Auf einen Tweet von @lammatini

Ich tausche mich mit Kollegen aus, im Lehrerzimmer über einer Tasse Kaffee oder im Internet. Im Internet geschieht das auch über Twitter. Viele Leute verstehen nicht, was Twitter bringen soll; wenn mich jemand fragt, was Twitter ist, erkläre ich das so:
Twitter ist so etwas wie Facebook, ja, aber ohne Spiele, Umfragen, Werbung, Freunde, eingebaute Bilder und Videoclips, also eigentlich doch gar nicht so wie Facebook. Bei Twitter ist jede Nachricht (“Tweet”) auf 140 Zeichen beschränkt, Leer- und Satzzeichen eingeschlossen. Das hat seinen eigenen Reiz. Man muss sich kurz fassen, den ursprünglich getippten Text mit, sagen wir, 160 Zeichen dann halt bearbeiten, bis er passt. Möglich ist es natürlich, Abkürzungen zu verwenden; ich halte das selber aber für unsportlich, ebenso wie das Verteilen einer Nachricht auf zwei Tweets. Das muss manchmal sein, aber ich achte die Twitterer mehr, bei denen das nicht nur Gewohnheit wird.

“Wer braucht denn so etwas wie Twitter überhaupt? Da schreiben die Leute doch nur, dass sie sich einen Kaffee holen gehen; das interessiert mich nicht.” Es gibt viele Möglichkeiten, Twitter zu nutzen. Meine erkläre ich so: In einem typischen Großraumbüro arbeiten mehrere Kollegen. Man kriegt mit, wer kommt und wer geht, wer gerade mit welchem Kunden telefoniert, was die anderen gerade so besprechen, wer etwas Neues entdeckt hat oder krank ist (hust, hust), alles vom kleinen Alltagsklatsch bis zu geplanten Projekten. Man kriegt natürlich nicht alles mit, weil man manchmal zu konzentriert oder gar nicht im Büro ist.
Als Lehrer hat man weniger von diesem Hintergrundrauschen, als man meint. In der Pause trinkt man Kaffee, im Unterricht ist man allein, Sitzungen gilt es zu vermeiden. Zu Hause – notgedrungen dem zentralen Arbeitsort der Lehrer – ist man auch allein. Bei mir ist es aber so, dass ich viele Kollegen auf Twitter habe, wenn auch nicht von meiner Schule. Wenn einer von denen etwas twittert, erscheint rechts unten auf meinem Bildschirm eine kleine Notiz darüber (meist auch schon mit dem Inhalt des Tweets), und aus dem Augenwinkel kriege ich das mit. Manchmal lese ich das, manchmal nicht; manchmal sitze ich gar nicht vor dem Rechner oder er ist aus. Trotzdem kriege ich mit, über was man so redet, wer gearde an was arbeitet oder was die Leute beschäftigt. Und wie bei Kollegen im physischen Büro ist es auch nicht uninteressant, wer welchen Kaffee mag oder wer hustet oder wer sich gerade über irgendetwas freut.

Natürlich kommt man bestens ohne Twitter aus, und das soll hier keine Werbung dafür sein. Andere Leute nutzen Twitter auch ganz anders. Frau Rau etwa hat viel weniger virtuelle Kollegen als ich, liest dafür all deren Tweets. Und sie hat sie sich danach ausgesucht, wer kluge, witzige, interessante, geistreiche Tweets verfasst. Das ist dann eher ein Algonquin Round Table als ein Großraumbüro. Jeder wie er mag.

Am Wochenende las ich diesen Tweet, ohne den Zusammenhang genauer zu kennen:

Hm, dachte ich, und wollte darauf reagieren, aber es gelang mir nicht, alles, was ich mir dachte, in 140 Zeichen zu packen. Manchmal geht es halt nicht, und dann wird ein Blogeintrag daraus. Dabei wollte ich gleich mal den Schülern in meiner Klasse Twitter zeigen. Ihre Aufgabe: sie sollten auf den Tweet reagieren, in höchstens 140 Zeichen:

Finde ich nicht, da die Möglichkeiten, mitzureden und die eigene Ansicht darzulegen, immer noch besteht.

Da Schüler aus ihrer Freizeit moderne Medien gewohnt sind, bietet der zentrale Vortrag des Lehrers eine andere Perspektive des Aufnehmens.

Die Schüler sind eben diesen Kommunikations-Standard gewöhnt. Somit kann für Abwechslung im Alltag gesorgt werden.

Ohne diesen Knebel wäre ein komplex-vernetzter Unterricht nicht möglich, da eine Informationsbasis fehlt, auf der man diskutieren kann.

Nein tut er nicht,da man stets kommunizieren kann und dadurch die Sache aufgelockert wird. Zudem sind nicht nur Schüler vernetzt, viele Lehr

stimmt nicht

Ich bin anderer Meinung, da es viele Lehrer schaffen die SuS-Generation ohne so eine Art von Unterricht gut zu unterrichten.

Ich gebe ihnen Recht. Wir sollten das Unterrichtssystem zur vernetzteren Kommunikation zwischen u. unter SuS entwickeln. Bringt nur Vorteile.

Meiner Meinung nach hat die private Kommunikation wenig mit der Schule zu tun. Generell fühle ich mich im Unterricht nicht “geknebelt”.

Was sagt uns das? Nicht viel, muss es ja auch nicht. Erst mal ging es in dem Ursprungstweet wohl (nur?) um eine iPad-Klasse und meine Schüler sind vielleicht gar nicht gemeint. Zweitens wissen meine Schüler am Ende gar nicht, dass sie geknebelt sind (und ich bin der Sklaventreiber, der stolz präsentiert, wie gut es ihnen doch geht), drittens sind sie vielleicht gern geknebelt (was alleine weder für noch gegen die Knebelung als Methode spricht).

Fortbildung zu Mobbing

Gestern war Fortbildung zu Mobbing. So mittel, aber einiges habe ich gelernt, darunter auch wichtiges. Vor allem war mir neu, dass Bullying und Mobbing synonym verwendet werden. Ich habe mich gelegentlich darüber beklagt, dass das Wort “Mobbing” inflationär gebraucht wird; das muss ich in Zukunft einschränken, weil die Definition des Worts nun mal sehr umfassend ist.

(Inflationär ist es allerdings, wenn ich in einem Elternforum lese: “Rechtschreibfehler bewerten in einem anderen Fach als Deutsch, das ist Mobbing!” Auch sonst fällt das Wort Mobbing manchmal schnell, ohne dass mehr als ein Konflikt dahinter steht.)

Uneinigkeit gab es bei der Frage, inwiefern Mobbingopfer schuld am Mobbing sein können. Ich glaube, die Uneinigkeit kam von der Mehrdeutigkeit des Wortes “schuld”. Meine Ansicht: Mobbingopfer sind nicht schuldig, sind nicht moralisch schuldig, dürfen sich nicht die Schuld geben, darf man nicht zum Schuldigen machen. Aber kausal beteiligt können sie schon sein, und das meint man landläufig ja auch, wenn man von “schuld” redet.

Mobbing kann jeden treffen. Aber bestimmte Merkmale gibt es häufiger als andere. Laut Wikipedia sind – einer Auffassung nach – vor allem Kinder gefährdet:

  • die kleiner oder schwächer sind als der Durchschnitt.
  • die übergewichtig sind.
  • die ängstlich oder schüchtern sind.
  • die sozial nicht akzeptierte Merkmale haben (keine Markenkleidung, ärmliches Aussehen etc.)
  • die sich selbst aggressiv verhalten.
  • die einem Elternhaus mit überbehütendem Erziehungsstil entstammen

Das hat die Referentin zwar nicht alles so gesagt oder vielleicht gesehen, aber dazu hat man ja ein iPad, das man während eines Vortrags gleich ein paar Sachen nachprüfen kann. Und schimpft mir nicht auf die Wikipedia, die gibt immerhin Quellen an, wenn man etwas genauer wissen will, etwa: Hans Jürgen Groß: Bullying (Gewalt in der Schule) Begriff, Ausmass, Folgen: unter besonderer Berücksichtigung des Opfermerkmals “überbehütetes Kind” Saarbrücken: Trainerverlag. 2012

Auch für Täter gibt es Merkmale, die häufiger zutreffen als andere. Wer zu Hause Machtmissbrauch zwischen sich und den Eltern erlebt, oder zwischen den Elternteilen, wendet diesen Machtmissbrauch dann eher selber an. Aber natürlich gibt es auch Persönlichkeitsmerkmale, die nichts mit den Eltern zu tun haben müssen.

Am Anfang gab es einen etwas reißerischen Videoclip “jeder 6. Schüler wird gemobbt”, eine Zahl, die sich in der herumgereichten Fachliteratur nicht bestätigt fand. Ich traue auch nicht jedem Filmemacher zu, einen Unterschied zu machen dazwischen, ob ein Sechstel aller Schüler gemobbt werden oder ein Sechstel aller Schüler irgendwann mal gemobbt wurden. – Am Gymnasium gibt es weniger Mobbing als an anderen Schularten; gemobbt wird in der Sekundarstufe vor allem in der 6. bis 8. Jahrgangsstufe; mehr bei Jungs als bei Mädchen – außer beim Cybermobbing, das betrifft eher Mädchen.

Cybermobbing (wer hat dieses Wort verbrochen!) ist besonders infam, weil es anonym geschehen kann und man davon auch im eigentlich sicheren heimischen Bereich getroffen wird.

Mobbing gibt es an Schulen, und die Schulen müssen sich darum kümmern. Wie erkennt man Mobbing? Es gibt Warnzeichen, die aber auch andere Ursachen haben können. Manche Kollegen störten sich daran; dass keine genauere Möglichkeit genannt wurde, Mobbing von anderen Problemen zu unterscheiden – ich fand das weniger schlimm. Wenn man als Lehrer Warnzeichen für Mobbing erhält, muss man nachfragen, und dann kriegt man das schon heraus.

Schwieriger ist die Frage, was man dann tut. Das muss sich eine Schule überlegen. (Immer wenn ich von einer Methode höre, die “in europäischen und außereuropäischen Ländern große Erfolge” hat, muss ich an die Blues Brothers denken, wie sie “nach ihrer exklusiven Drei-Jahres-Tournee durch Europa, Skandinavien und die Subkontinente” wieder in Calumet City ein Konzert geben.) Auf jeden Fall offen legen, war ein Rat, aber nicht gegen den Willen des Opfers. Daneben wurden Methoden kurz vorgestellt, die aber eine weitere Fortbildung erfordern würden.

Am wichtigsten die Frage, wie man Mobbing in der Schule vermeidet. Das Schulklima spielt eine große Rolle, und klare Regeln im Klassenzimmer wurden als zentral genannt. Leuchtet mir ein. Daneben gab es empfohlene Lektüren für den Deutschunterrichts, der ja alles richten kann; von deren Wirksamkeit bin ich weniger überzeugt.

Rechtliche Hinweise zur Nutzung der EDV-Einrichtung und des Internets an Schulen

Die gibt es hier, in den Bekanntmachungen der Bayerischen Staatsministerien für Unterricht und Kultus und Wissenschaft, Forschung und Kunst, Nr. 21/2012.

Das meiste deckt sich mit dem, was ich hier geschrieben habe. Neu war mir nur:

  • Jeder Schüler ist verpflichtet, sich im Unterricht mit dem Internet zu befassen. “Weltanschauliche oder religiöse Vorbehalte der Sorgeberechtigten oder religiönsmündigen Schülerinnen und Schüler treten hinter den Erziehungsauftrag der Schule zurück.” Ui, gar so wichtig ist das Internet. Dann hätte ich aber gerne auch andere Ausstattung.
  • Es gibt ein “Verfahrensverzeichnis der Schule”. An jeder Schule.
  • Es gibt keine Verpflichtung für einen Webfilter. (Das wusste ich bereits; ich betone es nur gerne.)
  • Schülerprodukte, die im Zusammenhang mit dem Unterricht entstanden sind, dürfen in der Regel auf der Schulhomepage veröffentlicht werden, auch ohne Erlaubnis der Urheber. Allerdings wird empfohlen, bei Schülern – anders als bei Lehrern? – das nicht gegen deren Willen zu tun. Ob die Namen der Urheber dabei genannt werden, entscheiden diese.
  • Nichts Neues: Sprechstunden von Lehrern dürfen nur mit Einwilligung veröffentlicht werden; Vertretungspläne mit Namen darauf ebenso. Für die Zukunft werden Erläuternde Hinweise angekündigt, die passwortgeschützte Webseiten betreffen – dürfte nichts Neues gegenüber dem bereits Erwähnten sein.
  • Keine Aussagen zu Facebook.

Eine angenehmere Lektüre zum gleichen Thema wird sicher Netzgemüse. Aufzucht und Pflege der Generation Internet von Tanja und Johnny Haeusler.

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Ebenfalls im Regal ist Internet – Segen oder Fluch von Kathrin Passig und Sascha Lobo. Freue ich mich schon drauf.

Leider ist mir beim Lesen ein anderes Buch quer gekommen, Tristram Shandy, eher zufällig, und lange nicht mehr gelesen. Das könnte ein Weilchen dauern.

Kartenspielen mit der 10a, aus Gründen

In der letzten Stunde habe ich mit der 10a Karten gespielt. So eine Art Mau-Mau. Mau-Mau geht ja ganz einfach: Am Anfang deckt man eine Karte auf, und die Spieler versuchen der Reihe nach ihre Karten loszuwerden, indem sie sie ablegen. (Lassen wir alle Sonderkarten mal weg.) Die Ablageregel lautet: Man kann eine Karte ablegen, wenn sie die gleiche Farbe (Herz, Pik, Kreuz, Karo) hat wie die oben liegende Karte, oder wenn sie den gleichen Wert hat.

In meiner Variante wurde allerdings eine andere Regel verwendet, die nur ich als Spielleiter, sozusagen, kannte. Eine geheime also. Einige Schüler waren die Mitspieler, die nach und nach versuchten ihre Karten loszuwerden. Es gibt auch einfache Regeln für die Bepunktung, aber die sind im Moment nicht wichtig.

Am Anfang muss man bei diesem Spiel raten und einfach eine Karten ausspielen und schauen, was der Spielleiter sagt. Vielleicht hat man Glück (“Geht”), vielleicht Pech (“Geht nicht”). Man hat vorerst einfach nicht genug Material, als dass man sinnvoll raten könnte, wie die geheime Regel lautet. Aber wenn man das Spiel ein, zwei Runden beobachtet, dann hat die ersten Vermutungen. Da waren ein paar rote Karten, die immer gingen. Oder: nach der Pik 9 waren alle Karten, die abgelehnt wurden, Pik; die Karte, die dann akzeptiert wurde, war Herz.

Aufgrund dieser Beobachtungen stellt man Theorien auf. “Nach einer Karte mit einer ungeraden Zahl muss immer ein Herz kommen.” Oder: “Nach einer Pik-Karte muss immer ein Herz kommen.” Es geht bei dem Spiel zwar nicht darum, die Regel herauszufinden, sondern darum, seine Karten loszuwerden. Aber das geht natürlich leichter, wenn man die Regel kennt. Also folgt man erst mal seiner Vermutung und legt die entsprechenden Karten ab.
Meist bricht diese erste Vermutung schon bald zusammen. Irgendeine gespielte Karte passt nicht; entweder der Spielleiter weist eine Karte zurück, auch wenn die laut der vermuteten Regel akzeptiert werden sollte, oder die Karte eines Mitspielers wird akzeptiert, obwohl man nicht weiß warum.

Es ist sehr schön, sich selber und den anderen Spielern beim Theoriebilden zuzuschauen. Man sieht die Köpfe leuchten, hört kleine Ausrufe: “Ich glaub, ich hab’s.” Ein paar Runden später das verständnislose Kopfschütteln, wenn die Theorie verworfen werden muss und man sich die bisher gespielten Karten noch einmal genauer anschauen muss.

Erfahrene Spieler, die zum Beispiel vermuten: “Nach einer Pik-Karte muss immer ein Herz kommen,” testen das im Experiment. Man wartet, bis eine Pik-Karte liegt, und legt dann ein Herz an. Leider kann man nicht immer bestimmen, welche Karte gerade oben liegt. Es geht bei diesem Spiel eher um Beobachtungen, und die Möglichkeiten für Experimente – also die Wiederholung einer beobachteten Erscheinung unter kontrollierten Bedingungen – sind gering.
Allerdings muss man auch das andere ausprobieren: Man wartet, bis eine Pik-Karte liegt, und legt dann extra kein Herz. (Oder man hofft, dass ein Mitspieler das macht.) Dann sagt der Spielleiter vielleicht “Geht nicht”, und das bestätigt die Vermutung. Oder er sagt “Geht”, und man ist überrascht. Aber auch dann ist das kein fehlgeschlagenens Experiment. Es gibt keine fehlgeschlagenen Experimente, allenfalls schlampig durchgeführte. Wenn bei einem Experiment nicht das herauskommt, was man erwartet, ist das keinesfalls ein Fehlschlag, sondern eine interessante Beobachtung, aus der man etwas lernen kann. Vielleicht lautet die Regel in Wirklichkeit ja: “Nach einer Pik-Karte muss immer eine rote Karte, also Herz/Karo, kommen.”

Es kommt nämlich oft vor, dass die vom Spieler vermutete Regel erst einmal viel komplizierter ausfällt, als die des Spielleiters tatsächlich ist. Das geschieht, wenn man kein Muster in den vorliegenden Daten erkennt und deshalb versucht, viele kleine Ausnahmen und Sonderregeln aufzustellen, damit die gespielten Karten passen. Kann ja auch stimmen so; in meiner Spielerrunde war das aber selten der Fall – wenn bei jeder neuen gespielten Karte wieder eine Ausnahme zum bisherigen Regelsatz kommt, dann ist man wohl auf dem Holzweg. Manchmal ist die eigene Regel auch einfacher nur enger gefasst als die tatsächliche, so wie in dem Fall oben, wo jede rote Karte spielbar ist, man aber glaubt, dass nur Herzen erlaubt sind. Solange man da nicht kritisch die Gegenprobe macht, wird man immer Herz legen, das wird immer funktionieren, und die eigene, unnötig enge Regel, wird bestätigt. (Bis man mal kein Herz auf der Hand hat und dem Spielleiter sagt, man kann nicht. Dann wählt der ein Karo aus, legt es an und gibt die vier Strafkarten.)


Dieses Spiel gibt es wirklich, und es ist – eine nur mäßig schräge Spielerrunde vorausgesetzt – tatsächlich gut spielbar, anders als andere Kuriositäten. Es heißt Eleusis, und ich habe vor Jahren schon mal darüber geschrieben, wenn auch aus anderer Perspektive. Robert Abbott erfand es 1959, ich spiele meist die erweiterte Version von 1977; 2006 veröffentlichte Hohn Golden eine vereinfachte Version Eleusis Express, die auch an Grundschulen spielbar sein soll. Daneben gibt es Varianten von Spieleverlagen, etwa “Geheimcode” von der Firma Winning Moves. Das wird nicht mit regulären Spielkarten gespielt, sondern mit Karten von berühmten Pesonen aus der Geschichte – die jeweils zu einer bestimmten Farbe (rot, gelb) und Kategorie (Denker, Politiker, Künstler) gehören, mit bestimmter Rahmenform (rund, eckig, spitz). Nicht sehr spielbar, obwohl es von Alex Randolph ist. Das Original von Abbott gibt es in einigen Spielebüchern oder als Broschüre bei Abbot selber – für fünf Dollar einschließlich Porto, allerdings nur auf Papier und nur per Scheck oder US-Bargeld, also noch nicht so sehr webfreundlich. Aber Eleusis Express kann man ausdrucken, da fehlen halt einige der philosophischen Überlegungen aus der Broschüre.
Neu war mir das Spiel “Mao” (Wikipedia), eine Art Eleusis-Abkömmling, das nach dem großen Vorsitzenden Mao benannt ist, dessen geheime Regeln man befolgen muss, ohne sie zu kennen; die Etymologie könnte aber tatsächlich vom deutschen Mau-Mau kommen, mit dem Mao mehr Ähnlichkeiten aufweist als mit Eleusis.)

– Ein anderes Spiel von Abbott, “Babel”, will ich mal mit Schülern ausprobieren. Ein Handelsspiel für acht bis vierzig Personen, die sich miteinander unterhalten müssen, um Karten zu tauschen und zu kombinieren, die sie dann beim Spielleiter gegen Punkte und neue Karten eintauschen. Müsste auch in der Fremdsprache gehen. Und vielleicht, irgendwann mal, so etwas wie die San Tilapian Studies von Emily Short, ein Erzählspiel für eine Party mit 30–40 Spielern.

Nachtrag: Link zu Material zu Eleusis, via Bob Abbotts Seite.


Eleusis funktioniert einfach als Spiel, aber man kann es natürlich auch als Allegorie auf die wissenschaftliche Methode sehen. Es gibt Regeln, Naturgesetze. Die kennt man nicht, und man kann sie auch nie erfahren. Man beobachtet die Natur und stellt Vermutungen an; aufgrund dieser baut man die Natur in kontrollierter Umgebung nach und stellt Experimente an, die die Vermutungen bestätigen oder auch nicht. Wenn man genug Experimente hat, stellt man eine Theorie auf. Die Theorie erlaubt Vorhersagen, und wenn sich später die Vorhersagen mit der Wirklichkeit decken, dann gilt die Theorie erst einmal als bewiesen. Mehr geht nicht in der Wissenschaft – in das Hirn des Spielleiters (oder Gottes) kann man nicht hineinsehen.

(Außerdem kann ich so vielleicht erklären, warum die Beispiele der Schülern in Erörterungen meist nichts bringen. “Mein Onkel hat einmal…/Eine Cousine von mir hat…/Ich selber habe…” – das ist etwa so aussagekräftig wie bei Eleusis: “Ich habe mal eine Kreuz 7 gelegt, und die wurde nicht akzeptiert.”)


Im Moment komme ich auf wissenschaftliches Vorgehen, weil in meinem Teil des Internets gerade wieder Homöopathie diskutiert wird. Die Kaltmamsell verweist auf einen Artikel in den Science Blogs über die Rolle der Homöopathie in der Ausbildung zum Pharmazeutiker-Ausbildung; versöhnlicher dazu Frau Nuf. Lesen Sie das nach, bei der Kaltmamsell und den ScienceBlogs, auch die jeweils vielen Kommentare. (Unbedingt den schönen Kommentar von Schlappohr bei dem ScienceBlog-Artikel lesen, mit dem herzerwärmenden Austausch zwischen Apotheker A und Herrn H.)

Leben kann ich gut mit der Argumentation: “Tests haben bewiesen, dass Homöopathie funktioniert.” Das ist nicht dumm, sondern nur falsch.
Leben kann ich auch mit: “Man kann Homöopathie nicht beweisen, das liegt in der Natur der Sache.” Das ist schon etwas dumm, aber auch das regt mich wenig auf. Diese Person gibt wenigstens zu, dass Homöopathiegläubigkeit eine Religion ist, und wenn ich mit Religion auch meine Schwierigkeiten habe, habe ich keinen Anlass, darüber zu streiten.

Mit anderen Argumenten habe ich mehr Probleme:

  • Die Pharmalobby hat etwas gegen Homöopathie. Wieso sollte sie? Kann man doch Geld mit machen. Die Homöopathielobby ist doch Teil der Pharmaindustrie. Vermutlich ist das schlechte Image von Pharma nur auf das Ph- am Anfang zurückzuführen – phishing, phreaking, lauter böse Sachen.
  • Jeder kann doch frei entscheiden, was er tut. Abgesehen davon, dass das, was man für freie Entscheidung hält, natürlich immer beeinflusst ist von Umfeld und Erziehung: Klar kann jeder frei entscheiden, hat auch niemand etwas dagegen gesagt. Das heißt aber nicht, dass jeder frei entscheiden darf, was eine Tatsache ist und was nicht. “Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber niemand hat das Recht auf eigene Fakten.” (Patrick Moynihan) Außerdem gilt das mit der freien Entscheidung wohl nur für natürliche Personen; Gesundheitsministerien und Krankenversicherungen können sicher nicht frei entscheiden, sondern müssen sich an irgendetwas halten – an Tatsachen; Bürgerwünsche; Lobbywünsche. Man wünscht sich, sie halten sich vor allem an das erste.
  • Wissenschaft kann nichts beweisen, sondern nur Theorien aufstellen. Das ist eine Wortspielerei, die zeigt, dass der Mensch keine Ahnung hat, wovon er spricht. Natürlich kann die Wissenschaft nur Theorien aufstellen, siehe Eleusis oben. Wenn die Theorien brauchbar sind, erlauben sie Vorhersagen, die bestätigt werden. Wenn das oft genug geschieht, darf man von bewiesen reden. Aber klar, natürlich ist immer möglich, dass ein Stein plötzlich nach oben fällt statt nach unten. Aber so unwahrscheinlich, dass man davon ausgehen kann, dass die Tehorie der Schwerkraft trotzdem bewiesen ist – und wenn das doch einmal geschieht, ist ein Naturwissenschaftler der erste, der sich darüber freut.
  • Alles mit den Wörtern mechanistisches Weltbild darin. Gemeint ist damit nur, dass sich Dinge gemäß Regeln verhalten, so wie bei Eleusis; das heißt nicht, dass man diese Regeln kennt. Die Alternative zu dem, was etwas unsachlich so genannt wird, lautet: Dinge verhalten sich nicht nach Regeln. Also doch Wunder.
  • Möglicherweise wird die Wissenschaft eines Tages feststellen, dass Homöopathie doch funktioniert. Nur jetzt kann sie es noch nicht beweisen. Es geht nicht ums Beweisen, es geht ums Feststellen. Man hat noch nicht festgestellt, das Homöopathie funktioniert.
  • Bei meinem Onkel hat es auch geholfen.

Dieser letzte Satz ist problematisch, und vermutlich der wichtigste. Woher weiß man, ob etwas wahr ist? Woher weiß man, dass Astrologie, Handauflegen, Hausaufgaben, Lebendiges Wasser, Aspirin funktionieren? “Mein Onkel hat festgestellt, dass es funktioniert. Ich habe festgestellt, dass es funktioniert. Deshalb funktioniert es.” Ein naheliegender Schluss. Der muss aber nicht stimmen; ich selber bin da ganz demütig und misstraue meinen eigenen Feststellungen manchmal. Alles andere erschiene mir wie Größenwahn. So ähnlich wie es optische Illusionen gibt, gibt es auch kognitive Illusionen, und woher will man wissen, ob man nicht auf eine hereingefallen ist? Das ist so ähnlich, wie wenn man bei Eleusis beobachtet, dass eine Herz 3 angelegt werden kann. Daraus die Regel abzuleiten: man kann (immer) eine Herz 3 anlegen, das wäre verfrüht. Bei Eleusis sieht man schön, wie Spieler Muster erkennen, wo keine sind.


Schlimm ist, dass so etwas die Deutschlehrer machen müssen statt die Biolehrer. Überhaupt, mit Esoterik haben es die Schulen manchmal, wie es die Süddeutsche unter “Aromadusche im Klassenzimmer” schreibt: “Lehrer setzen immer häufiger zweifelhafte Methoden in den Klassenzimmern ein.” Auch aus innerschulischen Gründen will ich dazu nicht viel schreiben. Zitieren möchte ich allerdings folgende kluge Frage, die Anne Höhl in diesem Artikel stellt:

Doch ist das Drücken einiger Energiepunkte wirklich so schlimm? Ist es gefährlich, wenn Kinder zur besseren Konzentration mit Lavendel beduftet werden? “Geschadet wird im Allgemeinen nicht dadurch, dass etwas getan, sondern dadurch, dass etwas unterlassen wird”, sagt Wolfgang Hund. Unterlassen wird die gezielte Hilfe von pädagogischen Fachleuten, wenn zum Beispiel Aufmerksamkeitsdefizite oder Lernschwächen auftreten.

Da rührt sich die Erinnerung des Deutschlehrers. Genau diese Frage stellt Daja in Nathan der Weise, und Nathan gibt genau diese Antwort darauf. Nathans Tochter Recha ist von einem christlichen Tempelritter aus dem brennenden Haus gerettet worden, bildet sich aber ein, ein Engel habe sie geschützt:

Recha. – Ich also, ich hab einen Engel
Von Angesicht zu Angesicht gesehn;
Und meinen Engel.

Nathan. Doch hätt’ auch nur
Ein Mensch – ein Mensch, wie die Natur sie täglich
Gewährt, dir diesen Dienst erzeigt: er müsste
Für dich ein Engel sein. Er müsst’ und würde.

Recha. Nicht so ein Engel; nein! ein wirklicher;
Es war gewiss ein wirklicher!

Recha will aber lieber auf wundersame Weise gerettet worden sein; Nathan weist sie darauf hin, dass die Realität wunderbar genug ist:

Nathan. Wie? weil
Es ganz natürlich, ganz alltäglich klänge,
Wenn dich ein eigentlicher Tempelherr
Gerettet hätte: sollt’ es darum weniger
Ein Wunder sein? – Der Wunder höchstes ist,
Dass uns die wahren, echten Wunder so
Alltäglich werden können, werden sollen.
[…] Lass mich! – Meiner Recha wär’
Es Wunders nicht genug, dass sie ein Mensch
Gerettet, welchen selbst kein kleines Wunder
Erst retten müssen? Ja, kein kleines Wunder!
Denn wer hat schon gehört, dass Saladin
Je eines Tempelherrn verschont? dass je
Ein Tempelherr von ihm verschont zu werden
Verlangt? gehofft? ihm je für seine Freiheit
Mehr als den ledern Gurt geboten, der
Sein Eisen schleppt; und höchstens seinen Dolch?

Darauf vermittelnd Daja, Nathans Haushälterin und Rechas Ziehmutter:

Was schadet’s – Nathan, wenn ich sprechen darf –
Bei alledem, von einem Engel lieber
Als einem Menschen sich gerettet denken?
Fühlt man der ersten unbegreiflichen
Ursache seiner Rettung nicht sich so
Viel näher?

Da ist genau die Frage aus dem Artikel oben. Nathans Antwort: Weil der Glaube an das Wunder echte Tätigkeit verhindert. Recha schwärmt für den Engel, um den heimatlosen Tempelritter in Jerusalem kümmert sich niemand; vielleicht schläft er hungernd irgendwo unter Brücken. (Nathan jagt Recha ein wenig Schreck ein, schwarze Pädagogik und so.)

Nathan: Kommt! hört mir zu. – Nicht wahr? dem Wesen, das
Dich rettete, – es sei ein Engel oder
Ein Mensch, – dem möchtet ihr, und du besonders,
Gern wieder viele große Dienste tun? –
Nicht wahr? – Nun, einem Engel, was für Dienste,
Für große Dienste könnt ihr dem wohl tun?
Ihr könnt ihm danken; zu ihm seufzen, beten;
Könnt in Entzückung über ihn zerschmelzen;
Könnt an dem Tage seiner Feier fasten,
Almosen spenden. – Alles nichts. – Denn mich
Deucht immer, dass ihr selbst und euer Nächster
Hierbei weit mehr gewinnt, als er. Er wird
Nicht fett durch euer Fasten; wird nicht reich
Durch eure Spenden; wird nicht herrlicher
Durch eu’r Entzücken; wird nicht mächtiger
Durch eu’r Vertraun. Nicht wahr?

Lange Sätze in der Schule, und Satzzeichen zweiter Klasse

(Ich weiß nicht, ob ich das schon mal geschrieben habe. Das wird in letzter Zeit immer mehr ein Problem. Ich mache das jetzt seit achteinhalb Jahren, manchmal fällt mir nichts mehr ein; andere Male stelle ich fest, dass ich meine Gedanken schon mal früher aufgeschrieben habe.)

Es geht um die Sprache in Aufsätzen ab der 10. Jahrgangsstufe bis hin zum Abitur. Die zeichnet sich aus durch Nominalisierungen, umständlichen Satzbau und Phrasen.

Nominalisierungen

Ein paar Beispiele aus Aufsätzen:

  • Man kann eine Reduzierung der Verse pro Strophe feststellen.
  • Auch ist eine Erleichterung seinerseits zu hören, denn…
  • Das Treffen der beiden Personen geschieht, nachdem…
  • …löst einen Verwirrungszustand in dem Leser aus.
  • Zu beachten ist, dass die Abiturienten eine sehr starke Kompetenzsteigerung erfahren.

Besser sind hier Nebensätze und Verben: Es werden weniger Verse pro Strophe; jemand ist erleichert; Personen treffen sich einfach und der Leser wird verwirrt.

An den Nominalisierungen sind wir teilweise selber schuld. Wir drillen die armen Schüler in den Aufsatz-Gliederungen zum Nominalstil, bis sie nicht mehr anders können.

Satzbau

Es gibt Schüler, die erst einmal nicht anders können als ihre Gedanken in einen einzigen Satz (genauer: eine einzige Periode) zu packen. Das geschieht automatisch, fast zwanghaft. Und spätestens ab dieser Jahrgangsstufe haben die Schüler schon recht komplexe Gedanken. Wenn man die in eine Periode packt, wird die recht umständlich:

Gerade in der heutigen Zeit in der westlichen Welt, wo viele Leute nahe beieinander leben, die einerseits an einen hohen Lebensstandard gewohnt sind, sich andererseits an eine Methode, diesen zu erreichen, nämlich immer an den größtmöglichen eigenen Profit zu denken, gewöhnt haben, was wiederum der Gesellschaft schadet, sind die so genannten Tugenden, wie zum Beispiel Bescheidenheit, Rücksicht und Verantwortungsbewusstsein, allen voran jedoch Mitgefühl, um so wichtiger.

In Deutsch fürs Leben von Wolf Schneider gibt es eine schöne Anleitung zur “Satzzertrümmerung”, wie er das nennt, mit Beispielen, wie man solcher Ungetüme Herr wird. Die teile ich gerne mal meinen Schülern aus. Danach verbesserte ein Schüler meiner 10. Klasse den Satz oben so, wobei bewusst nichts an Inhalt und Wortwahl geändert wurde:

Heutzutage leben in der westlichen Welt viele Menschen nahe beieinander. Diese sind an einen hohen Lebensstandard gewöhnt und versuchen immer, diesen zu erreichen. Hierbei denken sie stets an den größtmöglichen eigenen Profit, was jedoch der Gesellschaft schadet. Deshalb sind heute Tugenden wie zum Beispiel Bescheidenheit, Rücksicht und Verantwortungsbewusstsein, aber vor allem Mitgefühl sehr wichtig.

Wenn man solche Sätze verständlich macht, versteht man sie auch leichter. Das birgt die Gefahr, dass man auch eventuelle Schwächen im Gedankengang leichter erkennt. Zum Üben ein weiterer Satz aus einem Schüleraufsatz:

Im Gegensatz dazu steht seine Frau Jokaste, die erst erfreut über die Meldung des Boten, dass Polybos, der Ziehvater von Ödipus, verstorben sei und somit die Angst ihres Mannes, den eigenen Vater zu töten, unbegründet ist, ist, dann jedoch durch die Schilderung des Boten über seine Bekanntschaft mit Ödipus bemerkt, dass sie durchaus eine weit engere Beziehung zu ihrem Mann haben könnte, als sie es zunächst vermutet hatte.

Ganz ernsthaft: Meine Schüler waren geradezu entrüstet darüber, dass plötzlich ein Lehrer weniger umständliche Sätze fordert. Ich bin mir einigermaßen sicher, dass keine Lehrkraft der Jahre zuvor das so erklärt hat, aber bei den Schülern hängen geblieben ist trotzdem: Ich soll umständliche Sätze machen. Hauptsätze are for sissies.
Das ist zum Teil eine ganz natürliche Entwicklung. Die Schüler wollen anspruchsvolle Texte schreiben, sind auch stolz darauf, so etwas zu können, und schießen dabei über das Ziel hinaus. Und jetzt müssten sie lernen, wieder einfachere Sätze zu bauen. (Manche Erwachsene verlassen nie dieses Stadium.)

Satzzeichen

Der erste Schritt zur Satzzertrümmerung ist, ab und zu mal einen Punkt zu machen. Oder ein anderes Satzzeichen. Meine Schüler (10. Klasse) waren geschockt, als ich ihnen sagte, sie dürften auch einen Doppelpunkt zur Verbindung zweier Sätze verwenden. Einen DOP-pel-PUNKT! (Tumult im Klassenzimmer.) Oder ein Semikolon. Auch mal, für ganz verwegene, einen Gedankenstrich – auch wenn Frau Rau und ich, die wir beide dieses Satzzeichen schätzen, unterschiedliche Ansichten dazu haben, wie angebracht es in welchen Textsorten ist. Gedankenstriche führen gerne mal zu Parenthesen – und wir wissen alle, wie schwer man die Finger davon lassen kann, wenn man erst einmal auf den Geschmack gekommen ist.

Welche Unterschiede Satzzeichen zwischen zwei Sätzen machen, kann man bei diesen Sätzen ausprobieren:

  1. Formal ist der Kopf deines Briefes nicht korrekt; die Betreffzeile fehlt. (Korrekturbemerkung)
  2. Es besteht nur aus natürlichen Substanzen. Es ist völlig ungefährlich. (Dauerwerbesendung)
  3. Das ist mit Fruchtsaft gemacht, da sind viele Vitamine drin. (Werbung für Süßigkeit)
  4. Mutter feierte bis 4 Uhr früh. Ihre Kinder erstickten. (Schlagzeile)

Meistens ist es noch besser, den Zusammenhang zwischen zwei Sätzen nicht durch ein Satzzeichen anzudeuten, sondern ihn explizit zu machen, indem man Konjunktionen benutzt (weil, so dass, obwohl, während) oder Adverbien (deshalb, gleichzeitig, trotzdem). Zur Not gehen auch Präpositionen (durch), aber die führen automatisch zu Nominalstil, und mit dem übertreiben es viele Schreiber ja ohnehin.

Phrasen

“Ebenfalls nicht zu vernachlässigen ist der Punkt, dass…” So beginnen gerne mal Argumente in der Erörterung. Das ist einmal problematisch, weil da etwas ganz und gar Nebensächliches im Hauptsatz steht. Das eigentlich Wichtige muss sich in einer Nebensatzkonstruktion ein Plätzchen einrichten, und da kann es eng werden. (Nichts gegen Nebensätze. Einige meiner besten Sätze sind Nebensätze.) Schlimmer ist das aber, weil das so eine leere Phrase ist. Und daran, fürchte ich, sind tatsächlich nur wir Lehrer schuld.

Wir bringen den Schülern nämlich bei, Überleitungen zu machen. Und legen ihnen dazu oft genug eine Liste von Phrasen vor, die sie verwenden sollen. Ich glaube, man sollte Schülern mal probeweise Überleitungen verbieten; vielleicht kämen dann zusammenhängendere Texte heraus.

Anhang 1: Zum Üben.

Es darf daher getrost, was auch von allen, deren Sinne, weil sie unter Sternen, die, wie der Dichter sagt: “versengen, statt leuchten”, geboren sind, vertrocknet sind, behauptet wird, enthauptet werden, daß hier einem sozumaßen und im Sinne der Zeit, dieselbe im Negativen als Hydra gesehen, hydratherapeutischen Moment ersten Ranges – immer angesichts dessen, daß, wie oben, keine mit Rosenfingern den springenden Punkt ihrer schlechthin unvoreingenommenen Hoffnung auf eine, sagen wir, schwansinnige oder wesentielle Erweiterung des natürlichen Stoffgebietes zusamt mit der Freiheit des Individuums vor dem Gesetz ihrer Volksseele zu verraten sich zu entbrechen den Mut, was sage ich, die Verruchtheit haben wird, einem Moment, wie ihm in Handel, Wandel, Kunst und Wissenschaft allüberall dieselbe Erscheinung, dieselbe Frequenz den Arm bieten, und welches bei allem, ja vielleicht gerade trotz allem, als ein mehr oder minder modulationsfähiger Ausdruck einer ganz bestimmten und im weitesten Verfolge excösen Weltauffasseraumwortkindundkunstanschauung kaum mehr zu unterschlagen versucht werden zu wollen vermag – gegenübergestanden und beigewohnt werden zu dürfen gelten lassen zu müssen sein möchte.

Christian Morgenstern, aus der Vorrede zu den Galgenliedern.

Anhang 2:

Jeder Intellektuelle hat eine ganz spezielle Verantwortung. Er hat das Privileg und die Gelegenheit, zu studieren. Dafür schuldet er es seinen Mitmenschen (oder ‘der Gesellschaft’), die Ergebnisse seines Studiums in der einfachsten und klarsten und bescheidensten Form darzustellen. Das Schlimmste – die Sünde gegen den heiligen Geist – ist, wenn die Intellektuellen es versuchen, sich ihren Mitmenschen gegenüber als Propheten aufzuspielen und sie mit orakelnden Philosophien zu beeindrucken. Wer’s nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er’s klar sagen kann.

Karl Popper, “Wider die großen Worte”, ein Brief des Philosophen Karl Popper, der 1971 in der Zeit erschien. Dieser Brief enthält auch die vielzitierten Übersetzungen (jedenfalls sind sie mir oft begegnet), in denen Popper die seiner Meinung nach schwülstigen und unklaren Äußerungen von Adorno und Habermas in verständliches Deutsch übersetzt.

Das Beste, das ich je zu Wikis in der Schule gelesen habe, und anderes Schöne

Wer je mit Wikis in Schulen gearbeitet hat, sollte diesen Blogeintrag von Andreas Kalt lesen. Das ist das Beste, das ich je zu Wikis in der Schule gelesen habe. Andreas beschreibt, wie er und seine Schüler mit einem Wiki statt mit einem Schulheft arbeiten. Dazu gibt es Umfragen und Rückmeldungen von Schülergruppen, am Anfang und am Ende des Kurses. Die Rückmeldungen der Schüler sind aufschlussreich. Zentral war bei der Vorgehensweise, dass das Schreiben am Wiki quasi Hausaufgabe für alle war, dass aber manche Schüler immer vor den anderen am Wiki waren.

All das wäre mit Moodle nicht möglich gewesen, da ist ein Wiki flexibler und einfacher, und Andreas stellt schön heraus, wie ein Wiki zum Strukturieren von Material zwingt, während in Moodle die Struktur vorgegeben ist.

Es wäre schön, wenn ich mein Vorgehen in der 10. Klasse auch so gut evaluierte. Dort sind auch alle Notizen der Schüler digital, aber jeder hat sein eigenes Heft – kein Wiki, sondern ein Textdokument mit Formatvorlagen und bereits gesetzten Überschriften, die den Stoff des Jahres umfassen. Weitere Unterschiede: Die Schüler verfassen das Heft in der Schule im Computerraum, und jeder für sich statt gemeinsam. Das ist so eine Vorform, dem normalen Vorgehen näher – Textverarbeitung statt Wiki, alleine statt im Team.

In England ist oder war das so üblich, dass die Schüler in der Schule nur Notizen machen und zu Hause alles noch einmal in ihr fair book ins Reine schreiben.


Marco Bakera hat für die esoterische Programmiersprache Brainfuck einen Interpreter geschrieben – in Scratch:

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(Mehr zu Brainfuck bei Marco Bakera.)

Die Sprache Brainfuck kennt nur diese Befehle:

. , > [ ] + –

Damit kann man Schleifen machen, gespeicherte Werte erhöhen oder vermindern, Zeichen holen (über die Tastatur) und ausgeben (auf den Monitor), also richtig programmieren.

– Eine Variante von Brainfuck ist Ook!. “Hello World!” sieht in dieser Sprache so aus:

Ook. Ook? Ook. Ook. Ook. Ook. Ook. Ook. Ook. Ook. Ook. Ook. Ook. Ook. Ook. Ook.
Ook. Ook. Ook. Ook. Ook! Ook? Ook? Ook. Ook. Ook. Ook. Ook. Ook. Ook. Ook. Ook.
Ook. Ook. Ook. Ook. Ook. Ook. Ook. Ook. Ook. Ook? Ook! Ook! Ook? Ook! Ook? Ook.
Ook! Ook. Ook. Ook? Ook. Ook. Ook. Ook. Ook. Ook. Ook. Ook. Ook. Ook. Ook. Ook.
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Ook! Ook! Ook? Ook! Ook? Ook. Ook. Ook. Ook! Ook. Ook. Ook. Ook. Ook. Ook. Ook.
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Ook! Ook! Ook! Ook! Ook! Ook! Ook! Ook! Ook! Ook! Ook! Ook! Ook! Ook! Ook! Ook!
Ook! Ook. Ook. Ook? Ook. Ook? Ook. Ook. Ook! Ook.

James Bond im Kino, und Rollenspielen 2012

Seit langem wieder im Kino gewesen, den neuen James Bond (“Skyfall”) anschauen. Hat mir gut gefallen, sogar besser als die Pierce-Brosnan-Filme davor. Brosnan mochte ich gerne, aber die Filme waren eher so mäßig.

Diesmal gab es keine überflüssigen Schauplatzwechsel, nur um ein neues Set demonstrieren zu können. Der Schurke war hervorragend, und von meinen monierten Plot Holes wollte mir Frau Rau nur einige zugestehen. Nach einer spannenden Pre-Title-Sequenz war der erste Akt des Films nostalgisch schön – mehrfach musste ich an Indiana Jones und frühe Bond-Filme denken. Eine schöne Verbeugung vor dem traditionellen Haifischbecken gibt es auch. Mit der Entdeckung des Schurken beginnt der zweite Akt, der mir nicht mehr ganz so gut gefallen hat. Musste zu sehr an die Sherlock-Holmes-Verfilmung denken, und das störte mich. Der letzte Akt bringt wieder etwas Ruhe ins Spiel – zurück zu den Wurzeln. Bond verbarrikadiert sich an einem abgelegenen Ort und wartet auf die Schurken. Das sah zuerst nach Kevin – Allein zu Haus aus, danach erkannte ich aber, was das wirklich war: ein typisches Rollenspiel-Szenario. Da ist es zwar meistens die Spielergruppe, die in ein Haus einbricht, aber andersherum funktioniert es genauso.

– Vielleicht sollte ich erwähnen, dass ich am letzten Wochenende wieder beim jährlichen Rollenspielen war, drei Tage lang. Call of Cthulhu, wie die Jahre zuvor; inzwischen ist 1935 und wir trieben uns in Görlitz, Dresden, dem Westen von Irland und in London herum. Der Spielleiter hatte liebevoll Material vorbereitet: deutsche Shell-Straßenkarten aus der Mitte der 1930er Jahre; Fotos der wichtigsten Nichtspielercharaktere; einen Grundriss des British Museum (von 1935, wo er das Zeug nur immer herkriegt). Ein Gemisch aus Wahrheit und Erfindung um sorbische Legenden, um den maßstabsgetreuen Nachbau in Görlitz des Heiligen Grabes in Jersualem, um Agnes Finger (gestorben um 1514 in Görlitz), ihre Stiftung des Agnetenbrots und ihre Reise nach Jerusalem. Okkulte Nazis gab es natürlich auch. Und ja, wir brachen in das das Britische Museum in London ein, aber es war für einen guten Zweck. –

Ein Thema des Bond-Films war sicher das Altern, das von M und das von Bond selber. Judi Dench zitiert dann auch Tennysons “Ulysses”:

Tho’ much is taken, much abides; and tho’
We are not now that strength which in old days
Moved earth and heaven, that which we are, we are;
One equal temper of heroic hearts,
Made weak by time and fate, but strong in will
To strive, to seek, to find, and not to yield.

In diesem Gedicht will es der alte Odysseus, dessen etwas biederer Sohn die Regentschaft übernommen hat, noch einmal wissen und zieht noch einmal los zu den glücklichen Inseln. So etwas erhoffe ich mir ja auch von der neuen Conan-Verfilmung mit Arnold Schwarzenegger, die 2014 ins Kino kommen soll. Denn einen jungen Helden kann er doch wirklich nicht mehr spielen.

– Nachtrag: Jetzt (2013), rückblickend, wünsche ich mir, ich hätte jedes Jahr mehr zu den Rollenspielen geschrieben. Nicht Schulkram oder Bildungspolitik, die Erinnerungen sind es, über die ich mich freue, wenn ich sie wieder lese. Als Anreißer des Protokolls vom letzten Mal:

Mai 1935 – Die Archäologin Thea Kohler erhält einen Brief des Heidelberger Professors Marian Graf von Hesselborn. Bei Ausgrabungen in der Grabkapelle in Görlitz, einer Nachbildung des Heiligen Grabes in Jerusalem, sei unterhalb der Kapelle ein komplett mit Pech versiegeltes Grab gefunden worden. Üblich sind – im kleinasiatischen Raum – mit Pech versiegelte Mumien. Dem Brief liegen Fotos von der Ausgrabung bei, die das versiegelte Grab zeigen. Von Hesselborn bittet Thea, die über Erfahrungen bei der Ausgrabung von solchen Mumien besitzt, um ihre Expertise und bittet sie, das freigelegte Grab in Görlitz selbst in Augenschein zu nehmen. Als Unterkunft schlägt er den “Frenzelhof” vor, in dem auch die Grabungsgesellschaft untergebracht ist.

2007 – nur eine Zeile nebenbei.
2008 – etwas ausführlicher, mit Bild.
2009 – nur eine Zeile nebenbei.
2010 – einigermaßen ausführlich.
2011 – etwas Text, zumindest mit Bild.