Die Probanden, die sich mit dem Schulfilm gelangweilt hatten, standen meist ratlos vor dem Problem. Von denjenigen hingegen, die sich amüsiert hatten, fanden drei Viertel die richtige Lösung

    Glück macht einfallsreich
    Seit diesem Experiment haben mehr als 60 weitere Untersuchungen alle romantischen Ideen vom unglücklichen Genie Lügen gestraft. Zweifellos seien es eher die guten Gefühle, die Menschen einfallsreich machten, schreibt der niederländische Arbeitspsychologe Matthijs Baas in einem kürzlich erschienenen Übersichtsartikel: “Die Stimmung ist einer der am besten untersuchten und am wenigsten umstrittenen Einflüsse auf Kreativität.”

    Eine zentrale Rolle dabei spielt der körpereigene Botenstoff Dopamin. Als sogenannter Neuromodulator wirkt er als ein Umschalter im System Hirn. Wie die Pausenglocke einer Schule Hunderte Kinder schlagartig in einen anderen Zustand versetzt, so ändern Millionen graue Zellen ihre Arbeitsweise, sobald Dopamin freigesetzt wird. Wir erleben dies als einen Zustand freudiger Erregung; zugleich aber macht sich das Gedächtnis zum Lernen bereit. Dopamin fördert nämlich das Entstehen neuer Verbindungen zwischen den Neuronen. So sind Gefühle und Gedanken, gute Stimmung und geistige Leistung untrennbar miteinander verknüpft.

    Dopamin wirkt überdies auf die Aufmerksamkeit. So sorgt es dafür, dass sich der geistige Horizont weitet. Unter seinem Einfluss denken Versuchspersonen in weiteren Bahnen, die Filter der Wahrnehmung werden schwächer. So verlieren Menschen in gehobener Stimmung den Tunnelblick, der sie im Zustand von Niedergeschlagenheit und Angst davon abhält, ungewöhnliche Lösungen zu finden.

    Je mehr geistige Regsamkeit und assoziatives Denken gefragt sind, umso stärker die Vorteile der guten Gefühle.

    Wie Isen ebenfalls nachweisen konnte, stellen fröhliche Ärzte schneller und mit höherer Treffsicherheit Diagnosen. Auch sind glückliche Menschen in Verhandlungen besser imstande, allen Beteiligten zu ihrem Recht zu verhelfen; generell engagieren sie sich stärker für die Belange anderer.

    Anders als die Romantiker glaubten, spornt also nicht die Peitsche ihrer Unzufriedenheit, sondern das Zuckerbrot einer erwarteten Belohnung Menschen zu außergewöhnlichen Leistungen an. Gute Gefühle oder auch nur die Aussicht darauf aktivieren; Unzufriedenheit hingegen bewirkt eher Lähmung und Resignation.

    Wenn Organisationen trotzdem noch immer mit negativen Emotionen zu motivieren versuchen – Schulen mit Angst vor Nicht-Versetzung, Universitäten mit Angst um den Abschluss und Unternehmen mit Angst um den Arbeitsplatz – betreiben sie eine gigantische Verschwendung menschlichen Talents. Ebenso wenig bewegt Unglück Menschen zum Einsatz für die Kunst, die Wissenschaft oder die Gerechtigkeit.

  34. Nun noch eine Frage zum Übertritt:

    Die vor Kurzem so bejubelte Studie zum besseren bayerischen Grundschulsystem scheint sich in den Übertrittsstatistiken in München und Niederbayern nicht abzubilden. Wieso ist das so?

    In München gibt es Stadtteile mit 16% und 96% Übertritten ans Gymnasium. In Niederbayern hätten 53% der Schüler an Realschulen die Möglichkeit, aufs Gymnasium zu gehen.

    Nun gibt es Kollegen, denen sowohl die Münchner Statistik merkwürdig und skandalös erscheint und wiederum andere, die die niederbayerischen Werte vor ein Rätsel stellen.
    Die Frage stellt sich dann, sind in München die Stadtteilschulen von so unterschiedlicher Qualität oder ist der familiäre Hintergrund so unterschiedlich, dass wir mehr an der Qualität des Systems zweifeln müssen, als an den Fähigkeiten unserer Schüler?
    Und wie reagieren wir auf diese Statistiken?
    Gleichen wir die Statistik so aus, dass wir behaupten, das Münchner Übertrittsverhältnis muss an das Niederbayerische angepasst werden?
    Notfalls nachträglich durch eine verschärfte Benotungspraxis, wie im Kollegium nicht selten proklamiert?
    Oder suchen wir nach den wirklichen Ursachen, die die ländlichen Regionen das Gymnasium meiden lassen?
    Was würde sich in München ändern, wenn auch hier 53% der Realschüler gmnasialfähig wären?
    Würden dann auch in München an den Realschulen “Hochbegabtenklassen” eingerichtet? Und was würde uns das bringen?

  35. Dazu kann ich auch etwas beisteuern.

    Der Münchner Bildungsbericht 2008 spricht von 40% Schülerinnen, die auf dem Weg zwischen Übertritt zum Abitur im System verloren gehen.

    Sind die Münchner Gymnasien exterritoriale Enklaven (doppelt gemoppelt, weil’s so schön klingt) des Berliner Bildungssystems?

  36. Hat von euch schon jemand, mit dem vom ISB empfohlenen rhythmisierten Doppelstundenplan, gute Erfahrungen gemacht? Kann es die Motivation steigern, weil man ja mehr Zeit hat um an einem Thema zu bleiben und das unterschiedlich behandeln kann?

  37. Doppelstunden ermöglichen eine andere Art des Unterrichts, erzwingen ihn aber nicht. Deshalb haben sie erst mal keinen Einfluss auf die Motivation, denke ich.

    Ich bin trotzdem für Doppelstunden. (Noch mehr bin ich für Epochenunterricht, obwohl ich da bisher nur wenig Erfahrung habe. Lieber ein halbes Jahr doppelt so viel Stunden als ein ganzes Jahr regulär. Gerne auch Schwerpunkte in ganzen Jahrgangsstufen setzen, statt wie jetzt in jedem Jahr alle szu machen.) Übersichtlicher, mehr Zeit für Schülerarbeit. Probleme gibt es bei Fächern, die so unterrichtet werden, dass sie besondere und konstante Konzentration erfordern.

    Als Gegenargument hört man gerne, dass dann ja doppelt so viele Stunden ausfallen, wenn an einem Tag der Unterricht ausfällt. Statistisch macht das übers Jahr und Fach und Lehrkraft natürlich keinen Unterschied, aber das will nicht jeder so sehen.

  38. Gab es schon einmal einen Blogroll zum Thema Doppelstunde oder Epochenunterricht?
    Wir haben schon fast 10 Jahre das G8 und die Empfehlung des ISB dazu auch fast so lange, aber kaum eine Schule macht das. Und Material dazu lässt sich auch kaum finden. Jede Schule sucht sich einen eigenen Weg, aber was funktioniert und was nicht, dazu findet man nichts. Das ist wie im Nebel einen Hafen ohne Leuchtturm suchen. Bei uns wünschen sich die Eltern das und im Kollegium kommt auch vor allem das Argument zum Stundenausfall. Die meisten mauern. Vor allem die Nebenfächer jammern darüber. Ich sehe in den Doppelstunden mehr Vor- als Nachteile, hätte allerdings gerne Erfahrungsberichte und Anregungen dazu.

  39. Eine Blogparade dazu gab es nicht, glaube ich. Ich fange selber nie Blogparaden nie an, weil dann keiner kommt, glaube ich. Nebenfächer gehen eigentlich gut; vor allem Latein und Mathe klagen.

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