Fortbildung zu Mobbing

Gestern war Fortbildung zu Mobbing. So mittel, aber einiges habe ich gelernt, darunter auch wichtiges. Vor allem war mir neu, dass Bullying und Mobbing synonym verwendet werden. Ich habe mich gelegentlich darüber beklagt, dass das Wort “Mobbing” inflationär gebraucht wird; das muss ich in Zukunft einschränken, weil die Definition des Worts nun mal sehr umfassend ist.

(Inflationär ist es allerdings, wenn ich in einem Elternforum lese: “Rechtschreibfehler bewerten in einem anderen Fach als Deutsch, das ist Mobbing!” Auch sonst fällt das Wort Mobbing manchmal schnell, ohne dass mehr als ein Konflikt dahinter steht.)

Uneinigkeit gab es bei der Frage, inwiefern Mobbingopfer schuld am Mobbing sein können. Ich glaube, die Uneinigkeit kam von der Mehrdeutigkeit des Wortes “schuld”. Meine Ansicht: Mobbingopfer sind nicht schuldig, sind nicht moralisch schuldig, dürfen sich nicht die Schuld geben, darf man nicht zum Schuldigen machen. Aber kausal beteiligt können sie schon sein, und das meint man landläufig ja auch, wenn man von “schuld” redet.

Mobbing kann jeden treffen. Aber bestimmte Merkmale gibt es häufiger als andere. Laut Wikipedia sind – einer Auffassung nach – vor allem Kinder gefährdet:

  • die kleiner oder schwächer sind als der Durchschnitt.
  • die übergewichtig sind.
  • die ängstlich oder schüchtern sind.
  • die sozial nicht akzeptierte Merkmale haben (keine Markenkleidung, ärmliches Aussehen etc.)
  • die sich selbst aggressiv verhalten.
  • die einem Elternhaus mit überbehütendem Erziehungsstil entstammen

Das hat die Referentin zwar nicht alles so gesagt oder vielleicht gesehen, aber dazu hat man ja ein iPad, das man während eines Vortrags gleich ein paar Sachen nachprüfen kann. Und schimpft mir nicht auf die Wikipedia, die gibt immerhin Quellen an, wenn man etwas genauer wissen will, etwa: Hans Jürgen Groß: Bullying (Gewalt in der Schule) Begriff, Ausmass, Folgen: unter besonderer Berücksichtigung des Opfermerkmals “überbehütetes Kind” Saarbrücken: Trainerverlag. 2012

Auch für Täter gibt es Merkmale, die häufiger zutreffen als andere. Wer zu Hause Machtmissbrauch zwischen sich und den Eltern erlebt, oder zwischen den Elternteilen, wendet diesen Machtmissbrauch dann eher selber an. Aber natürlich gibt es auch Persönlichkeitsmerkmale, die nichts mit den Eltern zu tun haben müssen.

Am Anfang gab es einen etwas reißerischen Videoclip “jeder 6. Schüler wird gemobbt”, eine Zahl, die sich in der herumgereichten Fachliteratur nicht bestätigt fand. Ich traue auch nicht jedem Filmemacher zu, einen Unterschied zu machen dazwischen, ob ein Sechstel aller Schüler gemobbt werden oder ein Sechstel aller Schüler irgendwann mal gemobbt wurden. – Am Gymnasium gibt es weniger Mobbing als an anderen Schularten; gemobbt wird in der Sekundarstufe vor allem in der 6. bis 8. Jahrgangsstufe; mehr bei Jungs als bei Mädchen – außer beim Cybermobbing, das betrifft eher Mädchen.

Cybermobbing (wer hat dieses Wort verbrochen!) ist besonders infam, weil es anonym geschehen kann und man davon auch im eigentlich sicheren heimischen Bereich getroffen wird.

Mobbing gibt es an Schulen, und die Schulen müssen sich darum kümmern. Wie erkennt man Mobbing? Es gibt Warnzeichen, die aber auch andere Ursachen haben können. Manche Kollegen störten sich daran; dass keine genauere Möglichkeit genannt wurde, Mobbing von anderen Problemen zu unterscheiden – ich fand das weniger schlimm. Wenn man als Lehrer Warnzeichen für Mobbing erhält, muss man nachfragen, und dann kriegt man das schon heraus.

Schwieriger ist die Frage, was man dann tut. Das muss sich eine Schule überlegen. (Immer wenn ich von einer Methode höre, die “in europäischen und außereuropäischen Ländern große Erfolge” hat, muss ich an die Blues Brothers denken, wie sie “nach ihrer exklusiven Drei-Jahres-Tournee durch Europa, Skandinavien und die Subkontinente” wieder in Calumet City ein Konzert geben.) Auf jeden Fall offen legen, war ein Rat, aber nicht gegen den Willen des Opfers. Daneben wurden Methoden kurz vorgestellt, die aber eine weitere Fortbildung erfordern würden.

Am wichtigsten die Frage, wie man Mobbing in der Schule vermeidet. Das Schulklima spielt eine große Rolle, und klare Regeln im Klassenzimmer wurden als zentral genannt. Leuchtet mir ein. Daneben gab es empfohlene Lektüren für den Deutschunterrichts, der ja alles richten kann; von deren Wirksamkeit bin ich weniger überzeugt.

21 Antworten auf „Fortbildung zu Mobbing“

  1. Wir hatten das gleiche Thema am im Kernseminar.

    Konkrete Zahlen zu dem Thema scheinen mir noch Mangelware zu sein, am meisten soll ja in der Grundschule gemobbt werden. Bei den typischen Opfern und Tätern wird ja dort auch gerne auf Geschlechterkategorien zurückgegriffen.

    Wir wurden dazu angehalten, uns in Mobbing-Prozessen nicht indirekt involvieren zu lassen und bei den frühen Phasen des Mobbings soll auch der No-Blame-Approach gut greifen. Würde dieser Ansatz auch bei euch angesprochen?

  2. Bei den Lösungansätzen wurden nur kurz ein paar Namen erwähnt, aber lang genug, dass ich sie googeln konnte; genauer eingegangen wurde tatsächlich nur auf den No-Blame-Approach, zumindest bei leichten und mittleren Fällen. (Aber nie bei Cybermobbing.) Und wenn die Eltern nichts gegen diesen Ansatz haben.

  3. Was aus meiner Sicht auf jeden Fall vorbeugt, ist Kinder zu gesundem Selbstvertrauen zu erziehen, und ihnen genug Alternativen zum Schulumfeld zu bieten, um Anerkennung (auch) außerhalb des Unterrichts zu erhalten und ein unabhängiges persönliches Umfeld zu schaffen (Beispiel: Sport, Musik, …) – das ist auch der Grund, weshalb ich mich persönlich immer noch nicht mit dem Modell Ganztagsschule anfreunden kann.

    Ich denke, da liegt erstmal viel Verantwortung bei den Eltern, aber selbst das heißt noch nicht, dass das Kind kein Mobbingopfer wird; und genau da können dann die Eltern ohne Unterstützung der Schule nicht mehr viel machen. Wenigstens wird die Existenz von Mobbing unter Schülern seit ein paar Jahren nicht mehr geleugnet („sowas gibt es bei UNS nicht“), das war zu meiner Schulzeit auch noch anders…

  4. Guten Morgen,

    am 2. Dezember ist Anti-Mobbingtag. (Jedes Jahr übrigens).
    In diesem Jahr machen erstmals alle Schulen Schleswig-Holsteins mit. Das Motto: “Cyber-Mobbing ist Gewalt”

    Ich gehe auch in Schulklassen und erlebe immer wieder, dass Dissen als harmloser Spaß gilt. “Schlampe, Opfer, Looser” sind im 5. bis 8. Schuljahr gängige Umgangsformen.

    In meinem Unterricht konfrontiere ich die Schüler mit dem Strafrecht. Das vertraulich gesprochene oder geschriebene Wort – per SMS oder Facebook verbreitet, kann zu drei Jahren Gefängnis führen. Sexuelle Beleidigungen, Verleumdungen oder verfängliche Fotos im Netz können durchaus Schadensersatzansprüche von € 70.000 auslösen. Da zahlt dann ein 15jähriger sein Leben lang, noch bevor sein Leben überhaupt richtig angefangen hat. Schufa-Eintrag – kein Handy-Vertrag, keinen Kredit für die erste Wohnung… – nur für etwas Spaß auf Kosten anderer?

    In der Schlussrunde höre ich von den Schülern oft, sie haben jetzt verstanden, dass Mobbing kein Spaß ist und Folgen hat.

    Medienkompetenz gehört in den Sozialkundeunterricht oder als eigenes Fach in den Lehrplan.

    Und natürlich gehört Medienkompetenz in die Lehrerausbildung!

  5. Selbstvertrauen: Sicher immer wichtig. Das schützt nicht davor, ein Mobbingopfer zu werden, es ist aber weniger wahrscheinlich, dass das geschieht – und wenn, dann kann man leichter Hilfe suchen.
    Andererseits: der typische Bully hat zu viel Selbstvertrauen; da wäre es gut, wenn der etwas mehr an sich zweifeln würde.

    “Opfer, Schlampe, Loser” und Mobbing sind zwei verschiedene Sachen, denke ich. Beim ersten kommt es auf die Gründe an; zur Jugendsprache gehört es nun mal, Wörter zu verwenden, deren Wirkung auf Erwachsene abschrecken wirkt. Früher waren das vulgäre Ausdrücke, inzwischen betrifft man Erwachsene mit “Opfer” auch ganz gut. Natürlich sind mir andere Umgangsformen lieber, und im Unterricht lasse ich auch keines dieser Wörter stehen.

  6. Beide haben etwas gemeinsam: sie lassen sich mit Art. 1 GG nicht vereinbaren.

    Spätestens, wenn die jungen Leute beginnen sich für einen Ausbildungsplatz zu interessieren, stellen Ausbilder fest, dass sie nicht ausbildungsfähig sind, weil ihnen die einfachen Umgangsformen fehlen. Respekt zeigt sich im Ausdruck. Wie schrecklich, wenn aus dem hübschen Mund eines jungen Mädchens nur “Scheiße” kommt.

    Wenn die jungen Leute 14 werden, wird es teuer. Wir bringen jeden Fall zur Anzeige, wie beim Ladendiebstahl auch.

    Übrigens machen sich inzwischen auch Lehrer Strafbar, die Straftaten nicht zur Anzeige bringen.

  7. @Frau Wolf,

    ist Ihnen da nicht ein wenig die Brille verrutscht? Es kann keinen Zweifel geben, “Mobbing” und “Cyber-Mobbing” müssen sanktioniert werden, da stimme ich Ihnen schon zu. Nur, was sollen denn die Drohungen gegen nicht oder nur eingeschränkt strafmündige Jugendliche? Und was heißt hier “inzwischen auch Lehrer Strafbar (sic)”? War das bei Beamten nicht schon immer so? Und glauben Sie, dass Lehrer so etwas wie ein Jugend-Hilfssheriffs sind? Oder ist es nicht eher so, dass zwischen Schülern und Lehrern eine gewisse Vertrauensbasis bestehen sollte, die auch berücksichtigt, dass Jugendliche nunmal Fehler machen (müssen), ohne dass gleich jemand mit dem Staatsanwalt droht, weil es in unserem Justizsystem auf diesem Weg kaum etwas zu lernen gibt?
    Welchen Respekt werden Sie bekommen, wenn Ihre Antwort auf ein wichtiges Problem eine Strafanzeige ist?

  8. @Frau Wolf

    Das klingt ein bisschen so, als würde die Einsicht der Schüler, dass Mobbing “kein Spaß ist und Folgen hat”, nicht daher rühren, dass sie verstanden haben, dass Mobben jemandem anderen wehtut, sondern daher, dass sie verstanden haben, dass sie eventuell selbst einen (finanziellen) Schaden davon haben können. Das trainiert nicht Empathie, sondern nur das Schielen nach dem Eigennutzen. Schade.

    Abgesehen davon – der Umgangston vieler Schüler ist tatsächlich unter aller Kanone. Wie geht Ihr damit um, oh weise und erfahrene Lehrerposter des Forums? Thema jedesmal ansprechen? Verweise erteilen? Eltern anrufen? Würde mich sehr interessieren.

  9. Für den Anfang finde ich es nicht schlecht, Susann, wenn Schüler aus Konsequenzen lernen – danach sollte dann sicher noch die Einsicht in den Sinn der Regel (und damit das Hinterfragen von Regeln) dazukommen.

    Umgangston unter Schülern: Es gibt einmal echten Streit, den erlebe ich selten. (Spielt sich eher in Pausen ab.) Und es gibt den Umgangston sonst.
    Ich habe noch nie einen Verweis erteilt oder Eltern benachrichtigt, weise aber bei jedem Wort, das ich in einem Klassenzimmer nicht hören möchte, die Schüler darauf hin. Das kommt an meiner Schule eh nicht so oft vor. “Scheiße” als Interjektion ist okay, als Substantiv/Bewertung nicht; “Opfer” und “schwul” habe ich dieses Jahr noch nicht gehört.

  10. Hier in Hamburg haben wir ein 7‑Säulen-Programm. Ich halte es in Deutschland derzeit für das beste Konzept.

    Die Schulleitungen wurden verpflichtet jeden Fall von Gewalt zur Anzeige zu bringen, (ähnlich wie wir es bei Schulunfällen handhaben). Die Polizei entscheidet mit dem Jugendpsychologen der Polizei, dem Jugendbeauftragten der Bezirksämter, ob es zur Anklage kommt oder das Jugendamt eingeschaltet wird.

    Die Rechtssprechung ist inzwischen so weit, dass gewaltbereite Störer nicht nur von der Schule gewiesen werden (damit aus dem Umfeld ihrer Unterstützer kommen), es gibt inzwischen auch das Schulverbot für Deutschland mit der Folge, dass Eltern ihre Kinder ggf. im Ausland beschulen müssen.

    Das gilt nicht nur für Nötigungen, wie z. B. das bekannte Abziehen (Handys, Markenklamotten, Geld), sondern inzwischen auf bei Cyber-Mobbing, z. B. bei Verletzung des Rechtes am Bild (Fotos mit sexuell beleidigenden Texten oder Songs), Fake-Accounts bei Facebook u. ä.

    An der Uni Berlin wurde für die Unfallkasse Bremen eine Broschüre zum Thema Cyber-Bullying entwickelt, die im Unterricht sehr hilfreich sein kann. Das Besondere: zu jedem Paragrafen gibt es ein Fallbeispiel aus dem Schulalltag.

    Wir reden hier nicht über alltägliche Konflikte, sondern über Mobbing, gezeilte Angriffe gegen Schüler mit dem Ziel sie z. b. in den Selbstmord zu treiben, wie es im Fall des 13jährigen Joel passiert ist.

  11. Ich empfehle auch das Buch von Syliva Hamacher, die im Video zu sehen ist, im Unterricht zu lesen:

    Tatort Schule
    Gewalt an Schulen
    tredition Verlag
    ISBN 978–3‑86850–635‑8

    Sie gibt Einblick in den Mail-Verkehr, eben in der Sprache der Jugend, in ihre Gedankenwelt, ihre Verzweiflung und den ohnmächtigen Kampf gegen die Klicke.

  12. Festzustellen ist, dass wir nicht im Erdnusshandel tätig sind, sondern in der Schule. Schule wird bestimmt von pädagogischem und nicht von juristischem Handeln. Bevor ich einen Schüler versehentlich als Mobster bei der Polizei denunziere, muss ich schon genau wissen, was denn der Unterschied zwischen einem normalen und unvermeidlich auftretenden Konflikt und Mobbing ist. Mir scheint auch ein erheblicher Unterschied darin zu bestehen, welche Schulart (Gymnasium, Realschule, Hauptschule), welches Umfeld (sozial eher homogen oder sehr heterogen) und welche Umgebung (Großstadt, Kleinstadt, ländlicher Raum) betroffen sind. Auch in den gutsituierten Gymnasialkreisen einer bayerischen Kleinstadt (mein Hintergrund) kommt es zu Mobbing, keine Frage. Es darf aber schon gefragt werden, was das für ein soziales Lernen sein soll, wenn der Hauptansatzpunkt darin besteht, soziales Fehlverhalten ohne Rücksicht auf die Umstände mit der juristischen Keule einzuebnen. Zu einer Reaktion mit Augenmaß sind nicht nur Juristen in Jugendstrafrecht verpflichtet, sondern auch Lehrer im Schulalltag.
    “Ein Schulverbot für ganz Deutschland” kann es so schon allein deshalb nicht geben, weil es einerseits eine Schulpflicht gibt und zweitens für Bildung die Länderhoheit gilt. Wenn ein Richter bei Minderjährigen den grundsätzlichen Schulausschluss aus allen öffentlichen Schulen anordnet, muss er Alternativen benennen, etwa die Unterbringung in einer betreuenden oder sogar geschlossenen Einrichtung. In so einem Fall ist aber “Schule” wohl meist eher ein nachrangiges Problem dieser Jugendlichen.
    Entscheidend scheint mir das soziale Klima einer Schule, also ob Lehrer und Schüler den anderen Aufmerksamkeit entgegenzubringen gelernt haben und dieses Verhalten auch anwenden können. Eine geschärfte Wahrnehmung und eine klar erkennbare Haltung im Schulalltag sind für Lehrer wichtiger, als eine Eskalationstreppe, die doch nur wirksam wird, wenn das soziale Klima einer Schule längst kaputt ist.

  13. Gut, eine bayerische Kleinstadt kann man ganz sicher nicht mit den Brennpunkten Hamburg, Frankfurt, Berlin vergleichen.

    Ich müsste jetzt suchen. Das Schulverbot hat der BGH bestätigt, weil Eltern geklagt hatten, deren Tochter von der Schule gewiesen wurde. Es ging dabei um die Verhältnismäßigkeit. Der BGH hat das Recht der Schule grundsätzlich bestätigt als geeignetes Mittel gegen Gewalt in Schulen.

    Wenn keine Schule bereit ist einen gewalttätigen Schüler aufzunehmen, dann bleiben nicht viele Möglichkeiten. In einem Fall aus Lauenburg haben sich die Eltern entschieden ihre Kinder in die Türkei zu schicken. Dort haben sie dann bei einem Onkel gelebt.

    In einem anderen Fall hat der Vater entschieden seinen Sohn nach Engand zu schicken. Dort herrschen strenge Regeln. Der jugendliche hat das als letzte Chance verstanden und sich gefangen.

    Soweit ich weiß, sind Schulen nicht verpflichtet Schüler aufzunehmen. Der Schulrat kann bitten oder vermitteln. Jedenfalls mache ich diese Erfahrungen in Hamburg und Berlin. Bleiben die Privatschulen.

  14. In Bayern kann eine Schule von ministerialer Seite angewiesen werden, einen Schüler aufzunehmen. Gewalttätige Schüler und Jugendliche gibt es in Bayern auch (siehe den prominenten Fall Muhlis A. a.k.a. Mehmed, die Täter im Fall Dominik Brunner). Nur sind das doch extreme Ausnahmefälle, deren repräsentative Bedeutung von einer sensationsgeilen Presse uhnd einer entsprechenden Öffentlichkeit konstruiert wird. Es erscheint mir selbst bei solchen Fällen schon sehr fragwürdig, wenn eine Gesellschaft ihre Probleme mit jugendlichen Intensivstraftätern einfach in die Türkei (Billiglösung)oder auf ein englisches Internat exportiert (Luxuslösung). Beides aber verweist auf ein strukturelles und politisches Problem, zumindest in Bayern: Die Kultusgewaltigen haben noch immer den Zweck und die Notwendigkeit von Schulsozialarbeit nicht begriffen, sie sind nicht bereit dafür Geld auszugeben und Modelle zu entwickeln, die Ansätze dafür bieten, wie ihre Schulen um eine wichtige, präventive Komponente ergänzt werden können.

  15. Ein Schulverbot für ganz Deutschland ist zudem der falsche Weg. Was ist mit den Kindern, die keine Verwandten in der Türkei oder anderen Ländern haben und deren Eltern es sich nicht leisten können, sie auf ein Internat ins Ausland zu schicken? Sind wir jetzt wirklich so weit, dass wir uns nicht mehr anders mit Problemen beschäftigen können, als sie ganz aus einem System zu verbannen und ihnen damit endgültig alle Chancen zu nehmen?
    Dass es zu Mobbing kommt und auch noch verstärkt deutet doch darauf hin, dass es allgemein Probleme gibt, die gelöst sein wollen. Nein, ich denke nicht, dass jeder Mobber Opfer der Umstände und eines unglücklichen Elternhauses ist, aber diese Fälle gibt es sicherlich auch. Falsche Erziehung natürlich auch noch.
    Davon abgsehen zum rechtlichen Aspekt: Ich bin natürlich kein Experte, aber mit 14 ist man doch nur eingeschränkt strafmündig, nicht wahr? Warum ist das so? Weil man davon ausgeht, dass die Reife noch nicht weit genug da ist, dass das Kind / der Jugendliche noch nicht wirklich einschätzen und beurteilen kann, was er macht. Er ist nicht voll für seine Taten zu verantworten, man kann ihn nicht wie einen Erwachsenen behandeln.
    Aber ihm Geldstrafen aufbrummen, die er sein Leben lang abbezahlen muss, das kann man? Das Kind komplett vom schulischen Leben (und somit von sämtlichen regulierenden Einflüssen) fern halten und ihm somit jede Chance auf eine bessere Zukunft nehmen?
    Danke Deutschland.
    (Nebenbei: Ich bin als Kind auch gemobbt worden. Nicht so schlimm, dass ich mich hätte umbringen wollen, aber toll war es auch nicht. Ich fühle mit den Opfern und auch mit Angehörigen, wenn es zu so einem extremen Fall kommt, aber dieses Eskalationsprogramm ist – so wie Sie es beschreiben – doch der falsche Weg.)

  16. Man läst die Täter durchaus nicht allein. Die Programme beinhalten den Besuch im Knast, Anti-Gewaltprogramme mit Psychologen und Auslandsaufenthalte bis hin zu Bootcamps.

    Letztere lehne ich ab, weil man Gewalt nicht mit Gewalt begegnen sollte. Es gibt inzwischen auch im Jugendbereich so etwas wie den Täter/Opfer-Ausgleich.

    Wenn aber ein Jugendlicher, ob 12, 14 oder 16 Jahre alt, nicht ansprechbar ist, zuhause womöglich selbst Gewalt erlebt und seine einzige Sprache Gewalt gegen Schwächere ist, er keinen Respekt vor Lehrern hat und selbst diese tätlich angreift, dann bleibt doch kaum eine andere Möglichkeit, als ihn von der Schule zu nehmen.

    In Hamburg und Berlin ist das jedenfalls Praxis. Es führt dann oft dazu, dass diese Jugendlichen Schulverweigerer werden. Dann lauern sie den anderen Schülern am Nachmittag oder Abend auf.

    In Schulen, die ab Klasse 5 Soziales Lernen eingeführt haben, läuft es deutlich besser.

    Ich bin aber inzwischen bereits mit Mobbing in Kitas konfrontiert. In Hamburg wurde ein Programm für Vorschüler eingeführt. Das zeigt: wir müssen deutlich früher anfangen.

  17. Ei der Daus, da muten einige der Hamburger Maßnahmen dem oberbayerischen Leser aber doch ein wenig strikt, ja ungebührlich streng an. Immerhin sprechen wir hier über Täter im Kindes- und Jugendalter. Das Alter relativiert zwar nicht die Tragweite des Vergehens, es verringert jedoch die Verantwortlichkeit der Täter für ihr Handeln. Ist es (mit Blick auf die begrenzte Verantwortlichkeit) wirklich damit getan, den bösen Buben als Prophylaxe die Instrumente zu zeigen und einige gar des Landes zu verweisen? Dazu ist in unserer eigenen, der erwachsenen Lebenswelt, Mobbing zu sehr als Gepflogenheit und mitunter sogar als Erwerbsmodell etabliert, als dass wir es uns leisten könnten, dessen Nachahmung bei anderen hochmütig und mit eiserner Härte zu bestrafen.

  18. Wie wäre es, wenn man beim Thema Mobbing schon in der Grundschule anfängt?
    Ich denke es ist sehr wichtig, auch unabhängig von den Eltern, dass Kinder im frühen Alter gewisse Kurse mitmachen, die das Selbstbewusstsein stärken, Selbstwertgefühl, Gegenseitigen Respekt lernen und dass der Klassenzusammenhalt gestärkt wird.

    Klar, Kinder streiten auch mal, aber da sollte ihnen ”verständlich” gemacht werden, dass es wichtige Regeln gibt, niemand darf beleidigt werden, angegriffen oder sonstiges! Es gilt: Ein Kompromiss zu finden! Kein Kind sollte auch bevorzugt behandelt werden!

    Je eher man damit anfängt, desto bessere Ergebnisse bekommt man. Und diese Kurse sollten bis zur 4. Klasse (und vielleicht auch weiter) besucht werden.

  19. Wie wäre es, wenn wir Großen vorab nochmal mit uns selbst in Klausur gehen und überlegen, was wir den Kleinen eigentlich so vorleben? Und wenn wir ganz sicher sind, dass wirklich mit Mobbing-Sendungen wie “Der Bachelor”, “Dschungelcamp”, “Topmodel” und “Deutschland sucht …” in der minderjährigen Zielgruppe Geld verdient werden muss, dann werden wir wohl auch aushalten müssen, dass sich der Nachwuchs das Leben gegenseitig ebenso zur Hölle macht, wie ihm das auf dem Monitor Tag für Tag vorgemacht wird.

    Vorbildgestütztes Lernen, das ist das Zauberwort der Kinder- und Jugendjahre, wenn es um Beziehungsthemen geht. Werden hingegen die Kinder zum Gegenstand von therapeutischen und belehrenden Interventionen, geht das zumeist am Ziel vorbei und bewirkt auf lange Sicht wenig bis nichts.

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